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Dryade

"Dryade" von Evelyn de Morgan (1855–1919)
"Dryade" von Evelyn de Morgan (1855–1919)
Reiskirchen | Lange war es her, dass sie die Wieseck abwärts geglitten war, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Ihre alte Erle war vom Wasser frei gespült worden, ein Hochwasser und ein warmer Sommer mit vielen Insekten gaben ihr den Rest. So löste die Dryade sich von ihrem Baum der ihr so lange Heimat gewesen war. Mit dem letzten Lebensfunken in der Rinde erlosch das Band, das sie mit diesem Baum verband. Es tat nur ein kleines bisschen weh, dann war sie frei. Wenn der Baum seinem natürlichem Lebenszyklus folgte war die Trennung ganz allmählich.

Ein Wölkchen aus Pappelsamen flog vorbei, im Inneren der Wolle viele winzige unbändige Lebensfunken, begierig darauf sich niederzulassen, Wurzeln zu schlagen und zu einem großen starken Baum heran zu wachsen. Im Spiel des Windes folgte sie dem wollig-luftigen Knäuel hierhin und dahin bis es in einer Pfütze in der Au liegen blieb. Einer der Samen wurde noch ein wenig weiter geweht und sie entschloss sich, diesen als ihre neue Heimstatt und Partner für die nächsten hundert oder zweihundert Jahre zu erwählen.

Eifrig kümmerte sie sich um sein Wohlergehen. Erschreckte
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und verjagte Tiere die ihm zu nahe kamen und bangte wenn ihm Menschen zu nahe kamen, dass sie ihn nicht beschädigten so lange er noch klein war. Ihre Bemühungen trugen Früchte, die Pappel wuchs zu einem stattlichen Baum heran und auch wenn es in manchen Jahren schwer war, schaffte sie es, die meisten der Pappelkäfer zu vertreiben, die ihm zu nahe kamen.

Mittlerweile hatte sich die Umgebung geändert, die Menschen hatten in der Umgebung einen schönen Park gebaut, in dem Kinder spielten und Erwachsene sich erholten. Sie freute sich, wenn ihr Baum bewundert wurde und wenn er Schatten spenden konnte. Die Zukunft sah für sie und ihren Baum recht nett aus. So ließ es sich aushalten.

Dann jedoch liefen Menschen mit roten Jacken durch den Park, maßen und diskutierten und schauten sich gründlich um. Auch vor ihrem Baum blieben sie stehen und einer schüttelte den Kopf... ein anderer machte sich Notizen. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, verstand sie doch weder die Sprache der Menschen noch konnte sie mit deren Gekritzel etwas anfangen.

Eines schönen Tages, sie war gerade damit beschäftigt, Vögel zur Bekämpfung von Blattläusen herbei zu holen, hörte Sie einen Schrei der ihr durch Mark und Bein drang.

Ein Stück abseits an einem der Teiche schrie sich die dortige Nymphe die Seele aus dem Leib. Das Wehr war geöffnet und der See strömte unaufhaltsam in den Bach daneben. Traurig stand schließlich die Nymphe im Schlamm, gar nicht mehr elegantes Wasserwesen sondern eher schmutzig grauer Nachtmahr aus einem Albtraum. Verzweifelt klammerte sich die Nymphe an die letzten Pfützen feuchten Schlammes. Ein bemitleidenswerter Anblick.

Doch dies sollte nur der Anfang sein. Schwäne starben viel beachtet, Enten und Blesshühner eher still und unbemerkt, Menschen rannten laut redend umher weitere Teiche wurden trocken gelegt. Die Nymphe, die den ersten Schrei in der Aue ausgestoßen hatte, verausgabte sich in dem Versuch, eines der Arbeitsgeräte der Menschen im Schlamm zu versenken... doch ihre Kraft reichte nicht mehr aus und als winziges Fünkchen wurde sie vom Wind davon getrieben. Das Unheil fraß sich unaufhaltsam in den Lebensbereich der Dryade.

Eines Tages legte ein Mensch ein Band mit seltsamem Gekritzel um ihren Baum und um andere Bäume... ihr schwante nichts Gutes.

An einem nebligen Tag am Ende des Jahres geschah es dann. Die Dryade die im Geäst die Kristalle des Rauhreifs bewunderte, wurde von Menschen aufgeschreckt die mit Fahrzeugen herum fuhren und einige davon blieben an ihrem Baum stehen. Einer hantierte mit einem sehr lauten Gerät.

Der Schmerz fand sie völlig unvorbereitet. Durch Mark und Bein ging ein Schmerz, den sie noch nie erlebt hatte. Sie schrie auf und fiel mehr als sie flog zum Fuß des Baumes. Das laute Gerät fraß sich unaufhaltsam in den Stamm ihres Baumes. In wenigen Augenblicken war es um ihn geschehen und er stürzte mit lautem Krachen um. Stamm und Krone von den Wurzeln getrennt. Die Dryade fühlte sich selbst wie zweigeteilt, der Schmerz raste durch ihren Körper, ihre Kraft schwand schnell.

Sie zog sich unter die Rinde zu den Knospen zurück, von denen sie wusste, wenn sie nur genug Kontakt mit der Erde hatten, würden sie wieder Wurzeln treiben und andere neue Zweige in den Himmel treiben. Ganz schwach kauerte sie sich zusammen und hoffte, dass der Schmerz verging. Sie sollte bitter enttäuscht werden.

Nicht genug, dass sie ihren Baum abgeschnitten und gefällt hatten, jetzt zerschnitten sie die Äste und den Stamm in kleine Stücke. Sie sah ein, dass der Baum so nicht mehr zu retten war und flüchtete sich zu den Wurzeln und ihren schlafenden Knospen. Mit jedem Schnitt durch das Holz krümmte sie sich vor Schmerzen.

Doch sie fühlte das Leben noch in den Wurzeln. Dran klammerte sie sich, ganz schwach geworden und vor Schmerzen fast wahnsinnig.

Lautes Gebrumm holte sie aus dem Dämmerzustand in den sie gefallen war. Stählerne Klauen schnitten durch das Erdreich, kappten Wurzeln, rissen am Holz, rissen die Wurzeln und den Stumpf des Baumes aus dem Boden. Sie fühlte wie alle Kraft aus ihr wich. Sie wurde klein und kleiner, jeder Energie beraubt wurde sie zu einem winzigen Funken, der sich noch einen Moment an Holz und Borke klammerte. Sie schrie jetzt vor Schmerzen pausenlos. Dann wehte sie der Wind davon.

"Mama schau mal!" rief ein kleiner Junge und zeigte auf das davon stiebende, schreiende Fünkchen.

"Ja, sie machen jetzt hier Platz damit es noch schöner wird für die Gartenschau!" antwortete die Mutter.

Kommentare zum Beitrag

Bernd Zeun
9.530
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 24.11.2011 um 07:57 Uhr
Ich habe es zwar absolut nicht mit Naturgeistern, aber schön geschrieben ist die Geschichte schon.
Ingrid Wittich
18.886
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 28.11.2011 um 19:53 Uhr
Eine traurige Geschichte!
Peter Herold
24.427
Peter Herold aus Gießen schrieb am 04.12.2011 um 18:11 Uhr
Gefällt mir sehr gut, passt zu meiner heutigen Stimmung. Wie verlogen ist doch die Welt, gerade hier in Gießen zeigt es sich sehr deutlich. Gestern war das Bild der gefällten Weide vom Schwannenteich in der Zeitung, dazu der Wurzelstock. So wie es aussah kerngesund! Dabei behauptet doch die grüne BM, der Stamm sei hohl und müsste daher umgesägt werden. Vorsicht! So hohl wie diese Aussage ist, könnte bei der nächsten Wahl bei den Grünen einiges umgesägt werden;-)
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 11.12.2011 um 01:10 Uhr
Bis zur nächsten Wahl hat das Wahlvolk es vergessen und schwärmt nur noch von den schönen Blumenrabatten der LaGa
Peter Herold
24.427
Peter Herold aus Gießen schrieb am 11.12.2011 um 17:02 Uhr
Bitte mich dabei ausnehmen. Ich ähnle da den Elefanten.
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 12.12.2011 um 08:32 Uhr
Ich hab da auch ein langes Gedächtnis... bleibt zu hoffen, die Mehrheit der Wähler auch... aber da hab ich halt so meine Zweifel
Peter Herold
24.427
Peter Herold aus Gießen schrieb am 12.12.2011 um 17:02 Uhr
Sie wissen doch, die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich alss mir von den Medien nichts einreden, ich entscheide selber.
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 23.12.2011 um 10:07 Uhr
Die können ja von mir aus gerne Blumenrabatten pflanzen, Platz ist genug da und die Wieseckaue ist ungefähr so natürlich wie ein Maisacker... aber deshalb muss man ja nicht 360 alte Bäume absägen, jeder ein eigenes Biotop für sich... Wahnsinn...
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von:  Ulrike J. Schepp

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Ulrike J. Schepp
1.180
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