Bürgerreporter berichten aus: Reiskirchen | Überall | Ort wählen...

Kampf um ein Kind – Ein Erfahrungsbericht

Reiskirchen | Ein Sommertag im Juni 2010 veränderte auf dramatische Weise das Leben meiner Familie. Nach einer fünfstündigen Marathonverhandlung beim Familiengericht in Gießen brach für meinen Sohn Julian seine Welt zusammen, als ein Rechtsanwalt ihm mitteilte, er müsse von nun an in einer Wohngruppe leben. Die Anwältin des Kindes hatte Julian nicht auf die Entscheidung des Gerichts vorbereitet. So ließen die Richterin, die Anwältin und eine Mitarbeiterin des Jugendamtes die Entscheidung über die vorübergehende Einweisung von Julian in die Kinder- und Jugendpsychiatrie fallen. Der Vater blieb still, ebenso wie der Rechtsanwalt, der auch auf Drängen von Julians Opa nichts gegen den Beschluss unternehmen konnte oder wollte.

Ich selbst musste Julian zur Klinik in Marburg bringen. Das Jugendamt war ebenfalls vor Ort. Anstatt noch ein paar Tage zu Hause verbringen zu können, musste er in der Kinder- und Jugendpsychiatrie 20 Tage auf der offenen Station bleiben, bis er bei der Wohngruppe einziehen konnte. Nach ein paar Tagen rief mich unser Rechtsanwalt an und erzählte von einem möglichen Kuhhandel mit der Richterin.
Mehr über...
Ich sollte mir meine Fehler eingestehen und Julian dazu bringen, wieder mit seinem Vater in Kontakt zu treten. Ich selbst konnte bei mir keine Fehler feststellen. Als ich später mit Julian darüber sprach, antwortete er nur: „Bevor der Horror von vorne beginnt, darf ich eben erst mal nicht mehr bei dir leben.“

Am Tag der Besichtigung der Wohngruppe wurde es nicht besser. Gemeinsam mit meinem Vater trafen wir uns in Marburg mit dem Jugendamt. Beim anschließenden Gespräch durfte Julians Opa nicht dabei sein und wurde des Raumes verwiesen. Im Anschluss war keine Besserung in Sicht: So wurde festgestellt, dass beim Gericht der falsche Antrag, nämlich auf das alleinige Sorgerecht der Mutter, eingereicht wurde. Dabei wollte ich lediglich den Kontakt zum Vater unterbinden, der mit eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Auch die Schulsituation war nicht in Ordnung, weder für Julian, noch für mich. Eine Gutachterin hatte empfohlen, dass mein Sohn eine spezielle Erhiehungshilfeschule oder eine Schule für Kranke besuchen sollte. Das wollte ich natürlich nicht, hatte aber bei der „normalen“ Schule immer Probleme mit individuellen Lehrern. Dabei hatte Julian, wenn er nicht in einer außergewöhnlichen Stresssituation war, durchaus gute Noten. Außerdem empfahl die Gutachterin eine Familientherapie, die ich ohne meinen nicht daran interessierten Ex-Mann aber nicht antreten konnte.

Es gestaltet sich äußerst schwierig, meinen Sohn wieder nach Hause zu holen. Gegen Jugendamt, Gutachterin und Gericht kommt man nicht einfach an. Zumindest geht es Julian in der Wohngruppe den Umständen entsprechend gut, respektieren sie doch seine Wünsche und behandeln ihn gut. Trotzdem ist die Trennung, auch für mich, besonders schwer. Wenn das eigene Kind Sätze sagt wie: „Mama, wir schaffen das schon.“ Ob und wie das passieren wird, kann nur die Zukunft zeigen. Denn ich werde weiter für mein Kind kämpfen.

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Altes Amtsgericht in Grünberg für kurze Zeit geschlossen
Das Jugendamt in Grünberg wird für kurze Zeit geschlossen. Nach...
Manchmal benötigen Kinder oder Jugendliche eine Lebensperspektive außerhalb der Herkunftsfamilie. Bild: pixplosion / pixelio
Pflegestellen dringend gesucht
In einer Abendveranstaltung informieren die Jugendämter von Stadt und...
Aktuell leben im Landkreis rund 150 Pflegekinder in 107 Pflegestellen, die durch den die Fachkräfte des Pflegekinderdienstes begleitet, beraten und unterstützt werden. Bild: Alfred Heiler / pixelio
Fest des Pflegekinderdienstes trotzt dem Wetter
Mit einem herzlichen Dankeschön an alle Pflegestellen aus dem...

Kommentare zum Beitrag

6
Opfer Heimkind aus Gießen schrieb am 26.08.2011 um 23:22 Uhr
Lieber Papst. Bitte nimm das Jugendamt und die Rabenmütter mit in die Hölle. Pfui Deutschland. Ein ehemaliges Heimkind.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Daniela Gottmanns

von:  Daniela Gottmanns

offline
Interessensgebiet: Reiskirchen
Daniela Gottmanns
47
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
4 Jahre später vergisst man keine Minute des Grauens
Nun sind es 4 Jahre her, dass man uns getrennt hatte. Vergessen kann...
Kampf ums Kind gewonnen nach 18 Monaten
Hallo liebe Leser, mir gelang der Kampf gegen die Behördenwillkür und...

Weitere Beiträge aus der Region

Der Chor der Kirschbergschule (Hintergrund) und Musiker des örtlichen Musikvereins traten beim diesjährigen Weihnachtsmarkt in Reiskirchen gemeinsam auf.
Musikalische Einstimmung auf die Weihnachtszeit
Bei einem gemütlichen Weihnachtsmarkt und einem klangvollen Konzert...
Hungen, Ausbildungsort für orientalische Trainerinnen
Von April bis November 2016 waren die Clubräume des Hungener Tanzclub...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.