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Die Kelten - 4. Familienbande

Die Wetterau vom Butzbacher Hausberg aus gesehen - altes Kulturland
Die Wetterau vom Butzbacher Hausberg aus gesehen - altes Kulturland
Reiskirchen | Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Hier werden wir ein wenig die Verhältnisse in einem keltischen Haushalt aus der Zeit des Fürsten vom Glauberg bis hin zur Zeitenwende beschreiben.

Als Quelle dient hier hauptsächlich die Habilitationsschrift des Keltologen Dr. Raimund Karl aus dem Jahr 2004. Dr. Raimund Karl, war zunächst an der Universität Wien tätig und wechselte dann an die Universität in Bangor/Wales. Dieses Werk hat insgesamt über 600 Seiten und so mag man verstehen, dass ich mich hier nur auf Auszüge daraus beziehe.

Ein bäuerliches Anwesen
Gemäß den Lesefunden entlang der fruchtbaren Aue der Lahn ergibt sich, dass dort seit der Steinzeit Gehöfte angesiedelt waren, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in keltischer Zeit auch Nahrung für die Stadt auf dem Dünsberg produzierten. So ein Gehöft ist ein anschaulich-übersichtliches Gemeinwesen von mehreren Personen und mag uns hier als Rahmen für eine keltische Großfamilie dienen.

Bei näherer Betrachtung
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Kelten (30)
zeigen uns historische Quellen, dass entgegen mancher romantisierender Annahmen auch die keltische Gesellschaft eine patriarchale Gesellschaft war, auch wenn mancherorts eine matrilineare Vererbung gepfllegt wurde... denn wer wessen Mutter war, ließ sich in vielen Fällen eindeutiger belegen wie eine Vaterschaft. Trotzdem hatten die Männer im Haushalt das sagen - wenn sie denn zuhause waren.

Der Hausherr
Als freier Grundeigentümer war der Herr des Gehöfts in seiner Loyalität nur seinem Stammeshäuptling verpflichtet. Er hatte entsprechend seinen Besitzungen und Einkünften Steuern abzuführen, Waffendienste zu leisten und war ansonsten weitgehend von anderen Leuten unabhängig in Sachen die seinen Hof angingen.

Haus- (und Hof-)Herr wurde er, wenn alle direkten Vorfahren in männlicher Linie verstorben waren. Er besaß Land und Hof und alle die in seinem Haushalt lebten und für ihn arbeiteten waren direkt oder indirekt von ihm abhängig.

Cäsar schreibt in De bello Gallico 6,19:
Die Männer haben Gewalt über Leben und Tod ihrer Weiber und ihrer Kinder; und wenn ein vornehmes Familienhaupt stirbt, so verhängen die versammelten Verwandten, falls der Tod Verdacht erregt, über die Weiber des Verstorbenen die peinliche Untersuchung, wie bei Sklaven; findet man sie schuldig, so werden sie unter grausamste Marter mit dem Feuertod bestraft.

Blick vom Hinterland in den Taunus
Blick vom Hinterland in den Taunus
Zieht man die Propaganda ab, so bleibt die absolute Gewalt des Hausherren über alle Mitglieder seines Haushaltes. Wie wichtig diese war, zeigt sich dass für seinen Todesfall die Untersuchung der Umstände seines Todes wohl die Regel war. Über den Grund solcher Vorgehensweise mag man spekulieren.

Nach außen war der Hausherr für alle Handlungen der Mitglieder seines Haushalts verantwortlich und musste für Schäden, die diese bei anderen anrichteten auch Ersatz leisten oder gar Strafen zahlen.

Die Hausfrau
In den meisten Haushalten wird es als Gegenstück zum Hausherrn die Hausfrau gegeben haben. Die Frau mit dem höchsten Rang, normalerweise mit dem Hausherrn verheiratet oder in einer festen (Vertrags-)Beziehung lebend und die Mutter der Kinder des Hausherrn.

Leider lässt die Quellenlage nur den Schluss zu, dass auch die Kelten in einer "klassischen Rollenteilung" im Haushalt gelebt haben: Der Mann kümmerte sich darum, wer den nächsten Krieg gewann und die Hausfrau darum, dass das Feld bestellt und geerntet und das Vieh versorgt wurde, genug zu Essen zu hause war, dass Garne für Kleidung gesponnen wurden und Stoffe gewebt wurden, damit alle etwas anzuziehen hatten.

Trotz des absoluten Machtanspruches des Hausherrn gab es auch sowas wie eine Art Versorgungsausgleich und eine Vertretung des Hausherrn durch die Hausfrau.

Cäsar schreibt in De bello Gallico 6,19:
So viel Geld der Mann von seinem Weib als Mitgift bekam, ebenso viel legt er in genauer Schätzung aus seinem eigenen Vermögen dazu; das Ganze wird dann gemeinschaftlich verwaltet und der Zugewinn beigelegt. Wer den anderen Teil überlebt, erbt das ganze zusätzlich allen bisherigen Erträgen.

Hieraus kann man schließen, dass die Hausfrau eine Menge mit zu reden hatte wenn es um das Vermögen ging, was durchaus nicht im Widerspruch zum obigen Anspruch stehen muss.

Weitere Frauen
Zumindest lässt sich aus dem Text des Cäsar herleiten, dass es noch weitere Frauen im Haushalt gab, die man in heutigen Sinne vielleicht als "Nebenfrauen" bezeichnen könnte. Neben den allgemeinen hausfraulichen Tätigkeiten war es üblich dass alle erwachsenen Frauen im Haushalt in Polygamie mit dem Hausherren lebten.

unmündige Kinder
Das Verhältnis und der Rechtsstand von Kindern im Haushalt ist höchst unsicher.

Cäsar schreibt in De bello Gallico 6,18:
In anderen Gewohnheiten des Lebens unterscheiden sie sich von den übrigen Völkern auch dadurch, dass sie ihren Kindern nicht eher öffentlichen Umgang mit sich gestatten, als bis sie das Alter haben, mit in den Krieg zu ziehen; man hält es für eine Schande, wenn der Sohn in den Kinderjahren öffentlich an der Seite des Vaters erscheint.

Kinder wurden auch gerne in Pflegefamilien gegeben, die meist mit der Ursprungsfamilie befreundet oder anderweitig verbunden waren. In spätkeltischer Zeit wurden auch Kinder von Häuptlingen/Königen als Geisel an Rom überlassen. Diese Kinder bekamen dort eine dem Stand ihres Vaters entsprechende Ausbildung und etliche erreichten hohe Dienstgrade auch im Römischen Militär.

Hausangestellte und Diener
Sie rekrutierten sich zum Teil aus unfreien Verwandten des Hausherren und zum Teil aus Sklaven. Kennzeichen war ihre fast vollständige persönliche Unfreiheit. Starb der Hausherr, so gab es bei nicht wenigen Stämmen die Sitte, dass die Diener und Sklaven mit ihm (meist wohl nicht freiwillig) in den Tod gingen um ihm in der Anderwelt ebenfalls zu Diensten zu sein.

Leibeigene und Häusler
Zu einer Hofgemeinschaft gehörten auch halbfreie Bauern, die in Schuldknechtschaft zum Hausherren standen und einen Teil des Landes bewirtschafteten, das ihnen allerdings nicht gehörte.

Wurde das Land verkauft, so blieben in der Regel die Leibeigenen auf dem Grund und wurden mit verkauft. Sie waren lediglich eigenständig in den Entscheidungen zu ihrer Arbeit, es gab für sie keine Möglichkeit, sich der Leibeigenschaft zu entledigen.

Soweit und so viel ein knapper Überblick über die keltische Familie. In der nächsten Folge werden wir uns um den Glauben der Kelten kümmern.

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Kommentare zum Beitrag

Hugo Gerhardt
6.681
Hugo Gerhardt aus Gießen schrieb am 01.02.2011 um 11:34 Uhr
Danke, wieder sehr informativ
Hallo Lieber Leser
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von:  Ulrike J. Schepp

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Ulrike J. Schepp
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