Pohlheim | Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen. Manche Eltern gehen dabei aber zu weit. Sie möchten ihr Kind in jeder Hinsicht von klein auf fördern und kümmern sich um Kinder-(Leistungs-)Turnen/-Schwimmen ebenso, wie um musikalische Früherziehung und Fremdsprachenunterricht. So erhalten schon viele Kleinkinder einen Stundenplan, den sie täglich abzuarbeiten haben. Das Kind steht unter ständiger kritischer Beobachtung. Zeigt es sich in einem der Bereiche außerhalb der „Norm“, wird es ggf. zur Therapie geschickt. Die fortschreitende Entwicklungsförderung, der Therapieboom, aber auch die „Medizinisierung“ der Kindheit ist nicht zu übersehen. Direkt nach Geburt beginnt oft schon das Dilemma. Zu beobachten bei verunsicherten Eltern in den Hebammenpraxen, später dann in den Kindergärten, Kinder-Tagesstätten und Schulen. Manche Kinder haben vor ihrem ersten Dreirad schon ihren eigenen Ergotherapeuten oder Logopäden.
Die Welt rückt zusammen, die Konkurrenz scheint größer. Neben dem leistungsorientiertem „Global Thinking“, werden Kinder in Deutschland zunehmend mit
Arzneimitteln, Krankengymnastik u.v.m. gegen Rückenschmerzen, Bewegungs- oder Sprachstörungen konfrontiert. Die meisten Therapien sind darauf ausgerichtet, bestehende Haltungsschäden zu korrigieren oder Bewegungs- und Sprachstörungen auszugleichen.
Doch „Warum" zum Beispiel hat ein Kind Haltungsschäden entwickelt und einen schlechten Bewegungsablauf?
Als eine wesentliche Ursache für gesundheitliche Probleme wie Haltungsschäden oder andere motorische Störungen im Kindesalter sehen die meisten Experten den sich ausbreitenden Bewegungsmangel sowie mangelnde emotional-soziale Bindung. Hier sind die Eltern in der Pflicht. "Meist braucht es nicht viel, um Kinder zu motivieren", so Christine Graf, Leiterin der Abteilung Bewegungs- und Gesundheitsförderung an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Wenn Kinder die direkte Wahl zwischen Spielen und Fernsehen haben, setzen sie sich lieber vor das TV-Gerät", weiß auch Graf.
Aus diesem Grund sei noch einmal ausdrücklich auf die Verantwortung der Eltern hingewiesen. Es ist sicher bequemer, den Nachwuchs vor dem TV-Gerät oder dem PC zu parken. Ein Ersatz für spielerische Bewegung ist das nicht. Auch hier ist es der gesunde Mittelweg, die Balance zwischen der Nutzung neuer Medien und einer Förderung durch spielerische Bewegung. Am besten in freier Natur.
Was die Erziehung und Begleitung der Kinder im Alltag betrifft, kommt Erziehern und Lehrern eine immer größere Bedeutung zu. Die Ganztagesbetreuung ist in aller Munde, möglichst schon für Babies. Die Eltern sollten aber nicht glauben, sie könnten ihre Kinder zum Zwecke der Erziehung, Begleitung und Förderung einfach abgeben. Erzieher und Lehrer sind nicht dazu da, ihnen die Verantwortung für die eigenen Kinder abzunehmen. Eigene Anstrengungen dahingehend werden sich dadurch entzogen – aus Bequemlichkeit, Unwissenheit oder Hilflosigkeit. Ein immer wichtigeres gesellschaftliches Thema. Also ist Aufklärung unbedingt nötig.
Erziehern und Lehrer können die Kinder bezüglich ihrer Entwicklung einschätzen, letztendlich aber entscheidet ein Kinderarzt über evtl. notwendige Maßnahmen. Hierbei geht es freilich nicht um abstrakte Testergebnisse und Tabellen, sondern um die Auswirkungen auf den Alltag des Kindes und seiner Bezugspersonen.
Bestimmte Entwicklungsschritte eines Kindes sollten sich in einem gewissen Zeitrahmen einstellen. Die Zahl an Kindern mit Entwicklungsstörungen, die nicht gefördert werden, nimmt stetig zu. Bei Unsicherheit in der Entwicklung des Kindes oder auffälligen Anzeichen sollten Eltern aber nicht zu lange warten. Eine echte Störung verwächst sich nicht, sie wächst sich aus.
Notwendige Fördermaßnahmen benötigen oft Zeit und sind wie jede Therapie individuell. Fördermaßnahmen sind sinnvoll, wenn von einem Kinderarzt ernstzunehmende Entwicklungsstörungen diagnostiziert werden. Wichtig ist jedoch dann zu unterscheiden zwischen einer aktiven Förderung oder einer Therapie für die betroffenen Kinder.
Ein besorgtes „besser-zu-viel-als-zu-wenig“, ein unnötiger Therapiemarathon, schadet dem Kind. Dies setzt es unnötig unter Druck. Eine einfache Regel besagt: Überförderung führt zu Überforderung!
Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Das eine läuft bereits mit einem halben Jahr, das andere erst später. Das eine beginnt mit eineinhalb Jahren erste Worte zu sprechen, das andere erst ein Jahr später. Manche krabbeln schon früh, andere erst spät oder gar nicht. Das ist zumeist alles völlig in Ordnung. Gleichaltrige Kinder können sich ganz unterschiedlich entwickeln. Eltern, die bei ihrem Kind sind und sich mit ihm beschäftigen, es beobachten und nicht dauerbespaßen, erkennen ganz entspannt diese verschiedenen Entwicklungsschritte. Je nach Veranlagung des Kindes. Die Kinder lernen selbst am meisten durch spontanes spielerisches Entdecken, emotionale und soziale Geborgenheit und Nähe, Interaktion und Nachmachen.
Die Freude an der Bewegung sollte mehr gefördert werden. Eine Stunde Sport in der Woche reicht da nicht aus. Kinder haben einen natürlichen Drang nach Bewegung. Oftmals wird ihnen dieser abtrainiert. Auch durch die Passivität der Eltern, die Vorbilder ihrer Kinder. Möglichkeiten sich zu bewegen gibt es genug.
Vieles lässt sich sehr gut zu Fuß erledigen. Es muss nicht bei jeder kleinsten Entfernung mit dem Auto gefahren werden. Zu Fuß, mit dem Roller oder dem Fahrrad lassen sich Kindergarten, Schule, Freunde etc. oftmals gut erreichen. Die leerstehenden Spiel- und Bolzplätze warten auf mehr Leben. Kinder können in alltägliche Handlungen miteinbezogen werden. Somit lernen sie ihren Platz und später auch ihre Aufgaben in der Familie zu übernehmen. Die abendlichen Gute-Nacht-Geschichten und das gemeinsame darüber reden, fördern das Sprachverständnis.
Die Gründe für den Therapieboom sind sicher vielfältig. Das was sich in der Welt der Erwachsenen zeigt, der hohe Leistungsdruck und Perfektionismus, mangelnde Zuneigung und Menschlichkeit, welche immer häufiger zu den gesundheitlichen Hauptproblemen Rückenbeschwerden, Depression und Burn-out führen, zeigt sich auch schon bei Kindern. Aus diesem Denken heraus sollen dann möglichst schnell „Schwächen“ der Kinder wegtherapiert werden. Die kleinsten Anzeichen werden bereits als dramatisch wahrgenommen. Es wird sich keine Zeit eingeräumt, dies erst einmal zu beobachten, sich damit zu beschäftigen. Außerdem hat man privat wie beruflich oft Ärger und Sorge genug, da fehlt einem gerade noch, sich in seiner geringen Freizeit auch damit noch auseinandersetzen zu müssen.
Nicht zuletzt steckt hinter all dem Medikamenten- und Therapieboom eine riesige Industrie.
Weitere Gründe solch übertriebenen elterlichen Handelns liegen u.a. in der eigenen Geschichte, also eigenen Prägung. Manchmal in einer Überforderung, die sich nicht eingestanden wird, sowie dem „Ich-will-doch-nur-das-Beste-für-mein-Kind“ -Denken. Hierbei werden eigene Kindheitserlebnisse betrachtet und, mit den entsprechenden Emotionen versehen, als positive oder negative Bilder interpretiert. Dies führt dann dazu, die Erziehung des eigenen Kindes vollkommen anders oder aber genauso zu gestalten oder jemandem, z. B. den Eltern, Großeltern, Nachbarn, Freunden etc., etwas beweisen zu wollen.
Oft handelt es sich auch um die Sorge der Eltern, die Kinder könnten etwas verpassen. Manche Eltern meinen zu wenig zu tun und fühlen sich schuldig zu versagen und Vorwürfe gemacht zu bekommen.
Immer mehr Eltern übertragen also unbewusst ihre eigenen Ängste und Sorgen auf die Kinder. Zu erkennen durch übertriebene Überwachungs- und Kontrollmechanismen.
Ein weiterer Punkt ist die mangelnde Eigen-Verantwortung für all seine Worte und Taten. Dafür ist jeder Mensch selbst verantwortlich und somit auch für die Folgen, die Konsequenzen.