Bürgerreporter berichten aus: Pohlheim | Überall | Ort wählen...

„Vom Geist der Weihnacht: Märchenhaft inszenierter Spuk im Kölner Musical Dome - Kotzbrocken mutiert zum Sympath

„Flotter Dreier“ als „Trio optimal“: „Marley“, „Belle“ und „Scrooge“ alias Ron Holzschuh, Sandy Mölling und Chris Murray (v.l.) hauchen dem Weihnachtsgeist in Köln Leben ein.
„Flotter Dreier“ als „Trio optimal“: „Marley“, „Belle“ und „Scrooge“ alias Ron Holzschuh, Sandy Mölling und Chris Murray (v.l.) hauchen dem Weihnachtsgeist in Köln Leben ein.
Pohlheim | Bereits seit 2001, alle Jahre wieder, spukt er nun schon mit schöner Regelmäßigkeit durch die Lande. Vorzugsweise in der Adventszeit. (Klar, zu Ostern, Pfingsten oder im Hochsommer müssten sich „Mr. Scrooge“, „Marley“,“Belle“ und Co ja auch etwas deplatziert vorkommen). Der Plot gebietet es halt, dass der „Geist der Weihnacht“ nun mal um das Christfest herum die Glöckchen klingen lässt. Und er ist inzwischen zur festen Größe geworden. In diesem Jahr entfaltet Dirk Michael Steffans farbenprächtiges, wunderschön-fantasievolles Familienmusical in Kölle am Rhein seinen sprichwörtlichen Zauber. Seit 23. November mutiert im hiesigen Musical Dome Abend für Abend ein unausstehlicher Stinkstiefel zum sympathischen Philanthropen. Während ein paar Meter Luftlinie entfernt auf dem Weihnachtsmarkt im Schatten des „richtigen“ Doms der Papst boxt, sich Tausende , begleitet vom Gegröhle Glühwein beseelter Suffkis durch die überfüllten Budengassen schieben, geht es im Inneren es imposanten Theaterzeletes schon ein klein wenig heimeliger und besinnlicher zu.


Das Stück basiert auf Charles Dickens‘ weltberühmter und 1843
Mehr über...
Weihnachten (425)Musical Dome (1)Musical (96)Köln (44)Engel (61)
erstmals veröffentlichte Erzählung „A Chrismas Carol“, der neben der „echten“ Weihnachtsgeschichte um die Geburt Jesu wohl bekanntesten, berührendsten und schönsten Christfeststory aller Zeiten. Und selbige wird seit neun Jahren an wechselnden Standorten mit viel Liebe, Detailversessenheit und Enthusiasmus musical-isch in Szene gesetzt. Wie bereits 2007 in Frankfurt und vergangenes Jahr in Düsseldorf hält Iris Limbarth auch in Cologne als Regisseurin die Fäden in der Hand. Und die Wiesbadenerin wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, würde sie die Möglichkeiten, die der „Dome“ bietet, nicht ausschöpfen und ausreizen. Entsprechend opulent, was Kulisse, Bühnenbild und Technikeinsatz anbelangt, fällt die diesjährige „GdW“-Version dann auch aus. Sie ist dahingehend aber, gemessen an anderen Produktionen, immer noch von vornehmer Zurückhaltung. Einen großen Teil seiner visuellen Spannung und Dichte bezieht das Stück aus seinem ausgeklügelten, durch Laser- und Videoprojektionen unterstützten Lichtdesign, und das sitzt in jeder Sekunde wieder genau auf dem Punkt.

Höhen und Tiefen

Steffans Bemühen, den Dickens-Stoff in ein klangvolles Bühnenmärchen für Groß und Klein zu verpacken, war anfangs noch belächelt worden, von einigen Platzhirschen
Doch ein Engel: Ex-„No Angles“-Sängerin Sandy Mölling macht als „Belle“  eine gute Figur
Doch ein Engel: Ex-„No Angles“-Sängerin Sandy Mölling macht als „Belle“ eine gute Figur
der Branche, aber auch von „schlauen“ und neunmalklugen Theaterkritikern. Doch die Überheblichkeit ist inzwischen in Respekt umgeschlagen. Der Medienprofi, Journalist, Autor und Komponist aus Gelsenkirchen zog sein Ding unbeirrt durch – und das ist auch gut so. Mit der Welt-Uraufführung 2001 im damaligen TheatrO CentrO in Oberhausen, das neuerdings ja Metronom-Theater heißt, war der Grundstein für Erfolgsstory gelegt, Höhen und Tiefen inklusive.
Natürlich hat das Stück im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren, szenische, dramaturgische und solche bei den Dialogen und Arrangements. Aber die Grundstruktur blieb unangetastete. Und die Sache funktioniert nach wie vor, heuer vielleicht sogar besser denn je. Es stört nicht (oder kaum), dass die aufwendige Orchestrierung „nur“ vom Band kommt, das Ganze also bei Live-Gesang eine Halbplayback-Veranstaltung ist. Würde man dahingehend aufrüsten und leibhaftige Musiker einsetzen, wären die Preise nicht zu halten. Als „Musical für die ganze Familie“ muss man sich dahingehend ja erst recht an bestimmten tariflichen Schmerzgrenzen orientieren. Bei „Bonifatius“ oder „Elisabeth- die Legende einer Heiligen“ beispielsweise kam der Sound ja auch aus der Konserve, ohne dass dieser Umstand diesen hochklassigen Produktionen zum Nachteil gereichte.

Es ist angerichtet: Mrs Fezziwigs Rezept-Rap ist allein schon einen Besuch wert. Dieses Foto stammt von der letztjährigen Inszenierung in Düsseldorf. Anne Welte macht diese turbulente Revue-Nummer in Köln zum Showstopper.
Es ist angerichtet: Mrs Fezziwigs Rezept-Rap ist allein schon einen Besuch wert. Dieses Foto stammt von der letztjährigen Inszenierung in Düsseldorf. Anne Welte macht diese turbulente Revue-Nummer in Köln zum Showstopper.
Ein ganzer Sack voller schöner Melodien

Steffans Partitur beinhaltet eine Fülle schöner, eingängiger Melodien, von denen sich nicht wenige in den Gehörgängen festsetzen. Dazu zählen das als Reprise immer wieder auftauchende „Folge mir“, das wunderschöne „Ein Leben lang“, das eindringliche „Scrooge, wach‘ endlich auf“, das zynische (Weihnachten ist)“Rattendreck“ oder das überschäumende, burleske „Oops, das tut uns leid“.

Unheimliche Begegnung der dritten Art

Die Mitte des 19. Jahrhunderts in England angesiedelte Handlung im Telegrammstil: Ebenezer Scrooge ist als Geschäftsmann genau so erfolgreich wie als Mensch unausstehlich. Ein mitleid- und gefühlloser, raffgieriger Kotzbrocken par excellence, der seinen Mitmenschen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und seine Untergebenen und Schuldner gnadenlos ausbeutet. Also ein Soziopath wie aus dem Bilderbuch. An Heiligabend hat der diplomierte Unsympath dann eine unheimliche Begegnung der dritten Art. Sein alter Kumpel und Geschäftspartner Jakob Marley, der seit 20 Jahren tot ist, redet ihm in das nicht vorhandene Gewissen. Er tut das nicht ganz uneigennützig. Marley ist als Geist dazu verdammt, sein Dasein
Ready for Take off: Marley, Belle und Stinkstiefel  Scrooge starten zu einer Sightseeing-Tour in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Ready for Take off: Marley, Belle und Stinkstiefel Scrooge starten zu einer Sightseeing-Tour in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
zwischen den Dimensionen zu fristen, er ist weder lebendig, noch ist er tot. Erst dann, wenn es ihm gelingen sollte, Scrooge zu einem besseren Menschen zu machen, winkt die Erlösung. Also versucht er das mit Unterstützung eines guten Dutzends Schicksalsgenossen, die wie er rast- und ruhelos zwischen den Welten pendeln. Die Therapie schlägt nicht an. Erst als der Engel Belle auftaucht, und die beiden auf einer himmlischen Zeitreise in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begleitet, in deren Verlauf Mr. S. sich wiederholt selbst begegnet und erkennt, was er seiner Umgebung antut und angetan hat, beginnt die Verwandlung zum Gutmenschen.
Schmunzeln, Lachen, Leiden, Weinen
Im Grunde genommen ist die Storyline, in die Dickens‘ einen gehörigen Schuss Sozialkritik an den Zuständen seiner Zeit gekippt hat, schlicht. Sie will bühnengerecht aufbereitet sein, und zwar so, dass sich ein konstanter, von Hängern freier Spannungsbogen ergibt, der nicht nur einfach gut unterhält, sondern auch mitreißt und mitfühlen lässt. All das gelingt dem Stück. Es zielt auf das Herz, das Ohr und den Bauch – und es trifft. Wen das alles völlig unberührt und kalt lässt, dem ist sowieso nicht zu helfen. Solche emotionalen Krüppel soll es ja auch geben.
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft:  Die Inszenierung im Kölner Musical Dome ist farbenfroh und schwungvoll. Sie bietet viel für Herz, Auge und Ohr.
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft: Die Inszenierung im Kölner Musical Dome ist farbenfroh und schwungvoll. Sie bietet viel für Herz, Auge und Ohr.
Die findet man im Publikum der aktuellen Spielzeit jedoch so gut wie nicht. Die zwischen Poesie, Dramatik und Humor hin und hergerissenen Zuschauer lachen, schmunzeln, leiden und, jawoll, sie weinen auch. Und damit hat eine Musical- und/oder Theaterproduktion ihr Klassenziel allemal erreicht.

Murray spielt mit exzessiver Inbrunst

Jede Inszenierung steht und fällt zu einem großen Teil auch mit der Qualität der Cast. Und in dieser Hinsicht haben die Spieler beim Weihnachtsgeist in Köln ein ziemlich gutes Blatt auf der Hand. Allen voran Chris Murray: Die Figur des (schließlich geläuterten) Fieslings zeichnet der umtriebige Tausendsassa mit nachgerade exzessiver Inbrunst, in all ihren differenzierten Facetten. Authentisch, überzeugend, wuchtig – und mit einer wohl dosierten Brise Komik. Auch Scrooge’s Wandlung von Böse zu Gut wird in Murrays Diktion zu (ganz) großem Kino, wie der Cineast es formulieren würde. Der gebürtige Braunschweiger, man weiß es inzwischen, spielt seine Rollen nicht (nur), er ist die spiegelbildliche Identifikation derselben. Hier verschmelzen Kunstfigur und eigenes Ich zu einem Ganzen. Keine Frage: “Konrad von Marburg“ agiert längst in der Premium-Liga der deutschsprachigen Musicalszene und zählt zum Besten, was diese hervorgebracht hat.
Angesichts der Omnipräsenz von Mr. Scrooge nimmt sich Anne Weltes Anteil an der Show vergleichsweise bescheiden aus. Doch der hat es in sich. Allein der durchchoreografierte A-Capella-„Rap“ „Nur eine Kleinigkeit“, in dessen Rahmen die quirlige Saarländerin als „Mrs. Fezziwig“ Rezeptur und Zustandekommen des üppigen Weihnachtsfestessens rekapituliert, lohnt den Besuch. Eine treibende, schreiend komische Revuenummer.

Der Zauber eines (No)Engels

Jahrelang hat sie (recht erfolgreich und glaubhaft) behauptet, kein Engel zu sein. Aber genau als ein solcher kommt Ex-„No Angles“-Sängerin Sandy Mölling jetzt doch daher. Und sie macht als „Belle“ einen richtig guten Job. Vor ein paar Jahren hatte Ron Holzschuh an gleicher Stelle noch als Tanzboden-Casanova in „Saturday Night Fever“ reüssiert, um seinen weißen Angeberanzug nun gegen den morbiden Spinnenweben-, Schlösser- und Kettenlook „Marleys“ zu vertauschen. Als halbtoter Geist ist der Mann aus Zwickau in sein geliebtes Stammhaus zurückgekehrt, um sich daselbst mit Murray die Bälle zuzuspielen. Axel Kraus hingegen zählt zu den „Geistern“ der ersten Stunde und gehörte als Mr. Fezziwig schon zur Premieren-Cast in Oberhausen. Egal ob Maciej Salamon als „Mr. Crachit”, Annette Kuhn als seine Angetraute, Lukas Weinert als gehbehinderter “Timmy” oder Iris Werlin als „Mrs. Pommeroy“, das gesamte Ensemble agiert mit viel Enthusiasmus und einer großen Portion Hingabe.
Den vorjährigen Weihnachts-Spuk im Düsseldorfer Capitol-Theater kann man sich inzwischen in Gestalt einer aufwändig produzierten DVD auf die heimische Mattscheibe projizieren. Aber die Magie dieses wunderschönen Märchens entfaltet sich erst im Ambiente eines Theaters. Bis einschließlich 30. Dezember besteht im Kölner Musical-Dome noch die Gelegenheit, sich davon be- und verzaubern zu lassen.

„Flotter Dreier“ als „Trio optimal“: „Marley“, „Belle“ und „Scrooge“ alias Ron Holzschuh, Sandy Mölling und Chris Murray (v.l.) hauchen dem Weihnachtsgeist in Köln Leben ein.
„Flotter... 
Doch ein Engel: Ex-„No Angles“-Sängerin Sandy Mölling macht als „Belle“  eine gute Figur
Doch ein Engel:... 
Es ist angerichtet: Mrs Fezziwigs Rezept-Rap ist allein schon einen Besuch wert. Dieses Foto stammt von der letztjährigen Inszenierung in Düsseldorf. Anne Welte macht diese turbulente Revue-Nummer in Köln zum Showstopper.
Es ist angerichtet: Mrs... 
Ready for Take off: Marley, Belle und Stinkstiefel  Scrooge starten zu einer Sightseeing-Tour in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Ready for Take off:... 
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft:  Die Inszenierung im Kölner Musical Dome ist farbenfroh und schwungvoll. Sie bietet viel für Herz, Auge und Ohr.
Kleine Geschenke... 

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Das Musical "Dracula" ist ab dem 4. Mai im Bürgerhaus in Wieseck zu sehen!
Musical-AG führt "Dracula" auf!
Trink mein Blut und lebe ewig! Es wird bissig im Bürgerhaus Wieseck....
Patricia Kelly kehrt mit weihnachtlichen Klängen in den Kreis Gießen zurück
Patricia Kelly beschert ihrem Publikum in diesem Winter ein...
Lust beim Keller Theatre mitzuspielen? Vorsprechtermine am 28. und 30. Juni 2016
Das englischsprachige Keller Theatre lädt am Dienstag, den 28.06.2016...
Schwarz oder weiß? Du musst dich entscheiden!
Schach 2.0 – das war der Titel des Musicals, das der Mittelstufenchor...

Kommentare zum Beitrag

Leider gibt es noch keine Kommentare zu diesem Artikel.
Schreiben Sie doch den ersten!

Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Jürgen Heimann

von:  Jürgen Heimann

offline
Interessensgebiet: Gießen
Jürgen Heimann
2.590
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
Brüder, zur Sonne, zum Freifall: Magische Augenblicke, aber vom Boden aus nicht zu sehen. Da muss schon ein Skydive-Paparazzi mit von der Partie und ganz dicht am Motiv sein.
Saison-Endspurt: Kehraus am Himmel Breitscheids – Nur noch wenige Tage bis zum Zapfenstreich
Von der "Worscht" mal abgesehen: Alles hat (einmal) ein Ende. Und ein...
Angler-Fantasien: So etwas würde mancher Würmerbader gerne mal am Haken haben. Da ist die Rute bis zum Sollbruch gespannt… Petri geil!
Dicke Brüste und Fische mit Schnappatmung: Petri geil! Der Angler von Welt findet den sexy Karpfen-Kalender total erotisch
nicht nachstehen. Für den Angler von Welt gibt es jetzt, Petri geil,...

Weitere Beiträge aus der Region

Die freien Handwerker zu Falheim vor ihrem Lager
Die 11. Limeswanderung ist "angerichtet"
„Es ist angerichtet“ die Tour kann starten, meldeten in der letzten...
Der Vorsitzende der FREIEN WÄHLER Pohlheim, Andreas Schuch, begrüßte Samstagnachmittag in der Grillhütte des Musikzuges Holzheim die Gäste zur „Familienfeier des FW-Vereins“.
FREIE WÄHLER Pohlheim feiern Familienfest
- (fw). Der Vorsitzende der Freien Wähler (FW) Pohlheim, Andreas...
Der RV-Meister Roland Schuster vor seiner Schlaganlage
Dem RV-Meister über die Schulter geschaut
/Langgöns/Hüttenberg. Auf den ersten Blick, scheint hier der...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.