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Die dunklen, verborgenen Seiten der Grube Fortuna: Abseits der offiziellen Pfade öffnet sich eine bizarre, gespenstische (Unter-)Welt

Der älteste und gefährlichste Bereich der Grube Fortuna auf der 150-Meter-Sohle. Hier besteht akute Einsturzgefahr. Ein Teil des Fels ist schon herunter gekracht (rechts).
Der älteste und gefährlichste Bereich der Grube Fortuna auf der 150-Meter-Sohle. Hier besteht akute Einsturzgefahr. Ein Teil des Fels ist schon herunter gekracht (rechts).
Pohlheim | SOLMS-OBERBIEL – Hängen im Schacht: Nachdem die Saison in der Grube Fortuna, zumindest die unter Tage, 2010 komplett ins Wasser gefallen ist, zeichnet sich für die nächste ja ein Hoffnungsschimmer ab. Im Frühjahr 2011 soll das weit über die Region hinaus bekannte Besucherbergwerk bei Solms-Oberbiel unter neuer Trägerschaft wieder seinen Einstiegstunnel öffnen. Bis dahin hoffen die Verantwortlichen, ein von den Aufsichtsbehörden moniertes Sicherheitsleck gestopft zu haben- den Notausstieg. Für den Fall der Fälle war bislang eine 110 Meter hohe Leiter vorgesehen, über die Gäste ins Freie gelangen konnten bzw. sollten. Doch gerade für Ältere oder Gebrechliche wäre dies ein zu mühsamer, wenn nicht kaum zu bewältigender Fluchtweg gewesen. Ein Risiko, dass der Lahn-Dill-Kreis als seitheriger Träger nicht länger schultern wollte.
Deshalb blieb die Öffentlichkeit in diesem Jahr auch komplett außen vor. Alle Einfahrten wurden gestrichen. Inzwischen ist man der Lösung des diffizilen Problems recht nahe. Ein Wetterbohrloch wird so ausgebaut, dass es für den Einsatz einer Rettungsbombe „gangbar“ ist. In dieser Kapsel,
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Unter Tage (1)Tourismus (61)Industriedenkmal (3)Gruben (2)Besucherbergwerk (1)Bergbau (3)
die ein klein wenig jener ähnelt, wie sie im Zuge der spektakulären Rettung der verschütteten chilenischen Bergleute zum Einsatz kam, können im hoffentlich nie eintretenden Notfall Personen aus dem Untertage-Bereich nach oben befördert werden. Eine Option, die sich andererseits durchaus auch „spielerisch“ nutzen bzw. als besonderes Erlebnis zum Abschluss des Besuchs unter Tage einbinden ließe. Das Bohrloch ist inzwischen und rechtzeitig vor dem Winter von allen Hindernissen befreit worden und soll jetzt noch mit einer Metallhülle ausgekleidet werden, damit es hier, salopp formuliert, besser „flutscht“. Soweit zum Stand der Dinge.

Die ehemalige Erzförderstätte, in der in früheren Jahren Rot- und Brauneisenstein abgebaut wurde, ist ein einmaliges Industriedenkmal und lockt Besucher aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland an. In 2009, der letzten „regulären“ Saison, gingen hier 21.000 Menschen auf Entdeckungsreise ins Erdinnere. Was sie nicht wissen und auch nicht sehen können: Die Anlage hat auch ihre „dunklen und geheimen Seiten“. Das sind jene ausgedehnten, verwinkelten und abgeriegelten Bereiche, die der Öffentlichkeit normalerweise verschlossen sind - auch aus Sicherheitsgründen. Dorthin gelangen noch nicht einmal
Auflösungserscheinungen: Auch in diesem Areal,  das heute nur noch durch einen schmalen  Spalt (Bildmitte) erreichbar ist, geht’s dem Ende zu.  Tonnenschwere Felsplatten (vorne rechts) sind bereits zu Boden gestürzt.
Auflösungserscheinungen: Auch in diesem Areal, das heute nur noch durch einen schmalen Spalt (Bildmitte) erreichbar ist, geht’s dem Ende zu. Tonnenschwere Felsplatten (vorne rechts) sind bereits zu Boden gestürzt.
die privilegierten Teilnehmer der „Großen Führungen“, die ja während ihrer zweieinhalbstündigen Tour doch schon mehr zu sehen bekommen, als jene, die nur einen 50-Minuten-Trip gebucht haben. Aber es sind nur verschwindend kleine Ausschnitte, die dabei sichtbar werden. Das gesamte Grubenfeld als solches erstreckt sich unter Tage über eine Fläche von 4,67 Quadratkilometern. Die Länge der künstlich geschaffenen Transportwege, ob sie nun waagrecht oder senkrecht verlaufen, ergibt addiert eine Distanz von 30 Kilometern. Vom Personal begehbar sind davon noch zehn Kilometern, höchstens zwei Kilometer an Strecke werden bei den Führungen abgedeckt. Dies zeigt, wie weitflächig das große Unbekannte hier ist.

Zwischen Grusel und Faszination

Jenseits der offiziellen Route und Besucherpfade, abseits der 150-Meter-Sohle, oft nur durch kleine Spalten und Durchgänge erreichbar, erschließen sich neue, imposante, bizarre Welten von Staunen machender Schroffheit. Die Grenze zwischen Grusel und Faszination ist hier fließend. Die in 250 Meter Tiefe gelegen Schwesternsohle im Stockwerk darunter ist hingegen nicht mehr zugänglich. Sie steht komplett unter Wasser. Apropos: Ein nicht unerheblicher Teil des Trinkwasserbedarfs der Stadt Wetzlar wird aus diesem Reservoir gedeckt. Jährlich 635.000 Kubikmeter fließen von hier aus in die
Abenteuerspielplatz für Titanen, bizarr  und etwas unheimlich: Auch hier scheint ein Riese  steinernen Bauklötzchen gestapelt zu haben.
Abenteuerspielplatz für Titanen, bizarr und etwas unheimlich: Auch hier scheint ein Riese steinernen Bauklötzchen gestapelt zu haben.
Kreishauptstadt.
Einer Handvoll ehrgeiziger Fotografen haben Frank Müller, Technischer Betriebsleiter des Besucherbergwerkes, und Franz Jachan vom gleichnamigen Eigenbetrieb des Kreises Einblick in den abgeschotteten, verborgenen Hinterhof „ihrer“ Grube, gewährt. Dies allerdings erst nach einer umfassenden Sicherheitseinweisung und dem fast eidesstattlichen Versprechen, unter keinen Umständen und keinen Millimeter von dem vorgegebenen Kurs abzuweichen. Denn das wäre Russischem Roulette nicht ganz unähnlich. Die Gefahr, dass sich hier und da mächtige Gesteinsbrocken lösen und herunter krachen, ist mehr oder weniger latent. Und das kann ziemlich ungesund sein, sofern man nicht weiß, wo genau sich diese Wackelkandidaten befinden, um ihnen dann tunlichst aus dem Weg zu gehen. Es ist der älteste auf der 150-Meter-Sohle gelegene Bereich dieses un- und unterirdischen Areals. Und er dürfte, prophezeit Müller, in den nächsten zwei bis fünf Jahren teilweise oder auch völlig einstürzen.

Unheimlich und zappenduster

Es ist nicht „Deep Threat“, und es ist auch nicht „The Cavern“, oder „The Cave“. Wenngleich: Als Kulisse für einen ähnlich gestrickten Horrorthriller könnte dieses gespenstische Katakomben-Szenario durchaus dienlich sein. Es ist unheimlich – und zappenduster! Sicht: Null. „X-Ray“, wie der praktizierende Luftsportler sagen würde. Aber wir sind ja etwas weiter unten.
Endstation  im Sackbahnhof: Die rostigen, verbogenen Gleise verlieren sich unter Geröllmassen,  die alte Lore steht Kopf. In diesem Sektor wurde das „taube“  Gestein entsorgt
Endstation im Sackbahnhof: Die rostigen, verbogenen Gleise verlieren sich unter Geröllmassen, die alte Lore steht Kopf. In diesem Sektor wurde das „taube“ Gestein entsorgt
Der trübe Funzelschein der Kopflampen erhellt die Umgebung nur dürftig, entreißt geisterhafte Felsformationen bruchstückhaft der Dunkelheit, um sie dann wieder ins schwarze Nichts zurück zu schleudern. Abgesehen von dem doch etwas schaurigen Ambiente: Derart schlappe und kümmerliche Lichtverhältnisse stellen eine echte Herausforderung für jeden ambitionierten Fotografen dar. Da ist es mit Stativ und langen Verschlusszeiten alleine nicht getan. Hier muss improvisiert und getrickst werden. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Schnappschuss – oder so ähnlich. Die „Petromax“-Strahler (Starklicht-Petroleumlampen), minutiös exakt im richtigen Vorhalte- und Einfallswinkel eingesetzt, erwiesen sich da, als nützliches Mitbringsel. Die tri-national bestückte Pixeltruppe kam auf jeden Fall auf ihre Kosten, wie auch die Ausbeute unseres Mitarbeiters Markus Novak belegt.
Reden wir nicht von Ästhetik. In dieser Hinsicht kann der Solmser Hades dem Herbstlabyrinth bei Breitscheid natürlich nicht das Wasser
Auch in diesem Teil auf der 150-Meter-Sohle scheint die Zeit stehen geblieben. Niedrige Röhren und Tunnel, dien man nur gebeugt oder kriechend benutzen kann. Das Stahlgitter deckt den Eingang zu einem darunter gelegenen Stollen ab
Auch in diesem Teil auf der 150-Meter-Sohle scheint die Zeit stehen geblieben. Niedrige Röhren und Tunnel, dien man nur gebeugt oder kriechend benutzen kann. Das Stahlgitter deckt den Eingang zu einem darunter gelegenen Stollen ab
reichen – wenngleich letzteres auch hier nicht gerade knapp vertreten ist. Da stürzen kleine Bäche und Fontänen aus schmalen, verborgenen Spalten ins Nirgendwo, da tropft, pitscht und patscht es im Sekundentakt einem nicht näher definierten Rhythmus folgend von Decken und Wänden. Während die Erdbacher Schauhöhle ein geniales in Jahrmillionen gewachsenes Meisterwerk der Natur darstellt, ist das profane, nach der Glücks- und Schicksalsgöttin der römischen Mythologie benannte Solmser Bergwerk nicht ganz so alt und nur von Menschenhand geschaffen. Ursprünglich als Tagebaubetrieb konzipiert, ging es hier mit der Abteufung des ersten Schachtes erst Anfang des letzten Jahrhunderts in die Unterwelt. 1983 wurde das Bergwerk als solches stillgelegt, vier Jahre später erfolgte die Wiedereröffnung für den Besucherbetrieb.

Abenteuer mit "Backstsagepass"

„Fortuna“ bietet authentischen Anschauungsunterricht, wie mühsam sich unsere Altvorderen hier einst ihre Brötchen verdienen mussten und sich dabei krumm und buckelig malochten. Die ein oder andere Hinterlassenschaft der alten Bergleute findet sich im „Backstagebereich“ der Grube auch heute noch , beispielsweise in einem abseits der „Hauptverkehrsader“ gelegenen Seitenstollen, in dem die Gleise der früheren Grubenbahn nicht ins Nirgendwo führen, sondern abrupt unter einer Geröllschicht verschwinden. Eine rostige, hochkant stehende Lore komplettiert das Stillleben, das seine Existenz freilich nicht einem Einsturz verdankt, sondern dem Pragmatismus der alten Kumpels geschuldet ist: Es handelt sich bei den Felsmassen um „taubes Gestein“, dass man der Einfachheit halber gleich an Ort und Stelle entsorgte, in dem man es in nicht mehr für den Abbau benötigte Bereiche schüttete.

Der älteste und gefährlichste Bereich der Grube Fortuna auf der 150-Meter-Sohle. Hier besteht akute Einsturzgefahr. Ein Teil des Fels ist schon herunter gekracht (rechts).
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Auflösungserscheinungen: Auch in diesem Areal,  das heute nur noch durch einen schmalen  Spalt (Bildmitte) erreichbar ist, geht’s dem Ende zu.  Tonnenschwere Felsplatten (vorne rechts) sind bereits zu Boden gestürzt.
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Abenteuerspielplatz für Titanen, bizarr  und etwas unheimlich: Auch hier scheint ein Riese  steinernen Bauklötzchen gestapelt zu haben.
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Endstation  im Sackbahnhof: Die rostigen, verbogenen Gleise verlieren sich unter Geröllmassen,  die alte Lore steht Kopf. In diesem Sektor wurde das „taube“  Gestein entsorgt
Auch in diesem Teil auf der 150-Meter-Sohle scheint die Zeit stehen geblieben. Niedrige Röhren und Tunnel, dien man nur gebeugt oder kriechend benutzen kann. Das Stahlgitter deckt den Eingang zu einem darunter gelegenen Stollen ab
Ab hier geht’s nur noch mit Taucheranzug weiter: Die 250-Meter-Sohle ist geflutet und steht komplett unter Wasser. Der nach oben gefahrene Förderkorb gibt den Blick in die Tiefe frei.
Ein Fotografenteam aus mehreren europäischen Ländern erhielt die Möglichkeit, die verborgenen Seiten der GRube Fortuna zu erkunden. Links unser Mitarbeiter Markus Novak.
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Die große Halle: Ein Anblick, der auch den Telnehmern der Maxi-Führungen gegönnt ist.
Schroff, kantig, düster. Der Mensch wirkt klein angesichts der mächtigen Gesteinsformationen.
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Hier könnte Indiana-Jones für die waghalsige Abfahrt in seinen Film "Im Tempel des Todes" trainiert haben.
Auch hier ist der Zutritt wegen erhöhter Einsturzgefahr für das Publikm verboten. Franz Jachan vom Lahn-Dill-Kreis mag sich auch nicht weiter hinein trauen.
Der offizielle Weg: Hier steigen die Besucher aus der Grubenbahn, um mit der eigentlichen Führung zu bgeinnen. Doch abseits dieses Bereichs ist es noch viel abenteuerlicher.
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Kommentare zum Beitrag

Astrid Patzak-Schmidt
3.415
Astrid Patzak-Schmidt aus Gießen schrieb am 03.11.2010 um 14:13 Uhr
Ganz, ganz toller Bericht!
Vielen Dank!
Bernd Zeun
9.549
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 04.11.2010 um 20:03 Uhr
Dem kann ich mich nur anschließen !
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Jürgen Heimann

von:  Jürgen Heimann

offline
Interessensgebiet: Gießen
Jürgen Heimann
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