Bürgerreporter berichten aus: Pohlheim | Überall | Ort wählen...

Ein "schräger Vogel“ namens "Henry": Kecker, handzahmer Eichelhäher erobert den Luftraum und die Herzen der Menschen

Keine Vogelscheuche: "Henry" mit Freundin.
Keine Vogelscheuche: "Henry" mit Freundin.
Pohlheim | Der kleine, aufgeweckte Kerl mit dem auffällig bunten Federkleid hat den Luftraum über Sinkershausen im Handstreich erobert – und die Herzen vieler Einwohner dieses kleinen Gladenbacher Ortsteils im Landkreis Marburg-Biedenkopf gleich mit. Seine Stimme ähnelt ein bisschen der des frühen Rod Stewart, aber er ist auch ein Meister im Imitieren. So ahmt dieser komisch-schräge Vogel das Gackern von Hühnern täuschend echt nach, was auf intensives Training in einem früheren Leben schließen lässt. „Henry“ heißt er, aber das konnte Familie Heck natürlich nicht wissen, als der kecke Fiederling sie vor zwei Wochen in der Bachgrundstraße das erste Mal beehrte, sich gleich wie zu Hause fühlte und wie selbstverständlich durch das Fernster in die gute Stube vordrang, um es sich daselbst auf der Sofalehne bequem zu machen.
Doch der Reihe nach. Dies ist eine (Tier-)Geschichte mitten aus dem (Eichelhäher-)Leben gegriffen. Um einen, wenn auch recht außergewöhnlichen Vertreter dieser Gattung handelt es sich nämlich, auch wenn sich seine Vita deutlich von der der meisten seiner Artgenossen unterscheidet. „Henry“ (oder ist es
Mehr über...
vielleicht doch eine „Henriette“?) ist ein Findelkind. Irgendwann im Frühjahr 2009 in Dillenburg (Lahn-Dill-Kreis) aus dem Ei gepellt und dann aus dem Nest gefallen, war er dort von einem Jugendlichen aus Hirzenhain, einem Ortsteil von Eschenburg, aufgelesen und mit nach Hause gebracht worden. Da in der elterlichen Wohnung aber auch zwei gestandene Katzen Heimvorteil geltend machten, was für ein Vogelbaby mitunter ziemlich ungesund sein kann, wurde die piepsende Waise an Nachbarn weiter gereicht und dort als Asylant anerkannt. Die Tochter des Hauses und Frau Mama verbrachten in Folge einen Großteil ihrer Tage damit, die wachsenden kulinarischen Ansprüche des nimmer satten Gastes zu erfüllen und ihn aufzupäppeln.

"All Inclusive" im Hotel (Vogel-)Mama

„Henry“, diesen Namen hatte er schon gleich zu Anfang weg, wuchs und gedieh entsprechend. Er reifte zu einem properen, forschen Teenager heran. Die Stunde des Abschieds rückte näher. Denn: Von Anfang an galt als abgemacht, dass man ihn, sobald er flügge und dem Ernst des Lebens gewachsen sein würde, in die Freiheit entlassen wollte. Daraus wurde allerdings nur bedingt etwas, weil der Eichelhäher gar nicht daran dachte, fortan auf eigenen Flügeln zu stehen. Er hatte die Annehmlichkeit
Es ist angerichtet: den kleinen Kerl aufzupäppeln, war ein mühsames Geschäft. Doch es hat sich gelohnt.
Es ist angerichtet: den kleinen Kerl aufzupäppeln, war ein mühsames Geschäft. Doch es hat sich gelohnt.
einer Vollpension im Hotel „Vogelmama“ („All inclusive“) zu sehr schätzen gelernt, um darauf noch verzichten zu wollen. Fortan übernachtete „Henry“ zwar draußen in den Wipfeln eines hohen Kirschbaumes, klopfte aber, sobald frühmorgens in der Küche das Licht anging, vehement ans Fenster, um sein Frühstück einzufordern. Mehr oder weniger ausgedehnte Aus-Flüge in die nähere und weitere Umgebung dienten der individuellen Luftaufklärung, aber mittags saß er dann wie selbstverständlich als „dritter Mann“ bei den Großeltern nebenan mit am Terrassentisch und ließ es sich schmecken.
Auch in der erweiterten Nachbarschaft, wo ihm große Sympathien entgegengebracht wurden, hatte der farbenprächtige Rabenvogel seine festen Anlauf- und Bezugspunkte und kassierte regelmäßig seine Leckerlis. Seine junge Amme und Leihmutter begleitete der Kerl morgens, Ehrensache, dicht über ihr kreisend, zur etwa einen Kilometer entfernten Bushaltestelle, um sich anschließend auf dem Rückflug noch bei diesem und jenem ihm wohlgesonnenen an der Wegstrecke wohnenden Zeitgenossen etwas Wegzehrung abzuholen. Abends war Relaxen im Dach-Studio des Hausherrn angesagt. Auf dessen Schulter sitzend genoss er zusammen mit diesem durch das große Fenster den Sonnenuntergang. So lässt es sich leben! Es dauerte es nicht lange, da war „Henry“ im Dorf bekannt (und populär) wie der sprichwörtliche bunte Hund.

Hallo Kumpel!
Hallo Kumpel!
Als geheilt entlassen

Nun ist diese Nähe zum Menschen für einen Wildvogel weder natürlich, noch tut sie ihm gut. Ganz davon abgesehen, dass ja auch nicht jeder vom Stamme der „Homo Sapiens“ gleich freudig-freundlich reagiert, wenn ihm plötzlich wie aus dem Nichts kommend etwas Krächzendes auf der Schulter landet und am Ohrläppchen knabbert. Ein solch verwöhntes und verspieltes Etwas hätte in der freien Natur nie und nimmer einer Überlebenschance und wäre zum Untergang verurteilt. Auch wenn’s (verdammt) schwer fiel: Der Kerl musste weg - im eigenen Interesse! Es war eine tränenreiche Trennung mit anschließender Halbmastbeflaggung in Hirzenhain. In Marburg-Neuhöfe gibt es eine auf solche „Härtefälle“ spezialisierte Auswilderstation für Rabenvögel. Dort fand „Henry“ eine vorübergehende Bleibe und durchlief eine Renaturierungs-Therapie. Das liegt jetzt schon eineinviertel Jahre zurück. Ende Juni 2009 wurde der Vogel als geheilt entlassen und in einem Waldstück hinter Marburg ausgesetzt.
Zeitsprung: Hin zu jener Notiz, die vor knapp drei Wochen in der Oberhessischen Presse veröffentlicht
Etwas eitel ist er schon. Bewerbungsfoto für die neue Staffel von „Deutschland sucht den Super-Henry“.
Etwas eitel ist er schon. Bewerbungsfoto für die neue Staffel von „Deutschland sucht den Super-Henry“.
wurde. Darin berichtete Erika Heck von der Bekanntschaft mit einem Eichelhäher, der, vorsichtig formuliert, ziemlich unorthodoxe Manieren an den Tag legen würde. Eine Einschätzung, die auch Familie Kraft, die ein paar ein paar Straßen weiter wohnt, bestätigen konnte. Dort kommt der wunderliche Knabe regelmäßig vorbei und kassiert das ein oder andere schmackhafte Bestechungsgeschenk, um anschließend von Fensterbank aus dem Herrn durch die Scheibe bei der Computerarbeit zu zuschauen. Vielleicht kann man da ja noch etwas lernen…. „Die Fenster können wir nicht mehr auflassen, sonst ist er drin“, berichtet das Ehepaar.

Der Kreis schließt sich

Und damit schließt sich der Kreis, der „Circle of Life“. Der Beweis, dass es sich eben genau um den „Henry“ handelt , und halt nicht um irgend einen anderen anonymen verrückten oder verhaltensgestörten Vogel, war schnell unwiderlegbar erbracht - beim Besuch des „Vorbesitzers“. Durch den Zeitungsbericht aufmerksam geworden, wollten die Eschenburger der Sache auf den Grund gehen. Und tatsächlich: Der Häher reagierte auf Zuruf prompt und unverzüglich. „Henry“ sauste im Sturzflug heran, landete auf dem Arm des Mannes und genoss seine Lieblingsspeise – leicht angeröstete Sonnenblumenkerne.
Eines steht fest. Der Vogel ist fit und kann dem feindlichen Leben draußen in der Natur trotzen. Sonst hätte er den letzten strengen Winter ja nicht überstanden. Aber die Frage stellt sich auch: Was nun? „Am besten ignorieren und nicht füttern“, rät die Expertin der Aufzucht- und Auswilderstation. Aber das ist leichter gesagt, als getan. Wer bringt es schon übers Herz, dem Betteln des süßen Kerlchens zu widerstehen? Und die Ornithologin hat noch eine Theorie: „Henry ist auf der Heimreise!“ Wohin? Nach Hirzenhain. Da hat er jetzt noch 19 Kilometer vor sich…..

Keine Vogelscheuche: "Henry" mit Freundin.
Es ist angerichtet: den kleinen Kerl aufzupäppeln, war ein mühsames Geschäft. Doch es hat sich gelohnt.
Hallo Kumpel!
1
Etwas eitel ist er schon. Bewerbungsfoto für die neue Staffel von „Deutschland sucht den Super-Henry“.
Musik liegt „Henry“ im Blut. Seine Stimme ähnelt etwas der des frühen Rod Stewart.
Prägende Einflüsse: Der Eichelhäher hatte sich schon von klein auf an den Umgang mit Menschen gewöhnt.
Warten aufs Frühstück. Dreimal an die Küchenfensterscheibe klopfen bedeutet: „Ich habe Hunger“.
Kleine Nachtmusik: Kammerkonzert mit "Henry".
3
Kitzelig ist er auch noch.
1
Wiedersehensfreude: Auch nach über einem Jahr in freier Natur hat "Henry" seinen "Vorbesitzer" nicht vergessen. Auf Zuruf landete er sofort und ließ sich belohnen.
1
Auf der Deichsel eines in der Hofeinfahrt der Familie Kraft in Gladenbach-Sinkershausen geparkten Pkw-Anhängers liegt bzw. steht  „Henry“ gut getarnt auf der Lauer und peilt die Lage.
Zaungast: Ein Jahr in der freien Natur haben den Vogel reifen und sein Gefieder etwas dunkler und bräunlicher  werden lassen.  Doch der Appetit auf  leicht angeröstete Sonnenblumenkerne ist ungebrochen. Da wird er auch in seiner neuen Heimat schwach.
Ein Prachtkerl Dank Pappi.
Wie aus dem Ei gepellt: Ein Jugendfoto.
2
Schöne Aussicht.
Dinner for one: All inclusive im Hotel (Vogel-)Mama.
Kein Bock auf "Äppelwoi": Dem Hessischen Traditionsgetränk zeigt der Eichelhäher die kalte Schulter.
Selbst Künstler ließen sich von dem kleinen "Henry" und seiner Vertrautheit mit den Menschen inspirieren.

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

So wird man am Eingang Sonnenstraße begrüßt.
Eichelhäher im Bot.-Garten in Gießen
Ich wollte meine neue 100 mm Festbrennweite ausprobieren, das kann...

Kommentare zum Beitrag

Simone Linne
5.040
Simone Linne aus Gießen schrieb am 29.10.2010 um 10:05 Uhr
das ist eine so witzige geschichte, richtig liebevoll geschrieben und toll dokumentiert; freue mich sehr über die Story, danke!
Nicole Freeman
6.932
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 29.10.2010 um 11:09 Uhr
lasst ihn im Vorgarten und freut euch ueber seine Besuche. Klasse geschrieben und tolle Fotos.
Sabine Mayer
599
Sabine Mayer aus Pohlheim schrieb am 29.10.2010 um 12:33 Uhr
Eine schöne Tieggeschichte.
Bernd Zeun
9.252
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 29.10.2010 um 14:50 Uhr
Tolle Geschichte !
Jörg Jungbluth
5.081
Jörg Jungbluth aus Lollar schrieb am 29.10.2010 um 15:03 Uhr
Eine super Geschichte mit einem bitteren Beigeschmack. Er ist an Menschen gewohnt und hat seine Scheu verloren. Bleibt zu hoffen, das er nicht an die falschen Menschen gerät.
Wolfgang Heuser
5.935
Wolfgang Heuser aus Gießen schrieb am 30.10.2010 um 09:34 Uhr
Diesen Artikel konnte ich heute auch in meiner Tageszeitung (OP) so lesen. Hatte vor drei Wochen den ersten Artikel darüber schon mit Interesse gelesen, eine richtig Hinterländer Geschichte, sehr schöner Bildbeitrag!
Regina Appel
4.738
Regina Appel aus Gießen schrieb am 30.10.2010 um 10:34 Uhr
Eine sehr schöne Dokumentation.
Viel Glück dem kleinen Eichelhäher in seinem weiterm Vogelleben.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Jürgen Heimann

von:  Jürgen Heimann

offline
Interessensgebiet: Gießen
Jürgen Heimann
2.590
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
Brüder, zur Sonne, zum Freifall: Magische Augenblicke, aber vom Boden aus nicht zu sehen. Da muss schon ein Skydive-Paparazzi mit von der Partie und ganz dicht am Motiv sein.
Saison-Endspurt: Kehraus am Himmel Breitscheids – Nur noch wenige Tage bis zum Zapfenstreich
Von der "Worscht" mal abgesehen: Alles hat (einmal) ein Ende. Und ein...
Angler-Fantasien: So etwas würde mancher Würmerbader gerne mal am Haken haben. Da ist die Rute bis zum Sollbruch gespannt… Petri geil!
Dicke Brüste und Fische mit Schnappatmung: Petri geil! Der Angler von Welt findet den sexy Karpfen-Kalender total erotisch
nicht nachstehen. Für den Angler von Welt gibt es jetzt, Petri geil,...

Weitere Beiträge aus der Region

Ewald Seidler erläutert die Chronik des Naturschutzgebietes alter Steinbruch, im Hintergrund Teich mit Insel
„Bürgerverein Mensch, Umwelt und Natur e.V“ hatte zum „Dritten Holzheimer Grenzgang“ eingeladen
Holzheim - Zum „Dritten Holzheimer Grenzgang“ hatte der...
Flüchtlinge lernen Schwimmen beim TV07
Sieben jungen Männer und eine Frau aus Eritrea, die in der...
Skizze der Wegstrecke
Dritter Holzheimer Grenzgang am kommenden Sonntag, 18. September 2016
Holzheim - Der Holzheimer Bürgerverein „Mensch, Umwelt und Natur...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.