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Ein Poet kommt in die Jahre – Konstantin Wecker in Garbenteich

von Redaktion GZam 14.12.20091504 mal gelesen1 Kommentar
Pohlheim | „Ich sing für alle, die mit mir noch auf der Suche sind nach einer Welt, die es vielleicht nie geben kann …“, so Konstantin Wecker am Samstagabend in der ausverkauften Kulturhalle in Garbenteich. „Leben im Leben“ heißt die Tour, mit der Wecker zur Zeit unterwegs ist – ein „Best of“ aus vierzig Jahren Musikantenleben. Denn als Musikant sieht sich der umtriebige Künstler am liebsten und als solcher hatte er auch in Garbenteich einen wahrhaft fulminanten Auftritt. Er macht immer noch eine gute Figur auf der Bühne, der „Weltverbesserer" und Poet, der vor zwei Jahren seinen sechzigsten Geburtstag feierte. Nicht leiser, aber ruhiger ist er geworden und seine ersten Lieder an diesem Abend sind nicht frei von der Melancholie, die Rückblicke eben so mit sich bringen. Als er das Lied „Vom alten Kaiser“ als Abschied des alten Mannes von der Macht ansagt, droht die Wehmut geradezu übermächtig zu werden. Und dann, welch ein Glück, durchbricht Wecker die altherrenselige Gemütslage, indem er gemeinsam mit dem Pianisten Jo Barnikel wilde, herrlich jazzige Klangbilder mit hohem Tempo entwirft. Es gibt ihn also noch, den bayerischen Rebell am Flügel mit der großen Lust am prallen Leben.

Und so führte Wecker weiter durch diesen Abend. Ein wenig Gesellschaftskritik, ein bisschen Satire, eine Brise Revolution und ganz viel Lyrik. Er rezitiert Tucholsky, macht sich an Kästner und Goethe ran, liest aus seiner Autobiografie „Die Kunst des Scheiterns“ und bedankte sich mit einem sehr berührenden Lied bei seinem Vater, einem zeitlebens erfolglosen Tenor, für all das, was dieser ihn gelehrt hat. Wecker hat keine Angst vor großen Gefühlen, die er mal mit viel Pathos, mal mit leiser Eindringlichkeit vorträgt. Stets wirkt er authentisch, und auch dafür liebt ihn sein Publikum.

Mit Jo Barnikel scheint Wecker die perfekte Ergänzung gefunden zu haben. Sie tun sich gut, die beiden, und auch das wird vom Publikum honoriert. Der extrovertierte Wecker, der immer wieder seinen Platz hinter dem Flügel verlässt um mit dem Publikum auf Tuchfühlung zu gehen und der zurückhaltende Barnikel, der Weckers Kompositionen mit teils voluminösen Synthesizerklängen unterlegt. Beide sind sie hervorragende Pianisten, die sich mal im Blues, mal im Jazz, im Boogie Woogie oder im Walzer-Takt begegnen. In dem Titel „All die wunderbaren Klänge“ meint man gar den Buena Vista Social Club herauszuhören, so verführerisch lebenskräftig spielen sich die beiden durch den südamerikanischen Rhythmus hindurch.

Konstantin Wecker ist für die Fülle seiner Zugaben bekannt und Jo Barnikel hält mit. Als die Show vorüber ist, liefern sich beide noch einmal ein Tastenduell, in dem sie weder vor Weihnachtsliedern noch vor Anklängen aus der Klassik Halt machen. Sie zitieren die Musikgeschichte rauf und runter – und bei allem Kalkül – es scheint ihnen immer noch großen Spaß zu machen.

„Genug ist nicht Genug“ so der Titel, mit dem Konstantin Wecker in den siebziger Jahren bekannt wurde. In der letzten Zeile heißt es: „Schon Schweigen ist Betrug, genug kann nie genügen.“

Bleibt zu wünschen, dass Weckers Schweigen noch in weiter Ferne liegt und er weiterhin so wort- und stimmgewaltig sein Publikum begeistert. Denn auch das war in Garbenteich nicht zu überhören, die Begeisterung des Publikums an diesem wunderbaren Konzertabend.

 
 

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Kommentare zum Beitrag

Peter Herold
24.460
Peter Herold aus Gießen schrieb am 16.12.2009 um 09:05 Uhr
Ich habe ihn in seiner Anfangszeit in München in der Musikkneipe "Marienkäfer in Schwabig zum ersten Mal erlebt. Hat sich bis auf seine zwischenzeitliche "Schnupfzeit" anscheinend gut gehalten.
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