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Vor vier Wochen war auch das vorbei ...

Spendenübergabe an Weihnachten (re. Lena Sommer)
Spendenübergabe an Weihnachten (re. Lena Sommer)
Pohlheim | Corona dominierte über Nacht auch dieses Hilfsprojekt!

Als Anfang März diesen Jahres das Corona Virus auch in unserem Land zum Alltagsthema mutierte, schien im 10.000 km entfernten südamerikanischen Bolivien noch die Welt in Ordnung. Auch die junge Pohlheimerin Lena Sommer, die mit weiteren 100 Jugendlichen in Bolivien ihr freiwilliges soziales Jahr absolvierte, war zuversichtlich, dass sie auch das letzte Drittel ihrer zwölfmonatigen Tätigkeit in der Behinderten Tageseinrichtung „Hogar Danielita“ in „El Alto“ erfolgreich zu Ende bringen werde. Doch als die ersten zwei Corona Fälle in Bolivien bekannt waren, wurden schlagartig alle schulischen Einrichtungen geschlossen und jegliche Veranstaltungen im Land abgesagt. Auch Flüge von und nach Europa wurden gestrichen und an den Landesgrenzen sofort strenge Kontrollen eingerichtet.
Obwohl die Fallzahlen nur gering anstiegen, wurden die Maßnahmen täglich weiter verschärft, bis sogar ein kompletter Lockdown verhängt wurde. Wer trotzdem seine Wohnung verließ, wurde direkt mit 8 Stunden Gefängnis bestraft. Dann wurden Zeiten eingeteilt wer, wann und wo Lebensmittel besorgen dürfte.
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Am 16. März hat dann das BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit) entschieden, dass alle Freiwilligen aus dem Ausland umgehend nach Hause geholt werden müssen. Am 2. April wurde sie zusammen mit über 450 Bundesbürgern von Santa Cruz nach Frankfurt am Main vom Auswärtigen Amt zurückgeholt. Vielleicht gibt es ja irgendwann ein Wiedersehen, beim Abholen ihres zurückgelassenen Koffers. Denn mit den ihr anvertrauten Kindern war leider kein Abschiednehmen möglich, da die Heimreise in einer „Hals über Kopfaktion“ organisiert und durchgeführt werden musste.

Trotz diesen traurigen und hektischen Abschiedsmomenten ist sie im Rückblick froh und dankbar, dass die Evakuierung durch das BMZ und die Deutsche Botschaft doch so schnell und problemlos funktioniert hat. Denn inzwischen schießen auch in Bolivien die Infektion in die Höhe. Da sie selbst das Gesundheitssystem inklusive Krankenhäuser vor Ort kennengelernt hat, ist sie sehr besorgt um die Menschen dort. Wegen der sehr geringen Einkünfte gehen die Leute dort nur im äußersten Notfall zum Arzt, weil sie diesen ja selbst bezahlen müssen.

Warum gerade Bolivien:
Dass Lena nach ihrem Abitur erst einmal ein soziales Jahr im Ausland absolvieren würde,
Blick von Al Alto hinunter nach La Paz
Blick von Al Alto hinunter nach La Paz
war bei ihr ein lange gehegter Wunsch. Als es dann im Sommer letzten Jahres ernst wurde, beschloss sie in ein Land zu gehen, in dem Spanisch besprochen wird, damit sie die in den letzten sechs Jahren in der Schule gelernte Sprache nicht gleich wieder vergisst. Nach Informationen und Beratung bei der DRK-Gesellschaft „Volunta“ stand für sie fest; „ich will nach Bolivien “!
Dabei haben die Hinweise auf die Schwierigkeiten in diesen Einsatzländern bei ihren Bewerbungsgesprächen und Vorbereitungsseminaren ihren Zielwunsch eher noch gefestigt. Ging es hierbei doch um die großen Kulturunterschiede und besonders um Rassismus auch gegenüber „reichen und weißen Europäern“. Zudem mussten 25 % der Gesamtkosten durch eigene Spendensammlung aufgebracht werden, da das BMZ (Bundesministerium für politische Entwicklung und Zusammenarbeit) nur 75 % finanziert.

Abflug und Anfangsphase:
Der Aufbruch kam dann viel schneller als gedacht, denn bereits am 8. August letzten Jahres ging es ab vom Rhein-Main-Flughafen. Und 24 Stunden später stand sie mit beiden Beinen im bolivianischen Tiefland von Santa Cruz de la Sierra. Es folgten dann zwei Tage Seminar vor Ort, um sich möglichst schnell an die Gepflogenheiten vor Ort ein zu gewöhnen. Nicht nur die
Der „Hogar“ (Kindertagesstätte) ist in den Räumlichkeiten einer Kirche untergebracht
Der „Hogar“ (Kindertagesstätte) ist in den Räumlichkeiten einer Kirche untergebracht
neue Zeitzone, dass generell lockere Zeit Verständnis und die hohen Temperaturen in Santa Cruz, eine neue Währung, besondere Aufmerksamkeit durch ihre blonden Haare und das Toilettenpapier, das nicht in die Toilette, sondern in einen Mülleimer daneben geworfen wird. Dann ging es weiter in die bolivianische Hauptstadt Sucre wo die nächsten zwei Wochen diverse Behördengänge und das Jahresvisum erledigt werden mussten.
Die Nachrichten, wer, wann, wieso und wo sein musste kamen immer recht spontan. Oft erst eine knappe halbe Stunde vorher - typisch bolivianisch. In der restlichen Zeit konnte sie mit ihren Mitfreiwilligen in Ruhe die Stadt und ihre Umgebung beschnuppern.

Die Wohnsituation:
Erst nach zwei Wochen ging es weiter nach La Paz, in die Stadt, die für ein Jahr ihr zu Hause sein sollte. Gelegen auf fast 4000 m über NN, eine der höchsten Städte der Welt. Dies bekam sie auch sofort zu spüren, als sie ihre Koffer vom Busbahnhof in ihre kleine 40 qm große Herberge transportieren musste, welche sie sich mit zwei weiteren Mitfreiwilligen teilte.

Die Arbeitsstelle:
Um täglich ihre Arbeitsstätte „Danielita“ im angrenzenden „El Alto“ zu erreichen, war eine 90-minütige Busfahrt nötig, die je nach Verkehrsfluss auch zwei Stunden
Diese Seilbahn führt von La Paz hoch nach El-Alto. In La Paz gibt es inzwischen über 10 Seilbahnen die den Straßenverkehrs-Kollaps abmildern
Diese Seilbahn führt von La Paz hoch nach El-Alto. In La Paz gibt es inzwischen über 10 Seilbahnen die den Straßenverkehrs-Kollaps abmildern
dauern konnte. Aber diese täglichen „Reisezeiten“ hat sie gerne in Kauf genommen, da ihr die Arbeit mit den Kindern verschiedenster Behinderungen zum Down Syndrom über Autismus bis hin zu Schwerstbehinderungen große Erfüllung bereitet hat. Zu den Schwerpunktthemen ihrer pädagogischen- und didaktischen Betreuung zählten das Trainieren der richtigen Aussprache, der Feinmotorik und der gesellschaftlichen Werte und Normen, damit diese besser im späteren Leben zurechtkommen. Denn nach wie vor ist Bolivien die Betreuung und Förderung von Menschen mit Behinderung kein vordergründiges und gesellschaftliches Thema.


Die politischen Aufstände im Herbst 2019:
Im Oktober sollte in Bolivien ein neuer Präsident gewählt werden, was allerdings in scheinbar unendlichen Unruhen endete und bis heute immer noch nicht geschlichtet ist. Zur Wahl selbst war es ruhig, denn an Wahltagen darf hier kein Auto gefahren werden, es wird kein Alkohol verkauft und viele Geschäfte und Restaurants öffnen gar nicht. Sobald aber erste „angebliche“ Ergebnisse veröffentlicht wurden ging es los. Wahllokale wurden angezündet, es gab zahlreiche Demonstrationen, Schießereien und Tote. Die Freiwilligen durften bald nicht mehr arbeiten gehen, nachts fühlte es sich
Kakteen am Hügelrand der Salzwüste
Kakteen am Hügelrand der Salzwüste
an, als befände man sich im Kriegsgebiet. Als Evo Morales, der bisherige, nicht ganz legal an die Macht gekommene Präsident, dann aus dem Land floh, atmeten die Städte im Süden auf und die Lage entspannte sich. In La Paz bzw. El Alto, ihrem Wohn- und Arbeitsgebiet allerdings beruhigte sich die Lage nicht. Hier ging es jetzt erst richtig los, denn anders als in den Städten im Süden sind die Menschen in der La Paz Region pro Evo Morales eingestellt, der als Indigener der dortigen Bevölkerung sehr nah steht.
Daher wurde eine Ewakuierung ins 800 Km entfernte Santa Cruz in der bolivianischen Tiefebene angeordnet. Auf dem Weg zum Flughafen konnte man auf den Straßen eine regelrechte Verwüstung sehen. Nachdem sich die Lage zwei Wochen später beruhigt hatte, ging es wieder zurück nach La Paz.
Die Neuwahlen wurden immer wieder verschoben. Die für mittlerweile Mai 2020 geplanten Neuwahlen mussten nun aber aufgrund von Corona erneut verschoben werden, was dazu führt, dass der aktuellen Interimspräsidentin Jeanine Áñez vorgeworfen wird, Bolivien wieder in eine Diktatur führen zu wollen. Auch das bleibt also weiter spannend!

Reisen, Land und Leute:
Nachdem die Freiwilligen zu Beginn zwei Wochen in Sucre, der „weißen Stadt“ verbracht haben, der man an jeder Ecke die Kolonialzeit Boliviens ansieht, war man sehr gespannt was Bolivien noch alles zu bieten hat. Gleich zu Beginn haben sie die Ausgrabungsstätte „Tiwanaku“ besucht, die Tiwanakus waren eine Art Torvolk der Inkas und haben mitten im Altiplano (bolivianische Hochebene in den Anden) eine riesige Anlage errichtet. Aber auch am Titicaca-See, dem höchsten beschiffbaren See der Welt, nicht weit von La Paz, wurden tiefe Eindrücke gesammelt.
Den bolivianischen Sommerferien (bei uns über Weihnachten und Silvester) kamen Lena´s Eltern zu Besuch. Gemeinsam haben sie dann besondere Orte und Sehenswürdigkeiten Boliviens aufgesucht, wie zum Beispiel:
„Salar de Uyuni“, ein 12.000 qkm riesiger Salzsee, der so groß ist, dass man kein Ende sieht und scheinbar auf einem Salzplaneten steht. Gibt es doch mitten im Salzsee eine Insel mit Riesenkakteen, die bis zu sechs Meter hoch sind. Danach ging es weiter durch eine trockene Wüst, vorbei an Vulkanen und Lagunen mit Flamingos. Unterwegs sahen wir Sträuße, Lamas, Alpakas, Vicunyas, Hasenmäuse und Füchse. Nachdem sie ihren Eltern die Stadt La Paz gezeigt hatte, ging die Reise weiter durch die Yungas, in der Tiefebene nahe La Paz. Denn bereits nach drei 3 Stunden Fahrt von der Großstadt entfernt befindet man sich auf einmal im Dschungel, alles ist grün und es ist keine Überraschung auf einmal einen Affen über sich zu entdecken.
Auf einer anderen Tour ging es mit befreundeten Mitfreiwilligen noch nach Peru und zum berühmten Machu Picchu sowie den Minen von Potosi. Durch den mittlerweile völlig durchlöcherten Berg „Cerro Rico“ gehörte die Stadt früher einmal zu den reichsten Städten der Welt. Heute arbeiten die Menschen dort jedoch noch genau wie früher, ohne jegliche Maschinen nur mit Handwerkszeugen.

Und wie nun weiter?
Die noch geplanten Landeserkundungen in die chilenische Atacama-Wüste und den Strand in Chile, den Regenwald, die Pampas im Norden Boliviens und Paraguay sind nun leider ins Wasser gefallen. Ebenso gerne hätte Lena noch bis Juni die Kinder im Hogar betreut. Wie sich die restlichen drei Monate des FSJ in Deutschland gestalten, steht im Moment ebenfalls in den Sternen. Wie vieler Orten wirft die Corona-Krise Fragen über Fragen auf.


Unterstützung und Benefits
Aber auch die in der Pohlheimer Heimat am 15. März geplante Benefizveranstaltung zugunsten des „Hogar Danielita“ fiel bereits dem Corona Virus zum Opfer. Jedoch ist auch hier der Gesangverein Eintracht 1869 Watzenborn-Steinberg e.V. zuversichtlich, diesen Abend mit dem Thema „Wanderlied und Wandertour“ bei gesunder Wetterlage nachzuholen.

Denn dass sich das Engagement von Lena Sommer im entfernten Bolivien bei ihren Freunden, Verwandten, Bekannten und Vereinen großer Beliebtheit und Hochachtung erfreut, zeigt sich in den Spenden von 2.500 USD, die sie während ihrer Freiwilligenzeit sammeln konnte und wofür sie unendlich dankbar ist. Am ersten Weihnachtstag 2019 hat sie diese Spende der Leitung des Hogar vor Ort in La Paz persönlich überreicht (siehe Bild).

Spendenübergabe an Weihnachten (re. Lena Sommer)
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Blick von Al Alto hinunter nach La Paz
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Der „Hogar“ (Kindertagesstätte) ist in den Räumlichkeiten einer Kirche untergebracht
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Kommentare zum Beitrag

Bernd Zeun
11.564
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 27.04.2020 um 09:34 Uhr
Sehr interessanter Bericht mit tollen Fotos, hätten auch ein paar mehr sein dürfen.
Günther Dickel
3.359
Günther Dickel aus Pohlheim schrieb am 30.04.2020 um 21:49 Uhr
Vielen Dank! Wenn wieder Versammlungen möglich sind, wird Lena mit einem Diavortrag und Geschichten von ihrer achtmonatigen FS J-Tour berichten. Ich werde dies rechtzeitig ankündigen.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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von:  Günther Dickel

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Interessensgebiet: Pohlheim
Günther Dickel
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