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"Ohne Veredlung funktioniert der Obstbau nicht - kopulieren, aus zwei mach eins"

von Ulrich Sannam 23.04.2018339 mal gelesen1 Kommentar
Klaus Schuh freut sich über erste Blüten an dem 15 Sorten Apfelbaum im Lehrgarten des OGV
Klaus Schuh freut sich über erste Blüten an dem 15 Sorten Apfelbaum im Lehrgarten des OGV
Pohlheim | Zum „Veredlungskurs“ hatte der Obst- und Gartenbauverein (OGV) Watzenborn-Steinberg e.V. am Samstagvormittag in den Lehrgarten angrenzend an das Gelände des Kleingartenvereins (KGV) Lückebach Watzenborn-Steinberg e.V. eingeladen. Klaus Schuh, der „Veredlungsfachmann“ des OGV begrüßte die Gäste und erläuterte zur Einleitung dieser Fortbildungsveranstaltung den Sinn und Zweck der Obstbaumveredlung.

Die wichtigste Erfahrung jedes „Obstbauers“ sei, so Schuh: „Ohne Veredlung funktioniert der Obstbau nicht.“ Ein Sorten echter Obstbaum könne nicht aus Kernen gezogen werden, sondern müsse mit Zweigen oder Knospen der gewünschten Obstsorte veredelt werden. Aus eingepflanzten Kernen wachse nicht die identische Obstsorte.

Der Hauptzweck der Veredelung sei daher die Erhaltung von Eigenschaften bestimmter Sorten. Obstsorten, die sehr schmackhafte oder besondere Früchte hätten, gute jährliche Fruchterträge brächten, oder wenig krankheitsanfällig seien, könnten durch Aufpropfen von Edelreisern auf eine geeignete Unterlage vermehrt werden.

Wie „gepfropft“ werde, um seinen „eigenen“ Apfel- oder Birnenbaum selber
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zu veredeln, zeigte Schuh an verschiedenen Beispielen. Dazu gehörten vor allem rasiermesserscharfe Schneidwerkzeuge, um glatte Schnittflächen an Reisern und Ästen herzustellen. "Aus zwei mach eins", hieß es anschließend. Die durch eine der möglichen Schneidetechniken geöffnete Rinde an einem Ast der Unterlage werde mit einem Reis der neuen Sorte auf den glatten Schnittflächen zusammengefügt.

Der Zusammenhalt der gewünschten neuen Verbindung, werde durch straffes Umwickeln mit Bast oder schmalem Gummiband gewährleistet. Die mit Band umwickelte neue Verbindung werde abschließend mit Baumwachs oder „künstlicher Rinde“ verschlossen, damit keine Krankheitserreger oder Insekten in den frisch geöffneten Bereich eindringen könnten. Schuh zeigte unter Verwendung von Edelreisern neben der einfachen auch die spezielle Rindenverdlung, das „Titelpropfen“ und „kopulieren“ von dünnen Reisern.

Ähnlich funktioniere die Geißfuß Veredlung. Dabei werde aus der Unterlage ein kleiner Holzkeil herausgeschnitten und in diese längliche Öffnung ein Veredlungsreis eingepasst.

Besondere Fingerfertigkeit, aufgrund der kleinen Dimension, erfordere das Okulieren einer Knospe. Diese Veredlungsmethode bringe, im Gegensatz zu den zuvor gezeigten Verfahren, im Sommermonat August den größten Erfolg.

Edelreis wird zurechtgeschnitten
Edelreis wird zurechtgeschnitten
Darüber hinaus vermittelte Schuh während seiner praktischen Vorführungen sein Wissen für das Schneiden und Lagern von Edelreisern, sowie die Auswahl der passenden Veredelungsunterlagen.

Unterstüzt wurde Schuh von seinem OGV Kollegen Steffen Schmidt. Er und andere Mitglieder des OGV pflegten die sechzig Bäume im Lehrgarten des Vereins. Insgesamt wachsen auf diesen Bäumen 120 verschiedene Obstsorten.

Zwei Bäume wurden durch Veredlungen im Laufe der Jahre Spitzenreiter der Sortenvielfalt. Auf dem einen Apfelbaum wachsen elf und auf dem Nachbarbaum fünfzehn verschiedene Apfelsorten.

Der erste Grundbaum, ein Gelber Edelapfel, trägt 11 Apfelsorten: Schöner aus Boskoop, Haberts Renette, Croncels, Ontario, Mutsu, Wintergoldparmäne, Roter Astrachan, Parkers Pepping, Kohlapfel, Canada Renette.

Der zweite Grundbaum, ein Gravensteiner, trägt 15 Sorten: Schöner aus Norhausen, Champagner Renette, Königsapfel, Roter Eiserapfel, Roter Herbstkalvill, Gacksapfel, Graue französische Renette, Bittenfelder Sämling, Antonovka, Trendelburger Kalvill, Körler Edelapfel, Ingol,Finkenwerder Herbstprinz, Schöner aus Herrenhut.

Die verschiedenen Sorten an beiden Grundbäumen wurden von anerkannten Pomologen bestimmt.

Klaus Schuh freut sich über erste Blüten an dem 15 Sorten Apfelbaum im Lehrgarten des OGV
Edelreis wird zurechtgeschnitten
Edelreis wird unter die geöffnete und gelockerte Rinde geschoben
Edelreiser werden mit Bast fest mit der Unterlage verbunden
Die frische Pfropfung wird dicht mit Baumwachs verschlossen
Eine "Geißfußkerbe" wird in die Unterlage geschnitten
Ein Edelreis wird in die "Geißfußkerbe" eingepasst
Eine Knospe wird für die Okulation vorbereitet
Edelknospe wird in die Unterlage eingeschoben
Die okulierte Edelknospe wird mit Gummiband fixiert und dann mit Baumwachs geschützt
Edelreis wird zur Kopulation vorbereitet
Edeltreis und Unterlage werden kopuliert, dann mit Band umwickelt und mit Baumwachs verschlossen
Steffen Schmidt, Klaus Schuh und Dieter Gerbig erörtern "Rettungsmaßnahmen" an einem erkrankten Baum

Kommentare zum Beitrag

Oliver Schöffmann
46
Oliver Schöffmann aus Pohlheim schrieb am 23.04.2018 um 21:24 Uhr
Ein wunderbarer Bericht. Das ist Natur pur und man kann vieles daraus lernen! Nur schade das immer weniger Menschen dazu bereit sind, in die Natur zu investieren und genau diese Ziele zu verfolgen und zu fördern. Danke an den Autor, seine Bemühungen und die schönen Bilder. Es lebe die Natur, es sterbe die Landversiegelung, die in immer größerem Ausmaß voranschreitet...
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von:  Ulrich Sann

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