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Zweite Lesehalbzeit April 2020

Mücke | Dies ist zweifellos das beste Buch, das ich bisher in 2020 gelesen habe: Die Bilder unseres Lebens von Ines Thorn. Die Bilder, das sind Momentaufnahmen aus fast 5 Jahrzehnten deutsch-deutscher Geschichte am Beispiel der Familie Lindemann, die in Leipzig das Kino „Die Schauburg“ betreibt und nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet wird. Während Vater Gerhard, den schlimmste Kriegserlebnisse belasten, lange auf die Parolen der neuen Machthaber setzt, bis er sie irgendwann nur noch mit genug Alkohol ertragen kann, fällt es Mutter Ursula schwer, die Vorgaben der Partei für ihr geliebtes Kino zu erfüllen. Tochter Ursula, Lehrerin, bekommt nach einem geringfügigen Vergehen ihres Lebensgefährten Probleme mit der Stasi. Sohn Stefan „macht rüber“, noch rechtzeitig vor dem Mauerbau, um in der BRD für seine Träume zu arbeiten und zu leben. Im Sommer 1986, 3 Jahre vor der Wende, kommt es zu einem Treffen der noch lebenden Familienmitglieder aus Ost und West am Plattensee in Ungarn. Ich bin im Westen aufgewachsen, ohne Verwandte in der damaligen DDR, ohne Einblicke in das Leben dort, daher war der Roman und sein bildhafter
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Schreibstil für mich sehr aufschlussreich und gleichermaßen erschütternd. Fast jedes Kapitel endet mit dem Satz: „Und im Kino lief ...“. Filmgeschichte passend zur Zeit- und Lindemannschen Lebensgeschichte. Ein absolut gelungener und nachdenkenswerter Roman.
In Jane Austen – Jagd auf das verschollene Manuskript“ von Kathleen Flynn reisen Rachel und Liam aus einer nicht weiter erklärten Zukunft ins Jahr 1815, um Briefe und das verschwundene Manuskript des nie erschienen Romans „Die Watsons“ der berühmten Schriftstellerin Jane Austen zu finden und, ja, zu stehlen. Den beiden Zeitreisenden gelingt es, mit der Familie Austen in Kontakt zu kommen und Freundschaft zu schließen mit unerwarteten Auswirkungen auf die Zukunft, in die sie wieder zurückkehren. Das Ganze ist in einem Stil geschrieben, der dem von Jane Austen ähnelt. Gerne möchte man, wenn auch nur vorübergehend, eine Weile im 19. Jahrhundert verbleiben, bei Teegesellschaften, bei Einladungen zum Dinner und mehr. Flynn hat die Atmosphäre der Regency-Zeit, sowie ihre Sitten und Gebräuche sehr plastisch dargestellt. Mir hat der Roman gut gefallen, bin ich doch ein Fan von Zeitreisegeschichten.
Lottes Träume von Beate Maly ist ein unterhaltsamer, historischer Roman. Die junge Charlotte Seidl reist 1904 nach dem Tode ihres Vaters von Mürzzuschlag in der Steiermark nach Wien und findet dort dank ihrer Kenntnisse im Bergsteigen und Skifahren eine Stelle als Verkäuferin im Sportgeschäft von Mizzi Kauba. Die bietet in ihrem Laden entgegen aller gesellschaftlicher Konventionen Bergsportartikel und -kleidung für Männer UND Frauen an. Skifahrende Damen und dabei in Hosen, trotz kurzem Rock drüber, das war ein Skandal. Neben dem Sport werden im Roman noch weitere Themen angesprochen: schlecht behandelte Angestellte, die von jetzt auf gleich ohne Grund entlassen werden konnten, obdachlose Kinder, Antisemitismus, gleichgeschlechtliche Liebe, Standesdünkel und anderes. Fast schon ein bisschen zu viel für ein einziges Buch. Aber zum Glück gibt’s ein Happy End für Lotte mit einem jungen Arzt. Eine Fortsetzung der Geschichte soll im Herbst erscheinen. Habe ich notiert. Übrigens: Mizzi Kauba und ihr Geschäft gab es tatsächlich in Wien. Sie war im übrigen die einzige weibliche Teilnehmerin des ersten Skirennens (Slalom) 1905 in Lilienfeld.
Krimis wurden natürlich auch gelesen. In Mexikoring von Simone Buchholz brennen in Hamburg Autos. Dass in einem Fahrzeug ein junger Mann zu Tode kam, führt die trinkfeste Staatsanwältin Chas Riley und ihre Polizeikollegen zu arabischen Clans in Bremen. In diesen nicht integrierten, abgeschlossenen, kriminellen Familien herrschen Männer brutal über Töchter und Schwestern. Ist es eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte, mit der Chas & Co, es zu tun haben? Oder steckt noch etwas anderes dahinter? Alles zutiefst verstörend und auch traurig. Zu Recht hat die Autorin 2019 den Deutschen Krimipreis für diesen Roman gewonnen. Aber Achtung: der bei aller sprachlichen Härte und Flapsigkeit auch poetische Züge aufweisende Schreibstil ist nicht jedermanns/fraus Ding. Ich mag ihn.
Denn du sollst sterben“ von Deborah Crombie ist bereits der 18. Teil der „Kincaid-James-Romane“. Alle liebgewonnenen Personen sind wieder mit dabei: Duncan, Gemma, ihre 3 Kinder sowie die Kollegen Melody und Doug. Es geht dieses Mal ein bisschen in Richtung kulinarischer Krimi – ein Sternekoch wird ermordet – die Spannung hält sich jedoch in Grenzen. Trotzdem: wie gewohnt gute Kost zubereitet von Crombie.

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Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
28.858
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 30.04.2020 um 15:46 Uhr
Du stellst immer so schöne Bücher vor. Das erste hat mich berührt, denn meine Jugend fand auch in einem bzw. in mehreren statt
Ingrid Wittich
20.900
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 01.05.2020 um 10:19 Uhr
Meinst du Kinos, Peter?
Margrit Jacobsen
8.917
Margrit Jacobsen aus Laubach schrieb am 03.05.2020 um 15:36 Uhr
Die Bilder unseres Lebens wäre mein Favorit, ansonsten, wie immer, Hochachtung vor so ner Menge Lesestoff...ich lese derzeit eher in der Steuererklärung.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Ingrid Wittich

von:  Ingrid Wittich

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