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Lesehalbzeit April 2019 – mal keine Krimis

Mücke | Die verlorene Schwester von Linda Winterberg spielt in der Schweiz. Anna, ledig, Anfang 30 und erfolgreiche Bankerin, findet im Jahr 2008 heraus, dass sie in den 1970ern adoptiert wurde. Zusammen mit Journalistin Claudia macht sie sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Die beiden stoßen auf das traurige Schicksal der Schwestern Marie und Lena, sogenannte „Verdingkinder“. Von ca. 1800 bis in die 1980er (!) Jahre wurden in der Schweiz Waisenkinder oder Kinder aus Problemfamilien „administrativ versorgt“. Entweder kamen sie in Heimen oder „Arbeitserziehungsanstalten“ unter oder wurden an Pflegefamilien „verdingt“, wo sie selten gut behandelt wurden. Sie mussten hart arbeiten, Schulbesuch gab es nur in Ausnahmefällen. Misshandlungen, die oft tödlich endeten, und sexueller Missbrauch waren an der Tagesordnung.
Marie und Lena, die ihrer nach dem Tod des Vaters in eine tiefe Depression gefallenen Mutter entrissen wurden, mussten in unterschiedlichen Pflegestellen viel Leid und Demütigungen ertragen bis sie nach ihrer Volljährigkeit wieder ein normales Leben führen konnten und sich erst nach vielen
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Jahren wieder trafen. Im wirklichen Leben gelang dies nur den wenigsten dieser geschundenen Kinder. Im Nachwort schreibt die Autorin, dass die Schweizer Justizministerin im Jahr 2013 bei den Verdingkindern um Entschuldigung für das erlittene Unrecht bat. Flüssig zu lesen und emotional sehr berührend.
Deutsches Haus von Annette Hess - Frankfurt 1963. Die junge Gastwirtstochter Eva Bruhns, deren Eltern das Lokal „Deutsches Haus“ führen, arbeitet als Übersetzerin für Polnisch. Durch Zufall wird sie verpflichtet, bei einem Prozess Zeugenaussagen zu übersetzen. Nicht bei irgendeinem Prozess, sondern bei dem ersten Auschwitz-Prozess in Deutschland. Ihre Eltern sind darüber wenig erfreut und wollen mit der Tochter nicht über die Vergangenheit reden. Warum? Evas Verlobter Jürgen, reicher Erbe eines Versandhandels, will es ihr gar verbieten und wird deswegen sogar beim Staatsanwalt vorstellig. War so etwas tatsächlich möglich in den frühen 1960ern? Aber war denn auch das Unfassbare, das Eva Tag für Tag im Gerichtssaal hört, tatsächlich möglich? Der organisierte Massenmord mit mindesten 1 Million (1 000 000) Toten alleine in Auschwitz. Und dazu von den Angeklagten nur Lügen, keine Reue, keine Entschuldigung. Nichts! Eva erfüllt ihre Aufgabe und wächst daran, auch wenn sie am Ende bei dem Versuch sich bei einem polnischen Überlebenden zu entschuldigen scheitert. Trotz einiger Schwächen wie z.B. die nicht überzeugende Figur des Kanadiers David oder die unerklärten und für die Romanhandlung irrelevanten Aktionen von Evas Schwester Annegret auf der Säuglingsstation im Krankenhaus ein beeindruckender und gut lesbarer Roman gegen das Vergessen.
Zum Entspannen danach ein wenig Kitsch: Die Frauen der Rosenvilla von Teresa Simon alias Brigitte Riebe. - Dresden 2013. Beim Neuanlegen des Rosengartens ihrer vom Großvater geerbten Villa findet die junge Chocolatiere Anna Kepler eine vergrabene Box mit Briefen und Tagebuchaufzeichnungen von 1892 bis 1940 und ein damit verbundenes tragisches Familiengeheimnis. Nett, durchaus spannend, mit viel Liebe und Leidenschaft und natürlich einem Happy End.

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Kommentare zum Beitrag

Margrit Jacobsen
8.887
Margrit Jacobsen aus Laubach schrieb am 16.04.2019 um 10:25 Uhr
Gute Empfehlungen wieder, "Schweiz" werde ich in jedem Fall besorgen.
Ingrid Wittich
20.741
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 16.04.2019 um 11:16 Uhr
Ja, Margrit, "Schweiz" war sehr gut. Auch "Deutsches Haus".
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von:  Ingrid Wittich

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Interessensgebiet: Mücke
Ingrid Wittich
20.741
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