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Es war einmal ... eine kleine Bücherei in Nieder-Ohmen - Erinnerungen

Mücke | Eine kurze Geschichte zu Simone Linnes Frage der Woche: Wie war Ihre Kindheit in Mittelhessen und auch zur Frage nach dem Lieblingsbuch. Und auch weil gerade die Buchmesse stattfindet.
1952 war ich 6 Jahre alt und wurde eingeschult. Nachdem ich das ABC begriffen hatte, wollte ich lesen, lesen, lesen. Bald war ich mit allen Kinderbücher im Haus durch, darunter eins von Oma mit dem Titel „Wolf der Junker“, das in Fraktur gedruckt war. Schwierig, doch da ich wissen wollte, wie aus dem Junker ein Ritter wurde, arbeitete ich mich durch und nach nur wenigen Seiten hatte ich keine Probleme mehr mit diesen merkwürdigen Buchstaben.
Ab und zu bekam ich ein Buch geschenkt, aber das genügte mir nicht. Wie also an mehr Lesestoff rankommen?
Im Evangelischen Pfarramt in Nieder-Ohmen gab es eine kleine Bücherei, die immer dienstags von 19 – 21 Uhr geöffnet war. Den ersten Gang dorthin musste meine Mutter tun, die Sache ergründen und mir ein Buch ausleihen. Ich war zu schüchtern, traute mich nicht.
Aber dann stand ich jede Woche genau wie viele andere, Jüngere und Ältere, in dem kleinen Raum mit den vollen Regalen und las mich
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nach und nach durch den Bestand. Ich begleitete „Försters Pucki“, "Nesthäkchen“ und „Trotzkopf“ vom Kindsein bis zur Heirat, sowie „Bettina“ auf dem Weg von der Schule ins Berufsleben. Das Mädchen „Bettina“ liebte ich, weil sie eines Tages eine „Vespa“ fuhr, obwohl ich damals, in den späten Fünfzigern, gar nicht so genau wusste, wie dieses Zweirad eigentlich aussah. Auch die Jungenbuch-Serien ließ ich nicht aus: Bomba, der Dschungelboy, so eine Art kindlicher Tarzan, Jörg und Jochen Freymuth, zwei Abenteurer auf den Weltmeeren und viele mehr. Später war natürlich auch Karl May dran.
Kaum hatte ich ein Buch nach Hause getragen, lag ich auch schon auf dem Sofa, verschlang die Geschichten und dazu kleine Brot-Häppchen, die mir meine Großmutter so ganz nebenbei zuschob. „So isst das Kind wenigstens“ wird sie wohl gedacht haben.
Das Fernweh wurde durch diese Lektüre geweckt. Nach Johanna Spyris „Heimatlos“ wollte ich unbedingt den Gardasee kennenlernen, „Die letzten Tage von Pompeji“ machten mich neugierig auf die Ausgrabungen bei Neapel und seit „Vom Winde verweht“ lockten Atlanta und die amerikanischen Südstaaten. Die Reisewünsche gingen im Laufe der Jahre in Erfüllung. Im Jahr 1965 wurde mit dem ersten selbstverdienten Geld der Traum vom Gardasee wahr. 1972 spazierte ich durch die Ausgrabungsstätten in Süditalien und 1991 konnte die Sehnsucht nach dem „Tiefen Süden“ gestillt werde.
Letztendlich wurden in dieser Zeit auch die Weichen für meine Entscheidung gestellt, nach dem Abitur den Beruf der Bibliothekarin zu ergreifen.
Was ist aus den Büchern der Pfarrbibliothek geworden? Eines Tages löste man die Bücherei auf, ein Teil des Lesestoffs, der jahrelang Wegbegleiter einer ganzen Generation junger Leute in Nieder-Ohmen gewesen war, wurde in die Bibliothek der Gesamtschule integriert und ein Teil „entsorgt“, weil vermutlich sehr zerlesen oder nicht mehr zeitgemäß. Schade drum!

Kommentare zum Beitrag

Simone Linne
5.041
Simone Linne aus Gießen schrieb am 07.10.2010 um 19:03 Uhr
Liebe Frau Wittich

auch hier gilt mein Kommentar, den ich schon unter Frau Toths zauberhaften Artikel gesetzt habe: Ich bin so begeistert, freue mich (abgesehen davon, dass ich Ihre Liebe zu Büchern sooo gut verstehen und nachvollziehen kann!) über solche Geschichten. Ebenso schön für diejenigen, die sagen können: "Ach, weißte noch ...", wie auch für die, die sagen "Ach, so war das damals ..." Eine echte Bereicherung für alle Generationen, wie ich meine!
Ingrid Wittich
20.981
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 07.10.2010 um 19:30 Uhr
Danke sehr, Frau LInne.
Clemens-Brentano-Europaschule (CBES)
291
Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) aus Lollar schrieb am 07.10.2010 um 19:47 Uhr
Ein tolles Lesförderprogramm ist heute "Antolin".
Astrid Patzak-Schmidt
3.432
Astrid Patzak-Schmidt aus Gießen schrieb am 07.10.2010 um 19:52 Uhr
Wunderbar geschrieben, ich sehe so einige Parallelen zu meinem Bücherkonsum. Auch ich konnte lesen, bevor ich zur Schule kam. Ich habe es mir irgendwie selbst beigebracht, indem ich hier und da meine Umgebung gezwungen habe, mir die Buchstaben zu verraten, die ich nicht kannte. Als ich zur Schule kam, schenkten mir meine Eltern mein erstes eigenes Buch: "Milli-Molli, unsere Beste". Vorher musste ich mich aus Zeitungen bedienen, doch das war egal. Lesen, lesen - auch ohne alles zu verstehen. Das war (und ist) eine unstillbare Leidenschaft!
Schon im 3. Schuljahr hatte ich den Vorrat unserer Grundschul-Bücherei ausgelesen. Dann hatte ich die wahnwitzige Idee, ich könnte es eines Tages schaffen, ALLE Bücher dieser Welt zu lesen. Doch irgendwie gab es dann doch so viele, die Zahl war mir immer um ein unfassbares Quantum voraus.
Ach, ich hätte schon Lust, das auch mal aufzuschreiben. Meine Karl May-Sucht, meine niederen Dienst, die ich für Pfennige verrichtet habe, um mir einen neuen Band kaufen zu können. Ich habe meinem Bruder die Schuhe geputzt, für ihn Botengänge gemacht, geknechtet ...
Und wie ist das heute bei vielen Kindern? Der Trend geht zum Zweitbuch ... doch Gottseidank nicht für alle.
Es gibt tatsächlich noch Leseratten - und es gibt ein ganz phantastisches Online-Programm zur Leseförderung: "Antolin". Das ist ein heißer Tipp für alle, die Kinder oder Enkel bis ca. 14 Jahren haben.
Ingrid Wittich
20.981
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 07.10.2010 um 22:15 Uhr
"Antolin" werde ich weitergeben an meine Freunde mit Kindern und Enkeln. Einige der von mir damals heißgeliebten Jugendbücher habe ich mir inzwischen sehr preiswert antiquarisch gekauft z.B. die Freymuth-Abenteuerserie. Einzelne Bände der Bomba-Reihe kosten heute zwischen 20 und 60 Euro. Das ist mir der Spaß allerdings nicht wert.
Simone Linne
5.041
Simone Linne aus Gießen schrieb am 08.10.2010 um 11:12 Uhr
oh, dieses "alles-tun-für-ein Buch" kenne ich auch. Meine Eltern haben mir Geld für "was zu trinken" in die Schule mitgegeben. Ich habe einige Male auf die geliebte Cola verzichtet und dann reichte es wieder für ein Taschenbuch ;-)
Mathias von Kutzleben
5.328
Mathias von Kutzleben aus Gießen schrieb am 08.10.2010 um 11:36 Uhr
Auch hier eine sehr schöne Geschichte wie bei Ilse. Eine ausgewiesene Leseratte bin ich allerdings nicht.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Ingrid Wittich

von:  Ingrid Wittich

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Interessensgebiet: Mücke
Ingrid Wittich
20.981
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