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Another day in paradise...

von Andrea Meyam 01.12.20141723 mal gelesen7 Kommentare
Lollar | Wir alle erinnern uns an jenes Lied von Phil Collins, welches er im Jahre 1989 veröffentlicht hat. Er hat damals auf die Not der Obdachlosen insbesondere in den USA aufmerksam gemacht.
An genau dieses Lied wurde ich heute während eines rührenden Augenblickes erinnert.
Wir, eine kleine Gruppe von 5 Bürgerreporten, unternahmen einen schönen Ausflug auf den Weihnachtsmarkt nach Michelstadt. An vielen Ecken hockten Bettler, überwiegend aus Osteuropa. Es ist mittlerweile längst bekannt, dass hinter diesen armen Menschen die "Bettelmafia" steckt, die irgendwo mit einem teuren Auto wartet, um den armen Menschen das Geld wieder abzunehmen. Um das Mitleid der Menschen noch zu verstärken, wird oft ein kleiner Hund mit auf die Decke oder in die Arme des Bettlers gesetzt.
Oft übersieht man in der Hektik des Treibens, dass irgendwo in einer Ecke ein armer Mensch hockt, der keiner Bettelmafia angehört. Diese Menschen haben oft durch schwere Schicksalsschläge alles verloren. Ihren Beruf, ihre Familie, und ihr zu Hause.
Wir fuhren weiter nach Erbach, zu einem Weihnachtsmarkt, der vor einer wunderschönen Kulisse stattfindet.
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Als wir durch einen alten Torbogen schlenderten, ist er mir bereits aufgefallen. Ein armer, alter Mann hockte in einer Ecke. Ganz still. Ohne jemanden zu belästigen. Ich ließ mich von der Menschenmenge weitertreiben. Wir haben die schöne Kulisse genossen, vor der dieser kleine, aber feine Weihnachtsmarkt aufgebaut war. Wir ließen es uns gut gehen. Kauften einige schöne Weihnachtsartikel, haben uns noch etwas leckeres zu Essen geholt.
Der alte Mann indes hockte weiter unter dem Torbogen. Er kann sich keine leckeren Sachen auf dem Weihnachtsmarkt kaufen, geschweige denn Dekorartikel.
Auf dem Rückweg gingen wir wieder an ihm vorbei. Eine unserer Bürgerreporterinnen, die ein sehr feines Gespür für Menschen und auch Tiere in Not hat, ging nicht achtlos an ihm vorbei. Sie hat sofort erkannt, dass dort ein alter Mann hockt, der wirklich nichts mehr hat. Er war kein Osteuropäer. Er war "ein vergessener Mensch aus unserer Gesellschaft". Sie beugte sich zu ihm herunter. Sie sprach ein paar Worte zu ihm. Sie hat ihm einen Geldschein in die Hand gedrückt. Ich wusste nicht, was sie zu ihm sagte, aber ich sah, wie sie ihm aufmunternd über die Wangen strich und ich hörte, wie er ihr "auch frohe Weihnachten" wünschte. Als wir weitergingen, drehte ich mich noch einmal nach ihm um und ich sah, wie dem alten Mann Tränen über die Wangen kullerten.
Der arme alte Mann hat endlich ein wenig Geld, um sich etwas essbares zu kaufen. Aber es ging um noch viel mehr: endlich bekam er etwas zu spüren, was ihm oft verwehrt bleibt: menschliche Wärme und Zuneigung!
Als ich unsere Bürgerreporterin darauf ansprach, erinnerte sie uns daran, wie gut es uns doch allen geht. Wir müssen keine Not leiden, wir können Weihnachten mit der Familie feiern, aber es gibt immer irgendwo auf dieser Welt Menschen, die nichts mehr haben, die einfach übersehen und vergessen werden. Dieser Moment hat uns wirklich zu Tränen gerührt.
Ich wünsche allen Lesern eine schöne und besinnliche Vorweihnachtszeit.
Aber wir dürfen jene Menschen nicht vergessen, die durch schwere Schicksalsschläge ungewollt ins Abseits gedrängt werden. Die nichts mehr haben. Die keine Familie haben, mit der sie Weihnachten feiern können.
Man sieht sie nicht nur in den Straßenschluchten der Großstädte.
Sie leben einsam in ihrem alten, kleinen Häuschen auf dem Land.
Sie leben abgeschoben in Altersheimen. Keiner kümmert sich mehr um sie.
Oder sie hocken eben doch mitten im Einkaufszentrum.
Einsam und in der Hektik des Treibens oft übersehen.
Wir möchten alle eine schöne und besinnliche Vorweihnachtszeit erleben.
Dennoch sollten wir auch jene Menschen nicht vergessen, denen das nicht gegönnt ist.
Wer kein Geld spenden möchte:
Mancher Mensch freut sich einfach nur über ein bisschen Zuwendung oder vielleicht einen heißen Kaffee, den man ja mittlerweile überall als "Coffé To Go" bekommen kann.

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Kommentare zum Beitrag

Nicole Freeman
10.764
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 01.12.2014 um 06:56 Uhr
das ist weihnachten !!!
danke fuer diesen bericht und danke an die buergerreporterin die das einfach so gemacht hat.
Christine Weber
7.489
Christine Weber aus Mücke schrieb am 01.12.2014 um 09:49 Uhr
Ich finde es schlimm, dass durch die "Bettel-Mafia" diese armen Menschen übersehen werden. In einer Reportage wurde aufgedeckt, wie diese "Bettel-Mafia" mit angeblichen Krankheiten bei den Menschen Mitleid erweckt. Sie gehen ein paar Schritte weiter und welch ein Wunder - sie sind geheilt.
Einen schönen Bericht hast Du da über unseren Ausflug geschrieben. Es war wieder ein sehr schöner Tag.
Birgit Hofmann-Scharf
10.362
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 01.12.2014 um 11:44 Uhr
Liebe Andrea, dass ist mit Abstand der schönste Beitrag in der Vorweihnachtszeit - denn aus dem richtigen Leben.
Mich hat dieses Erlebnis ebenfalls sehr berührt - dieses Signal der Menschlichkeit, diese besondere Kennzeichnung der Weihnachtszeit.
Ich weiss nicht, wer feuchtere Augen hatte, der arme alte Mann oder die liebenswerte BRin ( oder ich / wir ) .
Liebe Gönnerin, nicht nur der arme, alte bärtige Mann sondern auch ich danke Dir für diesen Beweis der Menschlichkeit. Deine Geste wurde wahrscheinlich von mehreren Menschen gesehen und sicher auch mit nach Hause genommen. Evtl. machen sich einige nun Gedanken darüber - ich auf jeden Fall !!!!

LG
Birgit

Beitrag zum Ausflug folgt
Ilse Toth
38.650
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 01.12.2014 um 12:36 Uhr
Auch diese armen, dünnen Gestalten, die von der "Bettelmafia" angeheuert werden, sind bedauernswerte Menschen. Sie hocken stundenlang auf dem kalten Boden in den Fußgängerzonen, mangelhaft bekleidet. Die Bosse haben schnell erkannt, dass mit Hunden der Geldbeutel schneller geöffnet wird. Warum sitzen diese Menschen da? Weil sie in ihrem Land keine Unterkünfte haben, nichts zu essen, keine Krankenversorgung. Letztes Jahr waren es Ungarn. Da ich die Sprache ein wenig spreche, habe ich mich mit ihnen unterhalten. Sie waren voller Angst, Angst vor ihren "Herren", denen sie abends das Geld geben müssen. Moderne Sklaverei! Ich gebe kein Geld, aber ein warmes Getränk und ein belegtes Brötchen, das gebe ich gerne.
Liebe Andrea, danke für den Bericht! Ich denke noch immer an den alten, mageren Mann, der so kalte Hände hatte und so unendlich traurige Augen. Wir mussten zurück zum Bus, seine Lebensgeschichte hätte mich interessiert und ich hätte gerne mehr für ihn getan. Für uns alle war es ein trauriges Erlebnin am Ende eines schönen Tages.
Jutta Skroch
13.688
Jutta Skroch aus Buseck schrieb am 01.12.2014 um 14:08 Uhr
Mir kommen gerade die Tränen, wie öfter in der letzten Woche, zum einen wegen der tödlichen Prügelattacke, zum andern jetzt wegen deiner anrührenden Geschichte.

@Rainer, ich glaube man kann recht erkennen, welche armen Socken für sich betteln und die die für ihren "Boss" betteln.

@Ilse, du hast schon recht, sie sind das letzte Glied in der Reihe und am schlechtesten dran. Das ist die eine Seite, die andere ist natürlich, es nicht auch noch zu unterstützen. Da ist was Essbares oder ein Kaffee schon die bessere Wahl, aber was ist, wenn er im Laufe des Tages nur noch Ess- oder Trinkbares angeboten bekommt, dann passt er irgendwann mal? Wenn die abends nicht genug zusammen haben, geht es denen sauschlecht.
Ilse Toth
38.650
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 01.12.2014 um 14:24 Uhr
Ja Jutta, auch das wurde im Fernsehen berichtet. Sie bekommen Prügel und Entzug der Mahlzeit. Die meisten Passanten hasten an den Menschen vorbei. Ich glaube kaum, dass sie mehr zu essen oder zu trinken bekommen, wie sie vertragen können.
Friedel Steinmueller
3.885
Friedel Steinmueller aus Heuchelheim schrieb am 06.12.2014 um 00:52 Uhr
Eine Geschichte die nachdenklich stimmt und traurig macht.
Erschütternd, wie die wirklich wahre Not mancher Menschen mit Füssen getreten wird. Das ist Zynismus und Häme gleichermassen.
Gut das dies hier mal erwähnt wurde.

Um nochmals auf das eingangs erwähnte Lied von Phil Collins zu kommen. Ein Song der nicht nur musikalisch ansprechend ist, sondern auch einen gehaltvollen Text aufweist. Ja - das war um die Jahreswende 1989/90 als dieses Stück häufig über den Äther trällerte und viele Höhrer begeisterte.
Hallo Lieber Leser
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