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Interview mit einem Engel

Lollar | Interviewer:
Wie oft am Tag haben Sie einen Einsatz?

E.:
Das lässt sich so nicht verallgemeinern. An manchen Tagen gibt es sehr viel zu tun, an anderen weniger. Wie bei der Feuerwehr. Mal brennt’s, mal nicht. (Lacht)

Interviewer:
Betreuen Sie mehrere Personen oder nur eine?

E.:
In der Regel sind wir einer Person zugeteilt, der wir hauptsächlich zur Seite stehen. Manchmal jedoch ist schnelles und spontanes Eingreifen auch bei anderen Menschen nötig. Doch das kommt äußerst selten vor, meist nur dann, wenn deren Betreuer sich gerade um andere kümmern.

Interviewer:
Haben Sie auch mit den Bekannten, Verwandten und Freunden Ihrer Schützlinge zu tun?

E.:
Natürlich. Zum Beispiel, wenn ich meinen Schützling aufhalten will und dazu jemanden brauche, der ihn anruft. Es ist gar nicht einfach, sich in die Gedanken eines anderen einzuschleichen und ihn dazu zu bringen, anzurufen. Meine Aufgabe besteht darin, mich so zu tarnen, dass er glaubt, es seien seine eigenen Gedanken und Ideen. Und dann entscheidet er natürlich immer noch, ob er sie ausführt. Dazu zwingen kann ich ihn nicht. Grobes Eingreifen ist uns nur in absoluten Notfällen erlaubt, da dürfen wir auch mal mit unseren Kunden sprechen oder Materie bewegen, um sie zu schützen.

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Interviewer:
Ich verstehe. Was war denn ihr schwierigster Fall? Wenn ich das überhaupt so sagen darf, „Fall“ …?

E.:
Robert. (Seufzt. Lacht.) Wissen Sie, Robert ist ein ganz lieber und gutmütiger. Er hat überhaupt kein Durchsetzungsvermögen und lässt sich so ziemlich alles gefallen. Robert betreue ich nun schon 40 Jahre. Das fing als Kind schon in der Sandkiste an. Die anderen Kinder haben Robert mit Sand beworfen und er hat sich das alles gefallen lassen und dabei auch noch gelächelt. Großartig. Und doch tat er mir dabei auch leid, denn ich wusste natürlich, dass er irgendwann sein Lächeln verlieren und traurig und verbittert würde.

Interviewer:
Sie wissen also im Voraus, was passiert?

E.:
Nein. Ich sehe nur die Möglichkeiten, die jeder mitbringt. Die Menschen wählen immer selbst. Robert hat gewählt, nie aufzufallen und nie Nein zu sagen. Ich habe Robert all die Jahre begleitet. Durch die Schulzeit, durch sein Studium, bis hin zu seiner Ehe. Robert hat es weit gebracht. Er hat einen verdammt gut bezahlten Job. Er führt alles, was ihm aufgetragen wird, korrekt aus.

Interviewer:
Und diesen Job verdankt er Ihnen und Ihrem Eingreifen?

E.:
Nein und ja. Ich habe ihm Möglichkeiten geboten, er ergriff sie.

Interviewer:
Bitte schildern Sie doch mal, wie genau Ihre Arbeit aussieht und wie Sie eingreifen.

E.:
Vor einigen Monaten habe ich angefangen, Robert morgens aufzuhalten. Wenn er zu seiner Arbeit fährt, nimmt er zunächst die Straßenbahn, dann fährt er noch ein paar Stationen mit dem Zug. Um effektiv zu sein und zum Erfolg zu gelangen, ist es notwendig, dass er schon die Straßenbahn verpasst, damit er auch den Zug nicht bekommt. Denn wenn er den nicht bekommt, fährt der nächste Zug erst eine Stunde später und nur so kommt er zu spät zur Arbeit. Seit einigen Monaten schicke ich ihm Träume, in die er den Wecker integriert, so dass er verschläft. Oder ich schleiche mich beim Straßenbahnfahrer ein, so dass der seine Uhr versehentlich eine Minute vorstellt und Robert dadurch die Straßenbahn verpasst. Ich habe mich in die Gedanken von Roberts Frau eingeschlichen: Sie wird immer unzufriedener, so dass die beiden sich immer häufiger streiten. Und wenn sie sich morgens streiten, verpasst Robert auch seinen Zug. Überhaupt ist seine Frau inzwischen so unzufrieden, dass Sie sich wahrscheinlich scheiden lassen will, wenn ihr neuer Freund bereit ist, mit ihr zusammenzuziehen. Sie sehen, was da alles miteinander verzahnt ist und zusammenhängt. Ein andermal habe ich nachgeholfen, dass Robert sich den Kaffee übers Hemd geschüttet hat und sich umziehen musste. Auch an diesem Tag kam er später. Es ist eine kreative Aufgabe und sie erfordert viel Phantasie!

Interviewer:
Um Himmels willen! Sie ruinieren ja das Leben des armen Mannes. Frau weg … und auf der Arbeit kriegt er doch sicher auch Ärger?!

E.:
Oh ja, inzwischen bekommt er Ärger. (Nickt bestätigend mit dem Kopf.) Auch das hat lange gedauert. Sein Chef kannte ihn so ja nicht und sah ihm alles einige Zeit lang nach. Erst gestern wurde sein Chef endlich ernst und drohte ihm mit der Kündigung, wenn er innerhalb dieses Monats noch ein einziges Mal zu spät komme. Roberts Konzentration bei der Arbeit selbst lässt natürlich auch nach und er liefert nicht mehr die gewohnte Qualität. Heute ist mein großer Tag. Wenn er heute noch einmal verschläft, kommt die Kündigung!

Interviewer:
Wie können Sie sich darüber freuen? Sie sind abscheulich!

E.:
Sie haben ein falsches Bild von meinem Beruf. Sie glauben, Schutzengel tun nur das „Gute“, also nur das, was ihr Menschen als „gut“ bezeichnet. Aber so ist das nicht. Wir greifen viel öfter ein, als ihr es mitbekommt. Ich werde Robert heute Morgen wieder aufhalten.

Interviewer:
Und was passiert, wenn ich das verhindere?

E.:
Oh, das können Sie gerne probieren (lächelt verschmitzt).

Interviewer:
Geben Sie mir die Adresse!

E.:
Natürlich, hier, bitte schön (der Schutzengel schreibt eine Adresse auf).

Interviewer:
Ich bedanke mich für das Gespräch mit Ihnen. Ehrlich gesagt bin ich empört, wie rücksichtslos Sie sind … und dass Sie sich darüber auch noch freuen, widert mich am meisten an!
(Der Engel dreht sich um und verschwindet mit einem Lächeln.)

Andere Engel:
Na? Wie ist es gelaufen? Wird er eingreifen?

E.:
Ja (kichert). Das hat richtig Spaß gemacht. Er war ganz empört. Habt ihr Robert verschlafen lassen?

Andere Engel:
Ja, war ganz einfach.

E.:
Und?

Andere Engel:
Sein Chef hat ihm gekündigt.

E.:
Sehr gut! Und was ist mit seiner Frau?

Andere Engel:
Die liegt gerade bei Ihrem Liebhaber. Er verspricht ihr das Blaue vom Himmel. Sie wird heute noch ausziehen.

E.:
Sieht wie ein richtiger Glückstag für Robert aus. Ich bin begeistert. Nimmt er den früheren Zug zurück? So dass er die fesche Brünette kennen lernen kann?

Andere Engel:
Bisher sieht es so aus, dass alles nach Plan läuft. Ihm ist ja hundeelend zumute, er braucht heute eine verständnisvolle Person, mit der er reden kann.

E.:
Sehr gut. Ich denke, der Journalist hat die Sache auch gegessen und wird ihn anrufen. Dann ist er erst mal nicht so alleine. Und wenn die beiden sich kennen lernen, wird der Journalist feststellen, was Roberts Qualitäten sind, und ihn unterstützen, nicht mehr nur zu tun, was übrig bleibt und was alle von ihm wollen, sondern was er möchte, was er kann, was seine Vision ist. Der Journalist scheint mir ein echter Menschenfreund zu sein, wisst ihr. Und die Psychologiestudentin nachher im Zug tut ihm sicher auch gut. Schade nur, dass Robert das jetzt noch nicht so sehen kann und sicherlich die nächste Zeit furchtbar geknickt ist. Aber ich bin ja bei ihm und begleite ihn da durch. Wie die vergangenen 40 Jahre auch.

Da sieht man wieder, dass es keine Zufälle gibt... und auch der Schmerz einen Sinn im Leben hat.

In diesem Sinne wünsche ich uns ALLEN Abschied davon nehmen zu können, Dinge zu bewerten. Es ist überhaupt nicht nützlich, sondern erschwert das Leben nur unnötig !!! Im Fluß des Lebens sein, kommt unseren Entwicklungsprozessen viel eher entgegen. Herzlichst. Ihre Susanne Steinrück-Krauß

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Kommentare zum Beitrag

Ilona Kreiling
2.219
Ilona Kreiling aus Heuchelheim schrieb am 26.01.2009 um 18:22 Uhr
Wieder mal eine sehr interessante Geschichte, die sehr nachdenklich macht, Frau Steinrück-Krauß. Vor allen Dingen, dass es keine Zufälle gibt, das bestätigt sich seit vielen Jahren immer wieder.
Astrid Patzak-Schmidt
3.415
Astrid Patzak-Schmidt aus Gießen schrieb am 26.01.2009 um 20:24 Uhr
Wow! Eine sehr zum Nachdenken anregende Geschichte!
Die Dinge mit den Zufällen sehe ich anders, nenne sie Fügungen. Gleichzeitig denke ich an den (vielleicht sogar blöden) Spruch: Nichts ist so schlecht, dass es nicht für was anderes gut ist!
Im Laufe der Jahre sieht man immer wieder, dass daran etwas Wahres ist...
Susanne Hermans
803
Susanne Hermans aus Lollar schrieb am 27.01.2009 um 12:09 Uhr
Ja, das Wort Zufall hat bei uns irgendwie nicht mehr die richtige Bedeutung. - Zufall wie zufällig - NEIN ! Eher Zufall, wie das was uns zufällt - insofern gefällt mir Ihr Wort "Fügung" auch besser.

Aus Rilkes Gedicht "Der Schauende" mag ich folgende Zeilen besonders gern: Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen
uns so vom großen Sturm bezwingen, -
wir würden weit und namenlos.

Schön dass Sie mir Ihre Gedanken dazu geschrieben haben, Frau Patzak-Schmidt und Frau Kreiling. Hat mich sehr gefreut.

LG
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Herzlichst, Ihr(e) Susanne Hermans

von:  Susanne Hermans

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Susanne Hermans
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