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Merkels Wahlkampfhelferin: Die Umfragefee

von Alex Knaackam 30.07.2013815 mal gelesen3 Kommentare
Linden | Merkels Zauberwort bei der Bundestagswahl 2009 war asymetrische Demobilisierung, das heißt sie vermied jegliche Stellungnahme, welche kontrovers hätte gedeutet werden können. Schließlich galt es hitzige Debatten, bei der womöglich ihr Kontrahent hätte punkten können, im Keim zu ersticken. Ja, sie vermied sogar über ihren Gegner zu sprechen. Nun verlieh ihr diese Taktik eine präsidentielle Erhabenheit von der ihr Herausforderer wohl auch ein Scheibchen ab haben wollte. So beschloss Frank-Walter Steinmeier sich im Wahlkampf auch besonders staatsmännisch zu geben und sich mit pointierter Kritik zurückzuhalten. So bekamen wir wohl einen der langweiligsten Wahlkämpfe der Geschichte, so dass die Wähler im Allgemeinen einschliefen und nur die treuen Stammwähler, die schon aus reiner Routine sich in das Wahllokal begaben, auch ihr Kreuzchen machten. Dies sind dann auch in der Regel eher konservative Wähler. Tja und schon war Merkel wiedergewählt!
Warum also eine bewährte Taktik über Bord werfen? In diesem Wahlkampf hat Merkel noch nicht einmal den Namen Steinbrück groß ausgesprochen und ob es nicht schon gut genug für
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sie laufen würde, kommen ihr die Medien zu Hilfe, indem sie in Bezugnahme auf Umfragewerte im Chor das Mantra ausstoßen: „Die Wahl ist schon gelaufen, Merkel bleibt Kanzlerin.“ Es könnte ja sonst womöglich noch eine spannende Wahl werden! Na, das gilt es ja unbedingt zu vermeiden.
So motivieren sie die Wähler der Opposition zur Resignation mit dem Verweis des uneinholbaren Vorsprungs, während Merkel so ziemlich alles vermeidet, was Leben in diesen Wahlkampf bringen könnte. Als M&M könnten Medien und Merkel auftreten, doch statt Schokolade verabreichen sie Valium für die Wähler.
Nun könnte man aber Einspruch erheben und äußern, dass die Medien ja lediglich Tatsachen berichten. Ist es denn eine berechtigte Annahme von den Umfragewerten auf das Ergebnis der Bundestagswahl zu schließen? Wie sah es also damals aus?
So weit braucht man in der Geschichte gar nicht zurückzugehen. In dem nicht allzu entferntem Jahr 2005 trug sich folgendes zu. Ein laut Medien abgeschriebener Gerhard Schröder kämpfte um die Wiederwahl. Doch nicht nur, dass die Medien Schröder keinerlei Chancen einräumten, es wurde schon spekuliert ob die CDU eine Alleinherrschaft im Bundestag aufstellen könne. So war beispielsweise bei Spiegel Online noch am 02.06.2005 zu lesen: „Wäre an diesem Sonntag Bundestagswahl, käme die Union auf 48 Prozent der Wählerstimmen, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest im Auftrag der ARD. (...) Damit hätten CDU und CSU die absolute Mehrheit im Bundestag. Die SPD fiel dagegen um einen Punkt auf nun 28 Prozent.“ Und was war nun das ernüchternde Ergebnis nach all diesen für die CDU unglaublichen Prognosen? Die CDU lag gerade mal mit einem Prozentpunkt von 35,2% über der SPD. Nichts mit absoluter Mehrheit, es ist noch nicht einmal die Wunschkoalition zu Stande gekommen. Selbst eine Woche vor der Bundestagswahl haben Forsa, GMS, Emnid und das Allensbach Institut ein Vorsprung von rund 9% für die CDU prognostiziert. Wie kann man nur so falsch liegen?
Auch bei der vorherigen Wahl haben die entsprechenden Institute wieder Schröder weit abgeschlagen gesehen, so stand laut Forsa am 07.08.2002 Schröder abgeschlagen mit 35% weit hinter der CDU mit 42%. Und wir wissen alle wer letztendlich die Wahl gewonnen hat.
Wie kommt es also, dass man nicht einfach akzeptieren kann, dass Umfragen auf wackeligen Beinen stehen? Schließlich werden ca 2000 Leute befragt und dieses Ergebnis wird dann auf etwas mehr als 60 Millionen Wahlberechtigte projiziert. Das würde nur wirklich gut funktionieren, wenn wir alle Lemminge wären. Das gesamte Konzept der demographischen Gruppe lahmt, da zum Beispiel Menschen zwischen 18 und 25 im ländlichen Bereich nicht alle gleich gestrickt sind. Doch genauso wird bei Umfragen vorgegangen. Einige Leute aus dieser Bevölkerungsgruppe und einige aus jener und schon kann man das Ergebnis auf ganz Deutschland überstülpen. Wie man sieht funktioniert das leider nicht immer, so dass man sagen kann, Umfrage sind ein grober Gradmesser, ein Spaß – nicht mehr. Dennoch muss Steinbrück überall wo er auftaucht sich die Frage gefallen lassen: „Wie wollen sie das noch schaffen?“
Die Botschaft ist draußen, die SPD hat schon verloren und Merkel schmunzelt sich einen.
So kann sie sich zurücklehnen, während die gute Umfragefee quer durchs Land fliegt und den Wählern schön Sand in die Augen streut.

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Kommentare zum Beitrag

Nina Back
3.049
Nina Back aus Gießen schrieb am 30.07.2013 um 14:13 Uhr
Hahaha, die Umfragefee! Sehr schön erklärt, und soviel dann auch zum Thema "Repräsentativität".
Alex Knaack
589
Alex Knaack aus Linden schrieb am 30.07.2013 um 14:21 Uhr
Repräsentativität ist ein Unwort! Und danke fürs Lesen.
Nina Back
3.049
Nina Back aus Gießen schrieb am 30.07.2013 um 14:43 Uhr
Danke auch fürs Schreiben.
Das stimmt, das ist ein Unwort, es klingt total offiziell und ist in Wirklichkeit auch nicht mehr als Pi mal Daumen.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Alex Knaack

von:  Alex Knaack

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Alex Knaack
589
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