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Griechenland-Solidaritäts-Komitee "Grußadresse an die Nachttanzdemo"

Linden | Für das "Griechenland-Solidaritäts-Komitee" hielt Prof. Dr. Aris Christidis folgende Rede:

"Liebe Freunde,
ich möchte Euch eine Grußadresse vom GR-Solidaritätskomitee Gießen übermitteln und daran erinnern, warum und wofür wir uns engagieren:
2009 erkannte die damalige sozialdemokratische Regierung, daß die Staatsverschuldung bei 116% des BIP angelangt war und GR auf dem Markt nicht genug Kredite bekam, um die fälligen Zinszahlungen zu begleichen. (Dtl. lag zur selben Zeit bei ca. 80%, Japan bei über 200% des BIP.) Die gr. Regierung wandte sich hilfesuchend an die EU. Das war die Geburtsstunde der Troika:
EU-Kommission, EZB und IWF besorgten das nötige Geld und stellten dafür ihre Bedingungen. Angebliche Sparmaßnahmen wurden angeordnet. Sie bestanden z.B. darin, daß GR weiterhin den EU-weit höchsten Haushaltsanteil an Rüstung aufrechterhalten sollte und daß ca. 1/3 der arbeitsfähigen Bevölkerung (bei den Jugendlichen über 60%) aufhören sollte zu arbeiten. Die Produktion wurde um ¼ zurückgefahren, d.h.: Rezession um ca. 25%.
Konservative und Sozialdemokraten übernahmen es, gemeinsam diese Rezeptur dem Volk zu vermitteln: Logo – je weniger im Land produziert und je mehr von Deutschland und Frankreich importiert wird, umso schneller entschuldet sich das Land.
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Angefangen bei 116%, ist nun GR bei einer Verschuldung von ca. 190% des BIP angelangt, seine Regierung bekommt standig ovations von dt. Christdemokraten und frz. Sozialisten.
Im Land Europas, das zwar Armut, aber keine Obdachlosigkeit kannte, das europaweit die geringste Suizid-Quote hatte, gab es bis heute 4.000 eindeutig zugeordnete Selbstmorde. Kinder werden in der Schule ohnmächtig, weil sie nichts zu essen haben und zu stolz sind, es zuzugeben.
Quasi nach dem Motto, es soll nicht allzu viele überschuldete Griechen geben, wurde auch das Gesundheitswesen aus den Angeln gehoben. Dazu sollte man wissen: GR hatte noch bis vor wenigen Jahren ein Gesundheitssystem, das Deutschland nicht einmal in seinen besten Jahren kannte:


Für kostenlose Untersuchungen und Behandlung in Krankenhäusern und öffentlichen Praxen auf dem Land brauchte man nicht nur keine Versicherung, sondern nicht einmal einen Personalausweis. GR hatte mit 5,4 Ärzten je 1.00 Einwohner die höchste Arztdichte in der EU.
Finanziell trug sich das System – aber es vertrug nicht zugleich die Beteiligung an der Bombardierung Jugoslawiens und an der Invasion Afghanistans, auch nicht die Ausrichtung von Olympischen Spielen, bei denen zwar viel Cola getrunken und Langnese geschlemmt wurde, wovon aber die Menschen im Land nichts abbekamen.
Heute ist Gesundheit für Griechen ein immenser Kostenfaktor: Eine Krankenhausgebühr von 25 € (nach dem Vorbild der dt. Praxisgebühr) wurde eingeführt, Von 10 Mio. Griechen ist eine halbe Mio. unversichert. Die Kindersterblichkeit ist um 50% hochgeschnellt. Von den in GR ausgebildeten Medizinern arbeiten heute ca. 4.000 in Deutschland, z.T. in Form von unentlohnten Praktika. Die staatliche Telekommunikations¬gesellschaft wurde zur Tochter der dt. Telekom und noch nicht gelieferte U-Boote aus Deutschland sind schon auf Pump abbezahlt. Griechenland bekommt dafür Lob von der Troika – und bleibt weltweit drittbester Kunde für Waffen aus Deutschland.
Um sicher zu gehen, daß die Menschen diese Medizin auch in Zukunft schlucken, wurde auch die Bildung heruntergefahren. Hier sollte man wissen, daß GR bis zum Einfall der Neoliberalen ein hervorragendes Bildungssystem hatte. Spuren davon erkennt man an den griechischen Namen, die in Forschungsberichten aller Fachrichtungen erscheinen, meist als Angehörige angelsächsischer Organisationen, die sie nach dem Studium abgeworben haben. Das soll sich ändern: ca. 2.000 Schulen wurden geschlossen, „unnötige“ und „altmodische“ Fakultäten -wie Informatik- wurden aufgelöst oder zusammengelegt und mitten im Semester um Hunderte von Kilometern verlegt.

Ministerpräsident Samaras favorisiert das „dt. Erfolgsmodell“, und das sollte auch hierzulande hellhörig machen:
Die Rente mit 67 und Minijobs wurden eingeführt, ein zweiter, ein dritter, viele Arbeitsmärkte wurden eröffnet, und die Tarifverträge wurden außer Kraft gesetzt – sie störten nur, und das dt. Modell wies schon den Weg.

Mit Pragmatismus und Hang zum dt. Vorbild wurde am 11. Juni per Präsidialdekret beschlossen, am selben Abend den öff.-rechtl. Rundfunk zu schließen. Deutsche und türkische Seifenopern gibt es untertitelt von den privaten Sendern. Und zu viel Information und Kultur müssen nicht sein. Seitdem wird die Athener Zentrale außen vom Volk belagert. Innen arbeiten die (formal entlassenen) Journalisten und Techniker weiter – unbezahlt, versteht sich. Und die Bereitschaftspolizei traut sich seit 3 Wochen nicht, das Gebäude zu stürmen. Nach Abstellen aller Übertragungskanäle durch die Regierung geht es nun im Internet weiter.
Die Entscheidung des Obersten Verwaltungsgerichts knapp eine Woche später, am 17. Juni, daß die Schließung verfassungswidrig sei ebenso wie die Weisung des Gerichts, den regulären Betrieb sofort wieder aufzunehmen, werden schlechterdings ignoriert. Das nennt man einen Putsch.
Der dt. öff.-rechtliche Rundfunk schweigt darüber. Und von dt. Sozialdemokraten und Christdemokraten kommt weiterhin Lob für das „mutige“ Vorgehen der Putschisten. Das seien alles Schritte dahin, daß (sinngemäß) die Märkte Akzeptanz für die Demokratie, auch in GR, zeigen. Dtl. rechnet damit, daß GR sich bald Kredite aus dem freien Markt holen kann, wenn es, etwa um 2020 herum, bei einer Verschuldung von (man beachte)120% des BIP angekommen sei – d.h., höher als die 116%, die als „Notlage“ und Mutter allen Übels hingestellt worden waren.
Solltet Ihr denken, so etwas kann nur „da unten im Süden“, im armen GR passieren, wo man das dt. Erfolgsmodell nur nicht verstanden hat, dann laßt mich mit folgender Meldung schließen:
In den 3 Jahren der Krise wurden in GR fast 30.000 Lehrer entlassen. Auch, wenn man berücksichtigt, daß die Bildung bis dahin privilegiert behandelt wurde, ist das für das kleine Land eine enorm hohe Zahl. Man muß immerhin bedenken, daß GR wenig mehr Einwohner hat als BaWü. Was macht aber z.B. BaWü? Vor wenigen Tagen wurde bekannt, daß die dortige Grün-Rote Landesregierung bis zum Ende des Jahrzehnts 12.000 Lehrerstellen einsparen will – und das in einem sog. „Geberland“ eines der reichsten Länder der Welt, in der reichsten Phase seiner Geschichte. Denkt daran: Seit dem sog. „Wirtschaftswunder“ hat sich das deutsche BIP mehr als verfünffacht!

Liebe Leute,
das Griechenland-Solidaritätskomitee hat in den letzten Monaten ein paar Veranstaltungen mit griechischen Gewerkschafterinnen gemacht. Weitere sollen folgen, und wir hoffen, viele von Euch dabei zu haben.
Auf die Frage, was man hier, in Dtl., machen könnte, um den Menschen in GR zu helfen, gaben die zugereisten Gastrednerinnen stets die gleiche Antwort: „Kümmert Euch gewissenhaft um Eure eigenen Rechte; dann ist auch uns in GR geholfen.“
Deswegen rufen wir Euch auf: Kommt mit uns in Kontakt! Informiert Euch! Bringt Euch ein! Laßt uns gemeinsam erkunden, wohin die Reise geht, und wie wir den Kurs ändern!
Denkt vielleicht auch daran, welcher dt. Denker und Mit-Autor des Weltkulturerbes forderte, „die Verhältnisse zum Tanzen“ zu bringen – und nutzt diese Tanzdemo dazu!"

Kommentare zum Beitrag

Stefan Walther
3.934
Stefan Walther aus Linden schrieb am 06.07.2013 um 23:53 Uhr
Du warst doch dabei, erzähle es uns! :-))
Peter Herold
24.459
Peter Herold aus Gießen schrieb am 07.07.2013 um 07:41 Uhr
Da wir ein Billiglohnland sind wird bei uns weiterhin mit hohen Gewinnen gearbeitet. Da müsste sich was ändern. Den meisten hier in der BRD ist es garnicht bewusst, wohin uns die Regierung unter Merkel noch führen wird. Geführt von einer Frau von der ein bedeutender Politiker der Gegenwart unwidersprochen behauptet hat, sie könne nicht mit Geld umgehen. Wenn sich daran nichts ändert, wird sich auch in Griechenland und ähnlich gelagerten Verhältnissen in anderen Ländern Europas nichts ändern. Aber Vorsicht! Die Lunte glimmt schon.
Hallo Lieber Leser
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Herzlichst, Ihr(e) Stefan Walther

von:  Stefan Walther

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Interessensgebiet: Linden
Stefan Walther
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