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Mit dem zweiten sieht man besser

Mit dem zweiten sieht man besser!
Mit dem zweiten sieht man besser!
Linden | Für die meisten ist das räumliche Sehen mit zwei gesunden Augen selbstverständlich. Dass das Sehen einer der wichtigsten Sinne ist, erfuhren die Kinder der blauen Gruppe des ev. Kindergartens in Leihgestern auf, im wahrsten Sinne des Wortes, anschauliche Weise. Weil eines der Kinder wegen einer Schielerkrankung zeitweise eine Augenklappe tragen musste, beschlossen die beiden Erzieherinnen aus der Not eine Tugend zu machen.

„Wir wollten verhindern, dass der Junge von den anderen gehänselt wird und erreichen, dass die anderen Kinder Mitgefühl entwickeln,“ so Sylvaine Gruppe, eine der Erzieherinnen. Weil geteiltes Leid, halbes Leid ist, wurden daher kurzerhand gemeinsam mit den Kindern aus Pappe, Stiften und Faden farbenprächtige Augenklappen gebastelt. Begeistert waren die Kinder dann auch dabei, die selbstgebastelten Augenklappen auszuprobieren. Schon fiel der Junge mit der medizinisch verordneten Klappe nicht mehr auf, er war jetzt Teil der Gruppe und die anderen teilten die Erfahrung mit ihm.

Was die Kinder dabei erlebten, war ganz unterschiedlich, berichten die Erzieherinnen. Solange die Kinder sich im
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Gruppenraum aufhielten, konnten sie gut mit der Einschränkung des Sehfeldes umgehen und empfanden die Aktion als Herausforderung. Im Freien allerdings, wo das Blickfeld größer, schlechter kalkulierbar und vor allem Bewegung angesagt ist, wurde den Kindern schnell klar, dass die Klappen sie sehr einschränken. „Man kann mit einer Augenklappe nicht alles spielen, was man gerade möchte“, lautete der Kommentar. Ganz nebenbei war damit auch auf praktische Art die Frage geklärt, warum der Mensch zwei Augen hat.

Dass bei der Aktion keine medizinisch relevanten Schädigungen entstehen, hatten die Kindergärtnerinnen vorab mit einer Augenärztin geklärt. Diese versicherte, dass das kurzfristige Tragen der Augenklappen unbedenklich ist. Sie spendete der Gruppe zudem einen Satz Augenklappen. Auch diese klebenden Varianten fanden die Kinder zunächst sehr spannend. Doch schon nach kurzer Zeit stellten die meisten fest: „Mit dem zweiten sieht man besser!“

Damit war das kleine Praxisprojekt, das die Erzieherinnen im Morgenkreise mit den Kindern besprachen, ein voller Erfolg, denn die Kinder wissen nun was es bedeutet mit nur einem Auge sehen zu können. Und sie wissen was Mitgefühl bedeutet: Verständnis für die Situation eines anderen Mensch entwickeln. Eine Tugend, die gerade in unserer Ich-bezogenen Gesellschaft wichtiger ist denn je, meinen die Erzieherinnen.

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