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Vortrag: Warum sterben unsere Korallenriffe?

Linden | Die Wetzlarer Greenpeace-Gruppe hatte im Oktober zu einem öffentlichen Vortrag von Prof. Wilke mit dem oben genannten Titel in die Phantastische Bibliothek eingeladen. Herr Prof. Dr. Wilke ist Professor am Institut für Tierökologie der Liebig-Universität Gießen, wo er mit seinen Mitarbeitern u.a. erforscht, wie sich der Klimawandel auf die Korallen auswirkt.

Korallen sind Lebensgemeinschaften von Polypen, Algen und Bakterien. Die Alge liefert hierbei Sauerstoff und Nährstoffe, die Polypen Kohlendioxid und Mineralstoffe. Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Lebensräumen. Sie dienen u.a. als Kinderstube für viele Fischarten. Leider sind bereits 20% der Korallenriffe zerstört und 50% geschädigt.

Überraschend war es zunächst zu erfahren, dass die Korallenriffe primär durch ganz andere Faktoren bedroht sind, nämlich durch Habitat-Zerstörung, Umweltverschmutzung, eingeschwemmte Sedimente, Tauch-Tourismus, invasive Artenzuwanderung und Eutrophierung. Während gesunde Korallen über eine gewisse Toleranz gegenüber Erwärmung und Versauerung des Meereswassers verfügen, reagieren Korallen, die durch die oben genannten
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Faktoren bereits gestresst sind, viel empfindlicher. Denn wenn die Algen-Partner unter Stress geraten, bilden sie vermehrt freie Radikale (sehr reaktive Moleküle), die bei den Polypen Gewebeschäden verursachen. Der Polyp wehrt sich dagegen, indem er seinem Algen-Mieter kündigt und ihn hinauswirft. Da die Alge durch ihre Pigmente für die Korallenfarbe verantwortlich ist, kommt es dann zur sogenannten Bleiche und Absterben des Polypen, wenn er nicht ganz schnell einen neuen Mieter findet.

Da sich Kurzzeit-Untersuchungen als unzuverlässig erwiesen haben, simuliert Prof. Wilke in seinen Aquarien in Langzeitexperimenten über 10 Jahre den Temperatur-Anstieg und die Versauerung, wie sie bei einem ungebremsten Klimawandel im Jahr 2100 zu erwarten wären (Projekt Ocean 2100). Erste Beobachtungen deuten darauf hin, dass es zu Artenverschiebungen und Wuchsveränderungen kommt. Erstaunlicherweise beeinträchtigen solche strukturellen Veränderungen auch die Wellenbrecherfunktion von Korallenriffen, so dass sie weniger effektiv Sturmwellen und Tsunamis abmildern können. Die Meeresverschmutzung mit Mikroplastik führt bei Korallen zu einem erhöhten Energieverbrauch durch nutzlose Aufnahme und Ausscheidung. Die gestörte Energiebilanz bereitet wiederum den gestressten Korallen größere Probleme und zu führt bei ihnen schnell zu Gewebsschädigungen.

Insgesamt zeigen sich also multifaktorielle Stresseffekte, die voraussichtlich zu einer Artenverschiebung führen werden. Es ist derzeit unklar, ob die grundlegenden Funktionen der Korallenriffe trotz dieser Veränderungen erhalten bleiben werden. In diesem Zusammenhang wäre es wichtig zu wissen, welche Korallenarten weniger empfindlich reagieren. Herr Prof. Wilke hofft, den Entscheidungsträgern in der Politik bald belastbare Daten zu liefern, damit diese entsprechende Mittel für den Naturschutz bereitstellen können. (Foto: Mario Pursian)

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