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Johann Peter Schäfer und die Anfänge der Ev. Stiftung Arnsburg- Ein Rückblick in die Gründungsjahre

Lich | Im Interview berichtet der Hobby Historiker und Pfarrer im Ruhestand Rüdiger Haug aus Altenstadt über den Gründer der Ev. Stiftung Arnsburg Johann Peter Schäfer, über sein Wirken, sein Vorbild Pestalozzi, seine Vita und die Zeitepoche Mitte des 19. Jahrhunderts.

Alexander Mühlberger: Durch Zufall haben wir zueinander gefunden, weil Sie auf unserer Webseite einen Ergänzungsvorschlag zu unserem Gründer Johann Peter Schäfer hatten. Sie sind sozusagen der „Experte“ für die Person Schäfer. Wie kamen Sie dazu, sich mit J. P. Schäfer zu beschäftigen?

Rüdiger Haug: Ich wohne seit meiner Ruhestands-Versetzung aus dem aktiven Pfarrdienst (2006) in Altenstadt, dem Heimatort meiner Frau. In jedem Jahr beschäftige ich mich mit einer Persönlichkeit anlässlich der Wiederkehr ihres Geburtstages oder Todestages, z.B. J. Calvin, Paul Gerhardt, Joh. H. Wichern, um dann die Ergebnisse in die Gemeindearbeit meiner ehemaligen Gemeinden Ortenberg und Pohlheim-Hausen bzw. der jetzigen Wohnort-Gemeinde einzubringen. Außerdem bearbeite ich die handgeschriebene Kirchenchronik der hiesigen Ev. St. Nikolai-Kirchengemeinde zum Übertrag
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in Druckschrift und für Beiträge für den Gemeindebrief unter der Rubrik „Aus der Kirchenchronik“. Dabei stieß ich zu Beginn des Jahres 2013 auf einen Bericht, dass vor 100 Jahren (d.h. 1913) zum 100. Geburtstag des gebürtigen Altenstädters Johann Peter Schäfer an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel angebracht worden sei. Dies weckte mein Interesse, mich mit Johann Peter Schäfer, dem „Blindenschäfer“ zu beschäftigen.

Alexander Mühlberger: Für uns heute ist Johann Peter Schäfer eine nahezu unbekannte Person. Wer war er? Was waren die markanten Stationen seines Wirkens?

Rüdiger Haug: Schäfer kam aus einfachen Verhältnissen; er wurde geboren am 8. Mai 1813 in Altenstadt und war das jüngste von 6 überlebenden Geschwistern. Der Vater, Landwirt, starb 1814, 9 Monate danach. Die Mutter war sehr religiös und prägte mit ihrem Glauben den heranwachsenden Johann Peter. Er war als Kind „sehr klein und schwächlich“. Seine Schulbildung war – den damaligen Lehrpersonen geschuldet – ziemlich dürftig. Nach der Konfirmation erlernte er in Friedberg den Beruf als Schneider, den er als „eine mir in tiefster Seele verhasste Profession“ beschrieb. Nach seiner Lossprechung als Schneider-Geselle 1831 arbeitete er auf verschiedenen Stationen seiner Wanderschaft, um schließlich aus familiären Gründen im heimatlichen Raum eine Stelle zu suchen. Im Mai 1836 konnte er eine Arbeit im Frankfurter Waisenhaus antreten, wo er als „Werkführer“ Jungen in der Schneiderei unterrichtete.
Schäfer litt stets unter seiner mangelnden schulischen Bildung; darum wollte er sich in Frankfurt in seiner „Freizeit“ fortbilden, um schließlich sein Wunschziel „Schullehrer“ erreichen zu können. Nachdem er die Aufnahmeprüfung fürs Lehrerexamen in Friedberg nicht bestanden hatte, bekam er 1838 – ermutigt von Freunden, denn er selber stand getreu seines Lebensmottos „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ auf dem Glaubensstandpunkt, dass Gott das nun eben nicht gewollt hätte - einen Platz im Armenschullehrer-Seminar in Beuggen am Oberrhein, östlich von Basel. Im schweizerischen Riehen bekam er eine Stelle als Taubstummenlehrer, und er arbeitete eine Zeit lang als Hauslehrer in Chur, wo er die taubstumme Tochter des Landvogts unterrichtete. Auf Reisen in den Ferienzeiten besuchte er Bildungseinrichtungen in verschiedenen Gegenden Süddeutschlands, um die dortige Arbeit kennenzulernen und sich so fortzubilden. Anlässlich des Todes der Mutter (1841) besuchte er auch die Friedberger Taubstummenanstalt, wo er eine freigewordene Stelle als Hilfslehrer angeboten bekam. Diese Stelle trat er am 1. April 1842 an.
Mit der pädagogischen Situation an dieser Schule war Schäfer unzufrieden und versuchte, soweit es an ihm lag, Verbesserungen einzuführen. „Man war noch sehr zurück im Taubstummenunterricht. Ein Hilfslehrer wusste nicht einmal, dass es eine Literatur des Taubstummenunterrichts gab“, so Schäfer. Zudem hatte er den Eindruck, dass blinde Kinder noch mehr benachteiligt wären als Taubstumme. Schließlich „beschloss ich, mit Gottes Hilfe eine Blindenanstalt zu gründen“, und so nahm Schäfer zunächst (1850) blinde Knaben ins eigene Wohnhaus auf, um sich dann ab 1851 ganz dieser Aufgabe, blinden Kindern zu einer Schulbildung zu verhelfen, zu widmen. Durch einen Spendenaufruf (1849) hatte Schäfer Kapital für diese Arbeit gewonnen und so konnte er planen, ein eigenes Haus als „Blindenanstalt“ zu erbauen; die Grundsteinlegung war im April 1851, die Einweihung erfolgte am 30. Oktober 1851.
Schäfer führte die Blindenanstalt über 25 Jahre in privater Regie. Seine Ehefrau Henriette geb. Anthes, Lehrerstochter aus Lich, war die ganze Zeit verantwortlich für die Hauswirtschaft. Zum 1. April 1879, also 28 Jahre nach Gründung, wurde die Blindenanstalt verstaatlicht, nachdem schon in den Vorjahren Großherzog Ludwig III. und Großherzogin Mathilde ihm gönnerhaft zur Seite gestanden hatten.

Alexander Mühlberger: Als Taubstummen- und Blindenlehrer aus Friedberg hatte Peter Schäfer sicherlich genug zu tun. Warum hat er sich in Lich für Kinder und Jugendliche engagiert?

Rüdiger Haug: Im Jahr 1846 sollte der 100. Geburtstag von Johann Heinrich Pestalozzi (* 12.1.1746) groß gefeiert werden. Auch in Friedberg wurden dazu Überlegungen angestellt, etwa dass man ihm ein Denkmal setze. Schäfer machte den Vorschlag: „Wenn man den Mann ehren wolle, so möchte man eine Anstalt für sittlich verwahrloste Kinder gründen; denn damit habe Pestalozzi … begonnen, und dadurch sei er groß.“ Schäfers Gedanke fand keine Beachtung. Er jedoch tat sich mit Freunden zusammen und verfolgte die Idee zur Gründung einer solchen Anstalt, wie es sie – als „ein Werk freier christlicher Liebe“ - schon an 22 verschiedenen Orten in den deutschen Landen gab. Zunächst versuchte er dazu Grundkapital zu bekommen. Nachdem er von vielen Seiten Zustimmung erhalten hatte, suchte er zur Umsetzung seiner Idee in Oberhessen nach einem geeigneten Ort. Er bekam den Hinweis auf Lich; dort fand er „die geeigneten äußeren Bedingungen für die Anstalt innerhalb des Terrains des früheren Klosters Arnsburg“. Auf dem „Areal an der Umfassungsmauer lag der kleine, als Gärtnerhaus verwendete Pavillon, den der Graf Otto zu Solms-Laubach, ein als hochherziger Förderer aller gemeinnützigen und menschenfreundlichen Bestrebungen wie als schlichter ehrenhafter Charakter bekannter Mann mit vielseitiger Geistes- und Herzensbildung, nebst zugehörigem Gartenland für die Rettungsanstalt kostenlos jahrelang zur Verfügung stellte“. So konnte am 27. Oktober 1847 „die erste Rettungsanstalt des Großherzogtums Hessen im Gartenhause des Klosters Arnsburg bei Lich“ eingeweiht werden.

Alexander Mühlberger: Geboren wurde Schäfer vor 200 Jahren. In welcher Zeit agierte er, wer waren seine Vorbilder, was und wer waren besonders prägend für sein soziales Engagement?

Rüdiger Haug: Das 19. Jahrhundert war geprägt von großen Umbrüchen. Die Befreiungskriege ab 1807 und insbesondere die „Völkerschlacht bei Leipzig“ 1813 hatten viel Leid in der Bevölkerung mit sich gebracht. Die Industrialisierung und das sich beschleunigende Bevölkerungswachstum, die Bauernbefreiung sowie die Arbeitslosigkeit unter den Handwerkern löste eine Binnenwanderung in die großen Städte aus, es entstanden „prekariäre“ Verhältnisse in Land und Stadt. Thema wurde die „soziale Frage“; mit Fragen zu ihrer Lösung befassten sich verschiedene gesellschaftliche und politische Organisationen und Parteien sowie die Organisationen der Kirchen, vor allem verschiedene aus ihrem christlichen Glauben heraus motivierte Einzelpersonen. Hier soll stellvertretend genannt sein: Johann Hinrich Wichern (1808–1881), der 1833 mit dem Rauhen Haus ein „Rettungsdorf“ für die verwahrlosten und verwaisten Kinder aus den Elendsvierteln vor den Toren Hamburgs gründete. Johann Peter Schäfer wusste von ihm und hat ihn später (Frühjahr 1849) in seinem Rauhen Haus besucht; dabei empfing er wesentliche Impulse für seine eigene Arbeit.
Im November 1845 schrieb er auf der Suche nach Unterstützern für seine Idee eines Rettungshauses an Pfarrer Öser in Lindheim (als Schriftsteller bekannt unter dem Pseudonym O. Glaubrecht): „Da es Sache des Reiches Gottes ist, so glaube ich, dürfen wir frisch und frei es wagen, vor Gott (zu) treten und aus Glauben (zu) erbitten, wo es fehlet; inzwischen aber anfangen zu bauen an dem Werke, das nur die Ehre will. Das ist meine Aufgabe, die mir gestellt. Der Herr wolle mir helfen!“

Alexander Mühlberger: Was können die heutigen Sozialarbeiter und Sozialpädagogen von seinem Engagement und seiner Persönlichkeit für ihr Handeln lernen?

Rüdiger Haug: Schäfer verfolgte mit steter Beharrlichkeit seine Anliegen und ließ sich auch durch persönliche Widerstände und finanzielle Schwierigkeiten nicht beirren. Er verstand sich als Werkzeug Gottes, als Mitarbeiter am Aufbau des Reichs Gottes. Persönliche Interessen stellte er hinten an. Sein Beruf war ihm Berufung. – Man könnte von ihm, der gewiss eine fromme, eine außergewöhnliche Persönlichkeit war, lernen, dass man das von einem als richtig Erkannte beharrlich verfolgen sollte.

Das Interview führte Alexander Mühlberger.

Kurzvita Rüdiger Haug
Rüdiger Haug (geboren 1943 in Crailsheim/Wttbg.) studierte Theologie in Erlangen, Tübingen und Marburg, wo er 1969 sein Erstes Theologisches Examen ablegte. Nach der Pfarrvikarszeit in Rheinhessen war er von 1974 bis 1997 Pfarrer in Ortenberg (Marienkirche). Mit seiner Ehefrau, Pfarrerin Christa Haug (Pfarrerstochter aus Altenstadt), teilte er sich von 1997 an die Pfarrstelle Hausen (Pohlheim). Seit 2006 lebt er mit seiner Ehefrau im Ruhestand in Altenstadt. (Die beiden haben 2 Kinder und 2 Enkel).

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Kommentare zum Beitrag

Florian Schmidt
4.243
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 25.02.2014 um 20:36 Uhr
Irgendwie wird mir sehr schlecht wenn ich etwas vom Reich Gottes lese.
Alexander Mühlberger
205
Alexander Mühlberger aus Lich schrieb am 26.02.2014 um 09:06 Uhr
Sehr geehrter Herr Schmidt, vielen Dank für Ihren Kommentar. Das Interview wurde im Wortlaut nicht verändert und gibt die Meinung des Interviewten wieder. Die Aussagen sind daher aus dem Blickwinkel eines Theologen zu verstehen. Auskunft zum theologischen Verständnis zum Begriff "Reich Gottes" finden sie hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Reich_Gottes
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von:  Alexander Mühlberger

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Alexander Mühlberger
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