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Nachkriegszeit auf dem Land – Zeitzeugen berichten im Forum Alter und Jugend

von Jupp Grafam 05.12.20082331 mal gelesenkein Kommentar
Lich | In dem 600 Einwohnerdorf Fehl-Ritzhausen im Westerwald wird am 18. Mai 1938 Manfred Denker geboren; 4 Tage später in Leipzig sein Co-Referent Peter Zerche. Manfred Denker schildert mit Witz und Engagement seine Zeit als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener in seinem Heimatdorf und in der „fernen Welt“, die ihn nach Frankfurt und nach West-Berlin führte. Peter Zerche unterstützt ihn dabei mit Nach-Fragen.
Fehl-Ritzhausen, zwischen Marienberg und Rennerod im Oberwesterwald gelegen, ist ein Bauerndorf mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft, in dem neben den Vollbauern, die Einwohner überwiegend eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben, d. h. sie hatten ihren Beruf, ihre Arbeit und waren daneben Bauern. So auch die Familie Denker. Außerdem gab es noch einen Garten, jedoch ohne Blumen, aber voll genutzt für Gemüse, Obst und Kartoffeln. Im Grunde konnte jeder sich selbst ernähren; so sagte auch M. Denker, richtig Hunger gelitten habe er nicht. Wenn es knapp war, hatte notfalls die Oma noch ein dünn mit Butter bestrichenes Brot.
In seinem Heimatdorf gab es 2 ½ Lebensmittelgeschäfte, einen Bäcker, einen Metzger, Schreiner,
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Züchtigung (1)Währungsreform (1)Verkehr (148)Sense (1)Nachkriegszeit (3)Lehre (6)Kuhgespann (1)Krieg (76)Karst (1)Eisenbahn (75)
Glaser, Maler und weitere Handwerker. Es gab keine Industrie, jedoch Braunkohleförderung mit ihren gesundheitsschädlichen Begleiterscheinungen für die Bergleute sowie Steinbrüche mit Basalt-vorkommen und einen eigenen Bahnhof. Im Dorf gab es drei Telefone, keine Autos, kaum Pferde jedoch Kühe und Kuhgespanne für jeglichen Transport.
Toiletten wie heute gab es nicht; es gab Plumps-Klos mit Zeitungs-Toilettenpapier - oder den Stall/Misthaufen. Damals wurden die Haustüren in keinem Haus in Fehl-Ritzhausen abgeschlossen. Die Einwohner hatten überwiegend keine (Armband)-Uhr. Die Zeit erfuhren die Menschen durch das Läuten der Glocke. Wichtige Bekanntmachungen verkündete der Gemeindediener mit der Schelle und durch Ausrufen. Die Schule war eine achtklassige Zwergschule. Die Klassen 1 – 4 wurden vormittags, die Klassen 5 – 8 nachmittags unterrichtet. Es war Krieg. Ab Januar 1945 gab es wegen der häufigen Fliegerangriffe keinen Schulunterricht mehr.
Seine Familie bestand aus dem Vater, der als Eisenbahner im Osten (Kriege) war, der Mutter und seinen beiden Geschwistern. Dazu gehörten noch Großmutter und Großvater. Der Großvater, zunächst Bergmann, dann Maurer, setzte bei einem wilden Streik wegen einseitiger Lohnkürzungen der Grube, seine Existenz aufs Spiel, wurde entlassen, auf die schwarze Liste gesetzt, und bekam im Westerwald keine Arbeit mehr. Er schlug sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch und ging später als Maurer ins Siegerland. Das bedeutet 40 km Fußmarsch hin und zurück; die Woche über blieb er im Siegerland. Manfreds Vater kam 1945 aus dem Krieg zurück, starb aufgrund seiner während der Heimkehr erworbenen Erfrierungen, Verletzungen und weiterer Krankheiten kurz nach seiner Heimkehr. Dabei wurde der Leichnam vom Krankenhaus in seinen Heimatort 30 km mit dem Pferdefuhrwerk transportiert. Es gab keine Autos und kaum Pferde. Martin Denker mußte schon als Kind kräftig anpacken: Da waren das Vieh, die Äcker und Felder. Alles mußte mit einfachen Werkzeugen erledigt werden.
Manfred Denker sagt, es war auch eine schöne Zeit.
Manfred Denker lebte also seit 1945 ohne Vater. Er war damals gerade 7 Jahre alt. Er ging zur Volksschule in Fehl-Ritzhausen bei unterschiedlichen Lehrern. Gestraft wurde damals mit Schlägen mit einem Weidestöckchen auf Po oder Hand bei den Jungens; Mädchen wurden verbal bestraft. Sein Lehrer hat aus eigenem Ehrgeiz verhindert, daß er und drei weitere Mitschüler, die Mittelschule besuchen. Er hat dafür sogar bei den Eltern vorgesprochen. Das Schreiben mit der linken Hand hat der Lehrer ihm „ausgetrieben“. Mit dem 14. Lebensjahr war seine Schulzeit zu Ende. Er wollte gerne zur Glasmalerschule gehen, was seine Mutter verhindert hat. Stattdessen wurde er Maler und Lackierer für 25 Mark im Monat. Er hat bei einem örtlichen Meister gearbeitet, der damals bereits einen Auftrag für die Malerarbeiten eines 8geschossigen Wohnhauses in Frankfurt bekommen hatte. Zunächst hat er zwar kein Geld gesehen, dafür aber 17 – 18 Stunden täglich gearbeitet. Geschlafen hat er im Rohbau bei offenen Fenster- und Türöffnungen und 10 Grad Minus. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, pflegte seine Mutter zu sagen. Zur Berufsschule ging er auch nicht. Sein Meister hielt das nicht für nötig. Schließlich ist er in Frankfurt ausgerissen, um dann nach Reduzierung der Arbeitszeit (er war noch Lehrling) wieder bei seinem Meister weiterzuarbeiten. Nach seiner Gesellen-prüfung, für die er die Berufsschule nachholen mußte, war er 7 ½ Jahre bei einem Malermeister in Frankfurt beschäftigt. 1965 ging er nach Westberlin. Aber die Arbeitsbelastung, die er verringern wollte, wurde eher noch größer. Durch das Einatmen der Farb- und Lackdämpfe, die beim Spritzen mit Lacken entstanden, bekam er Magengeschwüre und konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er hat umgeschult, wurde Verwaltungsangestellter beim Arbeitsamt Gießen, und ging mit 62 Jahren in den Ruhestand.
Was war damals noch? Am 20. Juni 1948 fand die Währungsreform statt. Jeder Bürger bekam vom Staat 40,00 DM „Kopfgeld“, im August 1948 nochmals 20,00 DM. Bankguthaben werden 10 : 1 oder schlechter umgetauscht. Es gab so gut wie keine Autos. Die wenigen Autos waren Autos mit Holzvergasermotoren. Auch die kleinen Handwerker hatten keine Autos, stattdessen wurden die Materialien und Werkzeuge mit Handkarren befördert, manchmal auch mit dem Motorrad, wobei der Sozius die beiden Farbeneimer in der Hand hielt, wie Martin Denker erläuterte. Er hat auch auf dem Felde mitgearbeitet. Werkzeuge waren damals Karst (zweizinkige Hacke) – für alles gut, sowie Sense, Dreschflegel. Gebrauchte Nägel wurden gerade geklopft und wieder verwendet. Einmal in der Woche wurde gebadet – nacheinander in demselben Wasser. Kühe spielten eine wichtige Rolle im Dorf. Da auch die Pferde im Krieg abhanden gekommen waren, mußten sie nicht nur Milch geben sondern auch die Gespanne ziehen, sowie pflügen usw. Diese Arbeiten hat auch Martin Denker in seiner Kindheit und Jugend ausgeführt. Sein Lehrgeld hat er zu Hause abgegeben; 1,80 DM/Monat durfte er behalten. Nach dem Krieg kamen auch in sein Dorf Flüchtlinge. Wohnraum wurde beschlagnahmt. Jeder mußte abgeben und bekam Flüchtlinge zugewiesen. Man mußte zusammenrücken. „Alte Nazis“ waren gelegentlich ein Problem im Dorf. Während das Chaos im Lande zunächst unbeschreiblich war – mit überbesetzten Zügen, die Leute saßen und standen nicht nur in den Waggons sondern auch auf den Dächern, den Trittbrettern und den Plattformen wurde es zunehmend geordneter. Die Schieber- und Schwarzmarktgeschäfte wurden ausgetrocknet – bis es sie nicht mehr gab.
Politisch war er seit Ende der 50er Jahre in der SPD. Er erinnert sich noch gut an eine Schulung mit Herbert Wehner.
Schade, daß die Veranstaltung so schwach besucht war. Der Vortrag war lebhaft und engagiert und der Zuhörer konnte sich gedanklich in die damalige Zeit versetzen. Peter Zerche lieferte noch einen zusätzlichen Höhepunkt, als er erzählte, wie er um die Hand seiner Frau anhielt. Gibt es das heute noch?

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