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Jazz-Duo eröffnet Kultursommer Mittelhessen

Enrico Rava (Trompete)
Enrico Rava (Trompete)
Lich | "Dear Old Lich" - gutes, altes Lich - haben die beiden italienischen Jazzmusiker Enrico Rava und Stefano Bollani bei ihrem Konzert am Sonntag im Kino Traumstern schnell eines ihrer Stücke umbenannt und sich damit ans Publikum angeschmeichelt. Bei der fast ausverkauften Matineeveranstaltung zur Eröffnung des Kultursommers Mittelhessens mussten Trompeter Rava und Pianist Bollani aber nicht viele Worte verlieren, um die Sympathie auf ihrer Seite zu wissen. Als kongeniales Duo, das sich beinahe blind, mit oft geschlossenen Augen vertraute, zusammenspielte und sich die melodischen und improvisatorischen Happen und Einfälle zuspielte, taten die beiden im Alter sehr unterschiedlichen Musiker ihrem Renommee alle Ehre. Die servierten Werke aus eigener Feder sowie die Interpretationen anderer Meister und volkstümlicher Weisen waren dabei stets aus gleichberechtigten lyrischen-melodiösen, swingenden und zeitgenössisch frei improvisierten Portionen angerichtet. So war das eigentlich als "Dear Old Stockholm" bekannte und im Jazz oft zitierte Stück, welches auf das schwedische Lied "Äck Värmeland, du sköna" basiert, eingehüllt von
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einer harschen antreibenden Wolke voller sich aufbäumender Bläserfloskeln und einem teilweisen Hang des Pianisten zu einer Boogie-Woogie- und Ragtime-Begleitung. Bis schließlich zwischendurch das Thema des Liedes erkennbar, aber modifiziert wie einzelne Lichtstrahlen durchblitzten. Der 70-jährige Rava ist immerhin dafür bekannt, dass er nicht gerade der Melodieseligkeit erliegt. Vielmehr ist der Trompeter sicherlich geprägt von der Zusammenarbeit mit Freejazz-Ikonen wie Cecil Taylor, Don Cherry und Archie Schepp oder durch Mitwirkung bei Einspielung von Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra, Manfred Schoof oder Dino Saluzzi. Die melodiösen Parts geben in Lich den rund 150 Zuhörern zwar immer ein wiederkehrendes Stück Vertrautheit, doch Rava lässt die Themen niemals für sich alleine stehen und kesselt sie mit improvisatorischen Ausbrüchen ein. Doch bis der Trompeter erst einmal so richtig in Fahrt kommt, gilt es das Eröffnungsstück "Estate" vom aktuellen Rava-Bollani-Album "The Thrid Man" zu überstehen. Mit sensiblem, lyrischem und ruhigem Gestus weiß das Stück zu Gefallen, doch an diesem Sonntagvormittag hat Rava mit seinem Ansatz zu kämpfen. Blechbläser wissen zu gut, dass zu dieser Uhrzeit die Lippen oft noch nicht die gewollte Tagesform erreicht haben. Und so nutzt Rava jede kleine Spielpause und jedes Klaviersolo für kurzes Lippensummen oder passend dazugeselltes Tiefe-Töne-Blasen. Sparsam setzt er bei "Estate" noch seinen luftig rauschenden Ton ein, der nach nächtlichem Großstadt-Bar-Flair klingt, um sich dann manchmal in aufregende Ausbrüche zu verstricken.
Auch Bollani mimt gefällig seinen Begleitpart. Doch sein Temperament entfaltet der 37-Jährige in seinem immer wieder mit Szenenapplaus gewürdigten Soli oder in seinem energisch rhythmischen Fußstampfen. Voller Hingabe lässt er seine Finger über die Klaviatur tänzeln und seinen Körper auf dem Hocker winden. Tänzerisch kommt dann auch der Ravas Titel "Jessica too" daher. Verspielter kommt dann Charlie Parkers "Scrapple for the Apple" daher, bis schließlich nach sinnlich-erotischen Tango- und Latineinsprängseln mit "Bella" ein Stück den hübschen Frauen im Saal gewidmet wird. "Und was ist mit den hässlichen?", fragt Bollani schelmisch. Bei ihren kurzen, slapstickhaften Ansagen sahen Rava und Bollani ziemlich viele Schmunzelgesichter gegenübersitzen. Kleine ironische Spitzen ließen die beiden Musiker aber auch musikalisch etwa bei einem Frage-Antwort-Spielchen aufblitzen.
Viel Beifall war den beiden italienischen Jazzern gewiss. Gerade auch, weil Regierungspräsident Lars Witteck, in seiner Eröffnungsrede das "außergewöhnliche Programm" des Kultursommers Mittelhessen dahingehend lobte, nicht dem Mainstream zu verfallen, sondern etwas Neues zu entdecken anbiete - in der Provinz und an ungewöhnlichen Orten. Zu den geladenen Gästen der Eröffnung zählten unter anderem auch Gießens Landrätin Anita Schneider, Thorsten Schäfer-Gümbel (Vorsitzender der Hessen-SPD), Bundestagsabgeordneter Rüdiger Veit, Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Wilfried Schmied (Regierungspräsident a.D.).

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