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150 Jahre Postkarte: Die SMS des 19. Jahrhunderts

Lich | Die SMS des 19. Jahrhunderts
Vor 150 Jahren begann die Geschichte der Postkarte

Philokartie – so nennt man das Sammeln und Erforschen von Post- und Ansichtskarten. idea-Redakteur Christian Starke hat seit den 1980er Jahren Hunderte Exemplare mit christlichen Motiven zusammengetragen. Sein Schwerpunkt: Martin Luther und die Reformation. Aber auch historische Karten mit Bibel- und Liedversen, biblischen Geschichten, Jesus-Darstellungen, Oster- und Weihnachtsmotiven sowie Abbildungen des Ulmer Münsters gehören zu seiner Sammlung. In seinem Beitrag beleuchtet er das Jubiläum der Postkarte.

Wer freut sich nicht, wenn er eine Karte mit Urlaubsgrüßen aus einem fernen Land oder mit Segenswünschen zum Geburtstag aus dem Briefkasten fischt. So wird deutlich: Jemand hat an mich gedacht. Seit 150 Jahren ist es möglich, auf diese Weise kurze Botschaften zu versenden. Im Oktober 1869 wurde in Österreich-Ungarn die Correspondenz-Karte eingeführt – die erste offizielle Postkarte der Welt. Als Erfinder gilt der Nationalökonom Emanuel Herrmanns (1839–1902). Er hatte im Januar 1869 in einem Zeitungsartikel für diese „neue Art
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der Correspondenz mittels der Post“ geworben. Seine Argumente: Dadurch ließen sich Briefpapier, Kuverts und Tinte einsparen. Schon in den ersten drei Monaten wurden rund drei Millionen Postkarten verschickt. In Deutschland und der Schweiz kam die Neuheit 1870 auf den Markt. Die Erfolgsgeschichte war nicht mehr aufzuhalten. Bereits 1878 konnte man die frankierten kleinen Rechtecke aus Papier aufgrund des Weltpostvertrages in die meisten Länder versenden. Anfangs war die Vorderseite für die Adresse, die Rückseite für den Text gedacht. Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich mehrfarbige Ansichtskarten durch. Auf der Bildseite war etwas Raum für die Information. Seit 1905 befindet sich in Deutschland auf der Adressseite links ein Feld für den Text.

„Vater Bodelschwingh“ dankte Spendern per Postkarte

Zu den „Sahnestücken“ aus der Anfangszeit der Postkarten in meiner Sammlung gehört eine, die Pastor Friedrich von Bodelschwingh (1831–1910) – ein Vater der Diakonie – im Jahre 1876 selbst geschrieben hat. Nach ihm sind die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld benannt, heute das mit rund 19.000 Mitarbeitern größte Sozialunternehmen in Europa. Damals bedankte sich der Chef bei Spendern noch persönlich. Die „freundliche Sendung“ des Gebers betrug 224.75 Mark – ein stattlicher Betrag, wenn man bedenkt, dass ein durchschnittlicher Jahreslohn in Industrie und Handwerk damals bei 654 Mark lag. Der Leiter der damaligen „Anstalt Bethel“ grüßt auf der sehr gut erhaltenen Karte mit den Worten „Ihr Bodelschwingh“. Ein solches Stück findet man heute nur mit sehr viel Glück bei einer Auktion oder Sammlerbörse. Liebhaber müssen dafür mindestens 100 Euro anlegen.

Schmachtende Paare mit Liebeslyrik

Die Postkarte galt um das Jahr 1900 als das schnellste und zuverlässigste Kommunikationsmittel. In Berlin wurde sie bis zu elf Mal täglich zugestellt. Insofern kann man die Postkarte getrost als SMS des 19. Jahrhunderts bezeichnen. Im Jahre 1900 wurden im deutschen Kaiserreich fast eine Milliarde Exemplare verschickt, davon 50 Prozent Ansichtskarten. Über die Kartenmanie der Deutschen scherzte der Dichter Christian Morgenstern (1871¬–1914) 1907 so: „Was ist das erste, wenn Herr und Frau Müller in den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten.“ In der goldenen Ära dieses Mediums von 1895 bis 1918 hatten die sogenannten „Kitschkarten“ Hochkonjunktur. Sie zeigten zum Beispiel schmachtende Paare mit Liebeslyrik. Ein Textbeispiel: „Es küsst der Wind die Rosen. O komm und lass uns kosen!“. Andere Karten zeigen musizierende Engel mit Kindergesichtern, singende Teddybären oder tanzende Matrosen.

Jesus mit Heiligenschein am Soldatengrab

Ihre Blütezeit hatte die Postkarte im Ersten Weltkrieg. Schätzungen zufolge schickten deutsche Soldaten etwa zehn Milliarden portofreie Feldpostkarten nach Hause. Darunter waren auch viele mit religiösen Motiven. So zeigt eine 1915 verschickte Karte zwei betende Soldaten auf ihren Pferden bei einer Waldandacht. Auf einer anderen aus dem Jahr 1916 ist eine Darstellung Jesu mit Heiligenschein am Grab eines gefallenen Soldaten zu sehen. Den Steinhaufen zieren ein Kreuz und die Pickelhaube des Toten. Natürlich dienten die Karten auch propagandistischen Zwecken und dazu, die Kampfmoral aufrechtzuerhalten. Beliebte Motive waren Kaiser Wilhelm II., Kriegsschiffe und Soldatenfotos.

Der verkürzte Bismarck

Die nationalistischen Botschaften hatten oft eine religiöse Färbung. Ein häufig verwendeter Spruch war ein verkürztes Zitat von Otto von Bismarck (1815–1898): „Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt.“ Der zweite Teil aus einer Reichstagsrede von 1888 wurde weggelassen. Er lautete: „… und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt.“ Diese Aussage passte aber nicht in die kriegslüsterne Zeit. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm der Stellenwert der Postkarten ab. Ein Hauptgrund war die zunehmende Verbreitung des Telefons. 1931 waren nur noch etwa 20 Prozent der 5,7 Milliarden Postsendungen im Deutschen Reich Postkarten. Die Nationalsozialisten nutzten die Karten als Instrument, um ihre Ideologie zu verbreiten. Davon zeugen Propagandakarten von der Machtergreifung, von Parteitagen, Aufmärschen und Wettkämpfen, mit NS-Parolen und Symbolen oder antisemitischem Inhalt. Im Zweiten Weltkrieg nahmen militärische Motive zu. Allerdings hatten Postkarten nicht mehr die Bedeutung wie im Ersten Weltkrieg – jedenfalls bezogen auf die Feldpost.

Evangelisation im Kleinformat

Eine wichtige Rolle spielte die Postkarte stets auch für Christen. Sie nutzen dieses Medium, um geistliche Botschaften weiterzugeben. Evangelisation im Kleinformat. Bevorzugt eignen sich dafür Geburtstage und christliche Feste. Aufgedruckt auf den Karten sind Bibelverse, Gedichte und Liedverse. Besonders beliebt auf historischen Stücken war der 23. Psalm, der mit den Worten beginnt: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Eine solche Karte aus dem Jahr 1904 schlägt die Brücke ins Neue Testament und zeigt Jesus Christus als den guten Hirten mit Schaf auf der Schulter. Eine als Feldpost gelaufene Karte macht einem Soldaten 1915 mit Psalm 91,9 Mut: „Der Herr ist deine Zuversicht; der Höchste ist deine Zuflucht.“ Gott allein weiß, wie viele Menschen auf diese Weise Kraft und Trost erhalten haben – vielleicht auch so mancher Briefträger, der die Bibelworte gelesen hat. Heute werden Glückwünsche und Festgrüße in der Regel im Umschlag versandt.

Die Mehrheit versendet Postkarten

Der Versand von Postkarten ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stark
zurückgegangen. 1982 beförderte die Post 877 Millionen Stück, 2018 waren es gerade noch 155 Millionen – Tendenz weiter sinkend. Grund sind E-Mail, WhatsApp, Facebook & Co. Allerdings freuen sich 86 Prozent der Deutschen laut einer Online-Umfrage der Postkarten-App MyPostcard und von YouGov Deutschland (Juni 2019) noch immer über Postkarten im Briefkasten. 57 Prozent versenden selbst solche. Viele tun dies heute mit Hilfe einer Postkarten-App. So kann man digital gestalten und individuelle Grußbotschaften analog versenden. Die Postkarte wird wohl also nicht aussterben. Sie hat im Unterschied zu WhatsApp einen Vorteil: Man kann sie an den Kühlschrank oder eine Pinnwand heften. Auch als Sammelobjekt wird die Postkarte aufgrund von historischem Interesse und verbreiteter Nostalgie weiter gefragt sein. Angesichts der Fülle des Materials – etwa an Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg – kann man über 100 Jahre alte Stücke schon ab 50 Cent erwerben. Ansichtskarten kleiner Orte um 1900 kosten nicht selten über 100 Euro. Nach oben geht es bei Preisen bis in den sechsstelligen Bereich: So erbrachte eine Postkarte von 1918 mit einer Zeichnung von Pablo Picasso (1881–1973) bei einem deutschen Auktionshaus 2015 sage und schreibe 166.000 Euro.

Dieser Beitrag ist von (c) Christian Starke (Evangelische Nachrichtenagentur idea) und darf mit seiner Genehmigung veröffentlicht werden

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