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Jubiläum 150 Jahre Ansichtskarten

Lich | Viele Mitglieder der Briefmarkenfreunde 1960 Lich sammeln Ansichtskarten aus Lich und Umgebung. Der Verein selbst hat seit den 80’er Jahren etliche Ansichtskarten aufgelegt, welche über den Verein bezogen werden können, oder jedes Jahr am historischen Postamt des Vereins der Briefmarken-freunde 1960 Lich während des historischen Marktes angeboten werden. Aus Anlass des Jubiläums „150 Jahre Ansichtskarte“ folgt ein kurzer historischer Rückblick erstellt durch Mitglieder der Briefmarkenfreunde 1960 Lich.

Die Frage nach der ersten Karte lässt sich nicht schlüssig beantworten. Bereits im Jahre 1777 soll der französische Maler und Stecher Demaison Gravuren auf Karten angefertigt haben, die dann mit der Post befördert wurden. Allerdings ist kein einziges Exemplar je archiviert oder gar einem Sammler bekannt geworden. Etwa 60 Jahre später, um 1840, war es üblich, Briefpapier mit Stahlstichansichten zu versehen. Zum Druck wurde hierzu teilweise festeres Papier benutzt. Da diese Druckerzeugnisse den postalischen Vorgaben nicht genügten, wurden sie zum Postversand nicht zugelassen. Erst 1861 erscheint in Amerika die erste
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Postkarte, allerdings ohne Ansicht- und Briefmarkeneindruck. In Deutschland verfasst Generalpostmeister Heinrich von Stephan 1865 einen „Vorschlag zu einem Postblatt“, der aber nicht weiter aufgegriffen wird.1868 legen die beiden Leipziger Buchhändler Friedlein und Pardubitz unabhängig voneinander den Entwurf einer “Universal -Correspondenzkarte“ vor.
Während Österreich die erste staatliche Postkarte 1869 einführt und zum halben Briefporto befördert, dauert es bis zum 1. Juli 1870, ehe durch die deutsche Postverwaltung des Norddeutschen Bundes in Verbindung mit Bayern, Württemberg und Baden die Korrespondenzkarte in Deutschland amtlich zugelassen wird. Dieses neue Kommunikationsmittel wird von der Bevölkerung so gut aufgenommen, dass bereits innerhalb der ersten beiden Monate ca. 2 Millionen Stück verkauft werden.
Am 16. Juli 1870 - 14 Tage nach der amtlichen Einführung- schreibt der Hofbuchhändler August Schwartz aus Oldenburg an seine Schwiegereltern in Magdeburg eine „Mobile Correspondenzkarte“, auf die er in seiner Druckerei ein Artilleriebild gedruckt und die er mit einem Vers versehen hatte. Diese Karte wird allgemein als die erste Bildpostkarte angesehen. 1872 stellt der Nürnberger Franz Rorich eine Ansicht mit einem Motiv
aus der Schweiz her, und der Münchener Lithograph Zrenner produziert eine Reihe verschiedener Karten. Wer aber letztendlich als Erfinder der ersten Ansichtskarte anzusehen ist, darüber besteht auch heute noch keine Klarheit. Ab 1873 werden in Deutschland Ansichtskarten aufgelegt, bei denen die Ansicht im oberen Drittel der hochformatigen Karte eingedruckt ist. Seit dieser Zeit und bedingt durch die Legalisierung der privaten Karten, steigen die Auflagen rasant an und erreichen um das Jahr 1903 ihren Höhepunkt. Deutschland war in der Produktion und im Schreiben von Ansichtskarten weltweit führend.
Der Graphiker Theodor Thomas Heine - Mitbegründer des “Simplicissimus“ charakterisiert die Postkartenmanie der Deutschen daher auch ganz treffend:
“Bei einem Eisenbahnunglück sucht der Franzose eine Frauenbekanntschaft. Der Engländer lässt sich in seiner Zeitungslektüre nicht stören und ein Deutscher schreibt Ansichtskarten - notfalls sogar noch im Himmel.“

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzt eine regelrechte Sammelleidenschaft ein. Orte und Panoramaansichten waren die ersten und häufigsten Motive. Dies wird durch den um die Jahrhundertwende einsetzenden Reiseverkehr noch begünstigt. War das Versenden und Sammeln von Ansichtskarten
zunächst überwiegend dem bürgerlichen Mittelstand vorbehalten, so dehnte sich dies allmählich auch auf sozial schwächere Schichten aus. Ansichtskarten gab es nicht nur von großen Städten und landschaftlich bevorzugten Regionen. Selbst von den kleinsten Dörfern wurden Ansichtskarten hergestellt, was der Sammler heute dankbar registriert. Gedruckt, versandt und gesammelt wurde so ziemlich alles. Neben den bereits erwähnten topographischen Karten waren es Gelegenheitskarten (Grüße zu verschiedenen Anlässen, Reklamekarten, Ausstellungs- und Festkarten), Genrekarten ( Scherz-, Ulk- und Juxkarten, Blumen- und Spruchkarten, Erotik- und Liebeskarten, patriotische und religiöse Karten), Fürsten- und Schauspielerkarten sowie Kunst- und Künstlerpostkarten, die durch die Verlage angeboten wurden.
Für die Herstellung von Ansichtskarten mussten keine neuen Drucktechniken entwickelt werden. Man& bediente sich in erster Linie bekannter Verfahren. Oft wurden verschiedene Drucktechniken miteinander kombiniert um noch bessere Erzeugnisse zu erreichen. Das führte dazu, dass die Herstellungstechnik manchmal nicht eindeutig zu erkennen ist. Die gebräuchlichsten Druckverfahren waren anfangs der Hoch-, Tief- und Flachdruck, wobei letzterer hauptsächlich
in der Lithographie (Steindruck) Verwendung fand. Weitere Druckverfahren wie der Kupferstich, der Lichtdruck, die Heliogravüre, die Radierung und nicht zuletzt der Offsetdruck spielten bei der Ansichtskartenherstellung eine nicht unwesentliche Rolle. Große Bedeutung erlangte auch die Photographie. Industriell angefertigte Abzüge ermöglichten eine absolut getreue Wiedergabe des jeweiligen Objektes. Es wurden aber nicht nur Ansichtskarten gedruckt, sondern auch anderweitig gefertigt. Man kennt Karten mit Prägungen und Stanzungen. Daneben wurden auch Materialien wie Kork, Stoff, Haare, Leder durchsichtige Folie oder gar Holz verwendet. Diese Produkte mit den postalischen Vorschriften in Einklang zu bringen, dürfte nicht immer einfach gewesen sein, sodass manche schnell wieder in der Versenkung verschwanden.
Auch im wirtschaftlichen Bereich erlangte die Postkarte eine immer größere Bedeutung und hatte einen erheblichen Anteil am Wachstum der Posteinnahmen. Wurden 1875 ca. 62 Millionen Postkarten befördert, was einem Anteil von 11% aller Briefe und Karten entsprach, so waren es 1900 ca. 955 Millionen Karten mit einem Anteil von 36%. Aber nicht nur die Post profitierte von den steigenden Umsätzen. In der Ansichtskartenindustrie
waren zu diesem Zeitpunkt etwa 30000 Menschen tätig. Alleine in Frankfurt am Main beschäftigte eine Ansichtskartenfabrik im Jahre l900 etwa 1200 Mitarbeiter. Täglich gingen bis zu 100 neue Motive in Produktion; eine für damalige Verhältnisse nicht hoch genug einzuschätzende Leistung.
Durch seine Lage und seine malerische Altstadt mit den markanten und geschichtsträchtigen Gebäuden, bot unser Heimatstädtchen Lich eine Fülle von Motiven, die es wert waren, auf Ansichtskarten festgehalten zu werden. Namhafte Künstler wie Merian, T. Weber, Otto Ubbelohde und Otto Ackermann-Pasing haben Lich und seine Sehenswürdigkeiten in Stichen und Zeichnungen festgehalten, die später als Vorlage für Ansichtskarten dienten. Ereignisse, wie das 600 jährige Stadtjubiläum im Jahre 1900, die Ober-hessische Schülerarbeiten - Ausstellung vom 4.-18.8.1901, das 35. Gauturnfest des Gaues Hessen 1908 oder der Besuch des Zaren von Russland im September 1910 in Lich, waren ebenso höchst willkommene Anlässe um auf Ansichtskarten dokumentiert zu werden, wie Aufnahmen und Porträts von Mitgliedern der fürstlichen Familie. Ansichten von Licher Hotels und Gaststätten waren mehr privater Natur und dienten wohl eher zu Werbezwecken.

Die beiden ältesten Licher
Ansichtskarten dürften Federzeichnungen des Licher Schlosses und des Mittelschiffes des Kloster Arnsburg sein. Sie wurden wahrscheinlich gegen Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhundert hergestellt. Das genaue Datum ist leider nicht bekannt, lediglich die erste postalische Verwendung der Arnsburger Karte. Diese wurde am 27.5.1890 von Lich nach Groß-Gerau befördert, während die Karte mit dem Licher Schloss am 1.12.1898 ihren Weg von Lich nach Genua in Italien nahm, wo sie bereits am nächsten Tag zugestellt wurde.



Man kann aber davon ausgehen, dass auch hier eine wesentlich frühere postalische Verwendung vorgekommen ist.
Alte Postkarten sind nicht nur schön, sie sind auch Kunstwerke. In der Blütezeit der Ansichtskarte von 1900 - 1914 wurde ein so enormer Aufwand an Drucktechnik und Handarbeit mit Liebe zum Detail in die Karten gelegt, dass sich die heutigen Ansichten daneben eher bescheiden ausnehmen. Als zeitgeschichtliches Dokument vermittelt sie uns den Wandel der letzten 150 Jahre. Sie zeigt uns mancherlei Veränderung hin zum Positiven und dokumentiert uns gleichzeitig aber auch, dass so manches Stück Romantik unwiederbringlich für immer verlorengegangen ist.



© Verein der Briefmarkenfreunde 1960 Lich


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Kommentare zum Beitrag

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Klaus Stadler aus Reiskirchen schrieb am 01.02.2019 um 13:48 Uhr
Lieber Herr Gunkel.Neugierig geworden durch ihren Artikel habe ich eine Postkarte meiner Großmutter gefunden,die sie am7.10.1917 an meinen Großvater geschrieben hat. War Soldat im ersten Weltkrieg.Auf der Vorderseite ist eine Fotografie meiner Großmutter und ihrer ältesten Tochter. Die Karte wurde in Komotau ( Kaiserreich Österreich)von einem Fotogeschäft hergestellt.
Jürgen Gunkel
170
Jürgen Gunkel aus Lich schrieb am 01.02.2019 um 15:24 Uhr
Das ist doch schön, wenn durch solche Artikel, Erinnerungen wieder ausgegraben werden! Freut mich, schönes WE!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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von:  Jürgen Gunkel

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