Lich | Samstag in Hamburg:
Die letzten Vorbereitungen vor dem Start: ein letztes leichtes Training – nichts von Tempo- oder
Crescendolauf, Intervalltraining oder ähnlichen schweißtreibenden Angelegenheit. Nein, es ging ganz
gemütlich zu. Nach dem Training fand unser Nudelessen statt, anschließend letzte Besprechung mit Dirk Lösel und Jürgen Werner von KörperKonzept. Es ging um allgemeine Hinweise zum Lauf, wie Essen, Trinken, Abkühlen und die Laufstrategie für jeden einzelnen. Diese hatte Jürgen ausgearbeitet. In meinem Fall hieß das: maximale Herzfrequenz 135/min; je km in 7:40 min (Laufzeit ca. 5:23 Stunden). So lange.
Sonntag morgen:
Endlich war es dann soweit. Das Ziel von 5 Monaten harter Arbeit war erreicht. Es war Marathon-Morgen 07.30 Uhr. Nach minimalem Frühstück, dem obligatorischen Gruppenbild, einer letzten Kontrolle der Ausrüstung und Toilettenbesuch ging es los – mit dem Bus zur Reeperbahn. Start und Ziel des Hamburg- Marathon liegen in unmittelbarer Nähe der Reeperbahn. Hier sollte es losgehen, schön geordnet, Läuferblock nach Läuferblock, von A wie ganz schnell bis N wie Bummelzug. Ich war für den Startblock
N eingeteilt. Aber vorher musste ich noch zur Toilette. Die zwei Kannen Tee machten sich bemerkbar. Vor den „Dixi-Toiletten“, die nebeneinander standen, gab es schon lange Warteschlangen von jeweils etwa 50 Bedürftigen. Es ging aber dann doch recht schnell, weil für jede Schlange mehrere „Häuschen“ zuständig waren. Die Uhr tickte, der Zeiger näherte sich der 12; es war kurz vor 09.00 Uhr – Zeit meinen Block aufzusuchen.
… 5, 4, 3, 2, 1 – los. Die Start-Glocke war bis zu uns, im Block N, nicht zu hören. Nach einiger Zeit war vor uns Bewegung erkennbar; dann ging es los. Als wir über die Startlinie liefen, waren für die ersten aus dem A-Block bereits 10 Minuten um. Für uns zählte die Zeit ab Überschreiten der Startlinie (Kontaktmatte), gemessen und zugeordnet durch einen Chip, den jeder Läufer an seinem Laufschuh befestigt hatte. Über die Strecke gab es weitere 3 Kontaktmatten, an denen der Durchlauf der Läufer und die Zeiten festgehalten wurden.
Aktiv waren an diesem Morgen ca. 15.000 Läufer, zusätzlich noch Handbiker und Rollstuhlfahrer. Zugeschaut, gefeiert und die Läufer angefeuert haben etwa 850.000 Menschen. Diese waren nicht minder aktiv. So kamen auf jeden Sportler 57 Zuschauer. Teilweise konnte man den Eindruck
haben, die Leute haben einfach ihr Wohnzimmer auf die Straße geholt. Anfeuerungsrufe, Musik von Stereoanlagen, selbst gemachte Musik mit Trommeln, Kochtöpfen und anderen Musikinstrumenten, Musik- und Sambagruppen, Spielmannszüge prägten das Bild und machten den Lauf zu einem Erlebnis. Ganz Hamburg feierte mit den Sportlern. Das konnte keinen kalt lassen.
Ich bin dann auch mal losgelaufen, als ich dran war. Kleines Problem auf den ersten Kilometern: Ich musste zur Toilette. Auch das war gut organisiert. Dixi-Häuschen in kurzen Abständen, in die die Läufer verschwinden konnten. Als ich raus kam, traf ich Hans-Jürgen und Hans. Die waren genauso erstaunt mich zu sehen, wie ich erstaunt war, die beiden zu sehen. Die sollten viel weiter vorne sein. Nach kurzem Hallo ging es weiter. Immer mal wieder ein Blick zur Uhr: die Herzfrequenzmessung bewegte sich zwischen 142 und 147. Das war zu schnell. Aber mir ging es gut. Nach 1:07 Std. war ich bei km 10; nach 2:16 Std. bei km 20. Das war schneller als ich in den Wettbewerben der letzten Wochen gelaufen war. Bei km 18 sah ich Jürgen, unseren Trainer, stehen. Der hatte auch mitbekommen dass ich sehr schnell, zu schnell, unterwegs war. Aber es kam, wie es kommen musste. Ich konnte das Tempo nicht durchhalten. Ab km 29 konnte ich nur noch Walken, wobei hier meine Geschwindigkeit immerhin noch 6 km/h betrug. Mein Wunschziel von < 5 Stunden
war nicht mehr zu erreichen. Der Traum war ausgeträumt. Rechnerisch konnte ich bei 1 km in 10 Minuten das Ziel in 5:15 bis 5:30 Std. erreichen. Aufgeben war kein Thema, weil es mir auch nicht richtig schlecht ging. Meine Beinmuskulatur machte nicht mehr mit, aber die etwas andere Beanspruchung beim Walken ging. Also, weiter Walken. Unterwegs wurde mir Prinzenrolle, Schokolade, diverse Getränke, Bier usw. angeboten. Ich habe nur Wasser, Bananen und meine eigenes Powergel genommen. Und immer wieder Rufe: Jupp, Du schaffst das. Jupp, halte durch.
Es war warm. Jürgen Werner hatte uns gesagt, Verpflegungsstellen sind alle 2,5 km. Bei diesem warmen Wetter nehmt ein Schluck zu trinken und schüttet Euch Wasser über Kopf, Gesicht und Nacken. Kühlt Euch ab, damit Ihr nicht überhitzt. Das habe ich sehr regelmäßig gemacht. Außer bei km 5 habe ich keine der Verpflegungsstellen ausgelassen und immer wieder Wasser über mich geschüttet. Aber irgendwann ist auch ein Marathon zu Ende. Ich lief über die Ziellinie und bekam die Medaille umgehängt – kurz vorher habe ich noch Dirk und Jürgen am Rande
der Strecke gesehen. Das war nicht mein erster Marathon, trotzdem hat mich dieser Zieleinlauf emotional besonders berührt. Dann stand ich da im Läuferdorf und musste mich zunächst einmal orientieren. Wo gibt es meinen Kleiderbeutel, wo Verpflegung, wo ist unser Bus? Wo sind die Duschen? Den Kleiderbeutel hatte ich mir schnell geholt, dann traf ich auch schon Wilma und Thomas.
Die waren schon länger im Ziel und kannten sich aus. Die wussten auch, wo der Bus sein sollte. Thomas organisierte mir das Verpflegungspaket, ein alkoholfreies Weizen und die Urkunde. Langsam kam ich wieder zu mir. Soweit überschaubar, war alles noch heile, außer mit meinem rechten Fuß war etwas nicht in Ordnung. Ich hatte das Gefühl, das Strickmuster – davon jeden einzelnen Faden – meiner Socke zu spüren und im Wasser zu stehen. Später stellte sich heraus dass ich eine Riesen-Blase unter dem Fuß hatte. Ich bin mindestens bis Dienstag gehumpelt. Die Muskulatur war schnell wieder in Ordnung. Jürgen hatte empfohlen, die Beine mit Eis abzureiben, was ich getan habe. Das hat geholfen.
Am Abend, beim Bier danach, wurden die Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht. So richtig krank war keiner, aber ein paar Wehwehchen und Blessuren hatte jeder mitbekommen.
Unser Team KörperKonzept konnte mit den erreichten Ergebnissen zufrieden sein. Alle waren mit repektablen Ergebnissen ins Ziel gekommen Leider konnte aus Gesundheitsgründen eine Läuferin nicht mit nach Hamburg fahren, und ein weitere Läufer mußte „kürzer treten“. Gelaufen sind: Burkhard Klein, Carmen, Miroslav Krampl, Frank Ludwig, Wilma Möller, Rainer Müller, Dieter Rau, Hans Schneider, Hans-Jürgen Weber, Steffen Wintzer und ich. Peter Müller ist eine Woche vorher beim Weiltal-Marathon gelaufen. Die Zeiten lagen zwischen 03:51 Std. und 05:40 Std.
Fazit: Der Marathonlauf mit den Vorbereitungen durch KörperKonzept war eine tolle Sache. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. In den Vorbereitungsmonaten habe ich sicher sehr viel für meine Gesundheit getan. Ich habe 5 kg abgenommen, meine Fitness und Beweglichkeit gesteigert, Erfolgserlebnisse gehabt und Hürden überwunden. Jetzt denke ich darüber nach, was ich weiter tun will. Ich möchte mir dieses sportliche und gesundheitliche Niveau erhalten. Ich fühle mich dabei gut. Eventuell nutze ich das Angebot von KörperKonzept donnerstags abends in einer Gruppe mit Laufinteressierten meine Erfahrungen in den Bereichen Athletik, Lauftechnik und Intervalltraining weiter zu vertiefen.