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Als Entwicklungshelfer im Sudan Teil 9

Laubach | Hoffnung

Am nächsten Tag stand Kalib pünktlich vor der Stahltür. Wenn ich eins in Afrika gelernt habe, Afrikanische 5 Minuten sind mindestens 15 Minuten zu spät, aber Kalib stand bereits vor der Tür und wartete. Ich schloss das große Stahltor von unserem Materiallager auf und lud ein 50kg Sack Zement auf einen zerbrechlichen Schubkarren. Kalib schickte ich mit 2 Eimern zu dem Brunnen um Wasser zu holen und machte mich mit meiner Ladung Zement auf den Weg zum Krankenhaus. Unter dem Sonnendach saßen bereits eine Menge Patienten und warteten bereits auf die erhoffte Untersuchung. Neugierig beobachteten sie wie ich die Schubkarre Mühselig der leichten Steigung aufwärts zum Krankenhaus schob.
Als Kalib mit den Wassereimern kam erklärte ich ihm was ich denn vor hätte. Er schaute mich unglaubwürdig an und gab mir das Gefühl das er nicht ganz verstehe oder glauben könnte was ich ihm sagte. Aber als ich selber anfing die Steine wegzuräumen begann er mir zu helfen. Hinter meinem Rücken hörte ich leises Gemurmel und spürte das ich beobachtet wurde. Hin und wieder kamen Leute und wollten über die Steine kraxeln die
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ich gerade bei Seite räumte. Anfangs dachte ich, die Leute müssen doch verrückt sein, warum suchen sie sich nicht einen anderen Weg oder gehen einfach außen rum den längeren Weg. Aber langsam lernte ich auch dieses Mango in Afrika. Was heute gut ist wird morgen auch gut sein und warum neu wenn es doch auch so geht. Ich habe oft das Gefühl das die Menschen in Afrika vieles einfach hin nehmen weil es einfach funktioniert.
Als die Steine alle bei Seite geräumt waren begann ich Kalib zu erklären wie er den Unterbau der ersten Stufe zu gestalten hatte. Da es ein steiniger Boden war, verzichtete ich auf ein tiefes Fundament, außerdem musste ich mir hier ja auch keine Gedanken um Frostschäden machen. Nachdem ein schmales Fundament geschaufelt war, erklärte ich Kalib wie er das Betongemisch anzurühren hätte. Erst jetzt viel mir auf das wir ja überhaupt noch kein Sand hatten. Kurz entschlossen fuhren wir zum nächsten Flussbett und schaufelten Sand auf die Ladefläche des Pickups.
Da immer mehr Patienten eintrafen und sich unter das Sonnendach setzten um zu warten, wurde ich von immer mehr neugierigen Blicken verfolgt. Kalib fing an das Betongemisch anzurühren, ich bot ihm an ihm zu helfen, so wechselten wir uns ab mehrere Schubkarren
an zu mischen und füllten das schmale Fundament mit dem Betongemisch. Ich nahm noch mal mein Maßstab und rechnete schnell die Höhe der einzelnen Stufen aus. Nach und nach nahm ich die größten Steine von dem Haufen und setzte die erste Stufe. Ich glaube heut noch, dass die Einheimischen sich nichts unter meinem Treiben vorstellen konnten. Auch glaube ich, fast alle die dem Treiben zusahen, haben noch nie in ihrem Leben überhaupt Zement gesehen. Mit der Zeit wuchs die Treppe Stein um Stein und die Stufen wurden mehr. Ab und an versuchten Leute an mir vorbei über die neuen Stufen den Absatz zu erklimmen. Ich musste sie teilweise vertreiben weil sie nicht verstehen konnten warum sie jetzt noch nicht dort hoch gehen konnten.
Als die Treppe nach und nach Formen annahm, standen gelegentlich Patienten auf um mir anerkennend auf die Schulter zu klopfen.
Nachdem das Bauwerk fertig gestellt war stellte ich Kalib als Wache an die Treppe damit keiner über die frisch gesetzten und verfugten Steine läuft und diese sich wieder lösen. Ich rief den Doc um ihm mein Handwerk zu präsentieren, anfangs unglaubwürdig das an einem Vormittag dies geschaffen wurde klopfte auch er mir auf die Schulter und zeigte seine Anerkennung. Patienten standen auf und bedankten sich mit den Worten:“ Khawaja, Shukran Khartier“ Was vielen dank auf arabisch bedeutet.

Abends waren wir bei einer Sizilianerin von der UN eingeladen. Sie gab ihre Abschiedsfeier und verlies das Projekt der UN. Ein wenig Wehmut kam in mir auf, ich hatte ja noch nicht mal 2 Wochen von langen 6 Monaten hinter mich gebracht. Es gab ein großes Barbecue und Araki zu trinken. Araki war ein aus Hirse gebrannter Schnaps. Da diesen nur wenige Nubas brennen, war es gar nicht einfach den zu bekommen. Mit löslichen Saft war der gut zu trinken und ich hatte das erste Mal in Nuba einen leichten Schwips.
Als wir zurück zum Camp waren, stellten wir fest, dass der zurück gebliebene Bushdoc nicht im Camp war. Ich machte mich auf den Weg zum Krankenhaus und bemerkte schon auf dem Weg, dass im Geburtshaus Licht brannte.
Ich klopfte leise gegen die Tür. Eine unserer Hebammen öffnete und bat mich herein. Ich sah wie der Doc gerade mit einer Geburt beschäftigt war. Als ich mich umsah, bemerkte ich wie ein Totes Baby auf einem Tisch lag. Ich erstarrte, ich wusste nicht mehr was ich denken sollte und mir wurde Speiübel. Ich verließ leise den Raum und ging mit einem Schwindelgefühl zurück zum Camp. Später erfuhr ich, dass die Frau Zwillinge
bekam, jedoch nur eins der beiden die Geburt überlebte. Immer wieder hatte ich das tote Baby vor Augen und fragte mich warum das passieren musste. Warum hatte das kleine Würmchen nicht das Recht einen Atemzug zu nehmen und die Sonne zu erblicken? Warum darf ein so unschuldiges Wesen nicht die Welt erblicken?
Ich ging alsbald ins Bett und musste weinen. Doch dies machte mir wieder Mut endlich durchzustarten. Für mich hatte ich schon Vorstellungen und Pläne, doch irgendwie hinderte mich H-M noch an der Umsetzung und versuchte mir in vielen Dingen rein oder gar auszureden.

Am nächsten Morgen war Kalib noch nicht da als ich die schwere Tür öffnete. Erst als ich eine Runde durchs Krankenhaus drehte kam er und gesellte sich zu mir. Ich erzählte ihm meine Pläne für den Tag, dabei rümpfte er die Nase und machte einen unzufriedenen Eindruck. Da die Patienten-Tukuls etwas höher als der eigentliche Weg gebaut waren, entschloss ich alle Treppenstufen abzureisen und neu aufzusetzen. Diesmal zwar ohne Beton, aber mit Lehm und Erde sollten die jeweils zwei Stufen auch ihren nötigen Halt finden. Auch dieses mal erfüllten mich die dankbaren Augen für diese kleine Neuerung und Erleichterung und bestätigte mich in meiner Arbeit und Mühe.

Gegen Mittag holte H-M uns ab um mit Kalib und mir auf einen Markt zu fahren. Der Markt lag in einer anderen Richtung als die ich schon kannte. Außer ein paar Zwiebeln gab es jedoch nicht das erhoffte Gemüse. Erdnüsse hatten wir bei unserem kleinen Marktstand täglich, weiter war nichts zu ergattern was man irgendwie gebrauchen könnte. So fuhren wir nach H-M Marissa-Ritual zurück und ich fragte mich warum ich überhaupt mitgefahren war.
Auf dem Rückweg blieben wir bei NCA stehen um mal kurz hallo zu sagen. Inga gab uns eine Flasche Coca-Cola mit auf den Heimweg. Dabei fiel mir auf das ich schon seit einer Woche keine Cola mehr gesehen hatte. Als ich dies erwähnte, sagte mir H-M, dass wenn LKWs von der Regierungsseite kommen welches in dem kleinen Markt beim JMC-Camp zu kaufen geben würde, eher selten auch mal auf dem Wochenmarkt.

Da die Kartoffeln langsam zu neige gingen kochte der Doc wieder Fufu. Dazu briet er grüne Brechbohnen und Zwiebeln in einer Pfanne an und mischte Thunfisch und Tomatenmark dazu. Ein einfaches aber leckeres Essen was ich noch heute in Deutschland immer wieder gerne zubereite.
Erschöpft lag ich abends unter meinem Moskitonetz im Bett uns schaute mir lange Jane´s Foto an. Ich vermisste sie so sehr und wünschte mir neben ihr auf ihrem Sofa zu liegen und ihre Nähe zu genießen.

Als ich morgens in mein Büro in der Mitte des Camps kam, fiel mir auf das die Lampe der Akkuversorgung am Laptop leuchtete. Nachdem ich die Verkabelung prüfte musste ich feststellen das wir aus irgend einem Grund keine Stromversorgung hatten. Als ich den Charge-Controller checkte stellte ich wieder mal fest das wir keinen Strom mehr auf den Batterien hatten. Jetzt musste es wieder schnell gehen bevor das Satteliten-Telefon entladen war. Es war jeden Tag zwischen 30 und 32°C, aber wegen der Bewölkung nie genug Sonnenschein um die Batterien vollständig zu laden.
Da wir am nächsten Tag Lohnausgabe hatten, zählten H-M und ich das Geld ab und füllten die Lohntüten der Angestellten des Krankenhauses. Da H-M die Kasse noch nicht übergeben hatte musste ich mir über das Bargeld noch keine Gedanken machen. Ich fragte mich aber an diesem Tag wieder wo sich denn eine Bank befinden würde. Irgendwo mussten wir doch die US-Dollar in den Sudanis- Pound wechseln.
Das Abendessen gab es mit der Beleuchtung aus den Handlampen, diese brauchten nur wenig Sonnenlicht um geladen zu werden. Da wir Strom sparen mussten bis die Batterien der Solaranlage wieder vollständig geladen waren mussten wir uns so weiterhelfen. Mit Lesen war dann abends auch nicht viel und ich ging früh zu Bett.

Voller Hoffnung blickte ich am nächsten Morgen zum Himmel, jedoch war auch an diesem Morgen keine Sonne zu sehen. Wir machten uns auf dem Weg zu den “fathers“, der Katholischen Kirche in Kauda Fock. Sie haben nahe ihrem kleinen Camp eine Kirche und eine kleine Schule.

Fortsetzung folgt mit...


Denkmal

 
 
 
 

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von:  Marco Schindler

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