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Als Entwicklungshelfer im Sudan Teil 5

Laubach | Lwere

Erst nach längeren Drängen entschloss sich H-M die gesellige Runde zu verlassen und uns auf den langen Rückweg zu machen. Die Strecke zurück zum Airstrip zog sich schier ins unendliche. Dort endlich angekommen überquerten wir wieder das Flussbett und den Airstrip und gelangten auf eine gewundene geschotterte Straße die sich ungefähr 3 km hinzog. Hans Martin gab mit dem Pickup kräftig Gas und stellte mir damit die “Autobahn der Nuba-Mountains“ vor. Am Ende angelangt stießen wir auf ein mit einer hohen Natursteinmauer umwehrtes Camp mit einem großen Stahltor. Auf einem Schild lass ich die Buchstaben JMC, eine Unterorganisation der UN die den Waffenstillstand in den Nuba-Bergen überwachte. Daran vorbei mussten wir wieder zwei Flussbetten durchqueren und die Straße entwickelte sich zu offroad pur. Martin warnte jedoch die Wege mit dem Pickup zu verlassen, UNICEF vermutete allein in dieser Region noch über 1200 Landminen und Blindgängern.
Wir arbeiteten uns an unzähligen Hirsefeldern und ein wenig abseits stehenden runden Hütten mit Grasdächern über Stock und Stein bis wir an einem sehr steilen Berg anlangten. H-M wies darauf hin da man hier nur mit dem klein übersetzten All-Rad hinauf komme, jedoch dies der letzte Hügel wäre bevor wir in Lwere ankommen würden.
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Wir holperten den Berg auf der anderen Seite wieder hinab und ich rechnete nicht mehr damit das noch irgend etwas kommt. Durch ein weiteres schmales Flussbett, an einer eingestürzten Staumauer vorbei kamen wir nun in ein von Hügeln umgebenes Tal. Zwischen zwei Bergen kamen wir an einem Hang gelegen ummauertes kleines Camp, das Camp von GED und die Einfahrt zu Lwere.
Vor dem Camp auf der anderen Straßenseite entdeckte ich sofort einen mit einer Wasserpumpe versehenen Brunnen wo sich mehrere Frauen mit Kanistern Wasser holten. H-M parkte den Pickup, sofort wurden wir von mehreren Einheimischen umrungen, jeder wollte mich begrüßen und willkommen heißen. Einige Kinder sprangen aufgeregt hin und her und riefen „Khawaja, Khawaja bye bye, bye bye“ was auf Arabisch soviel wie Hallo heißt. Isaac half mein Gepäck mit abzuladen und wir betraten das Camp durch eine schwere Stahltür.

Neugierig warf ich den ersten Blick ins Camp. Um Steine zu sparen waren die meisten Tukuls gleichzeitig die Außenmauer. Als man das Camp betrat, ging man zwischen einem Wohntukul und einem Lager hindurch
Ein Teil vom Krankenhaus
Ein Teil vom Krankenhaus
und kam auf einen größeren Innenhof wo in der Mitte ein großer Baum stand. Da das Camp an einem Hang lag, war es innerhalb auch Terrassenförmig angelegt. Von außen sahen die Tukuls ganz gut aus, aber bei dem Rest dachte ich, mich würde ein Schlag treffen. Am liebsten hätte ich mich umgedreht, ich hatte den inneren Drang zu rennen. Wo war ich gelandet? Was hab ich nur gemacht mich hier drauf einzulassen? Wie sieht es denn hier aus und wie soll man das ein halbes Jahr hier aushalten?
Rechts gelegen vom weg gingen 2, 3 Stufen hinunter, dort war aus Ästen und Gras ein Dach gebaut worunter sich die “Küche“ befand. Dort erwartete der Dr. Fred Kabike, unser Bushdoc von GED. Er war Kongolese und schätzungsweise Anfang dreißig. Er freute sich riesig das ich angekommen war, den Hintergrund wird später verstehen besser zu sein warum die Freude so riesig war.
Bushdoc, wie er von uns genannt wurde, kochte Tee und wir saßen uns zusammen an einen Campingtisch. Sprachlos schaute ich mich um und konnte es wirklich noch nicht fassen das ich mich hier drauf eingelassen hab. Wie kann man denn so leben?
H-M erzählte und erzählte, ich hatte das Gefühl er wolle von der ganzen Situation ablenken und getraue sich nicht mir den Rest vom Camp zu zeigen. Scheinbar war ich so blass und schockiert das man mir das angesehen hat.
von links nach rechts; Geburtshaus, Ambulanz, OP
von links nach rechts; Geburtshaus, Ambulanz, OP
Kurz darauf bekamen wir von einer Ärztin besuch. Sie arbeitete für “Ärzte ohne Grenzen – Holland“ in einem ca. 130 km entfernten Krankenhaus für Tuberkulose. Sie hatte in Kauda was zu erledigen und besuchte uns auf diesem Wege. H-M und der Bushdoc kannte sie von den Health-meetings, die von der UN und der WHO (Welt Gesundheits Organisation) abgehalten werden um Statistiken, Krankheiten etc zu erfassen sowie Projekte ein wenig zu steuern damit nicht gleich 3 Organisationen mit dem selben Schwerpunkt in einer Region tätig sind.
Bushdoc schlug vor ihr das Krankenhaus zu zeigen, so sah ich die beste Möglichkeit auch dieses kennenzulernen und schloss mich ihnen an.

Wir gingen aus dem Camp, an einem weiteren LagerTukul vorbei, einen 30 Meter langen Trampelpfad parallel zur Straße entlang und kamen an zwei etwas größeren und einer kleinen Hütte. Links von diesen waren 8 Solar-Platten auf einer Holzkonstruktion installiert. Die Stromversorgung vom Krankenhaus.
In der ersten größeren Hütte befinde sich der „Operationssaal“, in der zweiten die Ambulante Krankenstation und in die kleine Hütte wäre das Geburtshaus. Ich rümpfte die Nase und konnte mir gar nicht so recht vorstellen wie man in diesen Hütten irgendwas Medizinisches durchführen sollte. Untersuchen mag ja funktionieren, aber unter diesen Bedingungen operieren und Kinder zur Welt bringen? Und vor allem wieder Gesund werden?

Wasserbrunnen
Wasserbrunnen
Als wir den OP betraten kam ich aus dem Staunen nicht heraus wie man überhaupt mit so geringen Mitteln Operationen durchführen kann. Stolz zeigte Bushdoc uns die verschiedenen Hütten und überwanden an einem Sonnenschutz vorbei einen ca. 1,5 Meter Absatz über eine mit Stein aufgesetzte Treppe, was man eher als Risiko als Treppe bezeichnen konnte. Hier befanden sich nun an einem Weg lang mehrere Hütten wo die Patienten untergebracht waren. Bushdoc erklärte mir das es schon längere Zeit Regenzeit wäre und es immer wieder heftigste Regenfälle gab, so sahen die Hütten verheerend aus und waren in einem sehr schlechten Zustand. Weiter erwähnte er das wir das einzige Krankenhaus in dem Stil sind und auch Operationen durchführe, mit ein Grund warum wir so viele Patienten hatten, da sie bis zu mehreren Tagen Fußweg in Kauf nahmen um unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wir gingen dem Weg der sich langsam wieder zu einem Trampelpfad entwickelte weiter und hatten das “Krankenhaus“ verlassen. Etwa 40 Meter weiter hinter einem kleinen Hügel befanden sich noch weitere Hütten, unser Mother-Children-Hospital mit Impfstation und einer kleinen Rutsche.

Wassertransport
Wassertransport
Nach der Besichtigung gingen wir zurück ins Camp wo H-M bereits mit der Zubereitung des Abendessens begonnen hatte. Es gab Rührei, die frisches Tomaten vom Markt und Fadenbrot was von einem Einheimischen, der als Dorfbäcker fungiert, gebacken und verkauft wird.
Ich hätte gut und gerne ein schönes Steak gebrauchen können, aber ich musste mich wohl auch damit abfinden das ich darauf für die nächste Zeit verzichten müsse.

Nach dem Essen verabschiedeten wir unsere Gäste da sie noch einen langen Weg zurück in ihr Camp hatten. Sie nahmen einen Patienten von uns mit der ein Bein amputiert bekommen hatte und aus ihrer Region kam.

Der erste Schock überwunden, kam auch schon der nächste. H-M zeigte mir den Rest vom Camp, die Dusche war ein Kanister im Baum, den man mit Wasser befüllt an einem Seil hochziehen und dann duschen konnte. Die Toilette ein Plumpsklo, nichts außergewöhnliches eigentlich, aber ungewohnt. Das schlimmste jedoch der allgemeine Zustand vom Camp. Ich bekam mein Tukul, oberhalb von dem ganzen Areal gezeigt. Es war das größte, aber auch das im schlechtesten Zustand.

mein Tukul
mein Tukul
Ich fragte mich immer wieder was ich gemacht habe, ich fing immer mehr an mir selbst zu zweifeln und mir war nicht klar wie ich die langen 6 Monate hier aushalten sollte. Die Sehnsucht stieg schlagartig in mir auf. Die Sehnsucht nach meinem gewohnten Umfeld, meiner normalen Welt.

Nachdem ich meine Sachen in meinem Tukul untergebracht und die wichtigsten Sachen ausgepackt hatte, entschloss ich mich die Umgebung ein wenig zu erkunden und mir das Krankenhaus nochmals in Ruhe anzusehen. Vielleicht wollte ich auch einfach raus aus dem Camp um meine Gedanken zu sammeln.

Als ich aus der Stahltür kam spielte ein Junge namens Carlo vor dem Camp mit Steinen. Er war schätzungsweise 7 oder 8 Jahre alt, und sprach mich an. Er fragte wo ich hin gehen würde und wie ich heiße, und wann ich gekommen wäre da er mich nicht kennen würde. Ich sagte ihm meinen Namen und das ich mir das Krankenhaus ansehen möchte. Von seiner Mutter Canny, die bei uns sauber machte und das Geschirr spülte, ich sie aber noch nicht gesehen hatte, wusste er wohl das ich der “Neue“ war und mich noch nicht auskannte. Er gab mir seine Hand und zog an meinem Arm und wollte mir alles zeigen.

So ging ich über eine Stunde mit ihm durch das Krankenhaus und ins Dorf. Er zeigte
Küche
Küche
mir seine Schule, ein kleiner offener Platz mit wenigen schattenspendenden Bäumen. „Die Stühle müssen wir von zuhause mitbringen, wenn wir keine haben, müssen wir uns auf einen der großen Steinen oder den als Sitzbank aufgelegten Ästen setzen.“ erzählte er mir. Wir gingen weiter und er zeigte mir einen kleinen Marktplatz. Er erzählte mir was er alles so macht und stellte mich den ganzen neugierigen Leuten vor die mich interessiert beobachteten. Es sammelten sich immer mehr Kinder um uns rum und wollten sich uns anschließen. Jedoch versuchte er, nachdem er mich vorgestellt hatte, diese mit einem stolzen und wichtigen Gesichtsausdruck zu verscheuchen und stellte sich als mein Verantwortlicher dar. Auf der anderen Seite trat er mir mit Respekt und Ehrfurcht gegenüber.
Nachdem Spaziergang und dem Elend im Auge sah die ganze Situation auf einmal gar nicht mehr so schlimm aus. Die dankbaren und hoffnungsvollen Augen der Menschen und den Patienten, diese liebenswerte Art die mir jeder entgegenbrachte gab mir für diesen Tag neuen Mut und Kraft.
Zurück im Camp zeigte mir H-M die Solarlampen, die Solaranlage und erklärte mir kurz den Gebrauch und die wichtigsten Dinge im und ums Camp.

Da in Nuba die Sonne gegen 7.00 Uhr auf und spätestens gegen 19:00Uhr unter geht, füllte ich mir noch schnell den Kanister und genoss meine erste Dusche in Lwere. Erschöpft von dem langen Tag, mit den ganzen neuen Erkenntnissen und Erfahrungen richtete ich mein Moskitonetz und fiel in mein Bett.

Erst jetzt, wo ich Ruhe hatte und den Kopf frei für mich, kam wieder diese Sehnsucht in mir hoch. Jane, ich vermisse dich so! Die Erkenntnis, das ich jetzt komplett von meiner “normalen Welt“ abgeschlossen bin, ohne Handy, ohne Fernsehen, ohne dieses Einfache Leben wie wir es bei uns kennen, lies mich voller Sehnsüchte tief und fest einschlafen.

Fortsetzung folgt....

 
Ein Teil vom Krankenhaus
Ein Teil vom Krankenhaus 
von links nach rechts; Geburtshaus, Ambulanz, OP
von links nach rechts;... 
Wasserbrunnen
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Wassertransport
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mein Tukul
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Küche
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von:  Marco Schindler

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