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6 Monate Entwicklungshilfe im Süden des Sudan 2004/2005

Laubach | Die Reise Beginnt

Eigentlich wollte ich schon Wochen, oder wenigstens Tage vor der “großen Reise“ mit einem Tagebuch beginnen. Aber es gibt so viele Kleinigkeiten noch zu erledigen wenn man weiß das man 6 Monate von der Zivilisation abgeschlossen ist, oder besser eine andere Art Zivilisation erlebt und weiß das man kaum Kontakt zu seiner, wenn ich es sagen darf, normale Welt haben wird. Außerdem blieb mir nicht viel Zeit da mein damaliger Chef die Auftragsbücher voll hatte und mich bat bis zum letzten Tag bei ihm zu arbeiten. Noch heute habe ich es nicht gelernt auch mal nein zu sagen.

Meine Gefühle vor der Reise sind auch nicht zu beschreiben, Angst oder Unmut hatte ich irgendwie nie so richtig. Ich war gespannt was auf mich zu kommen wird, fragte mich was mich erwarten wird, viel wusste ich aber auch nicht worüber ich mir Sorgen machen sollte. Oder war es die Verdrängung der Gedanken die mir Angst einflössen hätten können. Bento erzählte alles so locker und mit so viel Freude. Ich vergas wohl das ich in ein vom Bürgerkrieg zermürbtes Land fahre, mehr oder weniger Illegal, Nur mit einer Erlaubnis der Rebellenregierung, was aber auch noch keine offizielle Regierung war.
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Sudan (134)
Aber war es nicht auch eine Art Flucht vor anderen Kummer. War es nicht eine Flucht um Gefühle zu einem Mädchen zu verdrängen dem ich schon einem Jahr hinterher laufe? Oder war es nur was Außergewöhnliches um ihr zu imponieren? Freiheitsdrang? Ich glaube jetzt im Nachhinein das es für mich zeit wurde was Neues zu erleben, was zu wagen was nicht jeder machen würde, Durst nach etwas neuem.
Aber waren nicht Ihre kleinen Gesten die sie so Liebenswert machten? Sollte ich es riskieren das alles aufs Spiel zu setzen und sie ganz zu verlieren? Sie war meine allerbeste Freundin. Das Beste was ich hatte in meinem Leben. Du Zukunft hat mir jedoch auch irgendwann gezeigt das es hätte dabei bleiben sollen, meine allerbeste und liebste Freundin nicht durch eine Beziehung zu verlieren.
Nach einem langem wunderschönen Abend und einem schmerzvollen Abschied verbrachte ich die ganze Nacht mit Koffer ein und auspacken. Nun wartete ich ungeduldig und müde auf Angeligue und Daniel. Sie wollten mich zum Frankfurter Flughafen bringen und mich verabschieden.
Was nimmt man auch mit in einem unbekannten Land. Was braucht man 6 Monate an Klamotten und welche privaten Dinge sind einem am wichtigsten wenn man sechs Monate von seinem Zuhause getrennt ist, aber 20kg Gepäck nicht überschreiten darf.
Lwere
Lwere
Die Minuten vergingen wie Stunden und die Fragen häuften sich in meinem Kopf. Was wird mich erwarten, war es wirklich die richtige Entscheidung? Was wird mich erwarten wenn ich in Nairobi lande, wird der ganze Reiseverlauf gut gehen? In Nairobi wartet Patrick, aber wie geht es dann weiter?

Sie kamen wie versprochen pünktlich und luden meine Koffer ins Auto. Nachdenklich saß ich auf der Fahrt im Auto und keiner von uns wusste recht was er sagen sollte. Natürlich habe ich nicht gezeigt das mir plötzlich Zweifel hoch kamen ob es die richtige Entscheidung war. Immer wieder hatte ich die traurigen verweinten Augen von der Jane vor mir und spürte in meinem inneren das sie wach war und weinte.
Am Flughafen angekommen suchten wir uns das Abflug - Gate, Rauchten noch eine letzte Zigarette und sie verabschiedeten mich herzlich und wünschten mir alles Gute und ich solle ja wieder gesund nach hause kommen.
So wirklich nahm ich von dem ganzen nichts wahr. Gedankenverloren ging ich zu dem Gate und wurde mir immer unsicherer, ich schrieb mit Jane noch verschiedene sms. Sie schrieb mir, dass sie weinen musste und trieb mir damit auch die Tränen in die Augen. Die Sehnsucht nach ihr stieg jetzt schon mit jedem Schritt näher zum Flugzeug mehr und mehr. War es wirklich das richtige?
Ich mache nun ein “Ding“ was ich nie selber von mir Gedacht hätte. Mein Herz ist aber doch dabei und ich verspüre keine Angst mehr, bin mir von nun an sicher das ich die Kraft habe es durch zu ziehen.

Der Flug war anstrengend, das schlimmste das lange sitzen. Natürlich nehme ich ein Fensterplatz, mag doch was sehen von der Welt von oben, nur das 2 etwas korpulentere Personen zum Gang hin sitzen, dass war von mir nicht bedacht und so wurde es eine Qual nicht aufstehen zu können wie man das Verlangen dazu hatte.

Was sagte Bento… Patrick wartet am Flughafen, es kann nichts schief gehen, er ist zuverlässig und bringt mich zum Hotel. Er hält ein Schild mit Namen hoch. Der ganze Verlauf ging mir immer wieder durch den Kopf, Nairobi, Patrick, am nächsten Tag Lokigoggio und dann selber sehen… immer wieder ratterte es durch mein Hirn. Aber warum verspüre ich keine Angst? Kann wirklich nichts schief gehen?
Aber die ersten Probleme sollten dann doch schon am Jomo-Kenyatta-Flughafen auftauchen, Visa-Antrag mit Schulenglisch ausfüllen. Der Flughafen war im Gegensatz zum Frankfurter schäbig, jedoch kam gleich ein freundlicher Grenz-Beamter auf mich zu und begrüßte mich freundlich mit den Worten karibudada was so viel wie willkommen heißt. Patrick war nicht da. Ich suchte und suchte nach einem “Taxifahrer“ mit der Aufschrift “Marco“ oder “CAP Anamur“ doch ich fand niemanden in den Menschenmassen. Wie sieht den ein “Afrikanischer Taxifahrer“ aus? Nach einer geraumen Zeit fragte mich ein kleiner leicht aufgesetzter Mann mit einem freundlichen Lächeln ob ich Marco von GED (Germany Emergency Doctors) sei, denn das stand auch auf seinem Schild geschrieben. Ich sagte nein, Marco von CAP Anamur, da lachte er und sagte ich sei der, der in Sudan geht und von Bento komme. Hab ich es in all der Aufregung in Köln überhört oder hat Bento es wirklich vergessen. Patrick hatte einen Freund dabei, fragte hin und wieder nach meiner Person und bedankte sich mehrmals das ich nach Afrika komme um den Menschen zu helfen. Zwischendurch redete mit seinem mitgebrachten Freund auf Kiswaheli, der Kenianischen Landessprache. Wie sich später heraus stellen sollte nimmt er ihn nachts mit auf seinen Touren, der Sicherheit halber.
Patrick setzte mich in dem vereinbarten Hotel ab und checkte für mich ein. Mich überraschte die freundliche, hilfsbereite und zuvorkommende Art, nichts außergewöhnliches eigentlich, aber auf eine besondere herzliche Art.
Müde von dem langem Tag, dem Flug, den Eindrücken und der Zeitverschiebung fiel ich ohne was zu essen ins Bett, mir blieb überhaupt keine Zeit mehr Jane zu vermissen weil ich sofort einschlief.
Nach einer angenehmen Nacht begann der Tag mit einer kalten Dusche, es gab zwar ein Drehknopf für Warmwasser, jedoch hörte man nur ein gurgeln und es kamen wenige Tropfen.

Nach einem ungewohntem aber guten Frühstück kam Patrick, wir kämpften uns durch die Rushhour mit Hupen, winken und rufen, und das bei Linksverkehr zum Flughafen um das Ticket nach Loki zu kaufen. Afrika bei Tageslicht, vom ersten Moment an neue Eindrücke, überwältigend prasselte alles auf mich ein, so dass mir überhaupt nicht die Möglichkeit blieb mir Gedanken zu machen was in der nächsten Stunde auf mich zu kommt. Aber immer wieder dachte ich an Lara, ich wünschte sie wäre an meiner Seite und könnte alles mit mir erleben. Mir fehlte ihre Wärme und Nähe. In den Vororten Nairobis sind die meisten Gebäude Baufällig, auffallend viele Prostituierte an den Straßenrändern und eine unglaubliche Hektik auf den Straßen. Jedoch faszinierte mich der Baustil, Einfach, aber ein Spiel mit Mustern, Formen und Farben. Patrick beschwerte sich immer wieder das es doch so kalt wäre. Kalt? Es waren bestimmt 20°C, Patrick hatte aber wie ich feststellen konnte ein T-Shirt, 2 Pullover und einen langen dicken Mantel plus Heizung im Auto an.


Hans Martin, mein Vorgänger den ich Ablösen sollte hatte mir über Patrick eine Wunschliste zukommen lassen. Eine Art Einkaufszettel, Gummibärchen Kartoffeln und Eier, Dosenbier und Duschgel/Shampoo waren die Wünsche. Gibt es Orte auf der Welt wo es keine Kartoffeln und Eier gibt?


Lokigoggio

Gegen 14 Uhr Ortszeit ging mein Flug nach Loki.

Die Maschine kleiner, die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen geringer und mit dem Wissen das das Flugunternehmen schon mal kurz vor der Pleite war weil öfter mal eine Maschine abstürzt ging es weiter nach Loki.
In Nairobi wusste ich das Patrick mich abholt, aber in Loki wusste ich nur das es ein kleiner Flugplatz und ein Stützpunkt von der UN gebaut wurde. Von dort fliegen alle Hilfsflüge in den Sudan. Ohne den Flugplatz wäre Loki ein Buschdorf wie jedes andere auch in dieser Region. Aber so kam ein wenig Arbeit für die Einheimischen und mit den Organisationen ein wenig Fortschritt. Der Flugplatz liegt direkt an einer Bergkette mit kahlen Felswänden die gleichzeitig die Grenze zum Sudan sind. Auf ihm befanden sich eine Asphaltierte Landebahn, Große Container und Zelte mit Aufschrift der UNWFP (United Nations World Food Programme) und wenige Bretterbuden in denen private Flugunternehmen mit kleinen Chartermaschinen untergebracht waren. Auf einer Seite der Landebahn standen einige ausrangierte Flugzeuge die noch Ersatzteile hergaben, auf der anderen einige Weiß lackierte Transportmaschinen der UN.
Aus der Luft sah ich schon das nichts mehr ist wie man es kennt. Es gab nur noch wenige kleine gemauerte Hütten, andere aus Holz und Wellblech, außerhalb sahen fast aus wie Iglus, nur aus Gras und Ästen zusammengebunden.

Ich lief den wenigen Passagieren nach zu einer Hütte die mit Arrival beschriftet war, bekam mein Reisepass erneut gestempelt, spartanisch mein Koffer kontrolliert und willkommen geheißen. Ich ging auf der anderen Seite aus der Bretterbude und hatte somit den Flugplatz verlassen. Aber wo waren die Jeeps und Pickups der einzelnen Hilfsorganisationen die ihre Büros der Logistik halber in Loki haben? Laut Bento sollten hier immer welche stehen und warten? Wie weit war das NPA-Camp entfernt, 3 oder 4 km? Sollte ich mit meinen 20kg Gepäck mal los Richtung Ortschaft laufen? Kurz entschlossen drehte ich um und fragte den Grenzbeamten nach dem NPA-Camp und wie man am besten dort hin kommt. Nachdem er kurz funkte teilte er mir mit einem sehr sicherheitsbewussten Blick mit, ich solle doch vor der Hütte warten, ich würde gleich abgeholt werden, weil in der Hütte wäre ein Sicherheitsbereich und dürfte nicht gewartet werden. Ich fragte mich welche Sicherheit, weil außer ein paar Soldaten die dort auf einem Tisch saßen und sich unterhielten kein Mensch weit und breit zu sehen war. Und da auch die Linienflüge nur 2 – 3 mal am Tag von Nairobi kommen, wo soll eine Gefahr durch andere Passagiere her kommen?
So wartete ich unter brütender Afrikanischer Sonne vor der Hütte. Hier war es nun doch schon wesentlich wärmer als in Nairobi, schätzungsweise 35-40°C und schwül.
Es dauerte nicht lang, da kam ein weißer Pickup mit der Aufschrift “Safe the Children“ angefahren. Wie erhofft kam dieser um mich abzuholen. Der Fahrer sprang heraus, begrüßte mich, fragte mich wer ich sei, wo ich hin wolle, wo ich her komme und was ich überhaupt in Afrika zu suchen hätte. Mir waren sofort seine dreieckigen Narben in den Augenbrauen aufgefallen. Diese Narben verliehen ihm ein Vampir ähnliches Aussehen. Ich stellte mich kurz vor und erzählte für wen ich arbeitete. Als er GED (in Afrika) hörte begrüßte er mich nochmals wie ein Freund und lud sofort meine Koffer auf die Ladefläche. Er erzählte mir das er Pieter heißt, dass das Office von Safe the Children auch im NPA-Camp wäre und er sowieso dort hin müsste. Mit einer Staubwolke hinter her ziehend rumpelten wir über die Straßen Richtung Loki. Die Strasse war auf beiden Seiten mit zum Einsturz bedrohten Bretter- und Wellblechhütten bebaut. Ich entdeckte unter anderen kleine Läden, Hotels und eine Bar namens Oasis-Club die allesamt mit bunten Schildern in leuchtenden Neonfarben versehen waren. Ich fragte mich nur wo die Räumlichkeiten alle sein sollten, weil es wirklich nur kleine Hütten waren und wer sich in dieser Gegend ein Hotel suchen sollte. Weiter kamen wir an dem großen UN-Camp, was einer scharf bewachten Militär-Kaserne ähnelte, verschiedenen kleinen Camps anderer Organisationen vorbei. Abgesehen davon weiß ich nicht wie man das Elend hier beschreiben sollte. Wo man hin sieht liegt Müll, Loki ist glaubte ich einfach eine bewohnte Müllkippe.
Pieter erzählte mir, dass er dem Stamm der Turkane angehöre. Bis vor einigen Jahren hätte es hier nichts gegeben, bis die UN kam und den Flugplatz baute um das vom Bürgerkrieg geschundene Land Sudan aus der Luft zu versorgen. In der Hoffnung das man sich was verdienen könne, haben sich die Menschen hier angesiedelt. Die Turkane sind normalerweise Nomaden und ziehen durchs Land, ständig auf der Suche nach Wasser und Gras für die Ziegen- bzw. Rinderherden. Hierbei fragte ich ihn wo denn die Narben in den Augenbrauen her seien und ob es eine Bedeutung habe. Er lachte und erzählte mir das diese Art Narben ein körperschmuck seien.
Nach einer guten viertel Stunde kamen wir dann zu einem umwehrten Areal mit einem großen Tor. Ein Schild zeigte mir das wir nun am NPA-Camp angekommen waren. Nun wusste ich auch für was das Kürzel NPA stand, Norwegian People Aid.
Peter brachte mich zu einem gemauerten Haus und stellte mir die Chefin namens Ruth vor. Sie begrüßte mich freundlich, fragte nach Bento und erzählte ein wenig von Loki und dem Sudan und gab mir Tipps wo ich am besten nach einem Flug fragen könnte, mit wem und wie man am günstigsten in den Sudan kommt. Nachdem ich ein Formular ausgefüllt habe, bekam ich von ihr ein Bungalow zugewiesen. Sie brachte mich ins Camp, dieses entpuppte sich zu einer kleinen Oase. Es gab einige mit Palmenblättern gedeckten Bungalows, zwei große runde Hütten, in einer war eine Bar, in der anderen gab es morgens, mittags und abends Buffet und den ganzen Tag Wasser und Säfte. Da es schon zu dämmern anfing, blieb ich in meinem Bungalow und entschloss mich das Camp am nächsten tag auszukundschaften und alles weitere am nächsten Tag zu organisieren.

Gegen 9 Uhr wurde ich von einer Jungen Frau geweckt. Ich hatte gar nicht mitbekommen das es schon so spät ist. Ich hatte die ganze Nacht fest wie ein Stein geschlafen. Sie nahm meine Klamotten die ich am letzten Tag anhatte und brachte sie weg, kehrte meine Hütte aus und machte mein Bett. Da noch alles neu war und immer gewarnt wurde, hatte ich ein großes Misstrauen. So suchte ich die Dusche und Toiletten. Die Toiletten waren einfache Plumpsklos, die Dusche ein großer Schwarzer Tank der über den Duschkabinen aufgestellt war. Da ich nicht mitbekommen hatte, dass der Tank morgens von einem Tanklaster befüllt wurde, musste ich dummerweise mit eiskaltem Wasser duschen. Da die Sonne den ganzen Tag auf die schwarzen Tanks knallt, gibt es logischerweise erst abends die warme Dusche.
Nachdem ich ein Vitaminreiches Frühstück mit viel Obst und Eierpfannenkuchen hatte, machte ich mich im Camp auf die Suche nach dem Büro von Pieter. Er sagte mir extra, dass ich nicht alleine raus aus dem Camp gehen solle, da ich mich in Loki noch nicht auskennen würde. Außerdem wäre es mit meiner Hautfarbe nicht ganz ungefährlich, weil es sein könnte das ich überfallen werde, da die Menschen denken das “Weiße“ reich sind. Reich aber in dem Sinn, da die Entwicklungshelfer meist viel Bargeld dabei haben, da in den Ländern nur Bar bezahlt werden kann. Weiter warnte er mich auch davor Fotos von den Einheimischen zu machen, sie denken Fotoapparate wären vom bösen Geist und würden jemanden verhexen. Wenn ich einfach fotografieren würde, könnte es sogar sein das man ein Speer zwischen den Rippen hätte. So hab ich nur wenige Bilder und nur heimlich fotografiert.

Ich machte mich mit Pieter zunächst auf dem Weg zur Ruth um zu fragen ob sie schon was über einen eventuellen Flug nach Kauda im Sudan gehört hat. Dies verneinte sie erklärte mir noch ein paar Dinge wo ich was besorgen könnte und an welche Personen ich mich noch wenden könnte um zügig einen Flug zu bekommen. Im Camp selber kann man ja nichts machen außer die Zeit tot zu schlagen. Ich fuhr im Anschluss mit Pieter in das Flugbüro im UN-Camp. Dort bekam ich gesagt, das es nicht sicher sei ob diese Woche überhaupt ein Flug gehen würde, da das Wetter zu schlecht sei und ich solle doch nachmittags noch mal nachfragen. Ich fühlte mich ein wenig auf die Schippe genommen, weil es waren an die 40° C und strahlend blauer Himmel. Man weiß ja nicht wie das Wetter im Sudan ist, aber wir sind doch in Afrika, hier gibt es doch kaum Regen?

Pieter brachte mich zurück ins Camp, dort angekommen machte ich mich zum NRRDO (Büro. Dort sollte ich laut Bento nach Younis fragen, bei ihm würde ich meine nötigen Papiere für die Einreise in den Sudan bekommen. Am Büro angekommen, standen 5-6 Mann davor. Sie begrüßten mich mit lachen und fragten mit ganz wichtigem Ausdruck der Zuständigkeit wer ich sei, wo ich hin will, zu wem ich will, was ich will und nachdem sie alles wussten und ich fragte wer denn jetzt zuständig sei erwiderten sie das sie nur warten, der mir helfen könnte würde innen im Büro sitzen.
Ich ging ins Büro, fragte freundlich nach Younis, wurde wiederholt mit fragen wie, wer, wie wohin, wieso und weshalb wohin gelöchert, und bekam als Antwort das Younis nicht da, der auch erst nachmittags wieder zurück sei. Ich fragte mich warum er das nicht gleich sagen konnte, da er ja wusste das ich wegen des Papiere zu dem Büro gekommen war.

Da es bald Mittagszeit war ging ich ein wenig im Camp umher und schaute mich um. Noch hatte ich den nötigen Handy-Empfang und sms - Kontakt zu Jane. Wir schrieben uns nicht so oft, da ich die kosten nicht einschätzen konnte, mit jeder sms wurde die Sehnsucht immer größer. Wenn die ganze neue Situation, die ganzen neuen Umstände und Eindrücke nicht so intensiv gewesen wäre und ich nicht ständig unterwegs gewesen wäre, hätte ich sie wohl schon viel, viel mehr vermisst. Aber es war doch auch erst Tag 3. Das war ja nichts neues das wir uns mal drei Tage nicht gesehen haben. Der Gedanke das noch 6 Monate vor uns liegen ist schon beklemmend, was würde ich doch tun um jetzt wieder in ihren Armen zu liegen.

Das Mittagessen war überraschend gut, es gab Reis, Kartoffelbrei, Fisch und Beef, Salat und Gemüse das wie Spinat aussah aber vom Geschmack anders war.

Nachmittags war ich wieder bei der UN im Flugbüro und bekam für Samstag einen Flug zugesagt. Was ein Glück, dieses Warten und Gammeln im Camp ist erdrückend gewesen. Dazu die Sehnsucht, den Weg ins ungewisse, wo man nicht weiß was noch alles kommt. Wenn es schon so verheerend ist, wie soll es dann im Kriegsgebiet sein? Auch Younis wurde von mir angetroffen, er erwartete mich schon und begrüßte mich herzlich. Vorweg erzählte er mir das er ebenfalls aus Kauda stamme und er mir von Herzen danke, das ich von Alemania kommen würden um sein vom Krieg zerschundenes Land zu helfen. Er lobte GED und deren Mitarbeiter anerkennend für die Unterstützung während der Kriegsjahre. Er stellte mir mein Permit aus, eine blaue Pappkarte mit einem Stempel “Sudanesische Volksbefreiungbewegung – Einigkeit, Gleichheit, Fortschritt“ und einen weiteren mit der Aufschrift “Sudanesische Volksbefreiungsarmee – SPLA“. Darunter stand mit großen Buchstaben Einreiseerlaubnis ausgestellt durch SPLM/SPLA, südliches Kortofan-Gebiet. Die Rebellenseite des Sudan, der Südsudan. Hier kam mir das erste mal in den Kopf das ich ja mehr oder weniger illegal in den Sudan einreisen werde, da ich von der eigentlichen Arabischen Regierung gar nicht akzeptiert werden würde da ich ja den “Schwarzen Sudanesen“ helfen wollte. Ich wusste es von vorn herein, aber weiter Gedanken hab ich mir nie darüber gemacht, da die Rebellen uns dulden und dankbar für die Unterstützung für ihr Volk um das sie in dem Befreiungskrieg bitter kämpfen müssen sind.

Zufrieden einen Flug und das benötigte Permit in der Tasche zu haben, hatte ich beschlossen den Tag in der Bar ausklingen zu lassen und mal zu schauen was der Kenianische Biermarkt zu bieten hat. Wobei ich mir hier in Loki nicht sonderbar viel Auswahl erhoffte. Ich war erstaunt, es gab hier, am Rande der Zivilisation wie wir sie kennen, Tusker-Bier, und ich traute meinen Augen nicht, Smirnoff-Ice! Es arbeiteten zwei nette Jungs an der Bar mit denen ich mich bis spät in die Nacht über Gott und die Welt unterhielte, deutsche und kenianische Musik hörten. Irgendwann kam mir dann Jane´s Geburtstag in den Sinn, wir hatten als Partygag aus Zeitungspapier gebastelt die jeder aufsetzen musste. Damals sagte ich das ich das in Afrika auch machen würde, kurz entschlossen fragte ich nach Zeitungen und fing an die Hüte zusammen zu falten. Am ende saßen wir drei mit den Hüten am Tresen und lachten uns kaputt. An diesen Abend war ich der einziger Weiße im Camp, aber ich hatte nicht einmal das Gefühl das ich irgendwie fremd oder anders wäre als die Einheimischen. Es kamen viele vorbei und fragten mich nach alle möglichen Dingen. Aber ich kam mir nie anders vor als die Menschen mit denen ich sprach.

Die Nacht war sehr heiß und schwül, so habe ich trotz einiger Tusker und Smirnoff eine unruhige Nacht hinter mich gebracht. Wenn ich eingeschlafen war, träumte ich so intensiv von zuhause das ich dachte ich wäre aus einem Traum erwacht und wäre zurück in Deutschland. Ich fragte mich wie alles läuft zuhause. Kümmerte sich mein Bruder um alles wie er es versprochen hatte? Wie ging es der Jane wo ich jetzt schon paar Tage weg war? Gott, wie sehr vermisste ich sie schon? Was hätte ich dafür getan wenn sie mich zu dem Zeitpunkt in den Armen hätte halten können?

Da ich die Bestätigung von der UN erhalten hatte und bis auf kleine Besorgungen alles erledigt hatte, hatte ich an dem Tag nichts zu tun. Ich machte mir Gedanken was jetzt wohl noch auf mich zu kommen würde. Bis hier ging alles gut, am nächsten Tag, sobald ich im Flugzeug sitzen sollte, begann erneut das Ungewisse. Wo werde ich jetzt landen, wie wird es dort aussehen? Was wird mich in einem Kriegsgebiet erwarten? Aber viel schlimmer konnte es ja nicht mehr kommen.

Die Langeweile trieb immer wieder die Sehnsucht in mir hoch, aber da wir uns noch schreiben konnten, ging es eigentlich noch, wir wussten voneinander was wir tun.

Während dem Gammeln im Camp viel mir auf das ich noch gar keine typischen afrikanischen Tiere gesehen hatte. Katzen, Gänse, hin und wieder irgendwelche Käfer und Affen, außerhalb vom Camp Hirten mit ihren Ziegen, aber da konnte ich mich nicht entscheiden wer kränklicher und abgemagerter aussah, die Ziege oder der Hirte.

Gegen Abend bezahlte ich bei Ruth den Bungalow und verabschiedete mich. Sie wünschte mir alles Gute und verabschiedete mich so warmherzig das ich das Gefühl hatte wir würden uns schon ewig kennen und ich würde schon das x-Mal hier gewesen sein. So besuchte ich auch noch mal die Bar um mich von den 2 Bedienungen zu verabschieden. Ich saß einige Zeit am Tresen und trank ein paar Biere, wieder kamen einige auf mich zu und sprachen mich an. Es waren wieder viele bekannte Gesichter vom Vorabend dabei, doch diesmal fingen sie zum Teil lästig zu werden, fragten nach T-Shirts und Geld oder wollten auf ein Bier eingeladen werden.


Abflug in den Sudan

Fortsetzung folgt...

 
Lwere
Lwere 

Kommentare zum Beitrag

Alex Mehl
375
Alex Mehl aus Gießen schrieb am 20.10.2009 um 08:20 Uhr
Sehr interessanter und lesenswerter Beitrag, finde ich!
Ich bin gespannt auf die Fortsetzung und ein wenig neidisch auf die Erfahrung.
Astrid Patzak-Schmidt
3.415
Astrid Patzak-Schmidt aus Gießen schrieb am 20.10.2009 um 15:05 Uhr
Da kann ich mich nur anschließen: Sehr interessant - Hut ab vor Ihrem Mut bzw. dem Engagement durch Taten!
Rita Jeschke
2.806
Rita Jeschke aus Gießen schrieb am 20.10.2009 um 21:45 Uhr
Oh, fast hätte ich den Bericht übersehen....ich werde ihn mir jetzt aber nur "weiterempfehlen", bin gerade zu müde, um sooo einen lange Text zu lesen ;-)) Trotzdem bin ich schon gespannt!
Rita Jeschke
2.806
Rita Jeschke aus Gießen schrieb am 27.10.2009 um 15:30 Uhr
Wollte doch noch einen Kommentar abgeben: ein sehr interessant geschriebener Beitrag - ich bin neugierig auf die Fortsetzung :-)
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Marco Schindler

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