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Des Kaisers zweite Frau – vorgetragen von Désirée Nick

von Redaktion GZam 03.06.20094676 mal gelesen1 Kommentar
Laubach | Mit gediegenen Jazzstandards und Sekt empfing das gräfliche Haus am Freitagabend im Schloss Laubach das Publikum zu einer Lesung mit Désirée Nick. Unter der Überschrift des gleichnamigen Buches „Der Kaiser und ich“ hatte Graf zu Solms-Laubach in die Herrenscheune eingeladen. Autorin ist Hermine Prinzessin von Preußen, die zweite Ehefrau von Kaiser Wilhelm II. Es handelt sich hierbei um die erste deutsche Übersetzung der Autobiografie, die 1928 erstmalig publiziert wurde. Zunächst in englischer, kurz darauf – allerdings schon stark gekürzt – in niederländischer Sprache. Der Historiker und Herausgeber Dr. Phil. Jens-Uwe Brinkmann hat den Text ins Deutsche übersetzt. Ergänzt durch zahlreiche Kommentare und fotografische Abbildungen wurde das Buch im letzten Jahr auf den Markt gebracht.
Geschildert werden die Jahre im niederländischen Doorn. Dort gewährte man dem letzten deutschen Kaiser nach seiner unfreiwilligen Abdankung im Jahre 1918 Asyl. Sowohl für die Prinzessin, als auch für Kaiser Wilhelm war es die zweite Ehe. Beide waren verwitwet und hatten bereits eigene Kinder. Hermine, 28 Jahre jünger als der Kaiser,
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wurde von ihren Mitmenschen nicht sonderlich positiv beurteilt. Zum Teil sei dies wohl auch auf ihr leidenschaftliches Temperament zurückzuführen, welches nicht selten zu heftigen Wutausbrüchen führte, so Dr. Brinkmann in seiner Einführungsrede.
Im weiteren Verlauf umriss der Historiker kurz den Inhalt des Buches und gab einen Einblick ins kaiserliche Leben im niederländischen Exil. Immerhin 19 Jahre, bis zu Wilhelms Tod, waren die beiden sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten ein Ehepaar. Dabei waren sie längst nicht immer derselben Meinung. Die sehr selbstbewusste Hermine vertrat auch politisch einen eigenen Standpunkt und war, ganz im Gegensatz zum Kaiser, zunächst von den Ideen der Nationalsozialisten sehr angetan. Hermine ordnete sich ihrem Mann nicht unter, so wie er es von seiner ersten Frau Kaiserin Auguste Victoria in vierzig Ehejahren gewohnt war. Ein Umstand, der ihn zwar faszinierte, der aber gleichzeitig auch zu Spannungen führte.
Nach der Einführung ins Thema nahm Désirée Nick auf der Bühne Platz. Die Schauspielerin, Autorin und Entertainerin ist nicht zuletzt bekannt durch die RTL Staffel „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, die sie 2004 als „Dschungel-Queen“ verließ. Zahlreiche Auftritte in diversen Talk-Shows verhalfen ihr außerdem zu erheblichem Bekanntheitsgrad. Der hohe Glamourfaktor der Künstlerin bescherte jedenfalls dem Gastgeber an diesem Abend ein volles Haus.
Wie die Entertainerin mit der „Berliner Schnauze“ an Kaiser Wilhelm geraten ist, diese Frage stellte sich bereits der eine oder andere beim Lesen der Vorankündigung. Die vertrauliche Anrede: „Liebe Désirée“, mit der Graf zu Solms Laubach in seiner Begrüßungsrede Frau Nick vorstellte, weist auf eine Verbindung zwischen Entertainment und Adel hin. Und in der Tat – die gibt es. Erschienen ist die Autobiografie der Kaisersgattin nämlich im Matrix-Media-Verlag in Göttingen. Prinz Heinrich von Hannover, der Bruder des bekannteren Ernst August, ist der Geschäftsführer des Verlages. Und mit eben diesem hat Frau Nick einen Sohn. Zwar haben sich beide Eltern längst wieder getrennt, aber nichts desto trotz ist der gemeinsame Sprössling väterlicherseits der Ur-Enkel von Viktoria Luise, einer Tochter von Kaiser Wilhelm II.
Wer schon Probleme mit dem Verständnis des eigenen Stammbaumes hat, der sollte gar nicht erst versuchen die Linie nachzuvollziehen. Nick machte auch ohne Ein-Heirat ins Welfengeschlecht eine gute Figur und öffentlichkeitswirksame Publicity schadet
weder dem Verlag noch der Vortragenden. Ungewohnt brav und zahm nahm die Diseuse mit einer Lesebrille bestückt auf dem Sofa Platz, um ausgesuchte Textstellen vorzutragen. In denen ging es dann hauptsächlich um harmlose Plaudereien über Kindererziehung, Liebe und Kaisertreue. Die Autorin Hermine bediente sich in ihren tagebuchähnlichen Aufzeichnungen einer sehr „blumenreichen Sprache“, auf die Dr. Brinkmann bereits in seiner Einführung hingewiesen hatte.
Als Zuhörer mit Gegenwartsbezug muten einen manche Passagen des Buches seltsam an. Etwa wenn sich die Prinzessin mit ihren Fähigkeiten zur Haushaltsführung brüstet. Voller Stolz schildert sie ihre Begabung zum Einrichten, Dekorieren, Kochen. Dabei verschweigt sie nicht, dass es sich hierbei um rein theoretisches Wissen handelt. Für die ordnungsgemäße Erledigung all dieser Tätigkeiten habe sie schließlich ihr Personal.
Ebenso anachronistisch erscheinen die Erläuterung zur Nahrungsmittelbeschaffung in der Nachkriegszeit. Die Gemahlin des Kaisers beklagte, dass sie keinerlei Privilegien besessen habe. Ihre Dienstboten hätten genauso in der Schlange stehen müssen wie alle anderen auch.
Na, das tröstet doch jetzt all diejenigen, die gerade in Krisenzeiten von gelegentlichem Sozialneid geplagt werden. Selbst bei Kaisers ging es im letzten Jahrhundert genauso zu wie bei Müllers oder Meiers. Wir sitzen alle in einem Boot – eine nicht ganz glaubhafte Botschaft mit der das Publikum nach anderthalb Stunden wieder ins Hier und Heute verabschiedet wurde.

 
 
 

Kommentare zum Beitrag

Sabine Glinke
5.218
Sabine Glinke aus Wettenberg schrieb am 03.06.2009 um 11:39 Uhr
Hat sich Frau Nick denn benommen? Als sie das letzte Mal hier in der Gegend (in Wetzlar) war, gab es danach eine Klage...
Hallo Lieber Leser
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