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Satirische Prosa bei arktischen Temperaturen

Laubach | Da musste man schon ganz hartgesottener Satire-Fan sein, um am Samstagabend im Laubacher Schlosspark auf kaltem Plastik-Stuhl Platz zu nehmen. Der vorausschauende Zuhörer kam dann auch mit Wolldecke und wärmender Sitzunterlage zur Lesung von Thomas Gsella, die unter angenehmeren Witterungsumständen – oder gar in geschlossenem Raum – sicherlich mehr Publikum angezogen hätte.
Gsella, dem der Kabarettist Werner Schneyder „Charme, Witz und sprachliche Brillanz“ bescheinigt, ist ehemaliger Chefredakteurs des Satiremagazins „Titanic". Da seine Witze nach eigener Aussage dort mittlerweile schon mehrfach erzählt wurden, hat er sich im Oktober vergangenen Jahres von seiner Redaktion verabschiedet. Seit der Zeit ist er mit seiner Sammlung „Das Beste aus 50 Jahren" mit dem Programm „Nennt mich Gott“ in der Republik unterwegs. Zu dem Besten gehört denn auch ganz viel Titanic und Gsella beginnt seine Lesung mit Auszügen aus der Magazin-Rubrik „Briefe an den Leser“. Kenner dieser Briefe wissen um die manchmal heftige Gegenwehr der Angeschriebenen und freuen sich über den anschließenden Schlagabtausch.
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Programm mit gereimten Liebesbriefen, Fabeln und Kinderreimen um dann zu polemischen Gedichten über verschiedene europäische Völker oder bestimmte Berufsgruppen überzugehen. So fällt ihm zum Beispiel zum Beruf des Lehrers ein: „Der Lehrer geht um sieben raus und ruft vier Stunden: 'Leiser!' Um kurz nach eins ist er zu Haus: nicht ärmer, aber heiser“. Die Beschreibung des Zahnarztalltags beginnt folgendermaßen: „Der Zahnarzt ist nicht arm wie du. Er ist ein reicher Räuber. Drum wählt er gern die CDU und wo er kann den Stoiber." Das kann dann schon mal Ärger geben. Nach der Veröffentlichung des Gedichtes in der Süddeutschen Zeitung kam es zu einem Schriftwechsel mit einem Anwaltsbüro, das die Ehre des zahnärztlichen Berufstandes verletzt sah. Da fühlt sich der Dichter geadelt und zudem fördert Widerstand gegen Satire den Bekanntheitsgrad, wie man bereits aus zahlreichen Klageschriften gegen die Titanic weiß.
Bei aller Boshaftigkeit im Reim wirkt Gsella als Person durchaus sympathisch und man merkt ihm den Spaß am eigenen Text an. Er wirkt selbst dann noch charmant, als er den Vorschlag machte, die Laubacher Vogelwelt eventuell durch eine kleine Sprengung zu dezimieren. Hatten sich im Park doch jede Menge Lerchen zu einem abendlichen Konzert getroffen, gegen das der Autor mit lauter Stimme anlesen musste.
Die etwas vollmundig als „multimediale Lyrik-Show“ angepriesene Veranstaltung fand im Rahmen des Literaturfestivals „Laubach lässt Lesen“ statt. Der Showteil entpuppte sich dann als einfache Beamer-Präsentation, wie sie heute jeder Volkshochschul-Kursleiter bietet. Passend zum Thema erschienen alte Titanic Titelbilder, Zeichnungen der Karikaturisten Rudi Hurzlmeier, Greser & Lenz oder schlicht die Cover von Gsellas Büchern auf der Leinwand.
Die älteren Zuhörer im Publikum – wo waren eigentlich die Jungen? – erwarteten keine rasanten Show-Einlagen, sondern amüsierten sich auch so in ihre Decken eingehüllt über Gereimtes, Albernes und Böses. Und mancher Moral am Ende eines Gedichtes, zum Beispiel über den Lebensverlauf eines Kakerlak „Ach, welch ein hartes Brot – erst ist man jung, dann alt, dann tot!“ war sowieso weiter nichts hinzuzufügen.
30 Jahre behauptet sich die "Titanic" bereits im Zeitschriftenmarkt. Und davor war es die „Pardon“, die mit Gernhardt, Bernstein und Waechter den satirischen Ton in Deutschland angab. Soviel kontinuierliche Satire-Erziehung hat Spuren im Humorverständnis der Leser hinterlassen. Gsella folgte in bester Tradition diesen Spuren und der Applaus war ihm damit sicher.
Neu war allenfalls die Form der Präsentation. Um dem Besucher etwas Besonderes zu bieten, finden Lesungen immer öfter an „ungewöhnlichen Orten“, sprich im Freien, statt. Noch vor wenigen Jahren hätten sich Autor und Leser gemütlich in einer verqualmten Kneipe bei einem warmen Bier zusammen gefunden. Am Samstag wurde rabenschwarzer Humor und gereimter Nonsens in Kombination mit viel Sauerstoff verabreicht. Eine eventuelle Zugabe fiel damit leider der Event-Idee zum Opfer. Thomas Gsella nahm es fröstelnd hin und bedankte sich am Ende artig bei seinem Publikum dafür, dass es bei den arktischen Temperaturen überhaupt so lange ausgehalten hatte.

 
 
 

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