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Männergesundheit, war da nicht was? - Eine Zwischenbilanz

Langgöns | Nach wie vor sterben Männer in deutschen Landen im Schnitt 5,3 Jahre früher als Frauen. Männer stellen stetig seit Jahren die Mehrheit an Unfall- und Gewaltopfern oder Suchtkranken, bei Krebs- oder Herz-Kreislauferkrankungen sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates. Männer begehen dreimal häufiger Suizid als Frauen, alte Männer sogar noch häufiger. Besonders krass - Jungen begehen neunmal häufiger Suizid als Mädchen!

Seit dem Artikel „Männergesundheit, ein Aufbruch?“ anlässlich des 1. Bad Homburger Tages der Männergesundheit vom Okt.2008 sind fast 5 Jahre vergangen. Zeit, eine kurze Zwischenbilanz zur bisherigen männergesundheitspolitischen Entwicklung zu ziehen – und diese fällt ernüchternd aus.

Seither hat sich in Sachen Jungen- und Männergesundheitspolitik nahezu nichts geändert. Die Probleme sind den Verantwortlichen durchaus bekannt, allein es fehlt nach wie vor der Wille, diese endlich anzugehen. Der Männergesundheitsbericht der Bundesregierung, zu dem diese sich endlich durchgerungen hat, ist mittlerweile im dritten Jahr seiner Erarbeitung. Vor dem Hintergrund, dass seit 2001 jährlich Frauengesundheitsberichte erscheinen, kann das nur noch als zynische Verschleppungstaktik gesehen werden.

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2010 wurde - unabhängig von der Politik – u.a. von der Stiftung Männergesundheit in einem Gemeinschaftsprojekt der erste Männergesundheitsbericht erarbeitet und präsentiert - und dieser zeigte ein besorgniserregendes Bild. Entsprechende Taten der Politik folgten darauf jedoch so gut wie gar keine. Zu unbequem ist es anscheinend, sich mit den eigenen Versäumnissen auseinander zu setzen. Mittlerweile ist kürzlich bereits der zweite Männergesundheitsbericht erschienen und der Fachwelt vorgestellt worden, welcher den Fokus auf psychische Erkrankungen von Jungen und Männern legt.

Am 10.06. fand in Stuttgart eine Fachtagung zum Thema „Neue Perspektiven für die Jungen- und Männergesundheit?“ statt.

Die dort vorgestellten Ergebnisse sind alarmierend! Vor allem die genannten Suizidraten stehen in krassem Widerspruch zu den Diagnosezahlen psychischer Erkrankungen. Bei Frauen wird dreimal häufiger eine Depression diagnostiziert, aber dreimal mehr Männer begehen Selbstmord. Die Fachwelt ist sich daher einig, dass männliche Depressionen zu 60 bis 90 Prozent unterdiagnostiziert sind und mithin nicht behandelt werden. Ärzte diagnostizieren bei Männern noch immer viel zu fokussiert auf der physischen Ebene (Herz-Kreislauf, Bewegungsapparat) und zu wenig auf der psychischen Ebene. Bei Männern äußern sich psychische Erkrankungen in anderen Symptomen als bei Frauen, dies erfordert speziell auf Männer zugeschnittene Diagnoseverfahren.

Männer fühlen sich aber oft mit ihren Problemen allein gelassen, ein gesellschaftlich festgeschriebenes Rollenmodell lässt ihnen wenig Raum, ihre Probleme offen zu äußern, ja sogar sich selbst gegenüber einzugestehen. Noch immer ist das Bild vom „echten Mann“ als hartem Kerl, der alles ohne zu jammern wegsteckt und seine (und anderer Leute) Probleme souverän löst, fest verankert. Die Angst vor sozialer Stigmatisierung durch das Label „psychische Erkrankung“ ist zudem gerade bei Männern immens hoch, während eine solche bei Frauen dagegen gesellschaftlich durchaus akzeptiert ist. Das Nicht-um-Hilfe-bitten-dürfen ist für Männer daher noch eine zusätzliche Belastung und führt zu Verdrängung und Tabuisierung.

Männer werden öffentlich gerne lapidar als Vorsorgemuffel hingestellt, die halt nicht auf sich achten, nicht zum Arzt gehen und allgemein einen ungesunden Lebensstil pflegen– und damit an ihrer kürzeren Lebenserwartung selbst schuld sind. Dies kommt in etwa dem Vorwurf gegenüber Armen gleich, an ihrer Armut selbst schuld zu sein.

Männer bekommen bei einer psychischen Erkrankung häufig viel zu spät und viel zu wenig Hilfe - und diese womöglich noch in falscher Weise. Wartezeiten bis zu 7 Jahre für eine Behandlung führen häufig zu chronischen Schäden und bergen andererseits die Gefahr, dass im Verlauf zusätzlich zur eigentlich ursächlichen Erkrankung noch weitere begleitende Krankheitsbilder (sogenannte „Komorbidität“) auftreten. Komorbidität kann zu einer drastischen Reduzierung der Lebenserwartung führen, bei Männern um bis zu 20 Jahre! Alle diese Faktoren sind nicht gänzlich neu, es ist daher nicht nachvollziehbar, warum die Gesundheitspolitik seit Jahrzehnten untätig ist. Allein der volkswirtschaftliche Schaden durch eigentlich heilbare oder sogar komplett vermeidbare psychische Erkrankungen und deren Langzeitschäden ist immens.

Das aktuelle Schulwesen und der Schulalltag – und damit letztendlich die seit Jahren untätige Bildungspolitik selbst - machen Jungen krank. In den Jahren von 2006 bis 2010 sind bspw. die Diagnosen von ADHS um 30 Prozent gestiegen. Im Jahr 2009 wurde Ritalin 184 Mal häufiger verschrieben als noch 20 Jahre zuvor! Jungen werden reihenweise mit Medikamenten ruhiggestellt, um in ein weiblich-dominiertes Schulwesen und ein feminin-konnotiertes Verhaltensmodell zu passen. Gerade im empfindlichen Selbstfindungsprozess heranwachsender Jungen (Stichwort Pubertät) ist „Männlichkeit“ als rollentypisches Verhalten ein extremer Stressfaktor für Jungen. Druck über die „Peer Group“, Versagensängste im Schulalltag, Angst vor Zurückweisung durch das andere Geschlecht bzw. das Beeindrucken-wollen desselben führt gerade in dieser empfindlichen und extrem prägenden Altersphase zu sogenanntem „risikobehafteten Verhalten“ und damit häufig zu Selbstverletzungen.

Eine gezielte „positive Diskriminierung“ der Jungen zum Vorteil von Mädchen über das Bildungswesen und die Vernachlässigung von Jungen im Gesundheitswesen in Sachen Vorsorge und gesundes Selbstbild tun ihr übriges.

Zusammenfassend betrachtet:

Die Situation ist ernst, sehr ernst! Dreimal höhere Selbstmordrate bei dreifach unterdiagnostizierter Depression bei Männern. Neunmal häufigerer Suizid bei männlichen Jugendlichen. Vielfach falsche, zu späte und unzureichende Diagnosen männlicher psychischer Erkrankungen – mit entsprechendem volkswirtschaftlichem Schaden durch Nicht- oder Fehlbehandlungen. Dazu ein gesellschaftliches und arbeitsplatzspezifisches Bild, welches psychische Erkrankungen bei Männern generell nicht akzeptiert und stattdessen stigmatisiert. All dies thematisiert der Männergesundheitsbericht 2013 – bisher ohne nennenswertes Interesse seitens Politik und Medien.

Auf der öffentlichen Fachtagung am 10.06. waren laut Auskunft des Veranstalters vorab ca. 20 Pressestellen führender Medien sowie etliche Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik informiert bzw. eingeladen. Die Reaktion der Medien und der Bundespolitik war gleich Null, lediglich Vertreter aus der Landes- und Kommunalpolitik der Region waren anwesend. Das lässt tief blicken.

Bis den Gesundheitsproblemen von Jungen und Männern die gleiche Akzeptanz und Hilfe zuteilwird wie Frauen und Mädchen, ist es wohl noch ein langer Weg.

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von:  Torsten Herwig

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