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"Wenn kein Wunder passiert, sei selbst eins!" - Nick Vujicic und das Glück zu leben

von Ralf Tibusekam 21.04.20113139 mal gelesen1 Kommentar
Surfen mit der Profi-Surferin Bethany Hamilton, die ihren linken Arm durch eine Haiattacke verlor.
Surfen mit der Profi-Surferin Bethany Hamilton, die ihren linken Arm durch eine Haiattacke verlor.
Langgöns | Weinend sitzt die 17-Jährige auf ihrem Stuhl. Die Schulkameraden drängen aus dem Saal – sichtlich bewegt. Gut eine Stunde lang haben mehr als 200 Jugendliche mucksmäuschenstill einem Vortrag zugehört. Die mittelhessischen Schüler hingen an den Lippen von Nick Vujicic.

Armlos – nicht mutlos
Nick Vujicic. Ohne Arme und ohne Beine – und doch voller Lebensmut. Das war nicht immer so. Als der mit schweren Behinderungen geborene Australier acht Jahre alt ist, wird ihm zum ersten Mal deutlich bewusst, dass er „anders“ ist. „Als ich am 4. Dezember 1982 das Licht der Welt erblickte, war die erste Frage meiner Mutter: ,Ist das Baby gesund?‘“
Doch niemand antwortet der gelernten Hebamme, bis schließlich ein Arzt die schlimme Botschaft über die Lippen bringt: „Phokomelie.“
Dushka Vujicic begreift als gelernte Medizinerin sofort die schlimme Nachricht: Missbildung oder Fehlen von Gliedmaßen. „Die Krankenschwestern weinten. Meine Mutter konnte nicht ertragen, was sie sah: keine Arme, keine Beine. Ihr Kind – nur Kopf und Rumpf …“
Nick Eltern kämpfen. Kämpfen um die eigene Fassung, kämpfen um das Glück ihres Kindes: „Meine Eltern machten sich daran, ihren körperlich behinderten Sohn so normal wie möglich zu erziehen.“
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Vujicic (1)Brunnen Verlag Gießen (1)Behinderung (89)
Und das gelingt: „Als kleiner Junge hielt ich mich für ein völlig normales, fröhliches und von Natur aus liebenswertes Kind. Diese Unwissenheit war ein echter Segen für mich.“
Doch „als ich in die Pubertät kam, in der jeder auf der Suche nach seinem Platz im Leben ist, bin ich dann an meinem Körper fast verzweifelt. Jeder konnte es sofort sehen: Ich sah nicht aus wie meine Klassenkameraden.“

Nur ein Monster?
Und die Klassenkameraden konnten mit Nick Behinderung nur sehr schlecht umgehen: „Von anderen Jugendlichen wurde ich als ,Monster‘ und ,Außerirdischer‘ beschimpft. Ich wollte akzeptiert sein – und war es nicht. Ich wollte dazugehören – und durfte es nicht. Ich versank in Selbstmitleid. Depressionen und negative Gedanken überrollten mich. Welchen Sinn hat das Leben überhaupt?“
Er hatte eine „Riesenangst davor, mein Leben lang nur eine Last zu sein“.

Doch heute ist Nick Vujicic glücklich mit seinem Leben. Wie schafft er das?
„Die Frage höre ich oft. Ich vermute mal, du hast selbst gerade an dem einen oder anderen zu knabbern, also antworte ich in der Kurzversion. Es ging mit mir bergauf, als mir klar wurde: Obwohl ich alles andere als perfekt bin, bin ich trotzdem der perfekte Nick Vujicic. Ich bin ein Gedanke Gottes. Das bedeutet nicht, dass das Nonplusultra schon erreicht ist.“
Trotz eigener behinderung: Nick Vujicic macht anderen viel Lebensmut.
Trotz eigener behinderung: Nick Vujicic macht anderen viel Lebensmut.
Und weiter: „Viel zu oft reden wir uns ein, wir wären nicht intelligent oder hübsch oder talentiert genug, um unsere Träume zu verwirklichen. Wir glauben das, was andere über uns sagen, oder machen uns selbst klein. Wer seine Träume aufgibt, steckt Gott in eine kleine Box. Dabei bist du sein kreatives Werk! Du bist kein Zufallsprodukt. Dein Leben hat genauso wenig Grenzen, wie man Gottes Liebe einzäunen kann.“
Wie das praktisch aussehen kann, hat Vujicic in dem preisgekrönten Kurzfilm "Butterfly Circus" gezeigt, in dem er die Hauptrolle spielt. Zehntausende Internetnutzer haben ihn sich im Netz bereits angeguckt.

Das Lebensglück finden
Aber kann man für sein Lebensglück selbst aktiv werden? „Ich gebe zu, dass ich sehr lange daran gezweifelt habe, selbst etwas für mein Glück tun zu können. Viele Jahre dachte ich, wenn mein Körper nur ,normal‘ wäre, dann wäre mein Leben ein einziger Traum. Was mir nicht klar war: Ich brauchte nicht ,normal‘ sein – sondern nur ich selbst! Es war ein schwerer Schritt, mir einzugestehen, dass mich nicht die körperlichen Grenzen hemmten, sondern die Grenzen in meinem Kopf.“
„Ich musste es mir erarbeiten, an die Möglichkeiten in meinem Leben zu glauben. Aber wenn ich das geschafft habe, schaffst du das auch.“
Darüber spricht er vor Managern von Großfirmen genauso wie vor Schulklassen, wie zuletzt im mittelhessischen Asslar. Überall verbreitet er Lebensmut.
Das passiert mittlerweile auch in Buchform. Der Brunnen Verlag Gießen hat Vujicics Autobiografie Mitte März veröffentlicht. Binnen weniger Tage war die erste Auflage vergriffen. Die zweite Auflage von "Mein Leben ohne Limits" ist soeben erschienen. "Wir freuen uns über den Erfolg. Das war bei solch einer schweren Lebensgeschichte nicht unbedingt zu erwarten", ist aus dem Verlag zu hören.

Mut für den Tag
Die 17-jährige Schülerin darf am Ende der Veranstaltung Nick Vujicic umarmen. Ein Lächeln liegt auf ihrem verheulten Gesicht. Sie nimmt wohl viel neuen Mut mit in ihren Alltag.
Ralf Tibusek

Surfen mit der Profi-Surferin Bethany Hamilton, die ihren linken Arm durch eine Haiattacke verlor.
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Kommentare zum Beitrag

Hannah Pompalla
133
Hannah Pompalla aus Lich schrieb am 21.04.2011 um 15:09 Uhr
Wunderschöner Text!!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Ralf Tibusek

von:  Ralf Tibusek

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