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Kriegsschicksale in Langgöns-Oberkleen

Langgöns | Nachlass der Familie Viehmann aus Oberkleen im Gemeindearchiv Langgöns

Das Gemeindearchiv Langgöns hat einen für die Langgönser Geschichte interessanten Neuzugang zu verzeichnen. Die Cleebergerin Christa Hartmannshenn übergab im Mai/Juni diesen Jahres Teile des Nachlasses ihrer mütterlicherseits aus Oberkleen stammenden Familie an das Gemeindearchiv Langgöns zur dauerhaften, sicheren Aufbewahrung und Erschließung.

Der unter der Bestandssignatur N1 „Viehmann“ in das Gemeindearchiv übernommene Nachlass aus den Jahren 1869 bis 1980 umfasst unter anderem familiengeschichtliche Aufzeichnungen, Stammtafeln, Korrespondenzen und Fotographien Konrad, Adolf und Paul Viehmanns, des Urgroßvaters, Großvaters und Onkels Christa Hartmannshenns.
Die genannten Unterlagen geben plastische und ergreifende Einblicke in Kriegsschicksale einer Oberkleener Familie im Ersten und Zweiten Weltkrieg. So nahm der am 22. März 1884 in Oberkleen geborene Adolf Viehmann, der bereits im Oktober 1905 in das Kurhessische Füsilier-Regiment v. Gersdorff Nr. 80 eingetreten war und dessen Soldbuch im Bestand überliefert ist, am Ersten Weltkrieg
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und sein Sohn Paul am Zweiten Weltkrieg teil. Adolf Viehmann wurde im Zuge der Kriegshandlungen in Frankreich im Jahr 1914 so schwer im Gesicht verwundet, dass er im dortigen Lazarett nur über ein Notizbuch mit der Außenwelt kommunizieren, seine Gedanken mitteilen und Wünsche äußern konnte. Die Fragen Adolf Viehmanns sind in dem mit Bleistift geschriebenen Büchlein festgehalten und so für uns heute nachvollziehbar. Die Antworten auf seine Fragen muss sich der Leser denken, da diese keinen schriftlichen Niederschlag gefunden haben. So wollte Adolf Viehmann offensichtlich von einem der im Lazarett arbeitenden Ärzte oder Krankenschwestern wissen, ob „der Kranke mit dem Kopfschuß […] mit dem Leben davon gekommen ist“ und bat in einem der nächsten Sätze für sich um „etwas warmes Zuckerwasser, Milch oder Wein“, um seinen Durst zu stillen. Mittels seines Notizbuches fragte Adolf auf den folgenden Seiten unruhig, „und wann geht denn der nächste Transport in die Heimat? Ich bitte Sie alle von Herzen, laßt mich mitgehen […]. Ich könnte ja vielleicht in die Chirurgische Klinik nach Gießen gehen.“ Seine größer werdende Verzweiflung und Sorge um die daheimgebliebene Familie in Oberkleen angesichts seines sich verschlechternden Gesundheitszustandes
wird nachdrücklich deutlich, als er notierte, „Mein Gott, wenn es in ihrer Macht steht, Herr Professor, so erhalten Sie mich am Leben, habe ich doch eine Frau mit 3 kleinen Kindern und ein hochbetagtes Elternpaar und auch noch 2 Geschwister zu ernähren“. Für den Außenstehenden erschütternd ist schließlich ein Vermerk Adolfs auf der letzten Seite des Notizbuches, auf der er resignierend feststellt: „mir ist nicht zu hel[fen].“ Sieht man die weiteren im Bestand vorhandenen Unterlagen und Fotographien durch, so stellt man erleichtert fest, dass Adolf Viehmanns Wunsch, in die Klinik nach Gießen gebracht zu werden, doch in Erfüllung ging. So ist er auf mehreren Fotos im Kreise weiterer Kriegsversehrter in Gießen zu sehen und erhielt von seinen Angehörigen und Kameraden regelmäßig Briefe und Feldpostkarten in die Klinik, bis er – soweit genesen – zu seiner Familie nach Oberkleen zurückkehren konnte.
Nur knapp 30 Jahre später ereilte die Familie Viehmann ein weiterer Schicksalsschlag. Adolfs Sohn, Paul Viehmann, war im Oktober 1940 zum Kriegsdienst eingezogen worden. Zum Muttertag 1943 schrieb Paul nach Hause, „aber liebe Mutter tröste Dich, wenn es Gottes Wille ist, komme ich wieder Heim, er hat mich bis dahin beschützt und wird es auch weiterhin tun.“ Anders als noch bei seinem Vater im Ersten Weltkrieg, sollte sich diese Hoffnung für Paul jedoch nicht erfüllen. Im Juli 1944 oblag dem Oberfeldwebel Kurt Katta im Namen des Stabsführers „die schmerzliche Pflicht“, Adolf Viehmann „davon in Kenntnis zu setzen, dass Ihr Sohn, der Obergefreite Paul Viehmann, am 24. Juni dieses Jahres gefallen ist. Ein Granatsplitter verwundete ihn so, dass er sofort tot war.“ Die persönlichen Gegenstände seines Sohnes – unter anderem „1 Ohrenschützer, 1 Taschentuch […], 1 Portemonnaie mit Rmk. 4,60, Schreibpapier [und] 1 Beutel mit Nähzeug“ – erhielt Adolf Viehmann in den kommenden Wochen zurück. Weitere Gegenstände, wie eine „Kartentasche mit Inhalt (eigene Taschenuhr)“, konnten laut eines Briefes der zuständigen Stelle nicht zurückgeschickt werden, da das Fahrzeug, auf dem sie verladen waren, seitdem vermisst wurde.
Über die militär- und familiengeschichtlich interessanten Unterlagen hinaus, finden sich im Bestand N1 „Viehmann“ auch für Oberkleen wichtige, ortsgeschichtliche Stücke. So beispielsweise Darlehens- und Grundstücksangelegenheiten der Oberkleener Mühlenbesitzer Konrad und Adolf Viehmann. Letzterer ließ sich in den 1920er Jahren das Recht zur Stauung des Kleebaches sichern, um den Antrieb des Wasserrades der Kellersmühle in der Gemarkung Oberkleen zu gewährleisten. Zu diesem Zweck wurden Lagepläne der Kellersmühle sowie Längenschnitte des Kleebaches und der Radanlage der Kellersmühle angefertigt und der Akte beigeheftet.

Der Nachlassbestand „Viehmann“ ist im Gemeindearchiv bereits gereinigt, in säurefreie Umschläge verpackt, in die Archivdatenbank HADIS verzeichnet und somit öffentlich zugänglich gemacht worden. Über www.hadis.hessen.de oder den entsprechenden Link auf der Homepage des Gemeindearchivs (www.langgoens-web.de) können die einzelnen Archivalientitel via Internet recherchiert und im Gemeindearchiv nach Voranmeldung per Telefon oder E-Mail eingesehen werden.

Kontakt: Gemeindearchiv Langgöns, Dipl.-Archivarin Marei Söhngen-Haffer M.A., St.-Ulrich-Ring 13, 35428 Langgöns; Tel.: 06403/928108 oder 06403/90200; E-Mail: m.soehngen@langgoens.de.

 
 

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von:  Isabel Haub

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