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Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege veröffentlicht Buch im Brunnen Verlag Gießen

von Ralf Tibusekam 11.12.201839122 mal gelesenkein Kommentar
Gerade im Brunnen Verlag Gießen erschienen: Die Autobiografie von Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege.
Gerade im Brunnen Verlag Gießen erschienen: Die Autobiografie von Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege.
Langgöns | „Meine Stimme für das Leben“ - Autobiografie von Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege erscheint im Brunnen Verlag Gießen

Vergangenen Montag bekam Denis Mukwege den Friedensnobelpreis verliehen. Der kongolesische Gynäkologe ist seit Jahrzehnten unter dem Einsatz selbst seines Lebens aktiv im Kampf für Frauenrechte. In seiner Heimat werden seit vielen Jahren von Regierungs- wie Rebellentruppen Gewalt und Vergewaltigung als Mittel zur Aufrechterhaltung der Macht genutzt.
Was unsere Mütter und Großmütter (und die Frauen in von Deutschen besetzten Gebieten) während und nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise als Opfer erlitten haben, ist in Afrika in zahlreichen Bürgerkriegsregionen mittlerweile ein häufig und bewusst gesteuert eingesetztes Mittel, den Widerstand in ganzen Landstrichen zu brechen und Herrschaft aufrecht zu erhalten.

Denis Mukwege, der Zehntausende Opfer in seiner Klinik behandelt hat, prangert die bestialische Art der Kriegsführung im bürgerkriegsgeschüttelten Kongo lautstark an und fordert ein Ende dieser Verbrechen an der Zivilbevölkerung. Ihm sind alle Gräuel bewusst: „Als im Jahr 1996 der erste kongolesische Bürgerkrieg ausbrach, musste ich mir eingestehen, dass im Krieg nichts heilig ist. Nichts bleibt verschont, alles kann angegriffen und zerstört werden.“

Knapp dem Tode entronnen
Auch er selbst ist immer wieder bedroht: „Eines Morgens wurde der Arztkittel, den ich in meinem Büro ausgezogen und auf einen Kleiderbügel gehängt hatte, von einer Gewehrsalve zerfetzt.“
Der Arzt ist bereits auf einem Termin, als „um 5.15 Uhr unser Krankenhaus gestürmt wurde. Die Angreifer töteten 30 Patienten und hinterließen mir eine persönliche Botschaft, indem sie meinen Arztkittel und ein Foto von meinem Gesicht mit Kugeln durchsiebten.“
Das Ereignis markiert einen Wendepunkt in Mukweges Leben. „Bis dahin war ich überzeugt gewesen, dass kein Soldat gleich welcher Armee in ein Krankenhaus eindringen und wehrlose Patienten in ihren Betten erschießen würde. Ich war naiv gewesen und die Wirklichkeit traf mich mit umso größerer Wucht.
Seit diesem Tag muss ich in meiner täglichen ärztlichen Arbeit ständig mit den Folgen von Gewalt beschäftigen – was nicht bedeutet, dass ich sie auch nur im Geringsten akzeptiere. Zum Beispiel möchte ich nicht, dass innerhalb unseres Krankenhauses bewaffnetes Wachpersonal eingesetzt wird,
Als Dr. Mukwege vor der UN auf das Geschehen im Kongo hinwies, wurden die Killerkommandos losgeschickt. Heute wird die Klinik von UN-Soldaten bewacht.
Als Dr. Mukwege vor der UN auf das Geschehen im Kongo hinwies, wurden die Killerkommandos losgeschickt. Heute wird die Klinik von UN-Soldaten bewacht.
obwohl es vielleicht durchaus angeraten wäre. Aber ich frage mich, was meine Patientinnen denken würden. Könnten sie überhaupt heil werden, wenn sie ständig die Waffen vor Augen hätten, vor deren Auswirkungen sie gerade bei uns im Krankenhaus Schutz und Hilfe gesucht hatten?“

Der Muganga
Dem frommen Christen – schon sein Vater war evangelischer Pastor – ist das Helfen seit seiner frühen Kindheit ein Herzensanliegen. „Bereits im Alter von 8 Jahren wusste ich, dass ich eines Tages ein Muganga sein würde – ein Heiler, der kranke Menschen gesund macht.“
Kinderarzt wollte er werden. „Gegen Ende meines Medizinstudiums gab es noch einmal einen Kurswechsel. Ich wurde während meiner Famulaturen mit den Bedingungen konfrontiert, unter denen die Frauen im Südkivu ihre Kinder bekommen müssen. Ich habe Mütter und Kinder während der Geburt sterben sehen. Manchmal kamen im Krankenhaus Mütter an, zwischen deren Beinen das tote Kind baumelte, das im Geburtskanal stecken geblieben war. Von da an war mir klar, dass ich mich zum Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe weiterbilden wollte.“
Mit seinem Vater war Mukwege bis zu dessen Tod im Jahr 2010 sehr eng verbunden: „Wir trafen uns jeden Samstag zum Teetrinken und zum Beten.“
Er war ihm Vorbild im Leben und im Glauben. „Ich wusste seit meiner Kindheit, dass der Glaube eine Sache des Herzens ist und sich nicht an Äußerlichkeiten messen lässt. So hatte mein Vater es mir beigebracht.“
In der Klinik.
In der Klinik.
Trotzdem begehrt Mukwege auf, als während der Regierungszeit des Despoten Mobutu von ihm gefordert wird, an den täglichen Appellen zu Ehren des Volksführers teilzunehmen. Als er kundtut, dies widerspräche seinem Glauben, wird er auf eine Negativliste gesetzt, mit dem Tode bedroht.
Doch sein eigentlicher Kampf gilt den unterdrückten Frauen: „Ich denke an bestimmte Traditionen, die für mich viel mit Stammesdenken zu tun haben. In meiner Arbeit an Opfern sexueller Gewalt bin ich ständig mit Chauvinismus konfrontiert. Wir leben hier in einer von Männern beherrschten Kultur, die Frau wird ,niedergehalten‘ und als Untergebene betrachtet. Die Kongolesen sind überzeugt, dass Vergewaltigung unrein macht und zu allen möglichen Problemen führt. Dies erklärt, warum die „beschmutzten“ Frauen häufig aus dem Familienkreis ausgeschlossen werden und gezwungen sind, sich zu entschuldigen.
Ich versuche bei jeder Gelegenheit, diese rückständigen Einstellungen zu bekämpfen, und erkläre, dass die Welle der Vergewaltigungen in unserer Region nichts mit sexueller Lust zu tun hat. Die Motive sind bei den meisten Tätern ganz andere: Es geht hier nicht um Geschlechtsverkehr und um Vergnügen, sondern um bestialische Praktiken. Die Peiniger glauben, sie könnten damit Macht ausüben“ und politische Vorteile erlangen.

Denis Mukwege ist ein Kämpfer für den Frieden und für die Menschen. Dafür bekam er jetzt den Friedensnobelpreis zugesprochen.

Verbunden ist Mukwege in Deutschland mit dem Brunnen Verlag in Gießen. Als Mukwege der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, hat man sich dort bemüht, die Autobiografie schnellstmöglich zu veröffentlichen. Einer der Übersetzer aus Mukweges Muttersprache Französisch ist Ulrich Probst aus Linden, der selbst mehrere Jahre in Afrika gelebt hat.

Gespräch mit Denis Mukwege am Wochenende vor der Preisverleihung:


Was bedeutet der diesjährige Friedensnobelpreis für Sie und Ihre Arbeit?
Der Friedensnobelpreis ist ein Zeichen dafür, dass die Welt aufwacht und zu sehen beginnt, was in Kriegen weltweit geschieht. Nicht nur ich, sondern auch andere sagen schon seit vielen Jahren, dass Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt wird. Der diesjährige Friedensnobelpreis wirft Licht auf diese Verbrechen und ich hoffe inständig, dass die internationale Gemeinschaft endlich beginnt zu handeln, um sexuelle Gewalt zu verhindern und die Überlebenden zu unterstützen. Ich widme ihnen diesen Preis, es ist absolut ihr Preis. Der Friedensnobelpreis erkennt ihr Leiden an und zeigt, dass ihre Stimmen gehört werden.

Die Frauen, die Sie behandeln, haben Gewalt erlebt, die schwere körperliche und seelische Schäden hinterlassen hat. Wie können diese Frauen gesund werden?
In dem von mir 1999 gegründeten Panzi Hospital im Osten des Kongo haben wir ein ganzheitliches Behandlungsmodel entwickelt, das den Überlebenden sexueller Gewalt medizinische und psychologische Betreuung, juristischen Beistand und Unterstützung beim Lebensunterhalt bietet. Der Zugang zu medizinischer und psychologischer Betreuung hilft den Überlebenden gesund zu werden. Der juristische Beistand und die sozioökonomische Unterstützung, wie zum Beispiel Berufsausbildung, ermöglichen ihnen die Rückkehr in die Gesellschaft. Wenn sie die Fürsorge erhalten, die sie brauchen, entwickeln sie enorme Kraft.

Der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo dauert nun schon zwei Jahrzehnte. Wie ist die Lage derzeit?
Unglücklicherweise hat sich die Lage im Kongo nicht wirklich verbessert. Es gibt immer noch keinen Frieden und Menschen sterben durch Gewalt oder in einigen Regionen des Landes durch Hunger. Da der Konflikt nun schon so lange dauert, behandeln wir inzwischen die zweite Generation Opfer. Ich habe Vergewaltigungsopfer operiert, die die Töchter von Frauen sind, denen ich vor mehreren Jahren geholfen habe. Wenn wir die Gewalt nicht beenden, wird bald die dritte Generation Opfer vor unseren Toren erscheinen. Leider riskiert jeder, der es wagt, die andauernde Gewalt anzuprangern, schwerwiegende Konsequenzen durch die, die nichts von der Realität hören wollen.

2012 haben Sie einen Attentatsversuch überlebt nachdem Sie eine Rede vor den Vereinten Nationen gehalten hatten, in der Sie die Regierung des Kongo kritisierten. Wie sicher sind Sie jetzt?
Seit dem Anschlag lebe ich auf dem Gelände des Krankenhauses. Das Krankenhaus wird von UN Friedenstruppen beschützt, aber unsere Außenteams, die die ländlichen Gebiete besuchen sowie die Überlebenden, die zurückgehen, arbeiten und leben oft in sehr unsicheren Umständen.

Welche Menschen inspirieren Sie am meisten?
Ich habe bisher niemanden getroffen, der mich mehr inspiriert, wie die Überlebenden, die ich jeden Tag treffe. Obwohl sie so viel durchgemacht haben, zeigen sie so viel Wärme und Kraft. Als ich 2012 nach dem Attentatsversuch fliehen musste, haben die Frauen begonnen, Geld für meinen Rückflug zu sammeln. Die meisten von ihnen müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen, aber sie haben Obst und Gemüse verkauft, um das Ticket zu bezahlen. Ich habe nie wieder so eine Entschlossenheit gesehen. Sie sind eine echte Inspiration.

Was können normale Menschen tun, um zu helfen, dass sexuelle Gewalt aufhört?
Wir brauchen Menschen, die keine Angst haben sich zu äußern: sexuelle Gewalt wird in Kriegs- und in Friedenszeiten begangen, weil wir zulassen, dass Täter vergewaltigen und Gewalt ausüben. Solange die Gesellschaft schweigt, wird das weitergehen. Sexuelle Gewalt in Kriegszeiten ist nur eine Fortsetzung dessen, was in Friedenszeiten passiert. Wir müssen mit unseren Töchtern und Söhnen darüber sprechen. Nur dann können die Schuld und die Schande von den Opfern auf die Täter übertragen werden.

Ralf Tibusek

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