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Eine zivile römische Stadt auf germanischem Boden: Das Römische Forum Waldgirmes

Kaiser Augustus auf seinem Pferd (Nachbildung von Heinrich Janke).
Kaiser Augustus auf seinem Pferd (Nachbildung von Heinrich Janke).
Lahnau | Müde bahnen sich Pferde und Reiter einen Weg durch den Wald. Eichen und Buchen werden nur manchmal von Lichtungen unterbrochen. Schon seit Wochen sind die Händler unterwegs. Ihr Ziel ist die neu gegründete Römersiedlung, von der sie gehört haben. Dort wollen sie ihre Waren gegen römische Keramik, Werkzeuge und Schmuck eintauschen. Die Wälder werden lichter und Getreidefelder nehmen ihren Platz ein. Da ist die Siedlung, hinter der Umwehrung aus Spitzgräben und der mächtigen Mauer aus Holz und Erde. Der Weg führt die Reiter direkt zu einem offenen Tor in der Mauer. Rechts und links sind zwei Türme, auf denen Wachen stehen. Vorsichtig lenken die Reiter ihre Pferde durch das Tor in die Siedlung hinein. Auf der Straße sind noch andere Menschen unterwegs. Ihre Kleidung zeichnet einige von ihnen als Römer aus, andere tragen die Gewänder der einheimischen Germanen. In der Mitte der Straße verläuft ein abgedeckter Wassergraben. Rechts und links stehen Gebäude aus Fachwerk. Aus einem erklingt Hämmern. Ein Schmied bearbeitet ein Blech auf seinem Amboss. Die Reiter folgen der Straße bis ins Innere der Siedlung zum Forumsplatz.
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Dort bleiben sie stehen, sprachlos vor Staunen. Straße und Platz wimmeln nur so von Menschen. Römer, Germanen und Kelten halten sich dort auf, reden miteinander oder kaufen Waren, die aus den zur Straße hin offenen Häusern angeboten werden. Die Händler betreten ehrfürchtig den Innenhof des Forums. Fünf lebensgroße, goldene Reiterstatuen stehen direkt vor ihnen auf dem Platz und bieten einen atemberaubenden Anblick. Hinter den Reiterstatuen erhebt sich eine riesige, überdachte Halle. Die Wände dieser Basilika sind aus Fachwerk, wie bei den anderen Gebäuden auch. Überwältigt verlassen die Händler nach einigen Minuten das Forum wieder, um außerhalb in der Vorstadt eine Unterkunft zu suchen, die nicht zu teuer ist. Morgen werden sie zurückkommen, um ihre Waren anzubieten. Eine Woche wollen sie hier bleiben, bevor sie zur nächsten Siedlung reisen werden.

Niemand kann sagen, ob es diese Händler wirklich gegeben hat und was sie sich gedacht haben, als sie das römische Forum beim heutigen Waldgirmes betreten haben. Schriftliche Aufzeichnungen über das Forum sind bis heute nicht gefunden worden. „In den bisher bekannten Dokumentationen gibt es keinerlei Hinweise auf den Namen der Stadt“, erzählt Peter Schepp, Geschäftsführer des Fördervereins
So könnte das Forum damals ausgesehen haben (Foto Fa. Faber Courtial).
So könnte das Forum damals ausgesehen haben (Foto Fa. Faber Courtial).
Römisches Forum Waldgirmes. Auch über das Leben in der Stadt gibt es keine Aufzeichnungen. Die Gebäude sind schon lange nicht mehr vorhanden. Es gibt allerdings genug Funde, um sich ein Bild von der Siedlung machen zu können. Die etwa 7,7 Hektar große Anlage ist die bisher einzige rechtsrheinische zivile römische Stadtgründung. Sie ist spätestens vier vor Christus gegründet worden und hat vermutlich bis circa neun oder zehn nach Christus als besiedelte Stadt bestanden.
Das Herz der Stadt war das Forum, ein monumentales Zentralgebäude. Es diente wahrscheinlich als administratives und wirtschaftliches Zentrum. Von dort sollte das römische Territorium verwaltet und Recht gesprochen werden.
Die Größe des Forums zeigt, dass „die Römer die Region beherrschen und verwalten wollten“, erklärt Schepp. „Es war eine Stadtgründung für die Zukunft“. Das Forum ist heute, wie die übrige Stadt, nicht mehr vorhanden. Der Grundriss wurde allerdings nachgemauert, so dass sich Besucher ein Bild von der Größe der Anlage machen können. Der zentrale Innenhof war auf drei Seiten von sechs Meter breiten Flügeln umgeben. Auf der vierten Seite befand sich die mehr als acht Meter hohe, 45 Meter lange und zwölf Meter breite Basilika mit drei Anbauten.
Von dem Forum ist heute nur noch der Grundriss zu sehen (Foto RGK).
Von dem Forum ist heute nur noch der Grundriss zu sehen (Foto RGK).
In der Basilika befanden sich die römische Verwaltung und das Gericht. Ob auf dem Innenhof wirklich fünf Reiterstatuen standen, ist nicht vollständig bewiesen. Obwohl fünf Sockel gefunden wurden, konnte durch die bisher geborgenen Scherben nur die Existenz einer Reiterstatue nachgewiesen werden. Zu diesen Fundstücken gehört auch ein vergoldeter Pferdekopf, der vor wenigen Wochen in einem der beiden freigelegten Brunnen gefunden und geborgen wurde. Die Reiterstatue bestand aus vergoldeter Bronze und stellte vermutlich den damaligen römischen Kaiser Augustus dar. Eine Nachbildung des Reiterstandbildes wurde vor zwei Jahren in Originalgröße von dem Künstler Heinrich Janke erstellt und vor einigen Wochen anlässlich der Römertage wieder aufgestellt. Da Einzelheiten über das Aussehen von Pferd und Reiter anhand der Funde bisher nicht rekonstruiert werden können, handelt es sich bei dem Standbild um eine Interpretation des Künstlers.
Auch wenn das Forum als „überdimensioniertes Verwaltungsgebäude“, wie Peter Schepp es nennt, geplant und angelegt wurde, hat die Stadt nie die Ausmaße angenommen, die zu dem Forum gepasst hätten. Mit der Niederlage des Varus und dem Ende der römischen Herrschaft in Germanien wurde die Siedlung aufgegeben
Eisenwerkzeuge aus der römischen Siedlung (Foto RGK).
Eisenwerkzeuge aus der römischen Siedlung (Foto RGK).
und zerstört, damit sie den Germanen nicht in die Hände fallen konnte. Die Brunnen wurden mit Füllhölzern und Erde gefüllt, die Gebäude in Brand gesteckt. Alles, was geblieben ist, sind zwei Brunnen, Schmuck und Keramik, Geräte und Eisenwerkzeuge, Münzen, Scherben und die Grundrisse des Forums sowie einiger Gebäude.

Für Besucher wurden der Grundriss des Forums und die Reiterstatue des Kaiser Augustus nachgebaut. Das Forum ist täglich geöffnet und der Zugang kostenlos. Im Heimatmuseum in Waldgirmes befinden sich Repliken der Funde, wie zum Beispiel Schmuck und Keramik. Gruppenführungen am Forum (30,00 Euro) mit anschließender Besichtigungen des Heimatmuseums sind nach Anmeldung das ganze Jahr über möglich. Anfragen an Peter Schepp, Förderverein Römisches Forum Waldgirmes e.V., Telefon 06441 - 96 29 60. Weitere Infos unter www.roemerforum-lahnau.de.

Kaiser Augustus auf seinem Pferd (Nachbildung von Heinrich Janke).
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So könnte das Forum damals ausgesehen haben (Foto Fa. Faber Courtial).
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Von dem Forum ist heute nur noch der Grundriss zu sehen (Foto RGK).
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Eisenwerkzeuge aus der römischen Siedlung (Foto RGK).
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Scherben der Reiterstatue (Foto RGK).
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