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Jobwunder Bürgerarbeit?

Heuchelheim | Erstmals erschienen auf Suite 101.de (08.07.2011):

Ein Erfahrungsbericht, eine Innenansicht der viel gepriesenen Bürgerarbeit. Dient die Bürgerarbeit wirklich der Entlastung der Arbeitslosenstatistik?

"»Hartz IV«-Bezieher zu »Bürgerarbeit« anhalten" so titelte die Gießener Allgemeine am 29.05. 2010, die lokale "Hartz-Behörde" setzte somit das von der Bundesebene vorgegebene Gesetz um. 19.383 Menschen beziehen im Landkreis Gießen "Hartz IV", wovon 9.000 Personen arbeitsfähig seien, 500 von ihnen sollten in Bürgerarbeit gebracht werden. Rechtsgrundlage für die Bürgerarbeit ist das Beschäftigungschancengesetz vom 24.10.2010 (BGBl. I S. 1417. Dieses Gesetz regelt das Modellprojekt Bürgerarbeit.Hierdurch werden Hartz IV-Bezieher in Tätigkeiten von öffentlichem Interesse vermittelt, für die kein regulärer Arbeitsmarkt besteht. Soweit die Theorie.

Aktivierungsphase der künftigen Bürgerarbeiter

Bevor die Bürgerarbeiter ran durften, war es dann bereits Mai 2011. Die vom Jobcenter "Auserwählten" wurden zuerst in eine "Aktivierungsmaßnahme" gesteckt, welche fünf Monate dauerte. Selbstredend trat die Lokal-ARGE
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die Dürchführung der Maßnahme an einen Bildungsträger ab. Hier wurden die unterschiedlichsten Menschen "aktiviert", egal was man für eine Biografie hatte. Das Wichtigste in dieser "Maßnahme" ist die Erlangung von Sozialkompetenz, auch wenn hier jemand drei Jahre ehrenamtlichen Umgang mit Senioren nachweisen kann und zudem vier Jahre Kreisvorsitzender einer politischen Partei war, beides wird ignoriert. Das Eingehen auf individuelle Fähigkeiten und/oder Neigungen erfolgt schlicht und einfach nicht, stattdessen wird vom "Bildungsträger" darauf verwiesen, dass Bügerarbeit schlecht wäre, es fast keine Plätze gäbe und es wird mit einem befreundeten Zeitarbeitsunternehmen geworben. Der "Höhepunkt" der Aktivierungsphase ist dann die Möglichkeit der Teilnahme an verschiedenen Kursen, wie unter anderem "Kochen und gesundes Ernähren". Dieser Kurs ist speziell für einen "zu aktivierenden" Koch "besonders interessant".

Ein praktisches Beispiel aus der Aktivierungsphase

Ein weiteres Beispiel ist folgendes: Ein Teilnehmer bewirbt sich selbsttätig um einen befristeten Aushilfsjob bei einer Versicherung und gibt dies - pflichtgemäß - seinem zuständigen Bildungsträgermitarbeiter bekannt. Nachdem dieser die Information hatte, dringt er darauf, dass der Lehrgangsteilnehmer ein Praktikum vor den möglichen Aushilfsjob schaltet und er sich bei der Versicherung erneut meldet. Daraufhin wendet sich der Teilnehmer, mit einem vom Trägermitarbeiter genannten Praktikumstermin bei dem genannten Versicherungsunternehmen, wobei dieses das Praktikumsansinnen ablehnt.

Fazit: Was muss oben genanntes Versicherungsunternehmen denken, wenn sich zuerst jemand um einen Aushilfsjob bewirbt und dann eine vorterminierte Praktikumsanfrage nachreicht? Das Praktikum wurde abgelehnt und zumindest die Aushilfsjobbewerbung dadurch gefährdet. Dies ist eine Schilderung/Innenansicht einer - von der Politik und ihrer nachgeordneten Behörden - propagierten "Wunderwaffe" namens Bürgerarbeit.

Um dem Langfristproblem Hartz IV entgegenzuwirken, bedarf es keiner Schnellschusslösungen à la "Bürgerarbeit", sondern auf den Menschen hin zugeschnittene Wiedereingliederungsmaßnahmen. Das eventuelle Gegenargument `Es ist kein Geld da´ ist bekannt, die Lösung liegt im Nichtdiätenerhöhen der Abgeordneten und im Subventionsstreichen, was schon in den 1980er Jahren unter anderem von den Liberalen gefordert und nie umgesetzt wurde.

Praktischer Nutzen von Bürgerarbeit?

Das wenig Erfreuliche an der Bürgerarbeit ist auch, dass hier keinerlei Leistungen in die Arbeitslosenversicherung gezahlt werden. Im Landkreis Gießen gibt es dann so "sinnreiche" Bürgerarbeitsplätze, wie das Zählen der vorhandenen Streuobstwiesenbeständen, obwohl sich dieses "Problem", zumal im Zeitalter des Internets, mittels Behördenkatasterabgleich schneller lösen lässt.

Kommentare zum Beitrag

Thorsten Lux
900
Thorsten Lux aus Gießen schrieb am 05.08.2011 um 10:10 Uhr
"Das Wichtigste in dieser "Maßnahme" ist die Erlangung von Sozialkompetenz (...)"

Eine Unverschämtheit wie sie scheinbar bloß "unseren lieben Papiertigern" einfallen kann, Erwerbslosen zu unterstellen sie verfügen über keine Sozialkopetenzen und müssten diese erst noch erlangen.

Wer jemandem derart pauschal Mangel an Sozialkompetenzen unterstellt, sollte sich eventuell mal Gedanken machen wie weit es mit den eigenen Sozialkompetenzen her ist. Aber was erwartet man in einer Gesellschaft in der Erwerbslose als Feindbild missbraucht werden, ihnen pauschal Arbeitsunwilligkeit unterstellt wird, bevor man sich auch bloß einmal Gedanken macht wie neue Arbeitsplätze entstehen könnten, ihnen eine (Mit-)Schuld an ihrer Erwerbslosigkeit unterstellt wird und ihre Menschenwürde (sdowie auch die ihrer nächsten Angehörigen) nachhaltig in Frage gestellt wird, während jene deren gesamtes Tagwerk darin besteht anderen Menschen den Arbeitsplätz zu streichen als "Helden" und als "Ehrenmänner" gelten....

In dieser Gesellschaft leben wir und auf dieser Grundlage versuchen wir unseren Kindern Moral und Wertgefüge zu vermitteln, während sie in der Realität sehen, dass bloß der angesehen und akzeptiert ist der rafft und der zerstört.

Aber darüber hören und lesen wir dann eher selten etwas, sondern lassen uns von Klatsch und Tratsch die Zeitungen vollschreiben (als gäbe es keine relevanten Themen) und bekommen im Fernsehen im 15-Minuten-Takt Prognosen ob irgendwelche Börsianer eventuell Probleme bei ihrem Stuhlgang haben können würden (!)

"Das Eingehen auf individuelle Fähigkeiten und/oder Neigungen erfolgt schlicht und einfach nicht (...) und es wird mit einem befreundeten Zeitarbeitsunternehmen geworben."

Die Berücksichtigung von Fähigkeiten und Neigungen würde vermutlich die Erkenntnis voraussetzen, dass man es mit Menschen zu tun hat - nicht bloß mit Verwaltungsfällen.

Es gab gute Gründe dass Leiharbeit in diesem Lande verboten war. Und gerade was ich da in jüngster Zeit beobachten musste, verhöhnt jeglichen Anspruch des Menschen als zivilisiertem Lebewesen: Wenn Menschen wochen- und gar monatelang ihrem Geld hinterherrennen, ihre Fixkosten nicht mehr stemmen können, weil sie einen solchen Job angenommen haben und das Geld dann nicht ohne juristischen Vorlauf kommt, wenn Unfallverghütungsvorschriften für diese Beschäftigten als "unnötig" erachtet werden, usw. usf. ...dann sprechen "unsere lieben Papiertiger" von "ein paar schwarzen Schafen".

Ich hingegen frage mich, ob denn schonmal irgendwer etwas anderes von irgendeiner Leiharbeitsfirma erlebt hat, wie irgendwer auf den Gedanken kommt, dass hierdurch irgendwem geholfen sei und ob ein optimistischeres Erscheinungsbild der Erwerbslosenstatistik tatsächlich wert ist alles über Bord zu werfen was wir im gesellschaftlichen Miteinander als richtig und wichtig empfinden.

...und schon wieder sind wir bei der Sozialkompetenz angelangt.
Stefan Walther
3.930
Stefan Walther aus Linden schrieb am 07.08.2011 um 21:26 Uhr
Hallo Thorsten,
ein Skandal, dass es so ist, und (fast) ein Skandal, dass sich nicht noch viele mehr darüber so aufregen wie Du !!! Deinem Kommentar habe ich nichts hinzuzufügen...außer "Empört Euch!"
Christian Momberger
10.829
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 07.08.2011 um 21:26 Uhr
Ein hoch interessanter Artikel Herr Feuster und ein absolut sehr guter Kommentar Thorsten. Völlig richtig!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Michael Feuster M.A.

von:  Michael Feuster M.A.

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Interessensgebiet: Heuchelheim
Michael Feuster M.A.
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