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Erinnerungen an die Jahre nach dem 2. Weltkrieg!

1950 - Einschulung, Ecke Steinstrasse/Schottstrasse, Ruine Steinstrasse 77, hier baute Firma Wobst auf
1950 - Einschulung, Ecke Steinstrasse/Schottstrasse, Ruine Steinstrasse 77, hier baute Firma Wobst auf
Heuchelheim | Zunächst ein Danke an Frau Linne, die das Buch "Aufgewachsen in Giessen" in der GZ vorgestellt hat. Wir haben es gekauft und ich habe es zur nachschlafenen Zeit sofort lesen müssen. Viele Erinnerungen wurden wach. Leider gibt es nur wenige Bilder aus dieser Zeit, die in meinem Besitz sind. In der damaligen Zeit hat man nicht ans fotografieren gedacht. Natürlich weiß ich auch nicht, wer diese Bilder aufgenommen hat.
Meine erste Erinnerung nach dem Krieg ist mir noch gut im Gedächtnis. Meine Großeltern und meine Mutter verbrachten die letzten beiden Jahre des Krieges auf einem Bauernhof in Kirchvers. Die Häuser meiner Großeltern waren zerstört. Wir wohnten, nachdem wir Kirchvers verlassen hatten, in einer Wohnung in der Schottstrasse. Das Haus war stark beschädigt. Meine Großeltern, meine Mutter und ich "hausten" in zwei kleinen Räumen. Ich weiß noch gut, dass es an einigen Stellen durch die Decke regnete und mehrere Schüsseln aufgestellt wurden, in die das Wasser tropfte. Meine Oma hat jeden Tag ein warmes Essen auf den Tisch gezaubert. Ich erinnere mich auch noch, dass mein Großvater Zigaretten-
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Leben nach dem Krieg (1)
wo immer er sie auch hatte- eingetauscht hat gegen Lebensmittel. Eines Tages brachte er mir ein rundes "Ding" mit, was ich für einen Ball hielt. Wie habe ich gestaunt, als mein Opa dieses Etwas schälte und mir ein Stück zum essen gab. Es war eine Apfelsine und ich schüttelte mich angewidert, als ich darauf biss. Bis zum heutigen Tag lacht meine Familie, denn ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich eine Orange esse.
Gut ist mir noch im Gedächtnis, als eines Abends ein farbiger, amerikanischer Soldat klopfte, den meine Mutter erschrocken in das Zimmer ließ. Er hatte einen riesigen Hund dabei, mit dem er Kunststücke vorführte. Keiner von uns verstand ein Wort! Verstanden haben wir aber, dass er uns den Hund schenken wollte. Das ging natürlich nicht. Als der Soldat mich sah, schenkte er mir Kaugummis, die bis dahin keiner von meiner Familie kannte.
Der Spielplatz der Kinder waren die Ruinen. Wir kannten ja nichts anderes und fanden es Abenteuer pur, in den Steinhaufen Sachen zu finden, die das Feuer verschont hatte.
Mein erstes Spielzeug war eine Puppe, die ich fürchterlich fand und kurzerhand mit dem Nachbarkind gegen einen selbst gebastelten Roller tauschte. Dafür bekam ich "Haue auf den Po" und musste die Puppe wieder holen.
Schottstrasse, wo heute der Kreisel ist, Bild 1949
Schottstrasse, wo heute der Kreisel ist, Bild 1949
Das Haus meines Großvaters in der Steinstrasse wurde zügig aufgebaut. Geschwister meines Großvater, die ganze Familie klopften Steine, die aus den Trümmern wieder verwertbar waren.
Nach dem Aufbau des Hauses wohnten Verwandte, meine Großeltern, meine Mutter und ich zusammen mit der Schwester meines Opas auf einer Etage. Diese hatte ein kleines Lebensmittelgeschäftchen im Haus und sie verkaufte Bier. In der Ruine eines Hauses in der Schottstrasse wurden im Keller die Flaschen gespült- in eiskaltem Wasser und dann in der Brauerei abgefüllt. Dort wo das heutige Arbeitsamt an der Nordanlage gebaut wurde, befand sich das Giessener Brauhaus. Das Gelände war ein beliebter Spielplatz. Wir waren im Stall bei den den Kaltblutpferden, putzten sie um gingen in den Zwinger der Jagdhundes des Herrn Denninghoff. Dass dies streng verboten war, machte die Sache noch reizvoller. Bevor die breiten Strassen , der sog. Anlageringe gebaut wurden, gab es eine wunderschöne Anlage mit altem Baumbestand und Wiesen. Dort konnte man herrlich spielen. Die letzten Zeitzeugen dieser parkähnlichen Anlage sind noch die zwei riesigen Kastanienbäume an der Ecke Nordanlage - Asterweg.
Als viele Flüchtlinge nach Giessen kamen, wurde diesen Menschen Wohnungen
Fasching 1951, alles was ich anhatte war aus Schafswolle und hat fürchterlich gejuckt!
Fasching 1951, alles was ich anhatte war aus Schafswolle und hat fürchterlich gejuckt!
zugewiesen. So zogen auch bei uns in die Steinstrasse mehrere Familien ein. In der 3. Etage des Hauses wohnten der Bruder meines Opas mit seiner Frau, ein Ehepaar aus Ostpreußen mit einer Tochter und eine Flüchtlingsfamilie, die aus Eltern, Großeltern und zwei Kindern bestand. Damals war es selbstverständlich, dass so viele Menschen auf engem Raum lebten. Eine einzige Toilette war im Treppenhaus, Bäder gab es damals nicht. Einmal in der Woche ging die gesamte Familie zum "Großreinemachen" in die Badeabteilung des Hallenbades. Dieses schöne Gebäude musste später dem Parkhaus weichen.
Gut in Erinnerung ist mir auch noch der Tag der Großwäsche. Unsere Schulkleider mussten wir sofort nach der Schule ausziehen und bekamen ältere Sachen zum Anziehen. Das Sonntagskleid wurde gehütet und durfte nicht schmutzig werden. Die Bettwäsche wurde einmal im Monat gewechselt. Dieser Waschtag war ein Schwerkampftag. Die Wäsche wurde in einem Zuber in der Waschküche gekocht und dabei immer wieder mit einer riesigen Holzstange umgerührt. Kernseife wurde gerieben und immer wieder in das heiße Wasser geschüttet. Die "Kochwäsche" wurden auf einen Leiterwagen gepackt und zur Lahn gefahren. Dort wurde sie in der Lahn ausgewaschen und zum Bleichen auf die Wiesen gelegt. Zum Trocknen wurden die Teile wieder mit dem Leiterwagen nach Hause gefahren und im Hof aufgehängt. Einen Tag Knochenarbeit für die Frauen.
Bild von 1950, soweit ich mich erinnern kann in der Sudetenlandstrasse
Bild von 1950, soweit ich mich erinnern kann in der Sudetenlandstrasse
Als das Geschäftshaus meiner Großeltern am Kirchenplatz wieder aufgebaut war, musste ich nach der Schule ins Geschäft. Nach den Hausaufgaben war der Spielplatz auf der Wiese vor dem Stadtkirchturm. Im Hause der damaligen Reinigung Wallenfels lebte im Hof an einer Kette ein riesiger Hund, der keine Fremden an sich heran ließ. Wenn ich einen Streich ausgeführt hatte und bestraft werden sollte, krabbelte ich in die Hütte des Hundes. Niemand hatte eine Chance mich dort heraus zu holen.
In schöner Erinnerung sind mir auch die Faschingsveranstaltungen in der Villa Leutert. Dieses Gebäude war von den Amerikanern besetzt. Zu Fasching bereiteten die Amerikaner den Giessener Kindern eine schöne Party. Mit einfachsten Mitteln wurde für die Kinder ein Kostüm gebastelt.
Am Markt war der Pferdemetzer Schilling. Bei den Pferden im Stall (ob das Schlachtpferde waren, weiß ich nicht mehr) war auch ein beliebter Treffpunkt von uns Kindern. Gerade weil es streng verboten war, reizte es , uns dort heimlich zu treffen.
Als wir auf die Ricarda Huch Schule gingen, war das Cafe Rühl ein beliebter Treffpunkt. Später das Dachcafe oder die Milchbar.
Und dass man sich seinem Schwarm auch in tollem Outfit präsentierte, mussten die Jeans hauteng sitzen. Um dem Ganzen nachzuhelfen, zog man die neuen Jeans an , legte sich damit in die Badewanne mit warmen Wasser und ließ sie am Körper trocknen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn noch andere User meiner Generation ein paar Geschichten erzählen könnten!

1950 - Einschulung, Ecke Steinstrasse/Schottstrasse, Ruine Steinstrasse 77, hier baute Firma Wobst auf
Schottstrasse, wo heute der Kreisel ist, Bild 1949
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Fasching 1951, alles was ich anhatte war aus Schafswolle und hat fürchterlich gejuckt!
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Bild von 1950, soweit ich mich erinnern kann in der Sudetenlandstrasse
1951 , hintere Drittel der Schottstrasse
1950 nach der Einschulung mit meinem Opa im Hof Steinstrasse 78 vor dem fast wieder aufgebauten Haus.
Gegend Schottstrasse, Ederstrasse
Im Hof eines Hauses in der Schottstrasse, 1951
Klassenbild auf dem Hof der Ricarad Huch Schule aus dem Jahr 1954
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Privisorische Baracke des Geschäftes meines Großvaters. Aufbau 1951, heute Kirchenplatz 4. Haus ist jetzt in meinem Besitz.
Abschlussball bei Tanzschule Bäulke, 1958
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1950 mit einem Teddy, den ich angebrannt in den Ruinen gefunden hatte. Leider wurde er nicht aufgehoben.

Kommentare zum Beitrag

Silvia Elizabeth Tijero Sanchez
3.023
Silvia Elizabeth Tijero Sanchez aus Gießen schrieb am 07.10.2010 um 14:45 Uhr
Hallo Ilse, das es ist sehr gut..Ich stehe gerne auf Biografien und Geschichten...dies passt ganz gut..
Ilse Toth
33.293
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 07.10.2010 um 14:54 Uhr
Danke, liebe Silvia! Geht es Dir besser?
Simone Linne
5.040
Simone Linne aus Gießen schrieb am 07.10.2010 um 14:57 Uhr
Liebe Frau Toth

ich krieg mich grad gar nicht mehr ein!!!! Flipp total ab ;-) Was für ein Bericht, was für eine Bilderreihe! Vielen, vielen, vielen Dank dafür! Bin ich froh, dass ich das Buch vorgestellt habe!

ganz liebe grüße
sil
Silvia Elizabeth Tijero Sanchez
3.023
Silvia Elizabeth Tijero Sanchez aus Gießen schrieb am 07.10.2010 um 15:01 Uhr
nicht ganz, aber langweile ich mich daheim...übrigens daheim..
Wenn ich richtige verstanden habe..sind deine Bilder?.... sind sehr schön.
Frau Linne hat recht..-dein Bericht ist gut gelungen...
Ilse Toth
33.293
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 07.10.2010 um 15:14 Uhr
Hallo liebe Frau Linne! Das freut mich, dass Ihnen der Bericht gefällt. Als ich das Buch gelesen habe, ist mir so viel aus dieser Zeit eingefallen, es wurden Erinnerungen geweckt , Dinge "hervor gekramt", an die ich lange nicht mehr gedacht habe.
Marion Wallenfels
2.035
Marion Wallenfels aus Gießen schrieb am 07.10.2010 um 16:08 Uhr
Hallo liebe Frau Toth, mir gefällt der Beitrag auch sehr gut und ich musste gerade an ein altes Kinderfoto meines Vaters, vor seinem Elternhaus am Kirchenplatz, mit seinem Rottweiler denken, aber das waren bestimmt ungefähr 12 oder mehr Jahre vor dem 2. Weltkrieg und daher kann es sich kaum um den gleichen Hund gehandelt haben, der später im Hause Wallenfels an der Kette gelegen hat und in dessen Hundehütte Sie sich versteckt haben.
Aber eine süße Geschichte und der riesige Hund, der vielleicht auch ein Rottweiler war, hatte bestimmt schon die riesige Tierliebe gespürt und hätte Sie auf alle Fälle beschützt, wenn einer was böses vorgehabt hätte !
Ingrid Wittich
18.915
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 07.10.2010 um 16:31 Uhr
Ein schöner Bericht aus einer harten Zeit. Als Kind merkt man das nicht so sehr.
Ilse Toth
33.293
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 07.10.2010 um 19:49 Uhr
Stimmt l, liebe Frau Wittich. Wir waren glückliche Kinder. Behütete Kinder sind auch in armen Zeiten glücklich.
Hallo Frau Wallenfels, ich weiß nicht mehr die Rasse des Hundes. Ich weiß nur noch, dass ich ihn mal von der Kette abgemacht und ihn mit in die Steinstrasse genommen habe. Meine Oma war sehr zornig, der Hund hat sich vor mich gestellt und meine Oma böse angeknurrt. Er war mein Beschützer! Eines Tages was er nicht mehr da- ich habe nicht erfahren, wohin man ihn gebracht hat.
Marion Wallenfels
2.035
Marion Wallenfels aus Gießen schrieb am 07.10.2010 um 22:57 Uhr
Liebe Frau Toth, wenn ich den Jürgen mal wieder sehe, werde ich ihn fragen, ob er sich noch an den Hund erinnert und wenn ja was mit ihm damals geschehen ist. Wenn der arme Hund an der Kette im Hof war, bekam er bestimmt nicht viel Zuneigung von jemandem, sondern wurde nur als Wachhund gehalten und da hat er sich bestimmt sehr gefreut, als Sie kamen und sich um ihn kümmerten, dass der Hund Ihr Beschützer war kann ich mir gut vorstellen.
Ilse Toth
33.293
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 08.10.2010 um 10:18 Uhr
Wie hieß denn damals das Lebensmittelgeschäft an der Ecke, wo jetzt eine Bank ist? Da im Hinterhof war der Hund.
Sagen Sie Jürgen mal einen schönen Gruß, ob er sich erinnert, dass wir damals auf der Wiese am Stadtkirchturm zusammen mit Elmar Lenz ( ist als junger Mann bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen) und seiner Schwester gespielt haben?
Ob Jürgen sich auch noch an den Hund erinnert?
Mathias Engelhart
5.319
Mathias Engelhart aus Gießen schrieb am 08.10.2010 um 11:27 Uhr
"Dort wo das heutige Arbeitsamt an der Nordanlage gebaut wurde, befand sich das Giessener Brauhaus. [...] Wir waren im Stall bei den den Kaltblutpferden, putzten sie um gingen in den Zwinger der Jagdhundes des Herrn Denninghoff."

Toll! Gerade wie sich die Standorte einer alteingesessenen Firma ändern, ist hochinteressant. Und natürlich auch die Geschichten mit den Menschen, die Gießen von der Pieke auf kennen ist so spannend wie ein Krimi :-)
Danke, dass du uns an den Erinnerungen Teil haben lässt.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Ilse Toth

von:  Ilse Toth

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