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Vergessenes Sperma ermöglichte die Rettung

Rotes Höhenvieh bei einer Zuchtausstellung
Rotes Höhenvieh bei einer Zuchtausstellung
Heuchelheim | ,,Es war einmal ,, so beginnt die Geschichte einer alten Rinderrasse. In der mittleren Bronzezeit
(etwa 1.600 - 1.300 v. Chr.) begann der Mensch in unserer Gegend Rinder zu züchten. Die in den Wäldern lebenden Auerochsen wurden gefangen und an den Menschen gewöhnt. Es war sicher nicht leicht diese Tiere zu zähmen. Archäologen fanden Überreste von Rindern, die definitiv gezüchtet wurden. Eine Tendenz zur Größenminderung der Rinder zeigen eine bewusste Auswahl kleinerer, im Umgang einfacherer Tiere.
In der Latènezeit (500 v. Chr. - Christi Geburt) gab es dann kleine robuste Rinder in den Höhengebieten. Rinder, die auch mit dem wenigen Futter, das es in den kleinen Keltenhöfen gab, auskamen die den Menschen bereits bei der Feldarbeit halfen und sie mit Milch versorgten. Mit der Ankunft der Römer in unserer Gegend (ca. 10 v. Chr. - 260 n Chr.) kam eine größere Rinderart zu uns. Die Kelten hielten die kleinen roten Rinder, die Milch und Fleisch lieferten, aber auch wenig Futter brauchten. Der Schwerpunkt in der römischen Rinderzucht war anders gesetzt. Das Römerrind war groß und schwer gebaut. Es diente als
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Zugtier und Fleischlieferant für die römischen Truppen. Im Vergleich , die Höhe der Schulter des Keltenrindes betrug ca 1,05 m. Der Widerrist des Römerrindes ca 1,40 m. Nach dem Rückzug der Römer blieben ihre Rinder bei uns. Die beiden Schläge wurden vermischt, mit der Folge das sich die Größe änderte. Die roten robusten Rinder wurden im Mittelalter wieder kleiner. Kleiner aber immer leistungsfähig. Sie waren gute Zugtiere mit festen Klauen. Der Einsatz als Zugtier war dem entsprechend die Hauptnutzung dieser Rinder. Die Tiere waren zu dieser Zeit noch klassische Drei-Nutzungstiere. Dabei spielte die Fleischleistung eine fast unbedeutende Rolle. Milchproduktion und die Nutzung der Tiere als Zugtier stand im Vordergrund.

Die Industrialisierung gegen Ende des 19.Jahrhunderts sollte für die Rinder zur Kraftprobe werden.
Als Zugtiere hatten sie nun fast ausgedient. Die Ausrichtung der Rinderzucht auf das Merkmal „Milchleistung“ war klares Zuchtziel. Ein Zuchtziel mit dem das kleine robuste Rind nicht standhalten konnte. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft setzte ein. Immer deutlicher wurde der Ruf nach Kühen mit höherer Milchleistung oder eben leichter Mastfähigkeit. Die Tiere wurden spezialisiert, wenn man das so sagen kann.
Landschaftspflege
Landschaftspflege
Für die kleinen roten Höhenrinder bedeutete das fast ihre Ausrottung durch Einkreuzung. Eingekreuzt wurden Niederungsrinder wie das aus Norddeutschland kommende Anglerrind. Diese Tiere hatten eine bessere Milchleistung. Das rote Vogelsberger Höhenvieh wurde zum Kleineleutevieh. Genügsamkeit rettete das Rind. Heu, Stroh und Weidegang sind die Futtermittel, mit denen das Rind dieses Besitzers auskommen muss. Zum Ankauf von größeren Mengen eiweißreicher Kraftfuttermittel kann sich der Kleinbauer des Vogelsberges nur schwer entschließen. So konnten sich einige Rinder in die ,, Höhenlagen,, retten.
Der letzte reinrassige Vogelsberger Bulle (Uwe/R12) der Zentralbesamungsstation Gießen wurde im Jahre 1964 eingestellt. Die Kühe wurden weiter gehalten und mit anderen Rinderarten gekreuzt. So sollte die Geschichte der kleinen roten Rinder enden. Dann wurde in Gießen einmal aufgeräumt. Es sollte Platz für neues Rindersperma gemacht werden. Dabei wurden die seit 1964 eingefrorenen Spermaportionen des letzten Vogelsberger Bullen "Uwe R 12" gefunden. Schließlich war es eine kleine Gruppe von Idealisten, die im Erhalt der Rasse gleichzeitig den Erhalt eines jahrtausend alten Kulturgutes sahen und sofort Initiative ergriffen. Man fand vor allem
im hohen Vogelsberg noch Kühe mit Rote Höhenvieh- Genetik. Eine Grundlage zur Wiederbelebung einer alten Nutztierrasse war gegeben. Um die Zucht nicht nur auf eine Vaterlinie (Uwe/r12) zu konzentrieren, wurde auch tiefgefrorenes Sperma des letzten Lahnviehbullen (Hannibal L 7) für den Aufbau der Zucht Rotes Höhenvieh genutzt. Heute steigt der Bestand dank der Liebhaber der Rasse an. Das rote Höhenvieh wird wegen der guten Muttereigenschaften gerne als Ammenkuh genutzt. Die Rasse ist robust und die Geburt der Kälber erfolgt meist problemlos. Die festen schmalen Klauen machen diese Rinder zu optimalen Landschaftspflegern. Sie verursachen auf sensiblen Flächen auffallend geringe Trittschäden. Da diese Rinder auch die harten Halme nicht verschmähen und für die Robusthaltung geeignet sind, können sie auch ganzjährig im Naturschutz eingesetzt werden. Durch die Beweidung der geschützten Flächen mit dem roten Höhenvieh wird eine Verbuschung von Freiflächen an See oder Feuchtgebieten verhindert. Das hilft wiederum den Wasservögeln die gerade die freien Flächen mit frischen kurzen Gras neben hohem Schilf brauchen. Das vergessene Sperma in Gießen hat einen echten Landschaftspfleger gerettet. Der Bestand des roten Höhenvieh steigt, ist aber noch gefährdet. Dieses Rind ist eben kein Spezialist in Milch oder Fleischproduktion. Jedoch ein Könner bei der Kälberaufzucht und der Landschaftspflege. Ein Danke an alle, die in Milchleistung oder Masteignung nicht die Daseinsberechtigung einer Rinderrasse sehen.
Danke, für den Erhalt dieser gutmütigen kleinen Rinder unserer Heimat.

Rotes Höhenvieh bei einer Zuchtausstellung
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Landschaftspflege
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Kommentare zum Beitrag

Klaus Viehmann
1.555
Klaus Viehmann aus Hüttenberg schrieb am 15.03.2018 um 11:16 Uhr
Einen Dank auch von mir, an diese Idealisten, die dieses möglich gemacht haben. Nicht nur diese Rinderrassen, auch die Ziegen die an Steilhängen und Magerrasenflächen benötigt werden dürfen nicht aussterben.
Martin Wagner
2.400
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 15.03.2018 um 11:53 Uhr
Die Geschichte mit dem sensationellen Fund des Spermas ist doch wie "erfunden" für die Privatfernsehleutchen. Das ist Alles drin für die landläufige gängige Unterhaltung mit garantierter Einschaltquote: Zufall - "Heldentaten" und ein "gutes Ende".

Wenn auch - wie zu vermuten - den Idealisten der genetischen Erhaltung seltener Zuchtrassen diese Form des Fernsehens nicht so liegt, so sollten sie dennoch einmal überlegen - ganz im Sinne des Vorschreibers - ob es sich im Sinne des Umweltschutzes nicht lohnen könnte "die Story" einem Sender des Formates Trash-TV anzubieten.
Ilse Toth
35.401
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 15.03.2018 um 12:37 Uhr
Liebe Nicole, ich danke Dir für diesen tollen Beitrag! Der Erhalt unserer alten Haustierrassen ist eine wertvolle Aufgabe. Und dieser sollte viel mehr Beachtung geschenkt werden.
Otmar Busse
530
Otmar Busse aus Lahnau schrieb am 15.03.2018 um 18:27 Uhr
Dem Kommentar von Frau Toth kann ich mich nur anschliessen .
Nicole Freeman
8.926
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 15.03.2018 um 19:11 Uhr
danke für die meist positiven kommentare. durch die intensive landwirtschaft stirbt die biologische vielfalt eben nicht nur bei den wildtieren, sondern auch bei den nutztieren. das vergessen wir nur zu gerne.
ich hab nochmal ein paar beiträge aus denen ich viele infos bekommen habe.
https://www.youtube.com/watch?v=eD3GqnZma6g

https://www.youtube.com/watch?v=BEWsbGBJ7dA

https://www.youtube.com/watch?v=qTtp3pSNliE

dazu die seiten http://www.g-e-h.de/rassebeschreibungen/34-rassekurzbeschreibungen-rinder/74-rotes-hoehenvieh

http://www.naturlandhof-buening.de/html/rotes_hohenvieh.html

Herr Wagner, das öffendlich rechtliche tv hat die geschichte schon lange ausgeschlachtet. Na ja wenn man eben nur privat schaut kann man das ja nicht wissen.
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von:  Nicole Freeman

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