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Kasachstan, wir sind jetzt Freunde.

von Kristin Zimmeram 26.05.20122447 mal gelesen1 Kommentar
Grünberg | Wieso Kasachstan? Diese Frage stellen rund acht von zehn Personen, die von einer Reise in das Land hören. Wenn jemandem überhaupt etwas zu Kasachstan einfällt, dann ist es meist "Borat". Dieses Bild herrscht sicher nicht nur in den Köpfen der meisten Europäer vor, wird sich jedoch, davon bin ich überzeugt, in einigen Jahren gewandelt haben. Dafür sorgen schon jetzt mindestens die nach westlichen Standards entwickelten Städte, wie Almaty, die alte Hauptstadt im Süd-Osten des Landes und die neue Hauptstadt, Astana, hochmodern, aufgebaut inmitten der kasachischen Steppe. Diese Städte verfügen über einige interessante Universitäten, die aufgeschlossene Ausländer anlocken, um sich Kasachstans verlockender Vielfalt hinzugeben und dann auch den Rest des Landes zu bereisen.

Geprägt von einem kontinentalen Klima bietet das Land eine unvergleichbare Buntheit für Reiselustige. Den ganzen März diesen Jahres dankte mir das Land meine Ankunft mit reichen Eindrücken, die mit den klimatischen Umständen vergleichbar scheinen. Die minus 20 bis plus 40 Grad, die ein Bewohner Kasachstans jährlich erlebt, wurden mir auf meiner ganz persönlichen Gefühlsskala geschenkt. Eine Reise, die in Almaty startete, mit einem kulturellen Durcheinander, extravaganten Restaurants und Nachtclubs, wunderhübschen und elegant gekleideten Frauen und vielbeschäftigten Geschäftsmännern.
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Das Abenteuer begann kurz darauf, mit dem Ziel „Aktau“, einer Stadt ganz im Westen des Landes, am kaspischen Meer. Einmal quer durch’s Land. Dazu reichten umgerechnet 50€, 4 Nächte im Schlafzug. Voller Spannung und mit genügend Respekt, vielleicht auch nicht allzu hoher Erwartung an den Bereich des Möglichen, doch bereit alles, jedes Gesicht, jedes Geräusch, jeden Staubkorn der Steppe und jeden Geschmack in mich aufzunehmen, das Beste daraus zu machen und als Erinnerung zu verwahren, begann diese Fahrt. Mit dem Einstieg in den türkisfarbenen Zug, auf den man fast klettern muss, an einem Abend in Almaty fing es an. Schon dieses Szenario, die riesigen Züge, die vielen Menschen, Dunkelheit, Rauch, Lichter, die Schaffner mit ihren Mützen und Anzügen, und die Suche nach dem richtigen Wagon waren eine einmalige Erfahrung, die ich mehr mit einem alten Film als mit meiner eigenen identifizieren kann. Am ersten Stopp in wurde ich dann direkt ins eiskalte Wasser geworfen.

Aralsk, im Südwesten
Aralsk.
Aralsk.
des Landes: Um 07:30 Uhr aus dem Zug ausgestiegen, kroch mir die Kälte unter die Kleidung und ich hatte kaum eine Idee, wie der Tag vergehen sollte, bis um Mitternacht der nächste Zug zur Weiterfahrt bereitstand. Die Kälte kam womöglich nicht einzig und allein aus der eisigen Luft, sondern auch von der Stadt selbst, die an diesem frühen Morgen wie tot erschien. Zum ersten Mal in meinem Leben begegnete ich einem Ort mit solchen Lebensbedingungen, mit größtenteils heruntergekommenen und ärmlich wirkenden Häusern, die Einsamkeit und Depression wiederzuspiegeln schienen.

Im Falle von Aralsk, der Stadt Kasachstans mit der höchsten Arbeitslosigkeitsrate, hauptsächlich entstanden durch die Austrocknung des Aralsees, die der Hafenstadt ihre Bedeutung und Quelle nahm, war ich schon auf Armut vorbereitet. Ziel dieses Stopps war ein Ausflug zum sogenannten „Schiffsfriedhof“ von Aralsk, an dem noch heute einige Schiffswracks in der Wüste stehen, die den wartenden Eindruck auf wiederbelebendes Wasser machen. Ein Ausflugsziel, das sicherlich auch deprimierenden Charakter hat, jedoch für jeden Fotografen ein überaus interessantes Ziel darstellt. Leider gab es auf Grund von Überschwemmungen auf dem Weg zum Friedhof keine Möglichkeit an diesem
Aralsk.
Aralsk.
Samstag im März 2012 dort anzukommen. Verzweifelt und verfroren sah ich den folgenden Stunden entgegen, die mich mehr belehren sollten, als es der Schiffsfriedhof vielleicht je getan hätte. Das erste wirkliche Leben, das mir auf der verzweifelten Suche nach einem Café, bei dem ich mir unter anderem eine „normale“ Toilette erhoffte, war ein Hund. Mit wuchs meine Angst noch ein ganzes Stück, als er knurrend auf mich zustürmte und an meinem Arm hochsprang, und ich bemerken musste, dass ein Hund im kasachischen Dorf kein Menschenfreund ist, sondern mit anderen Hundefreunden wie ein Rudel Wölfe marschiert – völlig unabhängig von den Menschen. Ich befürchtete, dass auch die Kasachen hier unabhängig vom Rest der Welt leben müssten. Ich fragte mich, können Kinder und Jugendliche hier auch glücklich aufwachsen? Träumt man nicht von mehr?

Meine Fragen wurden beantwortet, nachdem ich mindestens eine Stunde später endlich in einem Café endete und ich mich damit abfand, dass Toilette kleines Holzhäuschen im Garten bedeutete. Im Café spielte die junge Frau, die an diesem Morgen dort arbeitete, dann die gleiche Musik, wie man sie aus Europa kennt. Die Gastfreundlichkeit war überwältigend und hatte absolut gar nichts von Depression und Einsamkeit.
Aralsk.
Aralsk.
Der Rest des Tages wurde von hilfsbereiten Menschen auf der Straße begleitet, Schulkindern die neugierig auf Englisch „hello“ sagend vorbeigingen und einem hinterherliefen, mit einem Lächeln im Gesicht, durch Pfützen springend und am Nachmittag dann in einem Internet-Café versammelt Computer-Spiele zockten. Im Grunde genommen ist es genau das Leben und das Aufwachsen, wie man es selbst kennt. Man muss bloß die Augen öffnen und über die Fassade hinwegschauen.

Auf der Reise bis nach Aktau und den ganzen Weg wieder zurück, mit einem Zwischenstopp im Süden des Landes über Turkistan, Shymkent und dem Naturreservat Aksu-Zhabagly bleibt das Potenzial des Landes nicht verborgen. Der Zug schlängelt sich durch ewige Steppe, in der sich manchmal stundenlang nichts zeigt außer hin und wieder einigen Kamelen oder Pferden, sowie kleinen Dörfern, in denen er hält und so viele Leute aussteigen lässt, dass man es nicht begreifen kann. Von der Steppe geht es im Westen weiter mit wahnsinnigen Felsformationen und Canyons, sowie kleineren Flüssen. Der Zug ist eines der wichtigsten und beliebtesten Reisewege der Kasachen, denn die vielen Schlaglöcher machen jede Autofahrt zu einem kleinen Achterbahnerlebnis. In den Vier-Personen Wagons, in
Aktau.
Aktau.
denen ich insgesamt 6 Nächte verbringen durfte, sah ich viele Familien, oftmals mit Kleinkindern oder Babys, die meist lange Strecken zurücklegten. Sie hatten immer viel Essen und Trinken dabei, ein Ehepaar verzehrte sogar einen frisch gekochten Schafskopf, ein besonders edles Nationalgericht der Kasachen. Im Zug gestalteten sich die allermeisten Kontakte mit Zurückhaltung, es entstand kein besonderes Interesse daran, mit den „Backpackern“ zu kommunizieren, die Sprachbarriere war dabei natürlich auch ein Hindernis.

Aktau und dessen Region verzauberte mich mit seiner magischen Schönheit und den vielen Menschen, die ich von dort kennenlernen durfte. Wenig Zeit und wenig Geld mögen nicht die besten Umstände für eine erfolgreiche Reise sein, jedoch haben sie in diesem Fall zu Kreativität, zu neuen Bekanntschaften und zu Abenteuerlichkeit verholfen. In einem Tag versteckten sich dadurch so viele Erlebnisse, dass man sich wünschte, sie wären verfilmt und würden somit nicht mit der Zeit unklar werden. In einem alten Lada Jeep wurde die Steppe durchkreuzt, auf dem Weg zu einer alten Felsmoschee, die ich alleine niemals gefunden hätte. Die zwei muslimischen Fahrer zeigen sich äußerst gelassen, lebensfroh, hilfsbereit und auch tolerant,
Fort Shevchenko.
Fort Shevchenko.
als ich ohne Kopftuch die Moschee betrat. Es verstreichen Stunden für den Ausflug, zu der eigentlich nur 70km entfernten Felsmoschee. Zurück im Dorf, es ist inzwischen gegen 22 Uhr und bereits dunkel, werden wir ins Haus eingeladen, um zu essen. Das Dorf kann man sich wie folgt vorstellen: Einige weiße Häuser mit türkisen Dächern, auf einem hügeligen Berg neben dem Ort „Fort Shevchenko“, keine befestigten Straßen. Das Innere des Hauses war dann mehr als überraschend. Eine voll ausgestattete Küche, mit allen möglichen Geräten, Fernseher im Haus, ein großer Raum mit Teppichen an Boden und Wand, ein Junge der in einem Zimmer am Computer sitzt und Spiele spielt, die Wände unheimlich ordentlich und sogar noch mit Stuck verziert. Immer wieder eine Überraschung parat, dieses Kasachstan! Zum Schluss werden wir gebeten, mit der ganzen Familie fotografiert zu werden, worüber wir uns natürlich sehr freuen und die Hand des kleinen Mädchens in meiner, während es so respektvoll zu mir aufschaute, ließ mich auch ganz und gar nicht kalt.

Auf dem Rückweg im Zug entsteht mit einer neuen Freundschaft der zwei Mitfahrer ein wichtiger Moment: Ich darf mein erstes Beshbarmak, das kasachische Nationalgericht bestehend aus großen, flachen Nudeln,
In der Steppe, auf dem Weg nach Shakpak-Ata.
In der Steppe, auf dem Weg nach Shakpak-Ata.
meist Lammfleisch, und je nach Variante auch Kartoffeln und Karotten, essen. Es war von den Frauen der Männer zu Hause zubereitet und wir teilten es uns mit den Händen. Daraufhin wurden wir zu jeder Mahlzeit der zweitätigen Reise eingeladen. Als ich mich kurz vor Verlassen des Zuges in Form von Bier und Saft bedanken möchte, stoße ich dabei auf Unverständnis. Es ist nicht gewollt, etwas zurückzugeben. Ich bin fasziniert vom Verhalten dieser Leute und wünsche mir für sie von ganzem Herzen, dass sich das im ganzen Land über Poster und Baustellen immer wieder vor Augen gerufene Ziel erfüllen wird. „Kasachstan 2030“, ins Leben gerufen von Dauer-Staatschef Nursultan Nasarbajew, verspricht ein sauberes Land, eine gute Ausbildung und Gesundheit für seine traditionsbewussten, mehrsprachigen Einwohner. Ich bin bereit, mich in 20 Jahren davon zu überzeugen! Ich hoffe darauf, zugunsten aller, den Armen wie den Reichen, und dass das Land sich an einem neuen Ruf erfreuen wird.

„Wir sind jetzt Freunde“. Etwas, das offensichtlich erscheint, nachdem man zusammen aß, lachte, redete und E-Mail Adresse austauschte. Jede kasachische Bekanntschaft legte aber besonderen Wert darauf, es noch auszusprechen. „Wir sind jetzt Freunde“ betonten sie vor jedem Auseinandergehen.

Zum Abschluss dürfen hier die Worte einer alten Frau nicht fehlen, die vor dem Khoja Ahmed Yasawi Mausoleum in Türkistan ihre Enkelkinder mobilisierte, sich von mir fotografieren zu lassen: „Schaut, schaut, ein großer amerikanischer Fotoapparat!! Kommt her, wir machen ein Foto!“ Und zu mir: „Mach große Reklame für Türkistan und Kasachstan!“

Ich versprach es ihr und hoffe hiermit einen weiteren Schritt zur Erfüllung meines Versprechens getan zu haben!

Salem aleikum.

Aralsk.
Aralsk.
Aralsk.
Aktau.
Fort Shevchenko.
In der Steppe, auf dem Weg nach Shakpak-Ata.
Moschee inmitten der Steppe.
Felsmoschee, Shakpak-Ata.
"Wir sind jetzt Freunde"
"Werbung für Kasachstan!"
Auf dem Weg zum Nationalspiel "Kokpar"
Hausgemachtes "Plov"
Kokpar.
Zurück in Aktau.
Almaty.
Almaty.
Metro in Almaty.
Kasachische Nationalflagge.
Almaty.
Almaty.
Shashlyk in Almaty.
Almaty.
Almaty.
Am noch zugefrorenen "Big Almaty Lake"
Almaty.
Almaty, die Stadt der Äpfel.
Almaty.

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Kommentare zum Beitrag

Adelbert Fust
5.313
Adelbert Fust aus Gießen schrieb am 22.07.2012 um 17:28 Uhr
Hallo Frau Kirstin Zimmer,
ich habe Ihren Bericht mit Interesse gelesen und mir kamen viele Details bekannt vor. Ich war zwar nicht in Kasachstan aber dafür schon drei mal im Nachbarland Kirgistan. Es ist zwar viel ärmer aber die Gastfreundschaft sicherlich gleich. Bilder und Berichte meiner Reisen habe ich in der GZ eingestellt.
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