Bürgerreporter berichten aus: Grünberg | Überall | Ort wählen...

Redner der Japan-Tage im Interview

Grünberg | Die Evangelische Stadtmission Grünberg veranstaltet eine Vortragsreihe über Japan. Japantage – so heißen die Abende mit Jörg-Peter Koch am 12. und 13. Mai jeweils ab 19.30 Uhr im Gemeindehaus Am Rondell 4. Am Sonntag, den 14. Mai wird der Referent Jörg-Peter Koch dort den Gottesdienst halten, zu dem ebenso wie zu dem Kinderprogramm (Samstag ab 15 Uhr, parallel zum Gottesdienst sonntags ab 10 Uhr) herzlich eingeladen wird. Die Stadtmissionsgemeinde ist Teil des Chrischona-Gemeinschaftswerkes und innerhalb der evangelischen Kirche tätig. Weitere Infos unter www.stadtmission-gruenberg.de.

Jörg-Peter Koch stammt aus der Nähe von Stuttgart, ist 39 Jahre alt und seit 12 Jahren mit Nora verheiratet. Sie haben zwei Kinder im Kindergartenalter und leben seit acht Jahren in Sapporo auf der japanischen Insel Hokkaido.

Herr Koch, im Raum Sapporo sind Sie relativ weit von Fukushima entfernt. Wie haben Sie vor 6 Jahren die Reaktorkatastrophe wahrgenommen?
Es war schon eine sehr prägende Zeit, in der man sich über Leben und Tod sowie natürlich Atomkraft gut Gedanken machte. Wir waren auch an Hilfseinsätzen direkt von Ort beteiligt; die Bilder der Zerstörung und die Geschichten der Menschen vor Ort und brennen sich einem ins Gedächtnis ein. Es war eine herausfordernde Zeit, aber im Rückblick sehr bereichernde Zeit, in der wir uns über den Sinn des Lebens und unserer Arbeit in Japan neu klar werden konnten.
Wie beeinflusst dieses Geschehen heute das Leben der Menschen in Japan?
Das Motto ist: „Das Leben geht weiter.“ Japan ist ein Land, das lernen musste, mit Naturkatastrophen zu leben. Jedes Jahr gibt es hunderte von Erdbeben und etliche tropische Wirbelstürme, die durch starke Winde und hohen Niederschlag Überschwemmungen und Erdrutsche verursachen. Die Menschen nehmen es hin, dass so etwas passiert, und man versucht einfach weiterzumachen, so gut es geht.
Sie haben Theologie studiert, bezeichnen sich selbst als Geschichtenerzähler und Gemeindegründer. Welche Geschichten beeindrucken japanische Menschen am meisten?
Das kommt natürlich auf die Person an und ich bin immer wieder überrascht, wie die unterschiedlichsten Bibelgeschichten in das Leben von Menschen sprechen. Allgemein aber sind es Geschichten, in denen Jesus Menschen begegnet, die irgendwie Außenseiter oder Ausgestoßene sind und deren Ehre und Selbstwert durch diese Begegnung wieder hergestellt wird – eben Geschichten, die Menschen ins Herz sprechen.
Warum brauchen die Menschen in Sapporo eine christliche Gemeinde?
Es gibt in Sapporo Menschen, die sich über die fundamentalen Fragen des Lebens Gedanken machen und für sich keine Antworten im Buddhismus und Shintoismus gefunden haben. Diese freuen sich über die Chance, in einer christlichen Gemeinde von Jesus zu hören.
Was hat Geschichtenerzählen und Gemeindegründen miteinander zu tun?
Liebt es nicht jeder, eine gute Geschichte zu hören? Für viele Japaner sind die biblischen Geschichten etwas völlig Neues und Unbekanntes, daher auch interessant. Da jede Geschichte unser Menschsein und unser Weltbild hinterfragt, sind die Zuhörer herausfordert, sich mit der Aussage der Geschichte auseinanderzusetzen. Das ist eine grundlegende Sache in der Gemeindegründung. Wenn Japaner dann zum Glauben an Jesus Christus kommen, wissen sie schon, wie man anderen vom eigenen Glauben durch biblische Geschichten weitererzählen kann, wenn man will.
Sie und Ihre Frau sind während Ihrer Zeit in Japan Eltern geworden. Welche Unterschiede fallen Ihnen beim Gestalten des Familienlebens besonders auf zwischen Japanern und Deutschen?
Traditionell sind die Geschlechterrollen zwischen Mann und Frau klar aufgeteilt, die Frau bleibt zuhause und kümmert sich um die Erziehung der Kinder und der Mann geht arbeiten und bringt das Geld nach Hause. Da haben wir die Leute schon manchmal durcheinandergebracht, wenn plötzlich ich als Mann die Wäsche aufhänge und sich das Ehepaar als Team die Arbeit teilt. Leider können viele Väter nicht viel Zeit mit ihren Kindern verbringe, da sie von ihrer Arbeit so vereinnahmt werden. Viele Kinder wachsen mehr oder weniger ohne Vater auf, das ist sehr schade.
Können Sie kurz die vorherrschenden Religionen in Japan beschreiben?
Es gibt die beiden großen Religionen, den Buddhismus und den Shintoismus, denen sich die meisten Japaner zugehörig fühlen. Kultur und Religion sind eng miteinander verflochten, daher werden viele religiöse Bräuche eingehalten, weil man das als Japaner einfach tut. Dazu gibt es unzählige Sekten, Kulte, Medien und Gurus. Der Shintoismus ist eine animistische Religion, in der die Natur und materielle Dinge als beseelt oder als Gottheit verehrt werden. Im japanischen Buddhismus gibt es viele unterschiedliche Strömungen, aber eine Besonderheit ist, dass die verstorbenen Ahnen zuhause in einem Altar angebetet werden und man sie um Schutz bittet.
In welchen Lebenssituationen sind Menschen in Japan eher bereit, sich mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen?
Interessanterweise in allen Lebenssituationen. Wir möchten die Leute finden, die innerlich vorbereitet sind. Uns ist es wichtig, ihre Bedürfnisse zu verstehen und die christliche Botschaft lebensnah zu vermitteln. Natürliche gibt es auch viele Menschen, die sich in Lebenskrisen nach Halt sehnen und dadurch für den Glauben offen werden.
Gibt es christliche Werte in einem nichtchristlichen Land?
Da Japan durch den Konfuzianismus geprägt ist und die Gesellschaft strenge Regeln für das Zusammenleben auf engstem Raum hat, gelten hohe ethische Maßstäbe.
Wie würde Ihr vierjähriger Sohn Leo die Japaner oder japanische Kinder im Gegensatz zu den Menschen hier beschreiben?
Naja, was würde er selbst sagen? Mich hat er mal gefragt, warum es in Deutschland mehr Menschen gibt, die einige Kilos mehr auf den Rippen haben.
Was vermissen Sie während Ihrer Zeit jetzt hier in Deutschland?
Gutes Sushi, das Meer und den guten Kundenservice, der in Japan einmalig ist.
Was werden Ihre Themen bei den Japan-Tagen der Stadtmission Grünberg sein?
Am Freitag geht es um den Alltag mit Naturkatastrophen, am Samstagabend um die Arbeit als Todesfalle und im Gottesdienst sonntags um Lebens-Sackgassen.
Vielen Dank für das Interview!

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Vortrag von Traugott Ickeroth am 12.06. in Heuchelheim
Vortrag "Form der Erde - Wie stimmig ist unser Weltbild?" am 12.06. in Heuchelheim
Immer mehr Menschen stellen unser derzeitiges heliozentrisches...
Privatassistenten bei Liebig (v.l.n.r.) (Carl) Remigius Fresenius, Heinrich Will, (John) Lloyd Bullock, John Gardner, August Wilhelm (von) Hofmann
Liebig-Gesellschaft holt William H. Brock nach Gießen - International angesehener Wissenschaftshistoriker spricht bei der Mitgliederversammlung am 25. Mai 2018 über Heinrich Will
Der britische Chemiker und Wissenschaftshistoriker William Hodson...
Claudiu Dinu, Kawasoe Sensei, Kevin Kraft, Nina Schleicher Shiina Sensei
Lollarer Dojo beglückwünscht neuen 3. Dan-Träger
Am vergangenen Wochenende stand für einige Vereinsmitglieder des...
Vortrag mit Dr. L. Brake, Leiter des Stadtarchivs in Gießen
Am Mittwoch, 26.09.2018 findet um 19:00 Uhr in der Büchergilde am...
Vortrag mit Dr. L. Brake, Leiter des Stadtarchivs in Gießen
Zur Erinnerung: am Mittwoch, den 26.09.18 findet um 19:00 Uhr ...

Kommentare zum Beitrag

Joachim König
271
Joachim König aus Mücke schrieb am 09.05.2017 um 18:39 Uhr
Japan ist ein faszinierendes Land. Super, dass diese Tage in Grünberg angeboten werden.
Florian Schmidt
4.535
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 10.05.2017 um 17:45 Uhr
"Gibt es christliche Werte in einem nichtchristlichen Land?"
Das ist ja mit Abstand die dämlichste Frage die man stellen kann, also ob Menschen die nicht an den Lattenjupp glauben barbarische Wilde wären.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Evangelische Stadtmission Grünberg

von:  Evangelische Stadtmission Grünberg

offline
Interessensgebiet: Grünberg
Evangelische Stadtmission Grünberg
12
Nachricht senden

Weitere Beiträge aus der Region

Unterwegs auf dem Lutherweg 1521
Die diesjährigen Pilgertage führen samstags auf dem Lutherweg 1521...
"Tonsprünge" und "Bunte Töne" singen zur Firmung
Wettenberg-Krofdorf / Selters-Haintchen (kmp). Am 28. Oktober um 16...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.