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Stille im Dschungel

Grünberg | Ein Bericht über Vipassana. Über zehn Tage fern von allem, schweigend, inmitten von Nicaraguas Dschungellandschaft.

Im Vergleich zu anderen Meditationen, die in erster Linie zur Entspannung und Ablenkung von persönlichen Konflikten dienen, ist Vipassana echte Persönlichkeitsarbeit. Lernen, den Moment zu leben, mit Sinnlichkeit, Gleichmut, im Bewusstsein darüber, dass sich alles stetig bewegt und verändert. Universal Law of Nature, of Impermanence. Alles ändert sich ständig, und wir lernen, dass wir unsere Reaktionen bewusst steuern können. "Na und pflückst du gerne Beeren und du piekst dich dabei, dann laß dich belehren: Schmerz geht bald vorbei!" Auch Balu aus dem Dschungelbuch wusste das schon.

Der Einstieg zu Vipassana ist nur möglich über ein 10 tägiges Seminar, in welchem Sprechen und auch Augenkontakt mit den anderen Schülern sowie das Ausüben persönlicher Hobbies wie Sport, Lesen, Schreiben, Zeichnen nicht erlaubt sind. 10 Tage auf dem Gelände des Seminarzentrums, in einem Einzel- oder Doppelzimmer, 10 Stunden des Tages mit geschlossenen Augen sitzend. Selbstreflexion. Körpergefühl entwickeln.
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Es wird nichts und niemand angebetet. Und alles auf Spendenbasis. Die Kurse werden inzwischen auf der ganzen Welt angeboten, ich 'saß' meine ersten 10 Tage in der Hitze des Nicaraguanischen Dschungels in einem kleinen Ort namens 'Tepeyac', bei Granada.

Start with a calm and quiet mind. Comienza con la mente calma y tranquila. Dann geht es los.

Der Dschungel ist niemals still. Niemals. Nicht eine Sekunde. Tiere, Insekten, Blätter im Wind. Vom Baum fallendes Obst, oder Kokosnüsse. Niemals Stille. Sie ist nicht natürlich. Stille. Für uns. Aber wir Menschen suchen das Unnatürliche, denn es unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen. Dass wir aus dem Alltäglichen austreten können und die Macht haben, kontrainstinktiv zu handeln. Und manchmal tun wir das, um uns selbst besser zu verstehen und uns bestmöglich zu verhalten, auf diesem lauten Planeten.

Aufgeschlossen durch die Welt trotten und neugierig alles erkunden mache ich schon seit fast 10 Jahren . Aber wie kann ich das jetzt besser machen? Wie hinterlasse ich zarte, behutsame, freundliche Fußabdrücke auf der schönen Erde? Wie kann ich ausgeglichen sein und wirklich den Moment genießen, nicht schon wieder von gestern schwärmen und von morgen träumen? Ein bisschen den wilden Kopf zähmen. Freunde und Bekannte erzählten von Vipassana, und ich wusste ich musste es unbedingt probieren.

Eine 2500 Jahre alte Technik, die sich wie die Armee der Meditation anfühlt. Wie eine Ganzkörpermassage, aber von innen nach außen. Linksrum, quasi. Keine 'Mantras', keine Gesänge, kein Beten, keine Ablenkung. Nur du, mit Augen zu, den Fokus von Kopf nach Fuß bewegend, und das zehn Stunden täglich. Als würdest du in einer kleinen Blutblase sitzend durch deinen eigenen Körper reisen, und von einer Sinnesempfindung zur Nächsten springen. Kitzeln, vibrieren, schütteln. Manchmal angenehm, oft auch schmerzhaft. Auf physischer Ebene lernte ich mit rund 50 anderen Teilnehmern, dass alles wieder vorbeigeht, und Kurzschlussreaktionen nicht helfen. Und wir alle kamen zusammen um das später auf emotionaler Ebene im Alltag umzusetzen. Unterstützt von einem tollen Lehrer, und vielen freiwilligen Helfern. Um sich selbst und anderen zu helfen, sich auf dieser Erde nicht wie ein totaler Vollpfosten zu verhalten. Wer sich selbst besser verhält, hilft auch direkt anderen. Der Kreis schließt sich also. Zwischen all der Sehnsucht zurück ins ‚wahre’ Leben zu kehren war es ein wahnsinniger Hoffnungsgeber von anderen Menschen mit ähnlicher Motivation umgeben zu sein. Es gibt immer noch viel Gutes auf dieser Erde und wer suchet, der findet.

Ich begann in Granada, ein kleiner Rucksack gefüllt mit weißer, sauberer Kleidung, nur das Nötigste, kein Stift, kein Buch, keine Musik, kein Handy oder Laptop. So ging ich hoffnungsvoll zum Busbahnhof, den Wochenmarkt überkreuzend, ein letztes Mal für 10 Tage durch das Gewusel, vorbei an riesigen Avocados, pinken Drachenfrüchten, totem Fleisch in der Farbe von roten Rosen und roher Fisch der vor sich und unter 35 Grad her stank. Der Busfahrer schmeißt mich irgendwo in der Prärie raus, ‚Tepeyac, Tepeyac’ rufend, ich bezahle die paar cent, umarme meinen Weggefährten, der weiter zieht, die letzte Stunde war stressig und es gab Gezanke. Mit Tränen in den Augen wünschten wir uns alles Gute für den nächsten Abschnitt.

Ich bin Stunden zu früh, ließ mich erst noch bei einer Familie im Dorf zum Mittagessen einladen, kehrte aufgeregt zurück. Die Meute war schon anwesend. Und alle waren so gesprächig. Und ich nur verwirrt. Wollte still sein, mich auf das Schweigen vorbereiten. Letztenendes ließ ich mich mitziehen, unterhielt mich, bevor ich das Glück hatte ein Einzelzimmer zu beziehen mit einem kleinen Bett und einer Kommode. Mein Plätzchen in der Meditationshalle war Nummer 34. Dann ging es los. 10 Tage nur mit sich selbst. Aus Einsamkeit geweint habe ich eigentlich nur am ersten Tag, dann lachte ich darüber und versuchte die Empfindungen zu genießen und zu lernen. Tränen genauso wie Glücksgefühle zu akzeptieren. Es war anstrengend ohne Ende, am 5. Tag fühlte ich mich als wäre ich einen Marathon gelaufen obwohl ich nur saß. Während der Abendlektüre von 20-21 Uhr konnte ich mich kaum wach halten. Ich lernte die Ak- und Reaktionen anderer zu respektieren, nicht zu verurteilen. Viele begannen nach 6,7 Tagen zu quatschen. Ich entdeckte am 3. Tag die Dachterasse von der aus ich jeden Abend während der Pause von 17-18 Uhr den allerschönsten Sonnenuntergang genoss und mein ‚mich-sieht-ja-eh keiner-bitchface’ mit einem Lächeln ablöste.

Ich bin unheimlich dankbar für die Erfahrung. Vielmehr noch jetzt, reflektierend, denn es ist so schwer im Alltag wieder die gleichen Ergebnisse zu erzielen wie in der 10-tägigen Stille des Dschungels. Und mir fallen Gedanken ein, mit denen ich mich währenddessen aufmunterte.

„Wow, wie gut, dass ich das hier mache. In der Pause kann ich im Gras unter der Sonne liegen, mit geschlossenen Augen darüber spazieren und nur die Halme zwischen den Zehen genießen. Sonst habe ich absolut nichts zu tun. Mittags Affen beobachten während ich meinen Reis 30-Mal kaue und mich durch sie daran erinnern lassen, dass dort draußen, im ‚wahren Leben’ wieder Gespräche, Umarmungen und vieles mehr auf mich warten. Denn auch dieser Moment ist gleich vorbei, vielleicht schon nach dem nächsten Zwinkern.“


Vipassana wurde der ganzen Welt vorgestellt durch S.P. Goenka, welcher im Jahr 2013 verstarb und Zentren für unsere Zukunft hinterließ. Diese lassen sich finden unter https://dhamma.org

Nachdem man die Meditation im 10-tägigen Seminar verstanden hat, darf man sich ‚alter Schüler’ schimpfen und zukünftig an wunderbaren 1-/und 3-tägigen Versionen teilnehmen, um eine kurze Pause aus dieser Wahnsinns-Welt nehmen, in der die Minuten täglich Überstunden machen. Ich saß die 10 Tage im September 2015 und habe im Januar einen Tag in Utrecht gesessen und es werden sicherlich weitere folgen.

 
 
 

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Kommentare zum Beitrag

Bernd Zeun
10.444
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 02.02.2016 um 02:48 Uhr
Jeder muss ja selbst wissen, was ihm gut tut, aber wenn ich in Nicaragua wäre, würde ich mich bestimmt nicht zehn Tage zehn Stunden am Tag mit geschlossenen Augen in ein Zimmer setzen, um zur Erkenntnis zu kommen, dass der Dschungel "nie still" ist, aber man die ganze Zeit in der Stille des Dschungels gesessen hat.
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Herzlichst, Ihr(e) Kristin Zimmer

von:  Kristin Zimmer

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Interessensgebiet: Gießen
Kristin Zimmer
53
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