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Mahngang am 9. November zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung

von Jochen Wurzam 10.11.20141473 mal gelesen4 Kommentare
Gießen | Zum Gedenken der Opfer der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 veranstaltete das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus am gestrigen Sonntag einen Mahngang durch die Innenstadt Gießens. Rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelten sich um 18 Uhr am Berliner Platz zur Auftaktkundgebung. Ein Redner des Bündnisses und Dov Aviv von der Jüdischen Gemeinde erinnerten mit ihren Worten daran, dass damals in ganz Deutschland die Synagogen brannten, Geschäfts- und Wohnhäuser geplündert und demoliert wurden und Jüdinnen und Juden den Angriffen der Bevölkerung ausgesetzt waren. Beide Redner bekräftigten die Notwendigkeit, auch heute und in Zukunft dem Antisemitismus, der keineswegs 1945 von der Bildfläche verschwunden sei, entschieden entgegenzutreten.

Erste Station des Mahnganges war Neuen Bäue 23, wo sich einstmals das Bankhaus Herz befand. Reinhard Hamel vom Bündnis gegen Rechts (BgR) berichtete von der Enteignung und Entrechtung der Familie Herz und von deren verzweifeltem Bemühen, die beiden Kinder auf englische Schulen zu schicken, um sie so vor dem Zugriff der Nazis schützen zu können, was letztlich
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scheiterte: sämtliche Familienmitglieder wurden Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswahns. Das Haus der Familie wurde von der GeStaPo in Beschlag genommen, welche sich dort einrichtete und den Keller des Gebäudes zu einer Folterstätte machte.

Vor dem DGB-Haus in der Walltorstraße sprach der DGB-Kreisvorsitzende Klaus Zecher über das Schicksal der bis dato in Gießen verbliebenen und überlebenden jüdischen Familien, die zwischen 1939 und 1942 in so genannten Judenhäusern zwangsweise ghettoisiert wurden. Zwei dieser Häuser befanden sich 1942 in der Walltorstraße, ein weiteres in der nahe gelegenen Landgrafenstraße.

Die dritte Station bildete das Gebäude in der Steinstraße 8, wo sich bis 1938 die Synagoge der orthodoxen Jüdischen Gemeinde befand. Sie wurde am 10. November niedergebrannt. Die schon damals in räumlicher Nähe stationierte Feuerwehr beschränkte ihren Einsatz darauf, ein Übergreifen des Brandes auf Nachbargebäude zu verhindern. Nur wenige Tage später veranlasste die Stadt darüber hinaus die Sprengung der noch sichtbaren Grundmauern der Synagoge, um auch noch die letzten Spuren jüdischen Lebens auszulöschen, wie es in einem Redebeitrag des Mahnganges hieß.

Die Goethe-Schule in der Westanlage war
der Ort, an den die Jüdinnen und Juden aus Gießen und der Umgegend am 14. September 1942 verbracht wurden, ehe zwei Tage darauf vom Güterbahnhof aus ihre Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und Theresienstadt begann. Von den mehr als drei Hundert Deportierten überlebten sechs Personen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, so eine Rednerin des veranstaltenden Bündnisses, die zudem kritisierte, dass die Gießener Goethe-Schule bis zum heutigen Tage nicht in gebührender Weise über diesen Teil ihrer eigenen Geschichte informiere.

Der Mahngang endete schließlich an der Südanlage am Gedenkstein für die alte Synagoge vor der Kongresshalle, die in der Reichspogromnacht ebenfalls niedergebrannt worden war. Nach einer Schweigeminute legten die Veranstalter dort einen Kranz zur Erinnerung an die Opfer der Shoah nieder. In einem die Veranstaltung beschließenden, kurzen Redebeitrag hieß es, man denke mit dem diesjährigen Mahngang eine würdige und dem Anlass angemessene Form des Gedenkens gewählt zu haben und danke allen beteiligten Gruppen, Personen sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Im nächsten Jahr werde wieder am 9. November um 18 Uhr ein Mahngang erfolgen.

 
 
 
 

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Kommentare zum Beitrag

Stefan Walther
4.851
Stefan Walther aus Linden schrieb am 10.11.2014 um 22:54 Uhr
Anscheinend sind Sie doch der "Pressesprecher" des Bündnisses Herr Wurz!? Ist ja nicht schlimm, nur Sie sollten nicht so tun als wären Sie ein "reiner Beobachter".
Oder ist es Zufall, dass zwar die Israel-Fahne ( die aus meiner Sicht bei solch einem Mahngang nichts zu suchen hat! ) hier erscheint, aber ausgerechnet kein Foto vom antifaschistischen Transparent der SDAJ?
54
Jochen Wurz aus Gießen schrieb am 10.11.2014 um 23:55 Uhr
Herr Walther, ich habe versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten. Aber ich kann eben auch nur darüber berichten, was ich selbst gesehen habe. Auch bei einer neuerlichen Durchsicht der existierenden Fotos ist mir kein Transparent aufgefallen, das nicht auch hier zu sehen wäre. Selbstverständlich wird jedeR BesucherIn des Mahnganges sich an irgend ein Detail erinnern, das in diesem kurzen Bericht nicht gebührend erwähnt werden konnte.
Bestimmt werden die beiden Gießener Tageszeitungen auch noch berichten. Vielleicht schreiben die Profis dabei detaillierter, als mir das hier möglich ist. Oder mit Schwerpunkten, die Ihrer Wahrnehmung besser entsprechen als meiner.
Martin Wagner
2.705
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 11.11.2014 um 09:38 Uhr
Kurz zu den Satz:

"(...) Erste Station des Mahnganges war Neuen Bäue 23, wo sich einstmals das Bankhaus Herz befand. Reinhard Hamel vom Bündnis gegen Rechts (BgR) berichtete ...... (...)"

Hatte früher recht viel mit Reinhard Hamel zu tun. Wundert mich schon, dass er bei diesem Bündnis als Redner auftritt. Wenn ich ihn mal wieder sehe muss ich mal nachfragen "was ihn denn da getrieben" hat.

Bei "DGB-Kreisvorsitzende Klaus Zecher" war so etwas schon eher zu erwarten. Denn der DGB versucht überall "mitzumischen" um gegebenenfalls in Bündnissen ihre politischen Positionen wahrzunehmen. Haben sich politische Mehrheitsverhältnisse geändert wird halt auch das Bündnis gewechselt. Etwas mehr politische Standhaftigkeit (beide Bündnisse haben doch offensichtlich andere Ansatzpunkte) hätte ich mir schon gewünscht.
Stefan Walther
4.851
Stefan Walther aus Linden schrieb am 11.11.2014 um 20:12 Uhr
Dazu gibt es von niemand Widerspruch Frau Backert!
Trotzdem muss auch eine inhaltliche Diskussion möglich sein....
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Jochen Wurz

von:  Jochen Wurz

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