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Die Stadt Gießen in den Wirren des Ersten Weltkrieges

von Lea Meisteram 06.11.20143396 mal gelesen2 Kommentare
Michel Drouart im Gespräch mit Eckhard Ehlers
Michel Drouart im Gespräch mit Eckhard Ehlers
Gießen | Das Kriegsgefangenenlager, in dem während des Ersten Weltkrieges in Gießen tausende Soldaten inhaftiert waren, ist inzwischen fast vollständig aus der Erinnerung der Stadt verschwunden. Eine Ausstellung des Gießener Stadtarchivs widmet sich jetzt dem Leben im Lager und auch dem Alltag der Stadtbevölkerung zwischen 1914 und 1918. In der Stadt ging es den Menschen zwar besser als den Gefangenen im Lager, aber noch lange nicht gut. Ludwig Brake, Leiter des Stadtarchivs, sagt: "Im Krieg sind die Gießener in Lumpen gelaufen, sie haben gehungert, waren ausgeplündert." Der Tod war allgegenwärtig, obwohl die Front weit entfernt war. In zahlreichen Lazaretten auch außerhalb des Lagers wurden Menschen behandelt, im letzten Kriegsjahr suchte die Spanische Grippe Gießen heim. Der Krieg erfasste die gesamte Bevölkerung. Die Ausstellung geht auf zahlreiche Aspekte ein: Die Rolle der Frauen in den Kriegsjahren, die Lebensmittel- und Rohstoffknappheiten, die Stimmung in der Literatur. "Wir wollten nicht nur Fakten, sondern auch Emotionen und Stimmungen sammeln", so Eckhard Ehlers. Er organisierte zusammen mit Brake und dem freien
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Journalisten Ulrich Thimm die Ausstellung. Zu fast jedem Thema gibt es eine Anekdote von Frau Köhlinger zu lesen: Die Frau aus Gießen hielt in ihrem Tagebuch detailliert ihre Erlebnisse im Ersten Weltkrieg fest. Das ermöglicht den Besuchern einen sehr persönlichen, eindrucksvollen Einblick in das Leben zu der Zeit.
Zur Eröffnung im KiZ besuchte ein besonderer Gast die Ausstellung: Michel Drouart, dessen Großvater fast vier Jahre im Gefangenenlager in Gießen saß. Raphaël Drouart gestaltete auch das Denkmal für die verstorbenen Kriegsgefangenen auf dem Neuen Friedhof. Er war ein vielseitiger Künstler, der während seiner Zeit im Lager Hunderte Skizzen, Bilder und Zeichnungen anfertigte. Später sagte er, seine Zeit in Gießen sei eine Zeit der künstlerischen Mediation gewesen. Sein Enkel sei sehr berührt von der Einladung nach Gießen gewesen, berichtet Ehlers. "Ich habe von den Menschen hier noch einmal viel über meinen Großvater gelernt", berichtet Michel Drouart. "Er selbst hat nie viel geredet - er ging lieber angeln."
Raphaël Drouart hielt die Stimmung im Lager in seinen Kunstwerken fest, wie viele es taten. Aus Bildern, die Drouart aus dem Nachlass seines Großvaters mit nach Gießen brachte, geht auch hervor, dass es im Lager
Das Kriegsgefangenenlager lag an der Grünberger Straße.
Das Kriegsgefangenenlager lag an der Grünberger Straße.
ein provisorisches Künstleratelier gab. In der Ausstelllung gibt es Karikaturen zu sehen, die ein Inhaftierter vom Alltag im Lager gezeichnet hat, außerdem kann man Gedichte lesen, die Gefangene verfasst haben. "Wir wollen auch einmal durch die Brille der Kriegsgefangenen nach draußen schauen", so Brake. Aus den Aufzeichnungen ginge hervor, dass es ein strenges Lager gewesen sei, in dem Zucht und Ordnung geherrscht habe. "Aber für viele war es auch eine Möglichkeit zum Durchatmen, denn hier gab es immerhin eine Chance darauf, den nächsten Tag noch zu erleben." Bis zu 26.000 Menschen waren dort zeitweise gleichzeitig inhaftiert, ausgelegt war es nur für 15.000. Es waren Soldaten aus aller Welt: Aus Frankreich, Russland, Belgien, England, Schottland, Irland, Italien, Portugal, den USA und Kanada.
Bis jetzt war der 1. Weltkrieg noch ein nahezu weißer Fleck in der Geschichtsschreibung der Stadt. Die Ausstellung hält für jeden Besucher neue und interessante Einblicke und Informationen bereit.
Die Ausstellung "Gefangen im Krieg: Gießen 1914-1919" ist bis 31. Dezember in den Ausstellungsräumen des KiZ Gießen, Südanlage 3a zu sehen. Der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag 10-18 Uhr.

Michel Drouart im Gespräch mit Eckhard Ehlers
Michel Drouart im... 
Das Kriegsgefangenenlager lag an der Grünberger Straße.
Das... 
Ein Inhaftierter hielt das Leben im Lager in Karikaturen fest.
Ein Inhaftierter hielt... 
Der Künstler Raphaël Drouart (3. von rechts).
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Das Denkmal für verstorbene Kriegsgefangene auf dem Neuen Friedhof.
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Kommentare zum Beitrag

Nicole Freeman
10.759
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 06.11.2014 um 19:24 Uhr
danke fuer den tipp. das werde ich mir ansehen.
Martin Wagner
2.705
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 12.11.2014 um 16:28 Uhr
Ich fürchte der Kommentar wird etwas länger werden. Es ist nun mal so, dass es mir nicht gelingt komplizierte Zusammenhänge in Schlagworte „einzudampfen“.

Letzte Woche habe ich mir genügend Zeit genommen die im Artikel angekündigte Ausstellung anzuschauen. Sie ist durchaus auch in zwei Besuchen zu erfassen. Im oberen Geschoss ist eine allgemeine Ausstellung zu dem 1. Weltkrieg in Giessen und in der unteren Ausstellung zu den künstlerischen Möglichkeiten und Ergebnissen in dem riesengroßen Kriegsgefangenenlagers zwischen der Grünberg- und Rödgener Straße.

Zugegeben die Ausstellung zu dem 1. Weltkrieg in Giessen hat mich mehr interessiert. Sie ist handwerklich – so mein eher wenig kompetente Ansicht – recht gut gemacht. Die Auswahl der gezeigten Objekte ist nicht zu groß und die erklärenden Texte sind nicht zu sehr theoretisch aufgeladen, sondern sie spiegeln über weite Strecken die Ansichten breiter Bevölkerungskreise in Giessen wieder.

Das sind zwar durchaus deutschnationale Sachen mit einem sehr hohen Anteil an den Kriegs verherrlichenden Schlagwörtern, aber Giessen hatte wohl damals ein nicht so hohen Arbeiteranteil. Neu war mir im Besonderen, dass so manche Phänomene, welche mir aus dem 2.WK bekannt waren schon in dem 1.WK entwickelt wurden.
Z.B. Frauen in die Rüstungsproduktion, Kriegsgefangene in die Landwirtschaft, russische Kriegsgefangene in besondere Lager(abteilungen) mit viel schlechterer Versorgung, aber auch Hungertote unter der Zivilbevölkerung (im Hunderterbereich im Landkreis). Und nicht zu vergessen, die ganz amtliche Entmachtung der staatlichen Stellen und die Übernahme deren Funktion durch Militäreinrichtungen.

Interessant war für mich (weil es an aktuellen Diskussionen anknüpft) etwas über die Funktion von Gelehrten in der massiven Kriegspropaganda zu erfahren. Geschenkt dabei ist, dass diese Gelehrten, dass als ihren kleinen Beitrag zum gerechten Krieg empfanden. Das nehme ich denen nicht ab – sie wollten (um es neudeutsch zu sagen) im Mainstream bleiben. Irgendein Nutzen dieser Liebdienereien werden sie schon raus geschlagen haben. Ist ja heute immer noch so. Welche Heerscharen von Intellektuellen schmieren heute die Zeitungen voll bzw. plappern ohne Ende in jeder Talk-Shows bzw. glänzen in teuren Vorträgen ….. ach so das Thema ist auch wieder aktuell. (Wir verteidigen uns ja am Hindukusch!“)

Aber vielleicht hinkt dieser Vergleich zu heute doch. Denn damals mussten die Gelehrten (zumindest teilweise) mit an die Front. Zumindest mussten einige Söhne hin. In der Ausstellung ist nachzulesen, dass dann auf einmal so der Eine oder Andere doch andere Töne anschlagen. Dieser Bewusstseinstand hielt aber nicht lange. Als dann auch in Giessen die Arbeiter und Soldaten am 9.11.18 die Macht übernommen haben wurde diese doch tatsächlich vor den Bolschewisten und Anarchisten gewarnt. Wie sagt heute ein junger Mensch dazu: „Geht es noch!“

Für mich fehlte eine gründlichere Einführung ins Thema bzw. Tafeln für die politische Weiterentwicklung nach dem Krieg. Trotzdem ich kann den Besuch der Ausstellung empfehlen. Denn Politik wird nicht irgendwo in den Hauptstädten von irgendwelchen Staatsmänner (das sind in der Regel nur Marionetten) gemacht. Sondern dort wo jeder einzelne Mensch lebt. Da kann noch so ein verherrlichter Potentat zum Krieg aufrufen. Wenn der Mann nicht marschiert „fällt die Veranstaltung aus“. Deswegen fand ich z.B. sehr interessant, dass auch in Giessen kurz vor dem 4.8. machtvolle Demonstrationen der Arbeiter gegen den drohenden Krieg stattfanden. Dass sie dann doch ab nach Frankreich in die Viehwaggons stiegen ist bekannter weise durch die Haltung …… lass ich jetzt - meinen Standpunkt dazu habe ich ja in anderen Artikel mehrmals dargelegt.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Lea Meister

von:  Lea Meister

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