Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

Religionskritik mit der Axt

von AMJ Giessenam 03.11.20141007 mal gelesen2 Kommentare
Antiislamische Demonstration von Hooligans in Köln: Islam ist nicht nur Terror
Antiislamische Demonstration von Hooligans in Köln: Islam ist nicht nur Terror
Gießen | Terroristen und Islam-Kritiker führen ihre medialen Deutungsschlachten jetzt auch auf der Straße. Doch statt die Klischees weiter zu bestätigen, braucht es eine Debatte über eine Vernunftreligion.

Die barbarischen Akte der ISIS-Terroristen stellen eine deutliche Gefahr für muslimisches Leben und Denken in aller Welt dar. Doch wenn Muslime beteuern, dass es keinerlei Schwierigkeiten im Umgang mit Extremisten in ihren eigenen Reihen gebe, klingt das nach einem Tumorpatienten, der die Hilfe eines Arztes in Frage stellt. Auch wenn das Herz noch funktioniert, wird diese Einstellung auf kurz oder lang zum Tod des Patienten führen. Muslime sollten daher nicht leugnen, dass es ein Problem gibt, dürfen aber gleichzeitig den Patienten nicht sogenannten Islam-Kritikern überlassen, die mit der Axt auf ihn losgehen, um den Tumor aus dem Körper zu entfernen.

In diesen Zeiten ist es medial durchaus lukrativ, Extremist oder Islam-Kritiker zu sein. Beide propagieren Ansichten, die für ihren Broterwerb entscheidend sind, beide lechzen nach Aufmerksamkeit, Einflussnahme und sind Gefangene ihrer selektiven Wahrnehmung, indem
Mehr über...
Terroristen (2)Terrorismus (8)Salafisten (4)Muslime für Frieden (20)Muslime (13)Kalifat (1)Islam (37)ISIS (4)Hooligans (1)Hogesa (1)Gott (47)Frieden (92)AMJ (17)Ahmadiyya (21)
sie reihenweise Verse aus dem Koran aus ihrem historischen und textuellen Kontext reißen. Wer am lautesten schreit, bekommt das Mikrofon, und wer sich am skurrilsten aufführt, darf vor die Kamera. Unsere mediale Wirklichkeit lebt von Erregung und Übertreibung, was zu Fehlurteilen und der Bestätigung ewiger Klischees führt.

Warum erstaunt es uns, wenn gewaltbereite Hooligans angesichts der vermeintlichen Ohnmacht des Staates gegenüber Islamisten, den Weg der Selbsjustiz beschreiten? Es ist die Kritik mit der Axt, die in ihrer Konsequenz immer zu Maß- und Fristlosigkeit tendiert, in unbeschränkter Willkür ausartet und im archaischen Rachedenken mündet. Daher geht es den Gewaltbereiten, die nunmal nicht in der Lage sind, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, um nichts Geringeres als die Vertreibung des Islam aus Deutschland. Wen wundert es, wenn doch ständig gepredigt wird, dass das, was man nicht sagen darf, auch gleichzeitig unbedingt richtig sein muss.

ISIS missbraucht den Islam

Immer wieder verhöhnen islamkritische Stimmen die friedliebende Mehrheit der Muslime als „Apologeten“ mit rosaroter Brille, die in ihrer Blindheit die Kehrseite ihrer eigenen Religion nicht sehen. Alles hätte seine guten und schlechten Seiten und auch „der“ Islam wäre von diesem Phämomen nicht ausgeschlossen, heißt es nun. Mehr noch, er sei sogar Schuld an den Konflikten unserer Zeit. Das ist genauso, als würde man dem Wiener Schnitzel die Schuld dafür geben, dass er bei übermäßigem Verzehr auf die Figur schlägt, als würde man dem Internet die Schuld für die Verbreitung von Viren und Cyber-Mobbing geben oder die Eisenbahn für die Verspätungen oder Probleme mit den Klimaanlagen bei der Deutschen Bahn verantwortlich machen.

Extremisten meinen zu wissen, was der „wahre“ Islam sei, und Kritiker akzeptieren ebenjenen Islam, um ihn und 1,6 Milliarden Muslime öffentlichkeitswirksam zu diffamieren. Derzeit morden etwa 30.000 Kämpfer aus Habsucht, Herrschsucht und Ehrsucht unter dem Deckmantel des Islam. Ihre Mittel zum Machterhalt sind Erpressung, Prostitution, Versklavung und Zwangsbekehrung. Dass der „Islamische Staat“ im Widerspruch zu den Lehren des Islam steht, entspringt keiner privaten Ansicht, sondern einer Tatsachenfeststellung derjenigen, die sich mit dem Koran beschäftigen. Die Heilige Schrift der Muslime ist gemäß Eigendefinition „eine Richtschnur für die Rechtschaffenen“ (2:3). Es ist also eine Art Benutzerhandbuch für Menschen, die gewisse moralische und spirituelle Anforderungen zu erfüllen wünschen. Islam-Kritiker zweifeln zwar recht voreilig an dem weisheitlichen Gehalt dieses „Handbuches“, setzen jedoch fatalerweise fest auf die Rationalität und Aufrichtigkeit des Benutzers und ignorieren dabei den sozialen und politischen Kontext, die Verhältnisse, in denen dieser wirkt und dessen Produkt er ist. Erst eine Veränderung struktureller und sozio-ökonomischer Umstände wird den erforderlichen Nährboden für eine Reform der Gesinnungen bereiten. Gleichzeitig müssen schädliche Ideologien durch neue Ideen und Theorien ersetzt werden. Damit sich die beste Idee durchsetzen kann, muss allerdings das vielfältige Angebot stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden.

Warum hören wir denn ständig von dem ISIS-Kalifat, das eine Diktatur religiöser Fanatiker ist, die in völliger Verkennung der islamischen Geschichte das Label „Kalifat“ missbraucht? Müssten wir nicht auch mehr von dem rein spirituellen Kalifat der Ahmadiyya Muslim Jamaat hören, einer friedlichen Reformbewegung mit 120-jähriger Tradition und mehreren zehn Millionen Mitgliedern in über 200 Staaten der Welt? Stattdessen suchen sich Islam-Kritiker Kronzeugen für die Bestätigung ihrer Urteile und finden sie in extremistischen Minderheitenpositionen, während Zeigefinger-Bürger des Westens sie in den radikalen Thesen der Kritiker finden. Wen wir das Podium betreten lassen, entscheidet letztlich darüber, wer die Deutungshoheit über eine ganze Weltreligion gewinnt. Gerade im Westen braucht es daher Foren für einen innerislamischen Dialog, die Differenzen ans Tageslicht bringen und eine offene Debattenkultur fördern. Erst dann wird sich jene Theologie durchsetzen, die einen intellektuellen Zugriff ermöglicht und die Vernunft des Menschen anspricht.


Von Tahir Chaudhry

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Ostermarsch 2019 in Augsburg
Soldat unter Coronaverdacht - alle Kriege bis auf weiteres abgesagt
Bekanntlich müssen in diesem Jahr auch die traditionellen...
Die Moschee von Potsdam - weitab von Ausländerfeindlichkeit
Eine Diskussion um den Bau der Moschee von Potsdam gab es praktisch...
Moscheen - Bausteine für den Frieden
Am 21. August 2017 eröffnete das weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya...

Kommentare zum Beitrag

Michael Beltz
7.657
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 05.11.2014 um 16:46 Uhr
Ob Christen, Juden oder Muslime - ich habe mit keiner Religion etwas zu tun, respektiere alle Menschen unabhängig von Religion, Hautfarbe oder Geschlecht. Verbrecher verurteile ich ebenfalls unabhängig von.........
Hermann Menger
2.364
Hermann Menger aus Gießen schrieb am 07.11.2014 um 12:18 Uhr
Ich kann dem Artikel weitgehend zustimmen und weiß zwischen Islam und Islamismus zu differenzieren.
Zit.: "Gerade im Westen braucht es daher Foren für einen innerislamischen Dialog, die Differenzen ans Tageslicht bringen und eine offene Debattenkultur fördern. Erst dann wird sich jene Theologie durchsetzen, die einen intellektuellen Zugriff ermöglicht und die Vernunft des Menschen anspricht."
Diesen "innerislamischen Dialog" vermisse ich leider bis heute in unserem Land.
Ich vermisse auch Religionsfreiheit, die Möglichkeit die Religion zu wechseln, die Gleichberechtigung der Frauen usw. in Ländern, die mehrheitlich einen "gemäßigten" Islam haben.
Ich bekenne, Christ zu sein, und über 100 Millionen meiner Mitchristen werden weltweit wegen ihres Glaubens verfolgt, die meisten von ihnen leider in islamischen Staaten.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) AMJ Giessen

von:  AMJ Giessen

offline
Interessensgebiet: Gießen
AMJ Giessen
133
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
Moscheen - Bausteine für den Frieden
Am 21. August 2017 eröffnete das weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya...
„Rassismus ist ein Gift. Der Hass ist ein Gift.“
Mit diesen klaren Worten verurteilte unsere Bundeskanzlerin die...

Weitere Beiträge aus der Region

Links Patrick Walldorf Vorsitzender des Nordstadtverein Rechts Olaf Dubs Vorsitzender der 67er Latscho´s
Die 67er Latscho´s helfen gemeinsam in der Krise
Die 67er Latscho´s helfen gemeinsam in der Krise und spenden an den...
Corona-Krise beweist die Überlegenheit von Planwirtschaft und Sozialismus
2012 haben staatlich beauftragte Epidemiologen und Virologen in einer...
Neuigkeiten der Futterausgabestelle in Gießen
An die Kunden der Futterausgabestelle Gießen: Um Ihnen und Ihren...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.