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Peter Maffay, strickende Omas und das Kreuz mit den bröselnden Brücken: Nach Kurieren am Symptom nun die Radikal-OP

Erst aus der Luft offenbart sich das gigantische Ausmaß der Arbeiten an der Lahnau-Talbrücke bei Wetzlar-Ost. Der Neubau wir erst 2017 abgeschlossen sein. Derzeit wird die neue Brückenhälfte in  Fahrtrichtung Hanau erstellt. Ab 2015 ist die Geenseite dran
Erst aus der Luft offenbart sich das gigantische Ausmaß der Arbeiten an der Lahnau-Talbrücke bei Wetzlar-Ost. Der Neubau wir erst 2017 abgeschlossen sein. Derzeit wird die neue Brückenhälfte in Fahrtrichtung Hanau erstellt. Ab 2015 ist die Geenseite dran
Gießen | Da lag der Maffay-Peter mit seinen sieben Brücken, über die man gehen müsse, aber mächtig daneben. Gut, strenggenommen waren es ja die Karat-Jungs „von drieben“, aus Dunkeldeutschland, die dieses Fass aufgemacht hatten. Und als solches ohne Boden erweist sich auch die Misere mit den bundesdeutschen (Autobahn)Brücken, über die wir zwar nicht wandern, aber fahren. Das Fernstraßennetz der Bundesrepublik verfügt über 38 700 davon; ein Viertel, 9675 an der Zahl, ist sanierungsbedürftig oder muss in den kommenden Jahren komplett erneuert werden. Ganz vorsichtige Berechnungen des Bundesverkehrsministeriums gehen von einer Investitionssumme von zehn Milliarden Euro aus. Dafür muss eine Oma lange stricken.
Auf der „Sauerlandlinie“ ist diese Ross- und Radikalkur in vollem Gange. Und so werden die Verkehrsteilnehmer auf dem Abschnitt zwischen Gambacher Kreuz und der Landesgrenze zu Nordrhen-Westfalen noch auf Jahre hinaus mit baustellenbedingten Einschränkungen und Engpässen leben müssen. Voraussichtlich bis zum Jahr 2027 dürfte es dauern, bis alle geplanten Instandsetzungs- und Neubauarbeiten an den großen Talbrücken
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Verkehrsbehinderungen (1)Sauerlandlinie (2)Sanierungsstau (1)Autobahnbrücken (2)
in diesem Bereich der A 45 abgeschlossen sind. Diese stark frequentierte und 1971 fertiggestellte Verbindungsstrecke zwischen Ruhr- und östlichem Rhein-Main-Gebiet weist eine der größten Talbrückendichten Europas auf. Im hessischen Abschnitt finden sich auf 60 Kilometern Länge allein 23 davon. Und die sind in die Jahre gekommen, marode geworden und ächzen vor allem unter den Folgen des zunehmenden Schwerlastverkehrs.
Exemplarisch dafür ist die Lahntalbrücke bei Dorlar im Bereich der BAB-Anschlussstelle Wetzlar-Ost, mit deren Ersatzneubau im Herbst vergangenen Jahres begonnen worden war. Seitdem brauchen die Automobilisten und Brummi-Kapitäne (nicht nur) hier mitunter Geduld, wenn sich auf dem verbliebenen Teil des Viaduktes der auf jeweils zwei verengte Richtungsspuren verdichtete Verkehr zu Spitzenzeiten staut und nur noch als zähflüssige Blechmasse dahinrollt bzw. -kriecht. Außerhalb der Rushhour halten sich die Beeinträchtigungen jedoch in Grenzen.

Erst am Symptom kuriert, jetzt die Radikal-OP

Flickschustereien der vorangegangenen Jahre hatten hier, wie andernorts, nicht die erhoffte lebensverlängernde Wirkung gezeitigt. So waren quer zur Fahrtrichtung von unten stählerne Träger in den Beton geschraubt worden, um die vierspurig darüber verlaufende Autobahn wie Schienen eines gebrochenen Beins zu stützen. Doch das glich eher einem Kurieren am Symptom. Die Bauwerke kränkelten von innen heraus. Die Stahlbewehrungen innerhalb des Betons korrodierten wesentlich schneller, als es die Planer seinerzeit vorausgesehen hatten bzw. hatten können. Der unaufhaltsame Verwitterungsprozess sollte die ursprünglich einmal auf 90 Jahre ausgelegte Lebensdauer letztendlich halbieren.
Und deshalb kam man bei Dorlar, wie auch andernorts, nicht um eine Radikalkur herum. Tabula rasa. Zunächst war die Brückenhälfte, über die der Verkehr in Richtung Hanau führte, abgerissen worden. Sie wird jetzt sukzessive durch neue Bauelemente ersetzt, was bis Mitte kommenden Jahres dauern dürfte. Dann, gleiche Welle, gleiche Stelle, erfolgen die Arbeiten in Gegenrichtung: Abriss, Neubau. Das dürfte dann noch mal bis 2017 dauern. Während die Fahrtrichtung Dortmund noch einen zusätzlichen Standstreifen erhält, soll in Richtung Süden die Abfahrt auf die B 49 in Fahrtrichtung Limburg komfortabler gestaltet werden. Veranschlagte Gesamtkosten: 50 Millionen Euro. Aber das sind Peanuts im Vergleich zur bundesweiten Kosten-Dimension dieser Problematik. Siehe oben.

Exponierter Blick von oben

Der „gemeine“ Autobahnnutzer bekommt nur wenig davon mit, was sich an der Anschluss-Stelle Wetzlar-Ost da jenseits und unterhalb des von ihm einsehbaren Bereichs abspielt. Erst aus der Luft ist das nachgerade gigantische Ausmaß des gewaltigen Bauprojektes zu überblicken. Was für ein Jonglieren mit Masse und Material, zum Teil in schwindelerregender Höhe. Eine eigene, emsige Welt für sich, in der viele kleine Rädchen ineinander greifen. Dennoch kein typisches Baustellenbild. Was fehlt sind die Menschen, die man eigentlich, wenn auch nur in Ameisengröße, zwischen den gewaltigen Stahl-bewehrten Eisenbetonpfeilern, Last- und Hebekränen, Materiallagern, Fundamenten, Radladern, Kiesbergen und Schaufelbaggern herumwuseln sehen müsste.
Die haben aber gerade frei, Wochenend-frei. Die Aufnahme hat der Medenbacher Fotograf Siegbert Werner am vergangenen Sonntag von Bord eines Gyrocopters aus „geschossen“. Das erklärt auch die vergleichsweise geringe Verkehrsdichte auf der Autobahn. Die Ruhe vor dem Sturm. Verkehrsprognosen gehen davon aus, dass bis 2025 täglich 79.400 Fahrzeuge diesen Abschnitt passieren werden. Einem solchen Ansturm hätte die marode Lahntalbrücke in ihrer bisherigen Form nie und nimmer standgehalten. Den übrigen 22 BAB-„Stegen“ entlang der hiesigen Sauerland-Route geht es ähnlich. 18 davon müssen bzw. mussten völlig neu errichtet werden.

Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.742
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 16.10.2014 um 07:50 Uhr
Herr Heimann sie schrieben:

"(...) Und die (gemeint sind die Brücken) sind in die Jahre gekommen, marode geworden und ächzen vor allem unter den Folgen des zunehmenden Schwerlastverkehrs. (...)"

und

"(...) Die Bauwerke kränkelten von innen heraus. Die Stahlbewehrungen innerhalb des Betons korrodierten wesentlich schneller, als es die Planer seinerzeit vorausgesehen hatten bzw. hatten können. Der unaufhaltsame Verwitterungsprozess sollte die ursprünglich einmal auf 90 Jahre ausgelegte Lebensdauer letztendlich halbieren. (...)"

Meines Erachtens stimmt das Erklärungsmuster "Pfusch am Bau". Das Muster "Schwerlastverkehr" ist viel unbedeutender, als es die technischen Mängel beim Bau sind.

Es handelt sich nämlich bei den besagten Brücken um Spannbetonbrücken. Das war damals eine noch nicht voll entwickelte Technologie, welche aber im Zug des Baues der A 45 "flächendeckend" zum Einsatz kam. (Inzwischen ist die Technik perfektioniert.)

Mir ist es unklar, wem denn die Schuld für "nur die Hälfte der geplanten 90 Jahre" zu geben ist. Mein (vorläufiger - vielleicht kann mich ein Leser ja aufklären ...) Ansatz: Da haben sich die Planer und die Politker von der damals herrschenden Fortschrittsgläubigkeit * anstecken lassen ohne alle Aspekte ihrer Planung gründlich genug durchdacht zu haben. Egal, die Beteiligten dürften in der Regel alle unter der Erde liegen, die sind nicht mehr zur Verantwortung zu ziehen.

Es stimmt, die stärkere zeitweise Belastung durch heutige schwerere LKWs (als zum Zeitpunkt der Planung) führt zu einem schnelleren Verlust der Tragkraft. (Klingt etwas albern, aber ich denke man / frau kann das mit dem Satz "Auch eine Brücke ermüdet!" beschreiben. Aber bei den in der BRD sehr hohen Sicherheitsreserven bei der Berechung eines Bauwerkes ist das meines Erachtens "verkraftbar". Statiker (vielleicht ist ein Statiker ja unter den Lesern) können das sicher kompetenter erklären. Keinesfalls wird durch die schwereren LKWs die Lebensdauer von Brücken aber halbiert.

* Ja fachgerecht ausgeführte Spannbetonbauwerke sind fortschrittlich. Ich kann mir kaum vorstellen, wie anstelle der vorhandenen Brücken mit anderen Technologien in der Landschaft aussehen würden. Das wäre (im Gegensatz zu Windkraftwerken) in meinen Augen eine echte Verschandelung der Landschaften.

Sicher wäre es natürlich vor 45 Jahren fortschrittlicher gewesen zu überlegen, ob überhaupt eine Autobahn durch diese sehr "wellige" Gegend gebaut werden muss, aber damals war das Umweltbewußtsein bei weitem noch nicht so hoch entwicklelt wie heute.
H. Peter Herold
29.363
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 16.10.2014 um 08:25 Uhr
ist doch komisch. Parallel dazu ist zu beobachten wie bei öffentlichen Bauten wie Schulen und Rathäusern aus den 60iger Jahren ebenfalls der Zahn der Zeit nagt. Auch bei meinem Haus ist der Putz nicht das, was ich mir vorstelle. Innen in den Zimmern hält das nur durch die Tapeten. Der Putz kann mit dem Finger abgerieben werden. Fehlender Zement? Diese Frage kann eventuell Martin beantworten.
Martin Wagner
2.742
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 16.10.2014 um 11:47 Uhr
Peter H. ich versuche die zwei Frage zu beantworten. *

1.
Das Problem bei (nicht nur da- ach bei Privatbauten) Bauten wie Schulen und Rathäuser aus den 60iger Jahren ist größtenteils technischer Art.

Es geht um die notwenige Betndeckung (Abstand von Bewehrungssta


* Übrigens peter es gibt im Netz extra Portale in denen du solche Fragen kompetent beantwortet bekommst. Kurz die Suchmaschine angeworfen und du wirst sicher fündig.
Martin Wagner
2.742
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 16.10.2014 um 11:47 Uhr
Peter H. ich versuche die zwei Frage zu beantworten. *

1.
Das Problem bei (nicht nur da - auch bei Privatbauten) Bauten wie Schulen und Rathäuser aus den 60iger Jahren ist größtenteils technischer Art.

Es geht um die notwenige Betondeckung (Abstand von Bewehrungsstahl zu wasserführenden Schichten bzw. zur Umgebungsluft) .... Moment Telefon klingelt .....


* Übrigens Peter es gibt im Netz extra Portale in denen du solche Fragen kompetent beantwortet bekommst. Kurz die Suchmaschine angeworfen und du wirst sicher fündig.
Martin Wagner
2.742
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 16.10.2014 um 12:12 Uhr
... Peter es geht weiter ...

Wie (fast) Alles wurde dieser Abstand in einer DIN festgelegt. Ich denke in den 60er-Jahren entsprach die DIN dem Stand der Technik (oder anders ausgedrückt: mann / frau wusste es nicht besser ...).

Wird der Abstand unterschritten fängt der Stahl im Beton an zu rosten und es kommt zu flächenhaften Abscherungen mehr oder weniger großer Betonbrocken. Damit sinkt natürlich sofort die Tragkraft (einmal davon abgesehen, dass solche Oberflächen mit den rötlichen Rostspuren auch kein schöner Anblick sind). Das ist überall zu "bewundern". In Giessen zum Beispiel an der Konrad-Adenauer-Brücke.

Peter oft höre ich in diesem Zusammenhang: Ja da haben doch die Bauarbeiter gepfuscht? Schwer zu sagen - ganz von der Hand ist das nicht zu weisen. Das waren halt für das Baugewerbe in der BRD auch Boomjahre und da gab es schon hohen Zeitdruck.

Heute ist das anders geregelt, heute kommt kurz vor dem Betonieren die Kontrolle um nicht nur die Übereinstimmung von Plan und Realität des Stahls zu prüfen, sondern auch um die Lage des Baustahles nachzumessen. Dazu kommt, dass seit einigen Jahren der geforderte Abstand nach der DIN größer sein muss. * Mit anderen Worten. Nach heutigem Erkenntnisstand sind diese Probleme auf die Baujahre 60er bis 90 er Jahre begrenzt.

2.
Zu Putz will ich Nichts sagen. Da habe ich wenig Ahnung, denn in Hessen - im Gegensatz z.B. zu den südlichen Bundesländern - gehört der Putz nicht zu den Aufgaben eines Maurers.

Vielleicht so viel; nicht abriebfester Innenputz kann durch einen Anstrich an seiner Oberfläche verfestigt werden. Ich empfehle aber dabei darauf zu achten, dass keine völlige Dampfsperre dadurch entsteht; d.h. genau auf das Mittel aus dem Baumarkt / Baustoffhandlung schauen und sich vom Verkäufer bestätigen lassen, dass die Atmungsaktivität nur eingeschränkt ist und keinesfalls das Mittel die Wasserdampfdiffusion völlig sperrt. Denn nach Erkenntnissen der Baupyhsik / Baubiologie empfindet der Mensch diese Sperre als sehr unangenehm.

* Nicht unwesentlich dazu beigetragen hat die wissenschaftlichen Erkenntnis, dass bei dem hohen Grad des "sauren" Regens in der BRD diese "Sosse" durch ihre hohe Aggressivität tiefer in den Stahlbeton eindringt.
H. Peter Herold
29.363
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 16.10.2014 um 12:15 Uhr
Danke für die Antworten Martin. Das Meiste habe ich verstanden
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Jürgen Heimann

von:  Jürgen Heimann

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Jürgen Heimann
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