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"Das Leben ist wie Kabarett, das darf man nicht zu ernst nehmen"

Rolf ("müZe") und Hündin Ronja
Rolf ("müZe") und Hündin Ronja
Gießen | müZe ist 68 und lebt mit Hündin Ronja auf der Straße - freiwillig. Durch das Internet ist der Hamburger unter Jugendlichen unverhofft zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Wie sich ein Pfandflaschensammler durchs Leben schlägt:

Bunte Werbebanden säumen an diesem Sonntagnachmittag die Hamburger Mönckebergstraße. Hunderte Menschen haben sich dahinter versammelt, schwingen große Rasseln, trommeln gegen die Banden und feuern lauthals die vorbeirauschenden Radfahrer an. Aus Lautsprechern erklingt Popmusik und in der Ferne grüßt ein gutgelaunter Moderator Sponsoren und vorbeiziehende Sportler gleichermaßen.

In Hamburg finden an diesem Sonntag die Cyclassics statt, das „Hamburger Radrennen für Profis und Jedermann“. Doch müZe und seine Hündin Ronja interessieren sich nicht für das Sportereignis. Im Rücken der Schaulustigen zieht der 68jährige Obdachlose die Mönckebergstraße hinab, auf der Jagd nach zurückgebliebenen Pfandflaschen. Die Ausbeute ist durchwachsen. „Das ist ne Schweinenummer!“, flucht müZe über die neuen Mülleimer, die der Hamburger Senat aufstellen ließ, wohl auch, um Pfandflaschensammler wie
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ihn aus der Innenstadt fernzuhalten. Eine Klappe verhindert, dass einmal entsorgte Dinge wieder herausgeholt werden können. „Gute Sachen kommen neben die Mülltonnen“, erinnert er und freut sich, dass viele Fußgänger in dieser Hinsicht mittlerweile sehr aufmerksam sind. Alles eine Sache der „Erziehung“, grinst er. Ob sich die Stadt mit den neuen Behältern jedoch einen Gefallen getan habe, bezweifelt müZe. Früher hätten die Obdachlosen arglos weggeworfene Kippen ausgemacht. Heute müsse die Feuerwehr dreimal am Tag ausrücken, um in Brand geratene Mülltonnen zu löschen.

MüZe, der eigentlich Rolf heißt, trägt Strickpullis, gleich mehrere Lagen, Schlabberjeans und einen schmutzigen violetten Schal. Seinen Spitznamen hat der 68jährige mit dem Rauschebart der grauen Mütze zu verdanken, unter der sein schulterlanges fettiges Haar heraussticht. Die bekam er vom Komikerduo Die Aussenseiter geschenkt, die in der Weihnachtszeit zwanzig Mützen mit dem Logo ihres YouTube-Hits müZe und 50 Euro darin an Obdachlose verteilten. Im Video 1000 Euro sinnvoll ausgeben, das mittlerweile über 423.000 Mal geklickt wurde, ist Rolf gleich zu Beginn zu sehen. Seitdem ist er eine kleine Berühmtheit. „Jugendliche kommen auf mich zu und wollen Selfies mit mir machen“, erzählt er stolz. Die hätten keine Berührungsängste, ganz anders als die älteren Generationen, die wegen seines Äußeren einen Bogen um ihn machten. Seine Popularität führte sogar dazu, dass Jugendliche zu Weihnachten Geschenke für Obdachlose packten, die sie mit seiner Hilfe verteilten.

„Mittlerweile gefällt mir das Leben auf der Straße ganz gut“, gesteht er, während er sich eine selbstgedrehte Zigarette nach der anderen ansteckt. In seinem früheren Leben war er LKW-Fahrer. Doch als er mit 60 eine Herzattacke erlitt, verlor er seinen Job, lebte eine Weile von Hartz IV. Schließlich entschied er sich für die Straße, freiwillig. Die Hilfe seiner Kinder, alle in den 1970ern geboren, schlug er aus. „Die halten mich natürlich für bescheuert.“ Seitdem lebt er vom Flaschensammeln und von einer kleinen Rente, 587 Euro im Monat. Eine Wohnung im teuren Hamburg kann und will er sich nicht leisten. „Ich bin einer der wenigen freien Menschen im Land. Wenn ich ein bisschen Geld hab, nehm ich mir ein Niedersachsenticket und fahr an die Ostsee.“ Was er nicht vom Flaschensammeln kriege, schnorre er sich zusammen. Aufdringlich brauche er dabei nicht zu sein. „Wer gibt, gibt gerne“, betont er mehrfach. Die Technik habe er von einer Punkerin erlernt, die er liebevoll seine „Leasing-Tochter“ nennt. Sie starb mit 21 an einer Überdosis Drogen.

Freunde hat müZe seitdem keine mehr, allenfalls Bekannte. Das „Geschäft“ sei rauer geworden, beklagt er. Früher habe man noch gegenseitig auf des Anderen Besitz aufgepasst. Heute herrsche vielmehr ein Hauen und Stechen. Neulich habe eine Gruppe Betrunkener versucht, ihm seinen Stammplatz vorm Karstadt streitig zu machen, doch Rolf konnte sich durchsetzen. Dass viele seiner „Kollegen“ ständig alkoholisiert seien und die Flaschen beim Betteln meist herumstehen ließen, stört ihn zutiefst. Das wecke den Eindruck, alle Obdachlosen seien Alkoholiker und würden das Geld eh nur versaufen. So ein Bild mindere die Bereitschaft zu spenden.

Sorgen, dass er einmal zu alt für die Straße sein könnte, macht er sich nicht. „Ich könnte jederzeit Grundsicherung beantragen. Aber dann sitz ich in der Wohnung, schau aus dem Fenster und weiß nicht, was zu tun ist.“ Einen Plan für die Zukunft hat er dennoch: Pünktlich zu Monatsbeginn bekommt er seine Rente überwiesen. Einen Teil spart er an. Von ihr will er sich eines Tages einen Wohnwagen kaufen.

Mittlerweile hat Regen die Mönckebergstraße erfasst. Nur noch die Hartgesottenen halten es an der Rennstrecke aus. Die meisten Radfahrer sind ohnehin längst durchs Ziel gefahren. Nach einem Rundgang über den Rathausmarkt beziehen Rolf und Ronja ihren Stammplatz vor dem Karstadt. „Danke für Kleingeld, Restgeld Ronja“, steht auf einem handgeschriebenen orangefarbenen Plakat. „Das Leben ist wie Kabarett", philosophiert er, während er sich eine weitere Kippe ansteckt, "das darf man nicht zu ernst nehmen.“

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