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Buchbesprechung: Kathrin Hartmann - Wir müssen leider draußen bleiben

Buchcover (Genehmigung liegt vor)
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Gießen | Bücher gibt es bekanntlich wie „Sand am Meer“ und es ist nicht einfach mittels einer Buchbesprechung Mitbürger dazu zu bewegen ein bestimmtes Buch zu lesen. Dazu braucht es schon „einen ganzen Batzen“ guter Gründe.

Grund 1:
Kathrin Hartmann, nie gehört? Ich auch nicht bis ich das Buch geschenkt bekommen habe. Jungen Leute müssen nicht automatisch zeitgeistig konservativ sein, gute Journalisten können auch zu linken Positionen „durchstoßen“.

„Kathrin Hartmann, geboren 1972 in Ulm, studierte in Frankfurt/Main Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik. Während des Studiums arbeitete sie als freie Autorin für die »Frankfurter Rundschau«, »taz« und »Titanic«. Nach einem Volontariat bei der »Frankfurter Rundschau« war sie dort Redakteurin für Nachrichten und Politik. Von 2006 bis 2009 arbeitete sie als Redakteurin bei »Neon«, dem jungen Magazin vom »Stern«. (…..)“

Grund 2:
Die Ausgangslage zum Buchthema ist dramatisch zu nennen.

„Immer mehr Bürger in Deutschland sind vom wirtschaftlichen Reichtum des Landes ausgeschlossen. Nicht nur Arbeitslose oder Rentner, auch viele Menschen, die sich in
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Tafel (46)Mittelschicht (1)Hartz IV (54)Buchbesprechung (98)Armut und Reichtum (6)Armut (87)
einer Endlosspirale von Billigjobs und Zeitarbeit befinden. Früher konnten sie sich nicht nur der sozialstaatlichen Unterstützung, sondern auch einer gewissen Solidarität sicher sein. Doch damit ist es nun vorbei. Wer nicht mehr mitkommt in unserer Wirtschaft, ist selber schuld. Reflexhaft werden ihm Bildung, soziale Kompetenz oder gar der Arbeitswille abgesprochen. Die Intellektuellen gewöhnen sich an, die Verlierer der entfesselten Konkurrenz nach ästhetischen Kriterien („Billigkonsum“ und „Unterschichten-TV“) abzuurteilen. Die abstiegsbedrohte Mittelschicht übernimmt diese Sicht. Dabei ist die Armut – die heute natürlich ein anderes Gesicht hat als früher – längst in dieser Mitte unserer Gesellschaft angekommen."

Grund 3:
Die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse verschwindet nicht hinter den Reportageteilen des Buches.

„Kathrin Hartmann erkundet in Reportagen und in bestechend genauen Analysen unsere sich zunehmend spaltende Konsumgesellschaft: hier die Elite, die sich in gentrifizierten Stadtvierteln, neuerdings auch in Gated Communities und speziellen Clubs abschottet, dort die pauschal als „Unterschicht“ für nutzlos erklärten Menschen, die sich oft nur noch über die so genannten Tafeln ernähren können. Kommt es wenigstens dort noch zu einer wirklichen Begegnung von Arm und Reich?“

Grund 4:
Den Kernaussagen stimme ich zu.

„Der Neoliberalismus ist uns als Chance, als Gelegenheit für mehr Eigenverantwortung verkauft worden, stellt aber in Wahrheit eine Kampfansage dar: Die Menschen wurden zu Konkurrenten gemacht und in den Wettbewerb geschickt. In diesem Wettbewerb gibt es Gewinner und Verlierer. Und da gibt es glasklar ökonomische Verlierer, die neuen Armen und Langzeitarbeitslosen. Die Oberschicht wiederum leidet an Status-Panik. Auch unter den Reichen gibt es nämlich einen Wettbewerb um die Zugehörigkeit zu ihrem exklusiven Club. Also selbst unter denen, die materiell ausgesorgt haben, ist es keineswegs so, dass sie glücklich sind.“ *

Grund 5:
Mir persönlich „passt“ das Buch sehr gut, da es hochaktuell ist. In vielen Diskussionen mit Mitbürgerreporter wird deutlich, dass diese zum bürgerlichen Block gehören (bzw. sich selber dazu zählen). Mir als Arbeiter fällt es sehr schwer zu verstehen, wie die Mittelschicht „so tickt“.

„Dazwischen gibt es die Mittelschicht, die zunehmend vom Abstieg bedroht ist und aus diesem Grund immer ängstlicher wird. Doch anstatt sich mit den Krisenopfern zu solidarisieren, tritt die Mittelschicht nach unten und orientiert sich nach oben. Dies aus der völlig irrigen Annahme, dass sie eher zur Elite gehört, von denen sie sehr viel mehr Geld und Besitz trennt als von der Unterschicht. Je kleiner die gesellschaftlichen Unterschiede, umso größer das Bedürfnis, sich nach unten abzugrenzen. Das ist natürlich fatal, denn damit unterstützt die Mittelschicht alle politischen Entscheidungen, die ihr selbst schaden. Tatsächlich ist durch diesen Wettbewerb eine Entsolidarisierung entstanden, die durch die ganze Gesellschaft *

Nicht verschweigen möchte ich aber auch, dass es für diejenigen unter den Bürgerreporter, welche nicht nur „scharf auf Analyse sind“, sondern auch praktische Handlungsstränge empfohlen haben möchten, einen Grund gibt, dieses Buch nicht zu lesen. Bewusst verzichtet Kathrin Hartmann zum heutigen Zeitpunkt der Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse darauf ein Plädoyer für diese oder jene Ideologie abzugeben. So lautet ein Zwischentitel bei ihr im Abschlusskapitel: „Es geht nicht um die eine Lösung“

Meiner politischen Grundüberzeugung kommt dieser Verzicht auf festgefahrenen „Weisheiten“ aber entgegen.

Ich empfehle das Buch zur kritischen Lektüre.


Kathrin Hartmann - Wir müssen leider draußen bleiben - Die neue Armut in der Konsumgesellschaft
Paperback / 416 Seiten / ISBN: 978-3-89667-457-9 / € 18,95 / Verlag: Blessing / erschienen: 12. März 2012

Kapitel: 1
Kultivierter Hass – Warum die Konsumgesellschaft ihren bestand durch Ausgrenzung sichert und die Mittelschicht sich nach oben orientiert, während sie nach unten tritt.

Kapitel:2
„…. Dann sollen sie doch Kuchen essen!“ – Überschuss für die Überflüssigen: Wie die Tafeln arbeiten und was sie bewirken.

Kapitel: 3
Von der Gentrifizierung zur Gated Community – Wie in den Städten Arme durch Wohlhabende verdrängt werden und warum die Politik dies befördert.

Kapitel: 4
Die Macht der Eliten – Warum sich die Reichen aus der Gesellschaft verabschiedet haben und wie sieum ihren Vorteil kämpfen.

Kapitel: 5
Endlich sagt’ s mal Einer! – Wie das Feuilleton die Rechte der etablierten verteidigt.

Kapitel: 6
Das Ende der Solidarität – Wie die Politik zugunsten der Wirtschaft Arbeit zerstört und Menschen bricht.

Kapitel: 7
Die Privatisierung der Weltrettung – Social Business oder Profite mit den Ärmsten.

Kapitel: 8
Mikrokredite: Wahnsinn mit Methode – Eine Reportage aus Bangladesch

Kapitel: 9
Her mit dem schönen Leben! – Warum nur wir als Gesellschaft für gerechten Wohlstand kämpfen können.

* http://www.heise.de/tp/artikel/36/36823/1.html
(Ausschnitt aus einem längeren Interview: "Die Reichen sind die wahren Sozialschmarotzer" Reinhard Jellen 02.05.2012 Gespräch mit Kathrin Hartmann über Hartz IV, Super-Gentrifizierung und die Politik der Tafeln

Für die nicht ausgewiesenen Textpassagen/Coverfoto – aus der VerlagsHP: www.randomhouse.de/blessing - liegt eine Genehmigung zum zitieren vor. Ich möchte mich dafür herzlich beim Verlag bedanken.

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