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Innehalten - Kollaps eines Buchriesen

Die Weltbild-Filiale in der Galerie Neustädter Tor am 13. Januar 2014
Die Weltbild-Filiale in der Galerie Neustädter Tor am 13. Januar 2014
Gießen | Weltbild in Gießen. Erste Januardekade 2014. Die Filiale in der Galerie Neustädter Tor steht noch. Unauffällig präsentiert sich auch die geöffnete Ausstellungsfläche von Weltbild im Karstadt–Haus im Seltersweg.
Der Mutterkonzern, die Holding in Augsburg, ist weit weg und will im Kampf ums Überleben alleine gesundschrumpfen.
Angeblich sind alle Filialen nicht von der Insolvenz betroffen, so ist es Online auf der Presseseite der Weltbild-Zentrale zu lesen. Die Frage schwebt im Raum. Wie lange noch? Die Abwanderung ins Internet ist kaum zu stoppen.
Die Wirtschaftsredakteure der FAZ schreiben am 13. Januar über die geringen Überlebenschancen der Filialen.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/geringe-ueberlebenschancen-das-weltbild-zerfaellt-12749861.html

Auch in unserer Region sind Arbeitsplätze bedroht. Was geht den Weltbild-Mitarbeitern in Gießen durch den Kopf?
„Dazu dürfen wir nichts sagen“. Rumms. Auf diese Abfuhr ist die schreibende Zunft vorbereitet.
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Der Rückzieher aus Angst ist verständlich. Höflich verweist die Weltbild-Angestellte auf die Pressestelle. Deren Zentrale sitzt in Augsburg. Pressesprecherin Eva Großkinsky von der Unternehmenskommunikation schaltet sich ein. Über Anrufbeantworter den ganzen Tag in Dauerschleife.

Kommunikativer reagiert die Weltbild-Filiale bei Karstadt Gießen. Sie läßt den Job in diesen Tagen von ihrem Vermieter erledigen, der Stabsstelle für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei Karstadt. „Nein, noch nichts gehört, wir haben ja nur an Weltbild vermietet und Mietkündigungen liegen nicht vor."

Gegen den Eigentümer, die katholischen Bischhöfe, gehen die Mitarbeiter jetzt vehement mit einem Offenen Brief vor.

http://www.focus.de/finanzen/news/bewusst-in-die-insolvenz-getrieben-pleite-arbeitsplaetze-unternehmen-weltbild-mitarbeiter-belasten-katholische-kirche-verleger-katholisch_id_3544528.html

In den Medien röhrt derweil die Gewerkschaftsseite durchs Sprachrohr für Tausende betroffener Mitarbeiter. Ver.di Sprecher Thomas Gürlebeck hat in Focus-Online angeprangert: „Die Katholische Kirche stehle sich aus der Verantwortung…,jahrelang hätte sie fette Gewinne eingestrichen…und schleiche sich jetzt aus der Verantwortung…,der Insolvenzantrag stinkt zum Himmel.“

Wie weiß schon ein Sprichwort: „Wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte“. Und der heißt wieder mal Amazon. Der unumstrittene Marktführer. Degradiert den Deutschen Buchmarkt zum Zaungast, der machtlos zuschaut, wie Amazon in den Turbogang schaltet, den Deutschen Buchmarkt überrollt und auf die Alleinherrschaft zurast.

Wie wird das vom Buchhändler um die Ecke beäugt? Die Gießener Inhaberin Birgit Hohmann von der Krimibuchhandlung Miss Marple kritisiert: „Ich verstehe die Politiker nicht, wie kann man ein Unternehmen nur so groß werden lassen, das noch nicht mal seine Steuern hier bei uns zahlt, sondern in Luxemburg".

Ein Branchenkenner, der die Giessener Buchszene erfolgreich über den Tellerrand Gießens hinaus bekannt gemacht hat mit seinem Krimifestival, Uwe Lischper, glaubt an die einzige erfolgreiche Gegenstrategie eines befreundeten Buchhändlers. Der habe sein Fachsortiment radikal zusammengestrichen, bis auf eine kleine Nische. Und diese Sparte dann akribisch erfolgreich beworben und Kunden generiert. Da kann Amazon nicht mithalten.
Der Gigant investiert in die breite Masse und ausschließlich in Leser und Autoren. Verdammt gut und unschlagbar. Sein Ebookreader ist ein Mega-Erfolg. Jedes Dritte Buch wird bereits auf einem Amazon Kindle heruntergeladen.

Und was sind die Erfahrungen der Autoren, die bei Amazon Kindle unter Vertrag sind?

"Einfach super", erzählt uns ein Erstautor. "Es ist zwar gewöhnungsbedürftig, dass es keinen persönlichen Kontakt zu Amazon gibt, also telefonieren geht gar nicht, nur mailen, aber die Moderatoren melden sich immer innerhalb von wenigen Stunden und unterstützen. Wenn nicht, tut es die Community der Autoren. Wir tauschen uns regelmäßig aus, bei speziellen Problemen hift man sich auch schon mal untereinander."

H. Bayer: War es schwierig, das Buch in das Kindle-Format zu stellen?

Erstautor: "Überhaupt nicht. Das Konvertieren ist einfach, die Schritt- für Schritt-Anleitung ist gut verständlich. Das Word-Format wird automatisch vom Server umgewandelt, ehrlich, so easy hätte ich es mir nicht vorgestellt. Vor allem es kostet nur meine Zeit und keinen einzigen Cent. Schwierig war das Cover, hatte keine so richtig gute Idee und und habe mir einen Webdesigner gesucht, der das für kleines Geld entwickelt hat. Zudem habe ich 300 Euro in ein Lektorat gesteckt, um da mit den professionellen Ansprüchen eines Verlages mithalten zu können. Aber das wars auch schon vom Investment. Der Support von Amazon ist super, schon acht Mal habe ich in den letzten Monaten mein Buch für Änderungen Offline stellen müssen, kein Problem für die Redaktionscrew. Und ich habe sogar die Möglichkeit, das Ebook zu bewerben. Über das Forum „Author Central“, ein Portal, das Amazon eigens für seine Autoren eingerichtet hat mit allen Infos wie Rezensionen, Veranstaltunshinweisen, etc."

H.Bayer: Apropos Rezensionen, stimmt es, dass viele Kritiken manipuliert sind?

Amazon-Autor: "Vor zwei Jahren ging das noch, jetzt nicht mehr. Amazon zieht die Reißleine, checkt genau, ob das Buch vor der Rezension gekauft worden ist und hinterfragt Details, bevor die Kritik Online gestellt wird."

H.Bayer: Läßt sich vom Amazon-Honorar leben?

Amazon-Autor: "Wie mans nimmt, auf jeden Fall mehr als bei deutschen Verlagen. Pro verkauftem Exemplar behält Amazon 30 Prozent für sich, 70 % bekommt der Autor. Das ist mehr als fair. Mein Bekannter, der als Bestsellerautor mit Vertrag für Suhrkamp geschrieben hat, bekam gerade mal 10 % pro Buch. 90 Prozent schluckte der aufgeblähte Wasserkopf des Verlages, die Literaturagenten und der Großbuchhandel."

H.Bayer: Viele Lesehungrige, auch Jüngere, schmökern immer noch gerne im gedruckten Buch.

Amazon-Autor: "Ja, aber Amazon will ja bald mit seinen eigenen Buchverlag in Europa an den Start gehen. On-Demand haben die bereits den Vorläufer Create Space in den europäischen Markt geschickt, ein Verlag, der über Nacht Kleinstauflagen produziert, in Amerika funktioniert der schon sehr gut."

H. Bayer: Vielleicht werden Börsenverein und Kartellamt dann endlich aufwachen, wenn Amazon zum Frontalangriff auf den Buchhandel ausholt. Danke für das Gespräch.

Und weils so gut paßt, ... hier noch mal das besondere Kabinettstück, für dessen Verlinkung mir Herr Beltz das Okay
gegeben hat.
http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/88443/wer-schimpft-denn-da-auf-die-kirche/

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von:  Heike Nocker-Bayer

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