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Nicht satt zu kriegen

Gießen | Bei einem Gang durch Gießens Innenstadt blieb ich auf einen Kaffee im Restaurant eines großen Kaufhauses hängen. Die schönste Nebenbeschäftigung ist, Leute zu beobachten. Mitten im Raum saß eine Person, die den erbitterten Kampf mit einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße aufgenommen hatte. Sie zog das Bündel Nudeln wie ein Reißwolf in den Mund. Die geballte Menge der Kabelartigen Teigware sah auf der Gabel aus, als wenn ein Traktor einen Heuballen auf den Frontlader nimmt. Die Serviette musste sofort dafür sorgen, das Gesicht wieder fleischfarbig zu bekommen. Der armen Person war die Verzweiflung auf dem Gesicht geschrieben. Sie schüttelte den Kopf, weil sie es einfach nicht hinbekam. Unbeobachtet, außer natürlich von mir, versuchte sie weiter mit vor Wut gezeichnetem Gesicht den Tellerinhalt in Richtung des hungernden Magens zu transportieren. Sie rammte die Gabel in den Haufen und drehte sie wieder und wieder, bis eine neue Ladung des widerspenstigen Magenfüllers den Weg zu ihrem weitgeöffnetem Mund fand. Sie war um Sekundenbruchteile zu langsam. Lautlos lösten sich einzelne Schlangen, gefühlte Meterstücke, aus
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Nudeln (11)Hunger (28)
dem in der Luft schwebenden Haufen und streckten sich zum Teller zurück. Das kleine Papiertaschentuch war pausenlos im Einsatz. Trotzdem hätte die Person sich am liebsten nach jeder Gabel geduscht. Ich dachte über eine künstliche Ernährung nach, wobei der Schlauch dann etwas dicker sein müsste. Ein letzter verzweifelter stiller Schrei und die Gabel wurde karateähnlich in die köstliche Speiße gestoßen. Ich dachte schon, jetzt steckt der Teller fest am Tisch.
Die Hand mit der Gabel drehte sich ein letztes Mal bis zur anatomisch möglichen Drehzahlgrenze. 77,8 % der Nudeln erreichten die Zahnreihe, die jetzt Haimäßig versuchte, alles zu retten. Ein Gong ertönte und eine Stimme aus dem Lautsprecher sagte: "Sie haben ihren Tagesbedarf an Teignährstoffen erreicht." Als erste Hilfe hätte ich gerne noch eine Bohrmaschine gebracht, die die Nudeln mit 600 Watt aufwickelt. Ich hing meinen Gedanken nach und forschte, wie man diesen kulinarischen Seilakt besser bewältigen könnte. Als eine weitere Person mit einem Teller Suppe an mir vorbeikam und ich den Löffel auf dem Tablett sah, wußte ich sofort, hier ist die Lösung. Der Löffel unter der Gabel. Ich habe jetzt kein passendes Bild parat. Ich war froh, dass die Dame mit der Suppe keine Gabel auf dem Tablett hatte und ging zufrieden in die Verkaufsräume um den Umsatz zu sichern. Das Restaurant wird sicherlich bei Gelegenheit bis zur Decke gekachelt und die ausgehungerte Person hat hoffentlich eine Currywurstbude besucht.

Kommentare zum Beitrag

Birgit Hofmann-Scharf
10.134
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 05.12.2013 um 17:39 Uhr
Ich dachte bisher, die Deutschen hätten mittlerweile eine Spaghetti-Ess-Ästhetik erlernt.
Deine Beobachtung lehrt mich das Gegenteil.

Wäre es nun eine Hummer, ein Krebs gewesen,
so hätte ich volles Verständnis gehabt ;-)
Christine Stapf
6.559
Christine Stapf aus Gießen schrieb am 05.12.2013 um 18:21 Uhr
Herr Petersen ich habe Ihre erlebte Geschichte gelesen und mußte herzhaft lachen. Ich finde es auch immer sehr interessant Menschen in einem Lokal zu beobachten. Leider haben einige Zeitgenossen überhaupt keine Esskultur. Probleme tauchen bei ihnen nicht nur bei Nudeln auf. So manches Kind kann appetitlicher essen und dies auch mit geschlossenem Mund.
Florian Schmidt
4.431
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 05.12.2013 um 22:58 Uhr
Naja, wer Spaghetti auf den Löffel dreht outet sich eigentlich als kompletter Noob. In Italien wäre dieser skandalöse Vorfall niemandem aufgefallen, da machen es alle so. Auch in den asiatischen Ländern, wo die Nudel ihren Ursprung hat ist der Löffel weitgehend zum Nudel essen unbekannt.
H. Peter Herold
26.815
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 06.12.2013 um 00:15 Uhr
Lieber Herr Schmidt, ich habe Anfang der sechziger Jahre am Gardasee in einem Lokal das Spaghetti essen gezeigt bekommen.
Es war eine reinrassige Italienerin und die zeigte es mir mit Löffel und Gabel. Damit ist es relativ einfach die Menge der aufzuwickelnden einzuteilen und es gibt eine kleine Kugel beim
Aufwickeln. Natürlich geht es auch ohne, aber nicht so schnell und sauber.
Übrigens beherrsche ich auch die Kunst mit Stäbchen zu essen.
Ach hier gibt es eine einfache Methode. Man führt die Schale an den Mund und schieb mit den Stäbchen das Essen in den Mund. Ich mache es nicht so, habe aber schon(bei Chinesen) gesehen, dass es so auch gemacht werden kann.
Was ist nun in beiden Fällen richtig oder falsch?
Margrit Jacobsen
8.785
Margrit Jacobsen aus Laubach schrieb am 06.12.2013 um 13:27 Uhr
Ich kenne keinen Italiener/keine Italienerin, die das mit Löffel und Gabel essen!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Dieter Petersen

von:  Dieter Petersen

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Dieter Petersen
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