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In 33 Stunden durch Deutschland

Gießen | Im August war es wieder soweit. Die nächste Rundreise durch Deutschland lockte vor allem in den Süden der Republik mit einem kleinen Abstecher nach Österreich. Dabei haben wir bei dieser Fahrt einmal einen Gang herausgenommen und mit nur einer ungewollten Ausnahme auf Schnellzüge verzichtet, sofern die Nachtzüge gnädigerweise nicht dazugezählt werden. Für alle Bahnfreunde hier zunächst der Reiseplan:

ab 23:50 Uhr Bonn-Beuel - München Hbf an 07:10 Uhr (CNL 419)
ab 07:32 Uhr München - Garmisch-Partenkirchen an 08:59 Uhr (RB 59507)
ab 09:06 Uhr Garmisch-Partenkirchen - Reutte (Tirol) an 10:02 Uhr (RB 5474)
ab 10:05 Uhr Reutte (Tirol) - Kempten an 11:28 Uhr (RB 5512)
ab 13:35 Uhr Kempten - Ulm an 14:39 Uhr (RE 3936)
ab 15:19 Uhr Ulm - Regensburg an 17:55 Uhr (AG 8445, ca. 15 Min Verspätung)
ab ca. 18:30 Uhr Regensburg - Passau an ca. 19:30 Uhr (ICE 1697, ca. 180 Min. Verspätung)
ab 23:06 Uhr Passau - Köln (EN 420), Ankunft 8:42 Uhr

RB = Regionalbahn; AS = Agilis-Schnellzug; CNL/EN = CityNightLine/EuroNight; ICE = InterCity Express

Hier sei nochmal kurz erwähnt: Mit einem DB-Tagesticket, eingelöst durch
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Ulm (12)Reutte (1)Regensburg (6)Passau (3)München (56)Kempten (2)Deutschlandtour (1)Bahnfahrt (3)
Bahn-Bonuspunkte, ist es möglich ab 0:00 Uhr eines beliebigen Tages bis 10 Uhr morgens am Folgetag mit allen DB-Zugkategorien (hier in der 1. Klasse, Nachtzüge kosten Aufschlag), durch ganz Deutschland und im grenzüberschreitenden DB-Nahverkehr zu fahren.

Nach einer kleinen Stärkung in einem cubanischen Restaurant unweit des Beueler Bahnhofs in Bonn ratterten wir mit unserem Koffer zum Bahnsteig der rechtsrheinischen Station. Durch eine lang angekündigte Umleitung hielt der CityNightLine nicht am Bonner Hauptbahnhof. Als wir uns noch in einem Anflug von Sorge die Frage stellten, ob wir um kurz vor Mitternacht überhaupt schon in den Zug gelassen würden, denn unser Sonderticket war erst ab Null Uhr gültig, nahm uns die Bahn selbst unsere Furcht ab, denn der Zug verspätete sich um 15 Min. Es war schwül. Die Luft stand und kein Lüftchen wehte. Wie wir später vom Bordpersonal erfuhren, war das auch der Grund der Verspätung. Einige Wagen konnten nicht so recht heruntergekühlt werden. Zur Entschädigung gab es dafür ein paar Freirunden Bremer Pils auf die Bahn. Wir sahen daher gönnerhaft von weiteren Beschwerden ab.

Kurz zurück zum Beueler Bahnsteig. Die Mitternachtsstunde schlug und ein Güterzug nach dem anderen donnerte durch
Info auf der DB-App zum verspäteten ICE in Regensburg.
Info auf der DB-App zum verspäteten ICE in Regensburg.
den Bahnhof, denn die rechtsrheinische Linie ist die Stammstrecke des Güterverkehrs. Doch heute fährt auch hier unser Nachtzug durch, bzw. ein. Wir stehen etwas weit vorne. Wir steigen ein und müssen zunächst durch einige Liegewagen in der es, diplomatisch ausgedrückt, wie in einem Bau einer toten Iltisfamilie roch. Es war heiß, feucht und stickig, jeder Platz hier war belegt und die schweißige Luft waberte wie in der indischen Holzklasse. Ein Hoch auf das Double Deluxe-Abteil, das wir uns auch dieses Mal wieder geleistet haben. Endlich wieder ein Zimmer mit eigener Dusche. So ließen sich auch leicht erhöhte Temperaturen aushalten. Das winzige Klappfenster brachte zwar nicht viel, aber die erfrischende Dusche war ein angemessener Ausgleich.

Die Fahrt verging (wie) im Schlaf und endete pünktlich in München Hbf. Kurz zuvor wurde das Frühstück serviert und so konnte der Tag gestärkt beginnen. Das Wetter war heute auf unserer Seite. Wir schälten uns aus dem Abteilwagen und atmeten die frische Morgenluft der bayrischen Hauptstadt. Zumindest so frisch, wie sie an einem Großbahnhof einer Landeshauptstadt riechen kann. Gute zwanzig Minuten Aufenthalt genügten, um einen Kaffee, zwei Butterbrezn mit Schnittlauch, ein wenig Wegzehrung für
Schnell durchfahrender Ganzzug im Bahnhof Bonn-Beuel.
Schnell durchfahrender Ganzzug im Bahnhof Bonn-Beuel.
die weitere Fahrt mit dem Regionalverkehr und den Übergang von Gleis 13 nach 30 zu bewerkstelligen. Unheimlich viele Lederhosen, karierte Hemden, Wanderschuhe und nackte Waden nutzten den Zug nach Mittenwald ebenfalls, um am Fuße der Zugspitze an diesem sagenhaften Samstagmorgen mit Kaiserwetter eine Wanderung zu unternehmen. Das Bergpanorama war einzigartig und genau so einen Tag haben wir uns für diesen Streckenabschnitt erhofft. Die Zugbegleiterin hatte da leider weniger Glück. Zunächst verkroch sie sich lustlos mit in die 1. Klasse, was nach Dienstvorschrift eigentlich untersagt ist. Dort „störte“ sie mit leicht frotzelndem Ton unsere Unterhaltung zum gegenwärtigen Baureiheneinsatz auf dieser Strecke mit schlauen Kommentaren. Kurz darauf gab offensichtlich der Reißverschluss des Dienstrocks nach. Nachdem auch die Reparaturhilfe eines weiblichen Fahrgastes zu keinem besseren Ergebnis führte, sperrte sich die Ärmste für mindestens eine halbe Stunde in der einzigen Zugtoilette ein. Später brach sie zuguterletzt beim Versuch, die Fahrerkabine am Zugschluss zu öffnen, den Schlüssel ab. Die Fahrscheine wurden an diesem Tag verblüffenderweise nicht kontrolliert.

Nichtsdestotrotz genossen wir die Fahrt und den Ausblick, während wir
Erster Anschlusszug in München bis nach Garmisch-Partenkirchen.
Erster Anschlusszug in München bis nach Garmisch-Partenkirchen.
die deutsch-österreichische Grenze passierten und am Zielort der Regionalbahn in Reutte (Tirol) in den Anschlusszug am Gleis gegenüber nach Kempten bereits zur Abfahrt bereitstand. Dort angekommen, ließen wir uns mit einem Taxi in das Stadtzentrum fahren, denn der alte Stadtbahnhof wurde vor über zwanzig Jahren zugunsten eines größeren Hauptbahnhofes am Stadtrand aufgegeben. Es ist mittlerweile sehr heiß geworden und wir wiesen den Fahrer an, uns zu einem guten Biergarten zu fahren. Unter Schatten spendenden Bäumen ließen wir uns zum Mittagessen auf einer freien Bierbank am Stiftsplatz nieder und genossen bei strahlendem Sonnenschein Schweinebraten mit Käsespatzen und einer zünftigen Halbe an der Basilika St. Lorenz die Pause. Nach gut 90 Minuten ließen wir uns wieder zurückfahren, um den Regionalexpress nach Ulm zu erreichen.

Der 612er-Triebwagen war offensichtlich an der klimatisierenden Belastungsgrenze angelangt, zumindest vermochte es die Anlage nicht, bei dieser Hitze und dem sehr vollen Zug eine halbwegs erträgliche Temperatur zu regeln. Die Ankunft in Ulm wirkte wie eine Erlösung, und der Umstieg in den privat betriebenen Elektrotriebwagen des Verkehrsunternehmens Agilis wirkte wie ein sekundenschnelles Beamen aus der
Durch das Alpenvorland mit herrlicher Sicht auf die Zugspitze.
Durch das Alpenvorland mit herrlicher Sicht auf die Zugspitze.
Sahara an den Südpol. Wenige Grad weniger in diesem Zug, und der Atem wäre sichtbar gewesen. So war die zweieinhalbstündige Fahrt jedoch erträglicher als zuvor. Jedoch war die Beinfreiheit sogar in der 1. Klasse unterirdisch. Keine Bewegung blieb ohne Anstoßen an die Knie des Sitznachbarn oder das Tischbein aus. Auf der Fahrt durch das beschauliche Donautal sammelten wir jetzt deutlich Verspätung, sodass der RE in Regensburg nicht mehr erreicht werden konnte. Beim Ausstieg fiel uns jedoch ein ICE am Bahnsteig gegenüber auf, der um diese Uhrzeit eigentlich nichts hier zu suchen hatte. Nach kurzer Recherche war klar: Es handelte sich hier um einen Ersatzzug, der einen über drei Stunden verspäteten und liegen gebliebenen ICE ersetzen sollte, hier auf die Fahrgäste wartete, die mit Bussen überführt wurden und nun der Lokführer aus der Bereitschaft noch nicht eingetroffen war. Wir nutzten die Gunst der Stunde, setzten uns hinein, erfuhren dort diese Geschichte der umsitzenden Fahrgäste und warteten was passierte, da unsere einzige Alternative der RE in einer Stunde gewesen wäre. In der Tat waren wir nach „nur“ 20 Minuten Wartezeit die Profiteure und kamen nur kurze Zeit nach der Ankunftszeit unseres eigentlichen RE in Passau an (viel später gab es sogar noch einen 20 Euro-Gutschein und ein Holzschachtel Pralinen als Entschädigung nach Hause).

In Passau gönnten wir uns wieder einige Stunden Pause. Wir spazierten an den Zusammenfluss von Inn uns Donau. Ein kleiner Sandstrand lud dazu ein, einmal die Füße in das Wasser zu stecken. Interessanterweise sind Farb- und vor allem Temperaturunterschied der beiden Flüsse beachtlich. An der richtigen Stelle steht man mit dem linken Fuß im ca. 20 Grad angenehmen Wasser des Inn und mit dem rechten Fuß im mindestens fünf Grad kälteren Donauwasser. Nach dieser kleinen Hydrologie-Exkursion suchten wir uns einen Biergarten, was sich zunächst schwieriger gestalten sollte, als gedacht. Zusätzlich waren auf den zweiten Blick die Hochwasserschäden aus diesem Sommer noch deutlich sichtbar. In den engen Gassen der Altstadt roch es nach feuchten Gemäuern. Hier und da dröhnte ein Wandtrockner aus den Kellern der Häuser. Bilderserien in den Schaufenstern einiger Geschäfte zeigten, wie gemeinsam und mit aller Kraft die Wasserschäden beseitigt wurden. Idylle und Naturgewalt haben sich hier mehr als deutlich umarmt.
Doch zum Schluss fanden wir noch eine gute Gaststätte und freuten uns über das reichhaltige Abendessen. Nach ein paar Hellen
Umstieg in Garmisch.
Umstieg in Garmisch.
schlenderten wir gemütlich zurück zum Bahnhof, denn erst gegen 23 Uhr fuhr der Nachtzug Richtung Köln ab. Der Schlafwagen der ÖBB glich einer Gefängniszelle für Einzelhaft. Nichts konnte man tun, ohne irgendwo anzustoßen, etwas hinunterzuwerfen oder das nicht die Leiter zum Hochbett im Weg gewesen wäre, der Komfort ist nicht zu empfehlen. Allerdings konnte man sich noch am Abend das Frühstück für den nächsten Morgen zusammenstellen. Immerhin kann die DB in diesem Punkt in Sachen Bordrestauration wieder etwas von den Kollegen aus Österreich lernen.

Die morgendliche Fahrt führte durch das Mittelrheintal und in der tief stehenden Sonne passierten wir die Loreley, während das Frühstück serviert wurde. Etwas verspätet bei der Abfahrt, aber pünktlich in Köln angekommen, versackten wir dort noch einmal in der DB-Lounge, um uns ein kostenloses Croissant und einen Kaffee zu genehmigen. Eine insgesamt angenehme 33-Stundenfahrt fand so ein würdiges Ende.

Info auf der DB-App zum verspäteten ICE in Regensburg.
Schnell durchfahrender Ganzzug im Bahnhof Bonn-Beuel.
Erster Anschlusszug in München bis nach Garmisch-Partenkirchen.
Durch das Alpenvorland mit herrlicher Sicht auf die Zugspitze.
Umstieg in Garmisch.
Blick auf die Schmalspurgleise der Zugspitzbahn.
Kreuzungsbahnhof auf dem Weg nach Reutte (Tirol).
Im Biergarten in Kempten.
Basilika St. Lorenz in Kempten.
Weiterfahrt ab Kempten.
Mit Agilis ab Ulm durch das Donautal quer durch Bayern.
AGilis-Austattung in der 1. Klasse.
Spaziergang durch Passau.
Häuserpromenade am Inn.
Flutschäden.
Deutlich zu erkennen. Die diesjährige Flut übertrifft die Rekordflut aus dem Mittelalter um einen knappen halben Meter.
Am Zusammenfluss von Inn und Donau.
Weiterfahrt ab Passau nach Köln.
Frühstück im ÖBB-Wagen.
2m²-Zelle.
Blick bei Sonnenaufgang auf die Loreley.

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Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
28.742
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 17.12.2013 um 21:00 Uhr
Welch ein Stress? Aber wer es mag. Sicher nicht uninteressant.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Mathias von Kutzleben

von:  Mathias von Kutzleben

offline
Interessensgebiet: Gießen
Mathias von Kutzleben
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